Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Alek Sigley | Tongil Tours

Was dieser Mann als Touristenführer in Nordkorea gelernt hat

Auch die jungen Menschen in der hermetisch abgeriegelten Volksrepublik lieben Skaten, Sex-Witze und Leo in 'Titanic'.

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25 Jänner 2018, 9:05am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Alek Sigley | Tongil Tours

Hilary Duff hat es über die nordkoreanische Grenze geschafft, ebenso Eminem, Metallica und Harry Potter. Auch Skateparks, Basketball und Rollerblades sind bei den Jugendlichen in Pjöngjang beliebt.

Das berichtet Alek Sigley. Als Fremdenführer und Austauschstudent hat der Australier viel Zeit im streng abgeriegelten Nordkorea verbracht und gelernt, dass viele falsche Vorstellungen über das Land kursieren – insbesondere über die dort lebenden Menschen. "Je mehr ich mich darauf einließ, desto mehr merkte ich, dass ich alles, was ich bislang darüber gehört hatte, mit einer gewissen kritischen Distanz betrachten muss", so Alek. "In den Medien hast du immer dieses Bild von Nordkorea und seinen griesgrämig-ernsten Menschen in Militäruniformen. Aber wenn du dort bist, ist es anders."


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Seit 2013 führt Sigley mit seinem Unternehmen Tongil Tours überwiegend australische Touristen durch Nordkorea. Über China reisen sie nach Pjöngjang ein. "Das geht entweder per Flugzeug mit der nordkoreanischen Fluggesellschaft Air Kory oder du nimmst den Zug. Letzteres ist die weitaus spannendere Variante, weil du 22 Stunden unterwegs bist – eine ziemlich eindrucksvolle Reise durch Nordost-China, dann überquerst du den Fluss Yalu und schon bist du in Nordkorea."

Hinter der Grenze erwartet den Besucher zwar viel, aber keineswegs das Arbeiterparadies, als das sich die isolierte Diktatur gerne darstellt. Recherchen internationaler Organisationen wie Amnesty International haben ergeben, dass das Kim-Regime noch immer seine Straflager ausbaut, die auch als Kwanliso bekannt sind. Hunger und Mangelernährung sind in der selbsterklärten Volksrepublik laut World Food Program immer noch große Probleme. Und auch für Touristen ist eine Reise in das hermetisch abgeriegelte Land nicht ungefährlich, wie der Fall Otto Warmbier gezeigt hat. Der 21-jährige Amerikaner war 2016 verhaftet worden, weil er ein Propagandaplakat geklaut hatte. Dafür war er zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Im Juni vergangenen Jahres wurde Warmbier "aus humanitären Gründen" freigelassen. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits fast 15 Monate im Koma gelegen. Wenige Tage nach seiner Ankunft in den USA starb der 22-Jährige.

Mit der anstehenden Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in Südkorea wird das Regime eine Nation voll durchtrainierter und wohlgenährter Athleten, Cheerleader und Popstars präsentieren wollen. Das in den Medien porträtierte Bild junger Nordkoreaner als seelenlose Arbeitsdrohnen, so Alek, sei allerdings extrem vereinfacht.

"Es herrscht diese Vorstellung, dass die Menschen in Nordkorea fremdgesteuerte Maschinen sind, die in diesem extrem isolierten und paranoiden Land leben. Dass sie allen Ausländern mit einem gewissen Argwohn begegnen, vielleicht sogar mit Aggression", erklärt er. "Die Menschen dort sind wie alle anderen auch. Sie sind zurückhaltend, gastfreundlich, zuvorkommend – auch neugierig. Sie wollen mehr Austausch und Interaktion mit der Außenwelt. Sie lieben es, Spaß zu haben und zu feiern."

Ein Pärchen im Korea Central Zoo in Pjöngjang

An Sonntagen, so berichtet Alek, würden viele Einwohner Pjöngjangs in die Stadtparks pilgern, die auch Touristen besuchen dürfen. "Die sind dann alle draußen, machen Picknick und besaufen sich. Sie lieben den japanischen Schnaps Shōchū – und der Shōchū in Nordkorea ist stark. Er hat vielleicht sogar 25 Prozent."

Eigentlich dürfen Studierende in Nordkorea nicht trinken. Überhaupt ist das Leben junger Menschen dort streng reglementiert – zumindest oberflächlich. "Als Mädchen solltest du die Haare kurz tragen und Dating ist auf dem Campus verboten", sagt Alek. "Es gibt dort dieses sogenannte 'organisatorische Leben', eine Art Ideologiemotor. Ein solcher Staat braucht Gruppierungen mit der richtigen Ideologie, durch die ein gesellschaftlicher Sinn für Solidarität gefestigt werden kann."

Aber: "Wenn sie das Campusgelände verlassen, machen sie, was sie wollen."

Ein Pärchen auf dem People's Outdoor Ice Skating Rink in Pjöngjang

Die jungen Nordkoreanern, die Alek bei seinen Touren kennenlernt, reden gern und viel über Dating und Beziehungen. Die Partnersuche läuft dort erwartungsgemäß traditionell ab. Die meisten Menschen werden von Freunden oder Familie mit ihrer besseren Hälfte verkuppelt. An so etwas wie Tinder ist in einem Land ohne offenes Internet nicht zu denken.

