2017

Das Jahr 2017 in 10 Tweets

Chicken Nuggets, #MeToo und Covfefe. Prosit!

von Franz Lichtenegger
28 Dezember 2017, 6:00am

Foto: CC0 Public Domain | Collage via VICE Media

2017 war ein großes Jahr. Für uns alle. Aber vor allem für Twitter.

Das heißt, eigentlich vor allem für Liam Gallagher, der bis vor ein paar Monaten dachte, A$AP Rocky hieße in Wirklichkeit "WhatsApp Ricky". Und ja, wahrscheinlich hatte Tal Silberstein, die österreichische Antwort auf Hillary Clintons E-Mails, auch ein eher turbulentes Jahr – türkise Leiberl sind jedenfalls für immer ruiniert.

Oder wisst ihr noch, dieser britische Politiker, dessen Psycho-Kinder ein Live-Interview mit ihm stürmten und nur von einer absoluten Ninja-Mutter gebändigt werden konnten? Das war ein guter Moment. Naja, und Salt Bae hatte sicher auch ein aufregendes Jahr und Beyoncé hat immerhin Zwillinge bekommen.

Aber – aber! – auf Twitter ("pon de twitter") war 2017 wirklich die Hölle los: Die begrenzte Zeichenanzahl wurde bekanntlich von 140 auf 280 verdoppelt, Katy Perry erreichte als erster Account 100 Millionen Follower und der Hashtag höchstpersönlich feierte 10-jähriges Jubiläum. Außerdem gebar Twitter in diesem Jahr nicht nur einen US-amerikanischen Präsidenten, sondern auch den Tweet mit den bis dato meisten Likes, ebenso wie den Tweet mit der bislang höchsten Anzahl an Retweets aller Zeiten ever.

Ewiger Like-Gott ist dabei Barack Obama mit einem Nelson-Mandela-Zitat, das im Zuge der gewalttätigen Ausschreitungen in Charlottesville gepostet wurde und aktuell über 4,6 Millionen Likes zählt. Damit stammen übrigens acht der zehn Tweets mit den meisten Likes von Obama. Was für ein Mann.

Der erfolgreichste Tweet des Jahres (und gleichzeitig auch aller Zeiten) kam allerdings von irgendeinem Typen aus Nevada, der einfach gratis Chicken Nuggets erschnorren wollte – mit über 3,6 Millionen Retweets ist ein gewisser Carter Wilkerson jetzt also Rekordhalter. Zuvor ging der Titel ja an das berühmte Oscar-Selfie von Ellen DeGeneres, auf dem, wie wir inzwischen wissen, mindestens ein mutmaßlicher Sextäter in die Kamera lächelt, aber das ist eine andere Geschichte.

Weil Tweets in Zeiten wie diesen leider die Erzählform der Zukunft sind, rekapitulieren wir hier und jetzt die schlimmsten und schönsten Momente, die uns die Plattform des Teufels in den letzten zwölf Monaten geschenkt hat. Diejenigen unter euch, die es vorziehen, alte Wunden verschlossen zu lassen, sollten sich das Weiterlesen an dieser Stelle besser überlegen – 2017 war nämlich auch rückblickend betrachtet ein echter Höllentrip und wer das bereits vergessen hat, der kann sich glücklich schätzen. Andererseits, wenn ihr es bis hierher geschafft habt, dann seht ihr wahrscheinlich schon die nachfolgende Überschrift, und dann ist es sowieso zu spät (falls nicht: es ist Covfefe). Da müsst ihr jetzt durch. Banzai!

CO•VFE•FE

Mir ist durchaus bewusst, dass ihr hier nicht den originalen Covfefe-Tweet seht, sondern vielmehr eine beunruhigend realistisch wirkende Video-Montage von Donald Trump, der während seinem Angelobungskonzert zu einem vermeintlichen 3-Doors-Down-Cover von "All Star" grölt. Aber der ursprüngliche Covfefe-Tweet wurde nun mal gelöscht und dieses Video verdient so oder so eure volle Aufmerksamkeit, von daher: Gern geschehen.

Aber zurück zu Covfefe: Wie leicht man sich doch mit so kleinen Patschehändchen vertippen kann! Zum Glück vergisst das Internet nie, nie, nie und die Worte "Despite the constant negative press covfefe" konnten mithilfe von modernster Technologie (Screenshots) für die Nachwelt erhalten werden.

Donald Trumps damaliger Pressesprecher Sean Spicer behauptete im Nachhinein übrigens felsenfest, "covfefe" sei eigentlich gar kein Tippfehler, sondern definitiv und auf jeden Fall ein echtes Wort – allerdings kenne lediglich ein kleiner Kreis um den Präsidenten seine wahre Bedeutung (wirklich), und das ist leider ein Geheimnis, also dürfen wir es nicht wissen, weil es streng geheim ist. Könnt ihr glauben, dass wir heutzutage eine "Wirklich"-Klammer anfügen müssen, um klarzustellen, dass Dinge tatsächlich so passiert sind? Welch glorreiche Zeiten, in denen wir leben.

