Anzeige
Neue Männlichkeit

Eltern aus unterschiedlichen Generationen sprechen über die Erziehung von Söhnen und Töchtern

Welche Erwartungen stellt man an den Mann? Wir haben mit Vertretern unterschiedlicher Generationen über die Erziehungsfrage gesprochen.

von Johanna Siegemund
31 August 2018, 7:45am

Symbolbild. Foto: Katherine | flickr | CC BY-ND 2.0

Dieser Artikel ist Teil unserer Reihe "Neue Männlichkeit".


Robert oder Peter. Das ist die Antwort meiner Eltern auf die Frage, wie sie mich genannt hätten, wenn ich ein Junge geworden wäre. Aber mit dem Geschlecht ändert sich nicht nur der Name, sondern für viele Eltern auch die Erziehungsfrage. Vielleicht hört man von seinen Eltern dann je nach Geschlecht Sprüche wie: "Mädchen dürfen sich nicht dreckig machen." Oder: "Ein Junge trägt keine langen Haare".

Aber es geht um weitaus mehr als nur Oberflächlichkeiten. Fakt ist nämlich, dass unser Geschlechterbild und wie wir uns selbst mit unserem Geschlecht identifizieren zu einem guten Teil durch unser Elternhaus geprägt wird.

Besonders ab dem vierten, fünften Lebensjahr begibt man sich auf die Suche nach der Geschlechtsidentität. Mädchen und Jungen fangen an, einander blöd zu finden. Man beginnt, in seinem Umfeld nach Rollenvorbildern zu suchen. Eltern beeinflussen das. Aber die starren Strukturen brechen langsam auf, Geschlechtsbilder werden immer häufiger hinterfragt und spielen in der heutigen Generation oft eine untergeordnete Rolle.

Ändert sich durch das Gender-Mainstreaming auch die Erziehung? Wir haben mit Eltern darüber gesprochen, wie man Söhne und Töchter in den verschiedenen Generationen erzogen hat und wollten herausfinden, was im letzten halben Jahrhundert auf dem Bereich so passiert ist.

Verena, 35 Jahre

8-Monate-alter Sohn, 5-jährige Tochter und 7-jähriger Sohn

Ich glaube schon, dass man sein Kind in meiner Generation nicht mehr so stark in die klassischen Rollenbilder drängen muss. Ich achte darauf, dass sich jedes Kind so entfalten darf, wie es möchte. Im Kindergarten habe ich als Pädagogin die Erfahrung gemacht, dass die Kinder nicht mehr in solche Bahnen gedrängt werden. Aber in den Medien und den älteren Generationen herrscht noch ein ziemlich klar vordefiniertes Bild, finde ich. Beispielsweise, womit Mädchen und Jungs spielen.

Von den Kindern bekommt man dann schon mal zu hören: "Das sind doch Bubenfarben", oder: "Das ist nur was für Mädchen". Ich sage dann, dass Farben für alle da sind. Jeder soll das machen, was sie oder ihn interessiert. Bei meinem Sohn beispielsweise hat der äußere Einfluss bei den Farben eine große Rolle gespielt. Als er kleiner war, fand er rosa und lila ganz toll. Da hat er sich noch mit seinem besten Freund um den rosa Teller gestritten. Nach dem Kindergarten war es dann uncool, eine Mädchenfarbe zu nehmen.

Ich finde es wichtig, dass für beide Geschlechter die gleichen Werte gelten, dann kommt es gar nicht zu schwierigen Situationen. Man muss einfach offen damit umgehen. Das hängt aber natürlich auch stark vom Wohnort ab. Ich komme eher aus einer kleineren Stadt und da ist dieses Geschlechterbild noch klassischer, während man in der Großstadt viel toleranter ist.

Ich habe allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass Mädchen und Burschen sich anders entwickeln und dadurch andere Verhaltensweisen zeigen. Als ich meine Ausbildung zur Pädagogin absolviert habe, wurde Wert darauf gelegt, dass alle ganz gleich behandelt werden. Meine Tochter wäre vielleicht auch weniger interessiert an Autos und Lego, wenn der ältere Bruder nicht gewesen wäre.

Thomas, 59 Jahre

32-jähriger Sohn und 27-jährige Tochter

Früher wollte ich immer einen Buben haben – so etwas wie einen Nachfolger –, aber eigentlich ist das heutzutage ja egal. Vor 20, 30 Jahren war das aber noch ein Thema. Als ich eine Tochter bekam, hab ich mich deshalb genauso gefreut.

Was die Erziehung angeht, habe ich mich eher rausgehalten; das habe ich eher meiner Frau überlassen. Ich habe dafür versucht, meinen Kindern sehr viel beizubringen – Ski fahren, Rad fahren, solche Dinge. Auch bei den sogenannten "Lebenslektionen" habe ich jetzt nicht spezifische Ratschläge für das jeweilige Geschlecht gegeben. Erst als mein Sohn sich dafür entschieden hat, meinen Betrieb – eine Mühle und ein Sägewerk – zu übernehmen, hat er natürlich viele handwerkliche Fähigkeiten von mir erlernt. Auch in dem Bereich war meine Tochter aber fast neugieriger als mein Sohn.

