Wir haben in Online-Rezensionen eines "Mafia-Cafés" nach Mafia-Hinweisen gesucht

Während die deutsche Polizei bei einer Großrazzia Mafia-Immobilien durchkämmt, haben wir bei Tripadvisor und Google recherchiert.

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Dez. 5 2018, 2:23pm

Collage bestehend aus: Eis: imago | Westend61 | Rezension: Screenshot Google  

Das Internet ist der Iron-Man-Anzug des kleinen Mannes. Es verleiht Idioten Superkräfte. Oder zumindest tut es so. In wenigen Sekunden macht es sie zu Ärztinnen, Köchen und vielleicht auch zu Verbrechensbekämpfern. Während man früher zwölf Semester Medizin studieren musste, um "Glückwunsch, es ist Tripper" sagen zu können, liefern heute dubiose Facebook-Gruppen die Diagnose. Und während lange Zeit nur Köchinnen und Köche Kochbücher veröffentlichten, kann mittlerweile jeder Zwölfjährige auf Chefkoch.de mit einem Rezept für eine Schildkröte aus Wurst und Speck die internationale Cuisine revolutionieren. Warum sollte man also nicht am Smartphone auch polizeiliche Ermittlungen führen können, während nebenbei eine Folge SOKO Donau läuft?

Genau das wollen wir herausfinden. Und da die Messlattenhöhe für unseren Feldversuch dem Ausmaß unserer Selbstüberschätzung entsprechen sollte, orientieren wir uns an dem, was laut Spiegel Online aktuell der "größte Ermittlungskomplex in der Geschichte des BKA" ist. Nach jahrelangen internationalen Ermittlungen hat die Polizei am Mittwochmorgen Gebäude in Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Berlin durchsucht. Gleichzeitig fanden Razzien in mehreren europäischen Ländern statt. Sie alle richten sich gegen die 'Ndrangheta, den kalabrischen Arm der italienischen Mafia.


Auch bei Italien: Hühnerschnitzel mit Frank Pinello und seiner Nonna


Die Presse berichtet über den Fall, oft illustriert mit Fotos eines Duisburger Eiscafés, in dem vermummte Polizisten stehen. Ob hinter dem Café wirklich die Mafia steht, muss natürlich noch geklärt werden. Aber es sollte kein Problem sein, in einer halben Stunde angestrengter Google-Recherche mehr darüber herauszufinden als das BKA in jahrelanger Ermittlungsarbeit. Gehen wir's also an.

1. Möglicher Hinweis: "in italienischer Hand"

Screenshot Tripadvisor
Screenshot: tripadvisor.com

Wie immer wenn wir über ein Restaurant etwas herausfinden wollen, das nichts mit Essen zu tun hat, gehen wir auf Tripadvisor. In diesem Fall bleiben wir an einer Rezension hängen, in der eine Userin schreibt, dass die Eisdiele "in wirklich italienischer Hand" ist. Blitzschnell schießt die Information über den Sehnerv in die Großhirnrinde des Okzipitallappens, wo sie sich mit einer zwischengelagerten Bild-Zeitungs-Schlagzeile zu einer alltagsrassistischen Schlussfolgerung vermengt: "Die Mafia kommt doch auch aus Italien, da haben wir’s!" Sollte die linke Gehirnhälfte noch nicht ganz eingeschlafen sein, setzt jetzt jedoch die dort sitzende Logik ein. Und die besagt, dass es nicht völlig ungewöhnlich ist, wenn Menschen aus Italien ein Eiscafé betreiben. Fazit: keine Mafia.

2. Möglicher Hinweis: ein Verstoß gegen international gültiges Recht

Screenshot Tripadvisor
Screenshot: tripadvisor.com

Hartnäckig wühlen wir uns durch die Tripadvisor-Bewertungen. Das Bundeskriminalamt würde es sicher genauso machen. Unter allen sechs Rezensionen sticht eine heraus. Unter dem Titel "Ganz schön abgezockt" berichtet ein User Erschreckendes von seinem Besuch in dem Duisburger Eiscafé: "Mein Mineralwasser, eine bullige Flasche mit edlem Aufdruck ’Pirazzo’ ohne Schraubverschluss, also offen serviert, was im übrigen in Europa nicht zulässig ist." Ein offener Verstoß gegen internationales Recht also? Wir haben recherchiert und tatsächlich: "Der Wirt ist laut Mineralwasserverordnung verpflichtet, das Mineralwasser in der geschlossenen Flasche zu servieren und erst am Tisch zu öffnen", schreibt die Verbraucherzentrale Bayern. Aber ob man den Menschen hinter der Bar deshalb kriminelle Energie unterstellen sollte?

"Der erste Schluck aus der Flasche brachte die Wahrheit ans Licht. Leitungswasser, aufbereitet und ohne eine klare Deklaration in Getränkekarte zu gegeben. Für mich reine Abzocke." Danach folgen weitere wütende Schilderungen eines Skandals, der allerdings keine Zugehörigkeit der Betreiber zur Organisierten Kriminalität beweist, sondern lediglich die ausgesprochene Kartoffeligkeit des Rezensenten. Es scheint, als müssten wir uns anderen Plattformen zuwenden, um mehr über die Drahtzieher hinter der Eisbude herauszufinden.

3. Möglicher Hinweis: "Waffen und Bier"

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Screenshot: google.com

"Hiding in plain sight" ist nicht nur ein Quest bei World of Warcraft, sondern auch eine Tarntechnik, bei der man für alle sichtbar und doch versteckt ist. In den Google-Rezensionen des Duisburger Eiscafés sind wir auf einen Hinweis gestoßen, hinter dem genau diese Technik stehen könnte. "Top Eisdiele mit großer Karte", kommentierte ein User vor acht Monaten und fügte hinzu: "Es gibt dort sogar Waffen und Bier." Wait, what?! Wollte da jemand in aller Öffentlichkeit eine Nachricht übermitteln – oder ist es einfach nur ein Tippfehler? Aber wer würde ernsthaft schreiben, dass es in einem Eiscafé "sogar Waffeln" gibt? Genau: niemand.

Am Ende spricht auch bei diesem Hinweis mindestens genauso viel dafür wie dagegen, dass die Mafia in Duisburg Schlumpfeis verkauft. Dennoch lieferte unsere Onlinerecherche ein eindeutiges Ergebnis: Wir sind froh, dass es noch kein chefpolizist.de gibt und überlassen den Job gerne Leuten die wissen, was sie da tun.

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