Darum bekommen einige Menschen noch Jahre später Flashbacks zu Drogentrips

Wände zerfließen, Fahrbahnstreifen werden zu Kaninchen – Wahrnehmungsveränderungen können noch Jahre nach dem Trip auftreten. Experten erklären, wieso das passiert und ob die Rückblenden bedenklich sind.

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10 Dezember 2018, 9:50am

Foto: imago | STPP

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Melissa Vitale war gerade beim Intervall-Training im Fitnessstudio, als es passierte. "Ich war kurz vor der Erschöpfung, wollte das Set aber noch durchpowern", erinnert sich die 25-Jährige. "Doch plötzlich zerflossen die Wände und der Boden bewegte sich." Vitale hatte einen Flashback zu einem LSD-Trip erlebt – und das war nicht das erste Mal. "Ich wusste genau, was passierte. Ich blieb ruhig, legte mich auf den Boden und dehnte mich, bis es vorbei war", sagt sie.

Auch Phillia Downs kennt diese Flashbacks. Die 40-jährige Schamanin durchlebt ihren ersten und einzigen LSD-Trip, der inzwischen 18 Jahre zurück liegt, ungefähr einmal im Jahr. "Dann sehe ich Wände, Tapeten oder Poster, die sich bewegen, oder Wasser, das die Wand runterläuft. So wie damals."

Eine Studie aus dem Jahr 2011 ergab, dass von 2.679 befragten Menschen, die regelmäßig Halluzinogene zu sich nehmen, 60,6 Prozent in nüchternem Zustand Halluzinationen erlebt hatten, die früheren Trips ähnelten. Es sei bekannt, dass LSD Flashbacks auslösen könne. Aber sie können ebenso bei Magic Mushrooms, DMT und gelegentlich auch MDMA auftreten, sagt James Giordano, Professor für Neurologie und Biochemie am Medizinzentrum der Georgetown-Universität. Häufig berichteten die Befragten, dass Objekte größer oder kleiner schienen, Gegenstände strahlten oder etwas am Rand ihres Sichtfeldes zu lauern schien.

Als beunruhigend empfindet Downs ihre Flashbacks nicht. Den Trip vor 18 Jahren beschreibt sie als eine der erleuchtendsten Erfahrungen ihres Lebens. "Darum genieße ich die Flashbacks. Ich finde es faszinierend, wenn ich sehe, wie sich Fotos oder Wände bewegen", sagt sie. Auch Melissa Vitale beschreibt ihre Flashbacks insgesamt nicht als beunruhigend.

In der falschen Situation können Flashbacks gefährlich werden

Das geht nicht allen Menschen so: Flashbacks können "verstörend sein und Angst- oder Panikattacken auslösen, vor allem wenn die Person an einer psychischen Störung leidet", sagt der Psychologe für Suchtkrankheiten Sal Raichbach. "Halluzinationen können je nach Situation irritieren oder unangenehm sein. Sie können auch in einer gefährlichen Situation auftreten, beispielsweise, wenn jemand gerade Auto fährt. So erging es auch Melissa Vitale einst: Sie saß gerade hinterm Steuer, als sich ihre Wahrnehmung veränderte: "Die weißen Streifen auf der Straße verwandelten sich in Kaninchen. Ich fuhr nachts durch ein Waldgebiet und musste auf Wildwechsel achten, darum war das sehr beängstigend", sagt sie.


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Psychedelische Flashbacks können das Leben der betroffenen Personen beeinträchtigen. So berichteten 4,2 Prozent der Befragten in der Studie, dass ihre Flashbacks sie ängstigen oder lähmen würden. Giordano zeigte sich von dieser Zahl überrascht, denn seiner Meinung nach trete das Phänomen eigentlich viel seltener auf. Auch Matthew Johnson, Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung an der Johns Hopkins University, meint, dass nur "einer von vielen tausend Konsumierenden" chronische, unangenehme Flashbacks erleben würde.

In diesem Fall spricht man von einer Hallucinogen Persisting Perception Disorder (HPPD), also einer fortbestehenden Wahrnehmungsstörung nach Halluzinogengebrauch. "Viele Konsumierende berichten von visuellen Abnormalitäten, aber nur bei einer Minderheit sind diese Effekte so verstörend oder belastend, dass sie medizinisch relevant sind oder als HPPD eingestuft werden", erklärt Johnson. "Viele Menschen beschreiben die Effekte als harmlos oder angenehm."

Der Botenstoff Serotonin könnte eine wichtige Rolle spielen

Es ist nicht genau bekannt, wodurch die Flashbacks ausgelöst werden und warum sie so lange nach dem ursprünglichen Trip auftreten können. Raichbach glaubt, dass sie durch eine Störung der Neuronen ausgelöst werden könnten, die unsere Sinneswahrnehmung steuern. Vor allem LSD-Flashbacks könnten damit zusammenhängen, dass sich LSD mit dem Botenstoff Serotonin verbindet, meint Giordano. Der Serotonin-Rezeptor umschließt dabei das LSD-Molekül, das sich so in Nervenzellen ablagern kann.

Ändern sich der Blutfluss oder der Hirnstoffwechsel, könnte das LSD-Serotonin seine Wirkung erneut entfalten, meint Giordano. So könnte sich beispielsweise der Flashback erklären lassen, den Vitale während des Sports im Fitnessstudio erlebte. Flashbacks könnten aber ebenfalls durch "Stress, Angst oder Schlafstörungen" ausgelöst werden, sagt der Neurologe Santosh Kesari. Auch Menschen, die bestimmte Antidepressiva nehmen oder bestimmte psychotische Störungen haben, könnten anfälliger für Flashbacks sein. Und Menschen, die regelmäßig Halluzinogene konsumieren, erleben laut Raichbach häufiger Flashbacks als Menschen, die nur gelegentlich konsumieren.

Da HPPD noch nie bei Probanden einer klinischen Studie nachgewiesen wurde, glaubt Johnson, dass das Phänomen mit dem illegalen Drogenkonsum zusammenhängt. So könnten die furchteinflößenden Flashbacks durch verunreinigte Substanzen, einem Zusammenspiel verschiedener Drogen oder einer zu hohen Dosis entstehen.

Flashbacks sind meist unbedenklich

HPDD wird manchmal mit Medikamenten wie Clonazepam therapiert, die ansonsten zur Behandlung von Krampfanfällen verschrieben werden. Gewöhnliche Flashbacks müssen normalerweise jedoch nicht behandelt werden. Giordano rät allen, die einen verstörenden Flashback erleben, daran zu denken, dass er meist schnell vorübergeht. "Gezielte Atmung und andere Entspannungstechniken können helfen, dich zu fokussieren und Angstgefühle während des Flashbacks zu mindern", sagt er.

Tricia Eastman, Gründerin der Gruppe Psychedelic Journeys, rät, die Flashbacks als Möglichkeit zu sehen, sich persönlich weiterzuentwickeln. "Lasse die Reaktivierung mit einem offenen Bewusstsein zu. Dein Verstand, Körper und Geist werden die Erfahrung auf positive Weise verarbeiten, wenn du dich darauf einlässt."

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