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So ist das Leben als Zweitfrau

Wir haben mit einer Ägypterin gesprochen, die in einer polygamen Ehe lebt – ohne dass die erste Ehefrau davon weiß.

von Alaa Osman
11 Dezember 2017, 9:17am

Symbolfoto: Khashayar Elyassi | Flickr | CC BY 2.0

Laut islamischem Recht darf ein Mann bis zu vier Ehefrauen haben. Deshalb ist in den meisten Ländern der arabischen Welt Polygamie legal – genauer gesagt "Polygynie", da ja nur Männer mehrere Partnerinnen haben dürfen. Die Rolle und der Status, die dabei den einzelnen Ehefrauen zukommen, variieren je nach Region, aber auch je nach Familie. Es überrascht wenig, dass diese Kultur oft Spannungen zwischen den Ehefrauen hervorruft. Häufig macht vor allem die erste Frau ihren Nachfolgerinnen Vorwürfe – sie seien es, die als Außenseiterinnen eine ursprünglich glückliche Beziehung störten.

Um diese Spannungen zu vermeiden, halten viele Männer ihre multiplen Ehen vor den einzelnen Frauen geheim. Dieser Trick funktioniert allerdings nur dann wirklich, wenn der Mann reich ist und es sich leisten kann, die Frauen und etwaige Kinder separat unterzubringen. Viele Frauen erzählen ihren Freunden wiederum nicht, dass sie in einer polygamen Ehe stecken. Auch in islamisch geprägten Ländern sprechen sich junge Leute immer offener gegen den Brauch aus, weil ihnen klar ist, dass er zugleich Ausdruck und Stützpfeiler des Patriarchats ist.

Unsere Kolleginnen und Kollegen von VICE Arabia haben sich mit der Ägypterin Shuh* unterhalten, die eine Zweitfrau ist. Von ihr erfahren wir, was ihre Freunde und Familie davon halten und wie sie es fände, wenn ihr Mann sich noch eine dritte Frau nehmen würde.


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VICE: Wusstest du, dass dein Mann verheiratet ist, als ihr zusammengekommen seid?
Shuh:
Natürlich. Wir waren zwei Jahre lang befreundet, bevor wir uns verlobt haben, also wusste ich alles über seine Ehe. Ich habe sogar seinen ersten Antrag abgelehnt, weil ich nicht sicher war, ob ein Leben als zweite Ehefrau das Richtige für mich ist. Er war aber sehr überzeugend und sagte immer, er könne nicht ohne mich leben und würde niemals aufgeben. Also willigte ich ein. Aber wir haben eine Abmachung: Ich akzeptiere, dass er seiner anderen Familie gegenüber immer Verpflichtungen haben wird, und er hat dafür versprochen, seine finanziellen und emotionalen Pflichten mir gegenüber niemals zu vernachlässigen.

Weiß die Erstfrau deines Mannes von eurer Beziehung?
Sie wusste nur anfangs davon. Dass wir geheiratet haben, weiß sie nicht. Sie wusste, dass er mir einen Antrag gemacht hatte, und anfangs hat sie es hingenommen, weil sie sehen konnte, dass ich unserem Mann sehr wichtig bin. Aber dann hat sie ihre Meinung geändert und ihn gebeten, mich doch nicht zu heiraten. Deswegen hat er unsere Ehe geheim gehalten. Um ehrlich zu sein, ist mir egal, ob sie es rausfindet, denn das wird auch nichts ändern.

Wie sehen deine Freunde und Familie die Ehe?
Meine Familie wusste von Anfang an Bescheid. Wir reden über alles und geben uns gegenseitig Rat. Meine Mutter wollte nicht, dass ich eine Zweitfrau werde, weil sie das selbst erlebt und schlechte Erfahrungen damit gemacht hat. Aber letztendlich hat sie uns ihren Segen gegeben, nachdem sie meinen Mann kennengelernt hatte – er steht unserer Familie inzwischen sehr nah. Meine Freundinnen sagen, sie seien glücklich, so lange ich glücklich bin, und solange die Beziehung auf Ehrlichkeit und Vertrauen beruht.

Wer hat es besser: du oder die erste Frau?
Ich habe über sie und ihre Gefühle eigentlich noch nie viel nachgedacht. Mir ist nur wichtig, meinem Mann eine gute Ehefrau zu sein. Ich kann von ihr nicht erwarten, dass sie mit der Situation glücklich ist. Wenn dein Mann eine andere Frau heiratet, ist das für keine Frau einfach.

Aber vermutlich hat sie es besser, immerhin haben die beiden Kinder zusammen. Wenn es jemals dazu käme, weiß ich, dass er seine Kinder mir vorziehen würde. Daran zu denken, kann wehtun und manchmal verspüre ich ein bisschen Reue. Ich wollte immer die erste und letzte Frau meines Mannes sein, aber ich kann auch nicht sagen, dass ich unglücklich bin. Mein Mann schenkt mir im Laufe der Jahre immer mehr Aufmerksamkeit. Das motiviert mich, eine fürsorglichere und liebevollere Ehefrau zu sein, und gibt mir Zuversicht, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Möchtest du Kinder haben?
Absolut. Ich hätte liebend gern eine Tochter. Aber mir ist wichtiger, dass ich Kinder in einem stabilen Umfeld großziehen kann. Es war meine Entscheidung, eine zweite Ehefrau zu werden, und ich würde nie wollen, dass diese Entscheidung sich negativ auf meine Kinder auswirkt. Ich will erst Kinder bekommen, wenn ich sicher bin, dass das familiäre Umfeld dafür auch wirklich geeignet ist.

Würdest du deine eigene Tochter mit einem Mann verheiraten, der schon eine Frau hat?
Natürlich nicht. Auch wenn ich mit meiner eigenen Situation glücklich und zufrieden bin, ist das nichts, was man sich als Ziel setzen sollte. Das ist einfach ein Lebensstil, der zu meiner Persönlichkeit passt. Ich liebe es, wie viel persönliche Freiheit ich habe, wenn er bei seiner Familie ist, aber ich würde mir für meine Tochter nicht wünschen, dass sie sich nicht wie der wichtigste Mensch im Leben ihres Mannes fühlt.

Gibt es etwas, das du am Dasein als Zweitfrau hasst?
Das Beste an meiner Situation ist auch gleichzeitig das Schlimmste: Einerseits bin ich eine berufstätige Frau, die viel Freiheit und Unabhängigkeit genießt, weil ihr Mann häufig nicht da ist. Die Hälfte des Monats muss ich mich nicht darum kümmern, für ihn zu kochen oder aufzuräumen. Aber andererseits vermisse ich ihn häufig – er ist selten da, wenn ich krank bin oder jemanden brauche, der sich um mich kümmert.

Verstehst du, warum Feministinnen gegen Polygynie sind?
Nein, ich finde, das ergibt nicht so viel Sinn. Frauen sollten das Recht haben zu heiraten, wen sie wollen, und gleichzeitig haben Männer auch das Recht, sich eine Partnerin zu suchen, die ihnen auf eine Art und Weise dient, die die anderen Frauen nicht bieten. Können diese ganzen Feministinnen garantieren, dass jede Ehefrau sich so gut um ihren Mann kümmern kann, dass er nicht nach einer weiteren Frau Ausschau hält? Ich denke nicht. Meiner Meinung nach ist es die Pflicht einer Frau, eine erfolgreiche Ehe zu ermöglichen. Männer sind wie verwöhnte Kinder, und deswegen müssen Frauen viel Verständnis haben und ihre Pflichten im Haushalt ernst nehmen.

Findest du, dass das arabische Mainstream-Fernsehen eine realistische Sicht auf das Leben einer zweiten Ehefrau vermittelt?
Die meisten Serien zeigen absolut unrealistische polygame Haushalte, zum Beispiel die Serie Die Familie des Hadsch Metwalli. Darin sind die Ehefrauen beste Freundinnen, das passiert in Wirklichkeit so gut wie nie. Es gibt fast immer einen Grund, eifersüchtig oder sauer zu sein. Natürlich kann die erste Frau die "Eindringlinge" auch einfach ignorieren, aber die Frauen werden sich nicht mögen.

Würdest du deinem Mann erlauben, eine dritte Frau zu heiraten?
Nein. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er das nicht wollen würde. Solange er offen und ehrlich damit umgeht, was ich als Ehefrau falsch mache, sehe ich nicht, warum es uns nicht gelingen sollte, das Problem zu beheben. Aber nochmal zu heiraten, nur damit er dann eine weitere Frau haben kann, das finde ich völlig inakzeptabel. Wenn eine Frau sich um ihren Ehemann kümmert und Verantwortung für den Haushalt übernimmt, dann sollte der Partner auch keinen Grund haben, nach einer weiteren Ehefrau Ausschau zu halten.

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