Die Zukunft meiner Kinder habe ich mir wahrscheinlich anders vorgestellt als sie selbst, aber ich bin auf beide sehr stolz. Meine Tochter ist beispielsweise viel aufgeweckter und impulsiver als mein Sohn, dafür hat sie immer noch keinen Mann nach Hause gebracht. Mein Sohn hingegen ist für einen Mann sehr ruhig. Ein richtiger Mann muss für mich standhaft und handwerklich begabt sein. Solange ich meinem Sohn noch etwas beibringen kann, bleibt er eben immer noch ein Kind für mich und meine Tochter ist sowieso mein "Putzi".

Franz, 54 Jahre

21-jährige Tochter und 30-jähriger Sohn

Ich möchte nicht leugnen, dass ich einen zweiten Sohn anders erzogen hätte als meine jüngere Tochter. Einen weiteren Sohn hätte ich mir schon früher zur Brust gezogen. Ich wäre mit ihm Angeln gegangen, Schießen gegangen. Meine Tochter war daran nicht so interessiert. Sie hat eben lieber mit Lego und Puppen gespielt. Ich möchte mir auch nicht vorstellen, wie das ausgesehen hätte, wenn sie mit ihrem Kuscheltier zum Anglerplatz gekommen wäre.

Ich hätte wahrscheinlich auch andere Dinge mit meinem zweiten Sohn unternommen. Beispielsweise hätte ich ihm gezeigt, wie man eine Bohrmaschine benutzt oder ihm einen Stahlbaukasten geschenkt. Um seine Tochter macht man sich auch viel mehr Sorgen, besonders weil man in den Nachrichten immer wieder von Vergewaltigungsfällen liest. Deswegen durfte meine Tochter auch nie lange ausgehen. Meinen Sohn hätte ich mit 14 Jahren aus dem Haus gejagt, damit er etwas unternimmt.

Nur bei Liebe und Fürsorge darf man keinen Unterschied machen. Ich traue meinen beiden Kindern sehr viel zu. Wer meinen Betrieb übernommen hätte, wäre mir egal gewesen – beide hätten das gekonnt, meine Tochter vielleicht sogar mehr. Ich finde eben, dass man je nach körperlichen Fähigkeiten unterscheiden muss. Hätte ich einen Betrieb, indem man sich schwer körperlich betätigen muss, wäre das vielleicht nichts für meine Tochter gewesen. Aber was Intelligenz und Intellektualität angeht, ist mir das Geschlecht egal.

Harald, 68 Jahre

21-jährige Tochter und 30-jähriger Sohn

Als ich meinen Sohn bekommen habe, habe ich mich sehr gefreut, dass ich mit jemandem meine Hobbys ausleben kann. Also Golfsport und Tauchen. Mittlerweile mache ich das aber nur noch mit meiner Tochter. Ich habe mir nie große Gedanken gemacht, was ein Junge tun sollte, aber in der Praxis waren die Unterschiede dann schon groß.

Mein Sohn trinkt eben sehr gerne und hat Spaß mit Frauen, aber ein richtiger Mann ist er deswegen noch lange nicht. Ich habe trotzdem versucht, beiden die gleichen Werte zu vermitteln. Das heißt, dass beide sich ihre eigene Meinung bilden und Fehler eingestehen sollen. Sie sollen nicht abhauen, wenn es Probleme gibt und sich für ihr Umfeld einsetzen.

Johanna, 86 Jahre

Zwei ältere Töchter, drei jüngere Söhne

Also ich würde sagen, die Mädchen waren anhänglicher. Aber einer meiner Söhne war auch ziemlich anhänglich. Ich habe eigentlich früher gedacht, dass die Mädchen mir später einmal mehr helfen werden, wenn ich alt bin. Das machen aber mittlerweile meine Söhne.

Ich habe von allen meinen Kindern viel erwartet, besonders was den Beruf angeht. Meine beiden Töchter haben dadurch auch viel erreicht. Da war ich auch teilweise strenger, weil sie im Haushalt mithelfen mussten und nebenbei studiert haben. Wenn die mal später nach Hause kamen, gab es mehr Ärger als bei den Jungs. Mein ältester Sohn hat schon im Haushalt geholfen, die anderen Jungs haben lieber im Keller getüftelt.

Ich habe aber trotzdem versucht, meine Kinder gleich zu behandeln. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich bei meinen eigenen Eltern gemerkt habe, dass sie meinen Bruder und mich anders behandelt haben. Mein Bruder wurde vorgezogen und ich musste auf unserem Bauernhof viel arbeiten.

Die Werte waren gleich, nur im Haushalt hatten sie eben andere Aufgaben. Ich habe meinen Töchtern beigebracht, zu kochen, zu backen, zu stricken und wie man wirtschaftlich haushaltet. Ich habe sie da tüchtig ran gezogen, habe sie zu guten und selbstständigen Frauen erzogen. Meine Söhne habe ich zu Männern erzogen, die sich um ihre Familie kümmern können und alles absprechen. So, dass aus ihnen auch gute Ehemänner werden.

Folgt VICE auf Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat.