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Aggro

Das kannst du tun, wenn dir langsame Fußgänger auf die Nerven gehen

Mittlerweile beschäftigt sich sogar die Wissenschaft mit Aggressionen auf dem Gehweg. Zwei Experten erklären, wie man im Alltag Gewaltfantasien vermeidet.

von Mark Hay
29 August 2018, 8:56am

Symbolfoto: Christopher Burns | Unsplash

Jeder kennt es, jeder hasst es: Du bist in der Stadt unterwegs, willst eigentlich nur schnell irgendetwas besorgen, aber dann steckst du hinter einem langsamen Fußgänger fest. Die Wut staut sich in dir an, während der Geschäftsmann vor dir telefonierend dahinschlendert, sich eine Gruppe Freunde auf dem gesamten Gehweg verteilt oder Touristen voller Bewunderung jedes Haus fotografieren müssen und dabei die Welt um sich herum komplett vergessen.

Online findet man schnell diverse Hasstiraden gegen langsame Fußgänger. Das Phänomen ist so weit verbreitet, dass es im Englischen sogar einen eigenen Begriff dafür gibt: Sidewalk Rage. Auf Deutsch etwa: Gehweg-Aggressionen. Leon James, der führende Experte bei diesem Thema und Psychologe an der University of Hawaii, vergleicht das Ganze mit Wut im Straßenverkehr. Laut ihm gelten Gehweg-Aggressionen häufig als "mentales Ventil mit irrationalen Annahmen bezüglich anderer Fußgänger". Durch "Gewaltfantasien gegen die rücksichtslosen Bürgersteig-Blockierer" würden die negativen Gefühle dann schnell zum "offenen Ausdruck von Feindseligkeit und Wut", so der Forscher weiter. Dabei wissen nur wenige Menschen, wo unsere Gehweg-Aggressionen überhaupt herkommen oder warum manche sie intensiver verspüren als andere.

Relativ sicher ist, dass sich schnelle Fußgänger mit ihrer Wut im Recht befinden. Schließlich verstoßen ihre langsamen Pendants gegen die sozialen "Regeln", die in vielen Kulturen auf dem Gehweg herrschen. In einer Großstadt wie New York gilt zum Beispiel: rechts halten, mit dem Fluss des Fußgängerverkehrs mitziehen, aufpassen, wo man hinläuft, und auf jeden Fall zur Seite gehen, wenn man langsamer wird oder gar stehenbleibt.

Studien legen außerdem nahe, dass schnellere Fußgänger nicht so häufig an Herzkrankheiten oder Alzheimer erkranken und dass langsame Spaziergänger früher sterben. In diesen Studien bleibt der Zusammenhang zwischen der Laufgeschwindigkeit und den Folgen jedoch unklar, vielleicht gibt es ihn gar nicht.


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Psychologen sagen, dass die Gehweg-Wut primär von unserer eigenen Erwartung und emotionalen Verfassung abhänge. Viele Menschen seien in einer Art Autopilot-Modus unterwegs, der darauf basiere, wie lange wir unserer eigenen Schätzung nach zum Ziel brauchen. Das sagt Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene. Wenn dann jemand plötzlich unseren Weg blockiert, wird der Autopilot gestört: "Je mehr wir uns im Autopilot-Modus befinden", erklärt Wittmann, "desto weniger kommen wir mit einer plötzlich langsameren Geschwindigkeit klar."

Dass wir unsere Erwartungen nicht mehr erfüllen können, verursacht Stress. Wenn dieser Stress sich dann zur Wut entwickelt, kann sich das auch auf unser Zeitgefühl auswirken. Durch den Kontrollverlust und die Aggressionen fühlen sich die Momente, die wir hinter einer langsameren Person herlaufen müssen, wie eine Ewigkeit an – was eine weitere Eskalation fördert.

Glücklicherweise ist es relativ einfach, Gehweg-Aggressionen erst gar nicht hochkommen zu lassen.

Es überrascht kaum, dass Stadtmenschen am meisten von Gehweg-Aggressionen betroffen sind. Wie Wittmann anmerkt, laufe man in urbanen Zentren durchschnittlich schneller und in unserer schnelllebigen Gesellschaft sei Geduld sowieso schon fast ein Fremdwort geworden. Das Verlangen nach körperlichem Abstand kann diese Wut laut James ebenfalls auslösen oder verstärken. Ein zielstrebiger, ungeduldiger Stadtbewohner trifft also sehr schnell auf einen anderen Menschen, der seine Autopilot-Geschwindigkeit unterbricht und etwaigen latenten Stress verschärft. Laut James ist es kein Wunder, dass wir auf diese Unannehmlichkeiten aggressiv reagieren – wir haben es schließlich von Kindesbeinen an nicht anders gelernt.

Der Psychologe hält Gehweg-Aggressionen angesichts des immer schneller und stressiger werdenden Alltags zudem für ein wachsendes Problem. Zwar werden viele Leute das Ganze als First-World-Problem abtun, aber James sieht hier eine "mentale Gesundheitskrise, gegen die man etwas tun muss", damit die Gewalt zurückgeht und unser Wohlbefinden steigt.

Glücklicherweise ist es relativ einfach, Gehweg-Aggressionen erst gar nicht hochkommen zu lassen. Wenn uns ein langsamer Fußgänger auf die Nerven geht, dann analysieren wir laut James genau, wie fehlerhaft sich dieser Fußgänger verhält. Und das intensiviert unsere negativen Gefühle. Zudem konzentrieren wir uns dann auch auf unseren eigenen Stress – etwa darauf, wie spät wir sowieso schon dran sind. Solche Denkmuster müssten wir durch tägliche Motivation und Training durchbrechen, so der Psychologe.

Das heißt, dass wir beim Aufkommen der Wut einfach mal innehalten und über dieses Gefühl nachdenken sollen, um zu erkennen, dass es nichts Schlimmes ist, etwas langsamer zu laufen. Ändern können wir die Situation meistens sowieso nicht. "Man wird zu einem glücklicheren Menschen, wenn man umdenken kann", sagt der Wissenschaftler. "Dann hat man mehr Kontrolle über seine Emotionen und sein Leben."

Betroffenen Gehweg-Aggros rät Wittmann, sich im Supermarkt einfach mal an der Kasse mit der längsten Schlange anzustellen. "Dann haben sie nämlich erstmal etwas Zeit für sich und können sich entspannen." Solche Momente sind ganz normal, in unserer Welt manchmal sogar ein Geschenk. Und wenn wir das einsehen, dann müssen wir uns auch nicht mehr über Fußgänger aufregen, die nicht so schnell laufen wie wir.

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