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Sibel Schick erzählt, wie es ist, wenn man ständig Morddrohungen bekommt

"Ich werde als Person bedroht und beleidigt und nicht als Social-Media-Account. Und mich selbst kann und will ich nicht ausschalten."

von Marlene Halser
06 November 2019, 12:08pm

Foto: Valerie-Siba Rousparast

Eine rechtsextreme Gruppe namens "Atomwaffen Division Deutschland" hatte Cem Özdemir und Claudia Roth eine Droh-E-Mail geschrieben, um die beiden Grünen-Politiker wissen zu lassen, dass sie angeblich auf Platz 1 und 2 einer internen "Todesliste" stehen. SPD-Politiker Michael Roth veröffentlichte auf Twitter ebenfalls eine Droh-E-Mail, die an ihn geschickt worden war.

Die Bestürzung, die diese Nachrichten auslösten, ist berechtigt, vor allem vor dem Hintergrund des jüngst in Halle verübten antisemitischen Anschlags auf eine Synagoge, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen, und des Mords am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Die Atomwaffen Division wurde in den USA bereits mit mehreren Morden in Verbindung gebracht. Die Gefahr, die von ihr ausgeht, scheint besonders hoch. Doch die AWD ist längst nicht die einzige Gruppe, die droht, Menschen umzubringen. Wie ergeht es Menschen, die nicht annähernd so bekannt sind wie Claudia Roth und Cem Özdemir, die aber ebenfalls Morddrohungen erhalten?

Sibel Schick ist 1985 in der Türkei geboren und zog 2009 nach Deutschland. Sie ist Journalistin und Autorin, dreht YouTube-Videos und hat ihren eigenen Podcast. Außerdem studiert sie Soziologie in Leipzig. Im August 2018 löste Schick mit einem Tweet und einem im Anschluss im Missy Magazin publizierten Gedicht eine Debatte zu #MenAreTrash aus. Ihre letzte Morddrohung bekam sie vor wenigen Tagen.

Sibel Schick hat uns davon erzählt:

Am 2. November um 1 Uhr nachts hat jemand auf Twitter eine Todesliste veröffentlicht, die neben verschiedenen Journalistinnen und Klimaschützerinnen wie Luisa Neubauer und Greta Thunberg auch meinen Namen enthält.

Der Account kam mir seltsam vor. Norman Ritter? @dersohnvonkarin? Familie Ritter wird seit Jahren von SternTV als "Nazifamilie aus Köthen" gefeaturet. Der Sohn von Karin Ritter, Norman Ritter, sitzt im Gefängnis. Ich hab also gedacht: Das ist bestimmt wieder irgendein Troll, der uns ärgern will. Aber ist das eine reine Gewaltfantasie? Schreibt da einfach jemand auf, wen er am liebsten "abgeknallt" sehen würde? Oder ist das eine echte Bedrohung?

Screenshot Twitter

Inzwischen scheint der Account gesperrt zu sein. Er ist nicht mehr erreichbar. Ich habe gestern basierend auf dem Screenshot, den ich hatte, Anzeige erstattet. Aber dass ich so ruhig bleibe, ist neu.

Als ich vor Jahren zum ersten Mal auf Twitter von wildfremden Menschen bedroht wurde, war ich total panisch. Heute schaltet mein Gehirn sofort in diesen seltsamen Beschwichtigungsmodus. Meine erste Reaktion ist: Ich rede den Vorfall klein. Denke: Na ja, ist halt ein Troll. Erst durch die bestürzten Reaktionen Dritter und durch deren Solidaritätsnachrichten wird mir klar: Moment mal, das ist nicht normal, dass so etwas passiert. Sondern es ist echt krass, dass dich hier jemand mit Mord bedroht. Auch ein Troll kann im realen Leben gewalttätig sein. Zumindest kann man das nicht ausschließen.

Als ich das realisiert hatte, war mein Tag gelaufen. Ich musste mich aufs Sofa setzten. Ich bekam Kopfschmerzen und habe gemerkt, dass ich mich gar nicht mehr richtig konzentrieren kann. Die Freundin, mit der ich eigentlich draußen verabredet war, habe ich gebeten, zu mir zu kommen. Ich wollte nicht mehr aus dem Haus. All das sind Symptome, die auch andere Betroffene beschreiben, wie Amnesty International in einem Bericht mit dem Titel "Toxic Twitter" dargelegt hat.

Dass Claudia Roth und Cem Özdemir Morddrohungen erhalten, ist schlimm. Das ist keine Frage! Aber ich denke: Wenn mir etwas zustößt, wenn mir jemand was antut, dann werden sich viel weniger Menschen dafür interessieren. Ich bekomme keinen Polizeischutz so wie Özdemir. Und ich habe keine Mitarbeitenden, die mich in so einem Fall unterstützen. Dabei ist meine Gefährdung durchaus real. Meine persönlichen Daten sind im Internet zu finden, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen kann.

Screenshot Hurensohn*in

Da stehen meine alte und meine neue Adresse. Wer dahinter steckt, weiß ich nicht. Irgendjemand hat sich sogar die Mühe gemacht, die Namen meiner Eltern und Verwandten aufzulisten. Auch auf Twitter wird neben Beleidigungen und Vergewaltigungsfantasien immer mal wieder meine Adresse veröffentlicht. Das ist schon ganz schön gruselig.

