Nach dem Freispruch des Arztes Eduard L. musste seine Tochter stationär behandelt werden

Der steirische Mediziner wurde vom Vorwurf des Quälens Minderjähriger freigesprochen. Seine vier Kinder brachen nach dem Urteil zusammen. Die Ermittlungen laufen auf anderer Ebene weiter.

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30 September 2017, 5:03pm

Foto mit freundlicher Genehmigung der Familie L.

Der Prozess gegen den oststeirischen Landarzt Eduard L. endete am Freitag mit einem für viele Beobachter überraschenden Freispruch. "Ihre Familie hasst Sie", begann Richter Andreas Rom seine Urteilsbegründung. "Für mich stellt sich die Sache als verspäteter Rosenkrieg dar."

Laut Rom sei eine schwere, dauerhafte Schädigung der Kinder durch den Vater nicht kausal bewiesen. L. war wegen des Quälens und Vernachlässigens Minderjähriger, unerlaubten Umgangs mit Suchtgiften sowie illegalen Waffenbesitzes angeklagt gewesen. Zum letzten Punkt bekannte L. sich schuldig – das Delikt war jedoch mittlerweile verjährt.

Nach dem Urteil brachen die vier Kinder von L. vor dem Gerichtsgebäude zusammen. Die jüngste Tochter wurde laut eines Opfervertreters wegen Panikattacken und akuter Suizidgefahr ins LKH Graz eingeliefert. Sie wird dort nach wie vor stationär behandelt. Auch die ehemalige Lebensgefährtin von L., die im Prozess als Zeugin ausgesagt hatte, erlitt einen Nervenzusammenbruch und soll sich in der Landesnervenklinik befinden.

Staatsanwalt Christian Kroschl gab nach dem Freispruch vorerst keine Erklärung ab, womit das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. Erst am Montag wird über eine mögliche Berufung oder Nichtigkeitsbeschwerde entschieden.

"Er ist ein Tyrann, ein riesiger Manipulator"

Die Beweisführung selbst dauerte neun Stunden und gestaltete sich besonders durch die kontradiktorische Einvernahme der Kinder emotional. Da sie mit ihrem Vater nicht im Verhandlungssaal sitzen wollten, wurden sie aus einem Nebenraum zugeschaltet, in dem sie Richter Rom vernahm. Neben der bereits bekannten Vorwürfe hinsichtlich Selbstverstümmelungen und Suizid-Androhungen des Vaters waren die Schilderungen vor allem von den subtilen Psychospielen des Vaters geprägt.

Die älteste Tochter Stephanie erzählte von täglichen Demütigungen am Esstisch: Wie sie denn ausschaue, wie hässlich sie nicht sei. Als Staatsanwalt Kroschl sie zu ihrer psychischen Gesundheit befragte, sagte sie, dass sie ohne Antidepressiva nicht leben könnte. Als Privatbeteiligten-Vertreterin Andrea Peter sie um eine Beschreibung des Angeklagten bat, wurde es still im Saal. "Er ist ein Tyrann, ein riesiger Manipulator, sadistisch – einfach eine abartige Person", sagte Stephanie unter Tränen.

Auch die jüngste Tochter Miriam beschreibt sich als in ihrer Lebensführung stark beeinträchtigt. Sie leide unter Angstzuständen, sei schreckhaft und angespannt. Der im Saal anwesende Gerichtssachverständige Walter Wagner, der die Kinder im Zuge des Falls psychiatrisch begutachtete und auf ihre Glaubwürdigkeit hin untersucht hatte, bestätigte dies später auch. Als Richter Rom nach positiven Erinnerungen an ihren Vater fragte, überlegte Miriam einige Zeit und sagte dann: "Alles, was positiv aussah, war es nicht." Auch sie tätigte ihre Aussage unter ständigem Schluchzen.

Das jüngste Kind Josef, das dem Vater laut eigener Aussage schon im Alter von zehn Jahren Narkosemittel intravenös verabreichen musste, sprach von Nötigung. So soll "die Kreatur", wie er ihn am Ende seiner Vernehmung nannte, zu ihm gesagt haben, dass er, wenn er ihn nicht spritzen würde, ein "Verräter" sei, sich "die Mama scheiden lassen und die Madlen sich umbringen würde". Die Verteidigerin von L. fragte Josef im Anschluss, ob er denn irgendein Spielzeug einmal nicht bekommen habe.

Madlen – laut Gutachter Wagner das am schwersten psychisch beeinträchtigte Kind – wurde am längsten einvernommen. Sie erzählt von den Suizidandrohungen des Vaters, von Stricken in der Garage und davon, dass sie bereits im Teenageralter unter Depressionen litt. "Ich bin mit dem Gewand schlafen gegangen, weil ich in der Früh keine Kraft hatte, mich anzuziehen." Ihre Krankengeschichte zeichnen auch zwei Suizidversuche sowie eine Medikamentenabhängigkeit.