Das war dann doch eine klassische Familie

Also, die AfD hatte – ebenso wie hierzulande die FPÖ – echt kein leichtes Jahr wegen der ganzen Sache mit der Eheöffnung und wollte dem Rest der Welt einfach nur zeigen, wie eine echte Familie auszusehen hat. Zur Veranschaulichung entschied man sich schließlich dazu, einfach ein Stockfoto zu twittern.

Dummerweise wurde dafür eine Aufnahme herangezogen, das anderswo schon mal in einem Blogeintrag über polyamoröse Familien verwendet wurde, was wiederum einem Twitter-User auffiel und später zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Tweets des Jahres führte. Letztendlich stellte sich zwar heraus, dass besagtes Bild tatsächlich eine klassische Hetero-Familie zeigt, was vielleicht den Gag mit der Polyamorie, nicht aber den ursprünglichen AfD-Tweet weniger lustig macht. Und wie wir alle wissen, ging die Geschichte damit aus, dass die Öffnung der Ehe 2017 sowohl in Deutschland als auch in Österreich beschlossen wurde.

#nrw17

Wisst ihr noch? Österreich hat gewählt und damit zumindest eindeutig bewiesen, dass unsere Demokratie voll funktionsfähig ist.

Twitter wyd?

Die Leute bei Twitter waren dieses Jahr also der Meinung, es wäre eine kluge Entscheidung, der Plattform ihren einzigen USP zu nehmen, also entwickelte man sich vom Kurznachrichtendienst zum Semikurznachrichtendienst und verärgerte damit unter anderem Stephen King. Und dass die Kleine Zeitung ausgerechnet an dem Tag, an dem die 280 Zeichen eingeführt wurden, mit "Der 140 Zeichen Präsident" titelte, war entweder ziemlich peinlich, oder ein unterschwelliger Seitenhieb auf Donald Trump, um ihn als halbe Portion hinzustellen, aber wer weiß das schon.

Céline Dion zerstört "Toxic Masculinity" in 16 Sekunden

Ja, die hier gezeigte Szene aus einem Larry-King-Interview mit Céline Dion mag vielleicht aus dem Jahr 2013 stammen und ja, Céline Dion macht hier vielleicht auch nichts anderes als ihre morgendlichen Aufwärmübungen, aber kennt ihr noch ein anderes Video, das die Fragilität von Männlichkeit in 16 Sekunden dermaßen auf den Punkt bringt? Eben.

Knifflig!

#MeToo war gefühlt der einer der stärksten, gesellschaftlich relevantesten Hashtags aller Zeiten – in den meistgenutzten "Activism Hashtags 2017" (eine kürzlich von Twitter im Rahmen ihres Jahresrückblicks veröffentlichte und nur für die USA geltende Liste) wird die Bewegung jedoch mit keinem Wort erwähnt. Ein Glück, dass reale Konsequenzen immer noch wichtiger sind, als Hashtag-Charts. Puh!

DARUDE SANDSTORM DARUDE SANDSTORM DARUDE SANDSTORM DARUDE SANDSTORM DARUDE SANDSTORM DARUDE SANDSTORM DARUDE SANDSTORM DARUDE SANDSTORM

Wir erinnern uns: Anfang des Jahres waren wir fast ein ganzes Jahr jünger als jetzt und der festen Überzeugung, Finnland hätte 2017 "gerettet". Wie sich herausstellen sollte, war es gar nicht 2017, das gerettet werden musste. Sondern wir. Vor 2017.

Dieser Scheiß.

Zerfetzt einem immer noch das Herz.

:(

:(

Und hier noch der obligatorische Rihanna-Tweet

10 Tweets wären schließlich nicht 10 Tweets ohne mindestens eine absurde Botschaft von Rihanna. Aber 2017 gab es weder eine Fußball-WM, die sie spontan zum Erfolgsfan hätte machen können, noch schien sie sich sonderlich dafür zu interessieren, wie sonst auch einfach ein paar aufmüpfige Fans abzuwatschen. Stattdessen informiert Rihanna dieser Tage lieber über ihre Make-up-Linie oder fragt bei Regierungschefs aus aller Welt nach, wie es um ihr Engagement bezüglich Bildungsinvestitionen in Entwicklungsländern bestellt ist. Und das, liebe Freunde, ist ein Popstar, der seine Plattform für die richtigen Dinge nutzt. Es liegt also wieder mal an Rihanna, 2018 die Welt vor dem Untergang zu retten. Und damit sind wir eigentlich in ziemlich guten Händen. Prosit!

Franz auf Twitter: @FranzLicht

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