Im Prinzip läuft alles immer nach demselben Schema ab: Ich schreibe etwas, wovon sich Menschen flächendeckend angegriffen fühlen, so wie zum Beispiel den genannten Tweet. Eine Weile ist dann alles OK, bis so ein Tweet entweder von einem rechten oder zumindest für Rechte anschlussfähigen Account mit großer Reichweite kommentiert und geretweetet wird. Dann bricht der Shitstorm los. Oder ein rechter Blogger schreibt einen Artikel über mich. Oder ich werde in einer entsprechenden Telegram-Gruppe kommentiert und zitiert. Alle, die diese Nachricht bekommen, wissen, was das heißt: Angreifen.

Screenshot Shitstorm

In dem Shitstorm, der dann folgt, werde ich sexistisch und rassistisch beleidigt. Menschen tauschen sich darüber aus, wie sie mich am liebsten vergewaltigen würden, oder sie schicken mir Tweets wie "Ab ins Glas". "Ab ins Gas" können sie nicht schreiben, weil das justiziabel wäre. Aber der Hass kommt trotzdem an.

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Oft stecken Morddrohungen in den Shitstorms. Es gibt immer einen, der nochmal einen drauflegen muss. Ich erstatte dann Anzeige, aber bislang hat das noch nie zu irgendwas geführt.

Im April hatte ein Typ auf Twitter in der Unterhaltung mit einem anderen User geschrieben, dass er mich in Slowenien verschwinden lassen will. “Gib realname und Adresse in 3 wochen findet man sie nicht mehr", schrieb er. Eine Twitter-Bekannte hatte mir Screenshots geschickt. Ich habe Anzeige erstattet. Aber die Polizei hat das Verfahren eingestellt, weil der User angeblich nicht zu identifizieren ist (Dokumente und Screenshots liegen VICE vor).

Daraufhin habe ich mir den Account von diesem Menschen angesehen und einen Tweet gefunden, in dem er sein Handle auf einem anderen Account nennt. Das habe ich bei Google eingegeben und bin so auf einen Account gestoßen, auf dem derselbe Mensch mit demselben Bild zu finden ist – mit Klarname und Wohnort. Ich bin eine einzelne Person und habe keinerlei Ressourcen und schaffe das. Und die Polizei bekommt das nicht hin?

Die Sache ist: Die Polizistinnen, mit denen ich bisher in Verbindung war, waren alle total nett zu mir. Ich weiß, dass nicht alle, die zur Polizei gehen, dieselbe Erfahrung machen. In meinem Fall haben die Polizistinnen viele Fragen gestellt und wollten wirklich verstehen. Das Problem ist: Die verstehen die Trollstrukturen nicht. Sie wissen nicht, dass und wie Trolle vernetzt sind und wie die Online-Mobilisierung in der rechten Bubble funktioniert. Man merkt, dass die Polizei damit total überfordert ist.

Ein Polizist war sich bei einem obszönen Bild, das ich im Briefkasten fand, zum Beispiel sicher, dass das von jemand kommen muss, den ich kenne. Er fragte: Woher soll denn irgendein Troll aus dem Netz meine Adresse haben? Lol!

Neben der Angst, die eine Morddrohung auslöst, sind solche Vorfälle einfach eine Menge Arbeit, sie kosten Zeit, die man nicht hat. Zur Polizei zu gehen, dauert mehrere Stunden. Man muss alles screenshotten, sortieren, aufbewahren. Es sind Papierkram und Bürokratie, die meistens nichts bringen.

Ich bin Social-Media-Aktivistin. Diese Leute wollen mich einschüchtern, mich davon abhalten, mich zu äußern und in letzter Konsequenz dafür sorgen, dass ich meinen Twitter-Account lösche. Aber diesen Gefallen werde ich ihnen nicht tun.

Menschen, die noch nie Nachrichten von mehr als fünf unbekannten Personen gleichzeitig auf Twitter bekommen haben, denken immer: Mach das Handy aus, Problem gelöst. Aber so einfach ist es nicht. Ich bin ja als Person betroffen. Ich werde als Person bedroht und beleidigt und nicht als Social-Media-Account. Und mich selbst kann und will ich nicht ausschalten.

Es geht hier um etwas Größeres. Es geht darum, wem dieser Raum gehören soll. Das, was da abläuft, ist ein virtueller Krieg, der auf digitaler Ebene geführt wird. Es ist eine Auseinandersetzung, wem dieser Platz gehören soll. Wer mitsprechen und wer Probleme benennen darf. Menschen wie ich, marginalisierte Gruppen, Nicht-Weiße Personen, Frauen, transgeschlechtliche und non-binäre Menschen bekommen am meisten ab, weil wir die bestehenden Machtstrukturen in Frage stellen.

Ich lasse mich trotzdem nicht einschüchtern. Mein Twitter-Raum gehört mir. Ich habe 18.500 Follower. Das ist definitiv kein kleiner Account. Diesen Raum habe ich mir über Jahre mühsam ausgebaut. Und jetzt wollen sich ein paar Trolle mit ein paar Gewaltfantasien und Bedrohungen auf meinem Platz breit machen? No way.

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