"Hast du eine Freundin?", ist fast immer die erste Frage, die Alek zu hören bekommt, wenn Nordkoreanerinnen merken, dass er ihre Sprache beherrscht. "Ich sag dann 'Ja, ich habe eine' und dann wollen sie Fotos sehen", berichtet er. "Dann fangen sie selbst an, Fotos von ihren Freunden zu zeigen. Die haben diese richtig süßen Pärchenbilder mit einem Haufen Photoshop-Effekten und lauter Zeug drauf."

Auch sind junge Nordkoreaner lange nicht so verklemmt, wie man annehmen würde: "Sie machen gerne Witze über Sex, also wirklich gerne. Eine Touristenattraktion in Nordkorea ist eine Höhle und die ist voll mit Stalagmiten. Wenn wir die besuchen, spricht der lokale Touristenführer pausenlos darüber, dass die wie Genitalien aussehen. Zu den Touristen sagt er gerne Sachen wie: 'Ich wette, deiner sieht genauso aus.'"

Vor dem Taedongmun-Kino in Zentral-Pjöngjang

Alek berichtet außerdem von einer aufkeimenden "Jugendkultur", die er dort bemerkt hat. "Manchmal sieht du ein paar junge Menschen in den Straßen von Pjöngjang und die sehen in ihrem Kleidungsstil fast wie Japaner oder Südkoreaner aus", sagt er. "Aber es gibt Grenzen. Du würdest dort niemals jemanden mit einem grünen Iro und einer nietenbesetzten Lederjacke sehen. Bis jetzt habe ich auch noch keinen Goth in Nordkorea entdeckt."

Einige Fragmente westlicher Popkultur konnten die strengbewachten Grenzen allerdings überwinden. Titanic ist extrem beliebt, generell Leonardo DiCaprio, ebenso Harry Potter und diverse Disney-Filme, die man mit koreanischer Tonspur in lokalen DVD-Geschäften kaufen kann. "Ich habe dort mal ein Mädchen getroffen, das Hilary Duff total toll fand", so Alek. Ein nordkoreanischer Freund von ihm sei Metallica-Fan und wisse auch, wer Eminem ist.

Die einheimischen Stars sind dort aber immer noch mit Abstand am beliebtesten: die Moranbong Band zum Beispiel. Die Girl-Group, die Nordkoreas Kulturdelegation bei den Winterspielen im Süden anführen wird, habe laut Alek "eine Leadgitarristin, die manchmal sogar Soli spielt. Sie ist jetzt kein Jimi Hendrix, aber schon ganz OK." Die Leadsängerin soll übrigens eine von Kim Jong-uns Ex-Liebhaberinnen sein und fürchtete vor ein paar Jahren noch, von ihm exekutiert zu werden.

Studentinnen der Australian National University (ANU) mit ihrer Fremdenführerin in Pjöngjang

Instagram und "strong is the new skinny" sind in Nordkorea zwar noch nicht angekommen, Sport und Fitness spielen trotzdem eine große Rolle im Leben der jungen Einwohner Pjöngjangs. "Das ist mit der nationalistischen Ideologie verbunden. Du musst in Form sein, um eine blühende Zukunft für dein Vaterland erschaffen zu können", sagt Alek. Seit Basketball-Fan Kim Jong-un seinen Vater abgelöst hat, sprießen überall im Land Basketballplätze aus dem Boden. Das gleiche gilt für Skateparks. "Bei Kindern sind die gerade extrem beliebt – und nicht nur in Pjöngjang, sondern auch in anderen Städten", sagt Alek.

Ein junger Mann in Militäruniform auf einem Razo RipStick
Ein Skatepark in Pjöngjang
Ein Kind auf Rollerblades in einem Skatepark in Pjöngjang

Auch wenn das Leben wohl freier ist, als es sich viele von außerhalb vorstellen: Insgesamt spielt sich das Leben junger Nordkoreaner noch sehr isoliert von der restlichen Welt ab. Ein durchreglementiertes Dasein, geprägt von Ideologie und rigorosem Training für öffentliche Veranstaltungen. "Sie sprechen viel von der 'Vereinigung'. Das ist ein sehr wichtiger Teil ihrer Propaganda. Für sie selbst ist das aber ein ziemlich abstraktes Konzept", sagt Alek. Während die Menschen sich einerseits definitiv nach mehr Kontakt mit der Außenwelt sehnen, herrscht auf der anderen Seite weiterhin ein tiefes Misstrauen. "Sie glauben, dass die USA im Koreakrieg bei ihnen einmarschiert sind [und das Land gespalten haben]. Und das ist mehr oder weniger schon immer so gewesen."

Am 4. Juli vergangenen Jahres war Aleks Geschäftspartner gerade in Pjöngjang, als das Kim-Regime erfolgreiche Raketentest über Japan absolvierte. Das Datum, der amerikanische Unabhängigkeitstag, war sehr wahrscheinlich kein Zufall. "Es wurde unglaublich groß gefeiert. Die Menschen feierten in den Straßen", erinnert er sich an die Schilderungen seines Kollegen. "Irgendwas soll auch auf dem Kim-Il-sung-Platz los gewesen sein. Mein Geschäftspartner konnte ein paar dieser Veranstaltungen beiwohnen. Von Spannung sei überhaupt nichts zu spüren gewesen sein, ganz im Gegenteil."

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