Wagner erläuterte vor den Abschlussplädoyers noch einmal seine gutachterlichen Schlüsse. "Für Kinder sind derartige Inszenierungen (Suizidandrohungen, Selbstverstümmelungen, Anm.) bedrohlich", so der Sachverständige. "Sie sind völlig ausgeliefert, weil das Abhängigkeitsverhältnis, in dem sie sich befinden, natürlich noch größer ist als bei Erwachsenen. Sie können nicht einfach gehen." Weiters sagte er, dass es Jahre brauche, um aus einem solchen Beziehungsgeflecht auszubrechen.

Die von der Privatbeteiligten-Vertreterin Peter vor sowie während der Beweisführung eingebrachten Beweisanträge, die angeblich Aufschluss über den ebenfalls in der Anklageschrift stehenden Suchtmittelmissbrauch von L. geben sollen, wurden abgewiesen. Dabei handelte es sich um einen Akt, in dem ehemalige Angestellte von L. als Zeugen über seinen leichtfertigen Umgang mit Schlaf- und Narkosemitteln aussagen und ihn damit auch in seiner Funktion als Arzt belasten.

Auch der Antrag zu einem weiteren psychiatrischen Gutachten über den Angeklagten wurde abgewiesen. Das Gutachten der vom Gericht bestellten Sachverständigen Adelheid Kastner zu L. war unter anderem vom Wiener Psychiater Patrick Frottier kritisiert worden. Kastner zeichne sich durch "fachliche Brillanz" aus, an ihrer Einschätzung sei nicht zu rütteln, so Rom. Die Gutachterin hatte L. für zurechnungsfähig erklärt, ihm "einen Hang zur Dramatik" attestiert, darüber hinaus aber keine spezifischere Gefährlichkeit festgestellt.

Das Innenministerium ermittelt wegen Behördenunregelmäßigkeiten

Auch wenn der Freispruch halten sollte, wird in der Sache noch auf anderer Ebene ermittelt. Das Bundesamt für Korruptionsbekämpfung, das dem Innenministerium untersteht, wurde in dem Fall ebenfalls aktiv. Anfang Juni waren die vier Kinder mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit gegangen, worin sie unterschiedliche, behördliche Missstände – von angeblichem Fehlverhalten seitens Ärztekammer, Bezirkshauptmannschaft, Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft hinzu politischer Interventionen – beklagten. Daraufhin wurde die Bundesbehörde aktiv.

Aus Ermittlerkreisen heißt es gegenüber VICE, dass die Erhebungen hier noch am Anfang stehen, bis Ende des Jahres aber wohl die zahlreichen Zeugen einvernommen werden. Der Akt sei in der Zwischenzeit an die Staatsanwaltschaft Klagenfurt übergeben worden, heißt es. Das sei üblich, wenn auch nur der Verdacht einer Befangenheit der bis dahin zuständigen Staatsanwaltschaft im Raum stehe.

Die Familie hat öffentlich stets behauptet, dass der Fall auch eine politische Komponente habe, denn der Bruder von Eduard L. hat eine prominente Funktion in der ÖVP inne. Wegen verbotener politischer Interventionen ermittelte auch bereits die Staatsanwaltschaft Graz, das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

Warum die Ermittlungen wegen politischer Intervention eingestellt wurden

Für Aufregung sorgte da zunächst die E-Mail eines vom Gericht bestellten Psychiaters, der ein Gutachten über die Kinder erstellen sollte, an Staatsanwalt Christian Kroschl im Dezember 2015. Darin erklärte der Gutachter Manfred Walzl sich für befangen, außerdem sei in der Sache von mehreren Seiten "auch politisch interveniert worden". Die Mail lag über ein Jahr dem Akt bei. Erst die Anzeige einer Tochter von L. brachte Ermittlungen ins Rollen.

In der Sache wurden dann der betroffene Gutachter und eine Regionalpolitikerin einvernommen, außerdem ein Zeuge aus dem nahen Umfeld des prominenten Politikerbruders von L. Der Zeuge hatte die Namen von zwei Regionalpolitikern der Familie genannt. Das Gespräch der Namensnennung wurde privat auf Tonband aufgezeichnet, protokolliert und liegt VICE vor.

In seiner Einvernahme dementierte der Zeuge dann aber, dass so ein Gespräch stattgefunden hätte und leugnete auch die Nennung der Personen. Auch die zwei Politiker wiesen die Vorwürfe vehement von sich, der Gutachter wollte sich wiederum an die Namen der Personen, die ihn damals kontaktierten, nicht erinnern. Die Ermittlungen wurden daraufhin im Juli 2017 eingestellt. Die Familie übermittelte das Protokoll des Gesprächs im August nachträglich der Staatsanwaltschaft. Eine Antwort steht seither aus.

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