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Alkoholismus

Wie es dein Leben verändert, wenn du aufhörst, Alkohol zu trinken

"Ich habe versucht, meine innere Unruhe wegzutrinken, aber das hat nicht funktioniert."

von Andrew Daniels
02 April 2017, 4:00am

Dieser Artikel ist zuerst bei Tonic erschienen. Folge Tonic bei Facebook.

Vor einem Jahr noch war Cheyne Kobzoffs Leben beschissen. Aber so richtig. Trotz einer liebevollen Ehefrau, zwei Kindern und einem tollen Job als Koch wachte der langjährige Trinker jeden Morgen mit einem pochenden Schädel und schleichendem Selbsthass auf. Aber auch neben dem emotionalen Schaden hatte Kobzoffs Sauferei seinen Bauch auf Weihnachtsmanngröße anschwellen lassen. Der Bart half seiner Gesamterscheinung dabei eher wenig.

Am 23. März 2016 entschied sich der 33-Jährige, einen kalten Entzug zu machen. Kurz darauf fing er in der Hoffnung mit dem Joggen an, dass ihm die Bewegung bei seiner inneren Unruhe helfen würde. Irgendwann lief er Strecken, die er nie für möglich gehalten hätte, und verlor in der Folge mehrere Kleidergrößen. Ein Jahr später ist Cheyne 24 Kilogramm schlanker.

Vor Kurzem postete er das obige Vorher-Nachher-Foto bei Reddit mit dem Kommentar, dass ihn ein Jahr ohne Alkohol "tausendmal glücklicher" gemacht hat. Sein Post ging durch die Decke. Wir haben ihn gefragt, wie er es geschafft hat, vom Alkohol loszukommen, und warum seine Freunde den "gesunden" Kobzoff vielleicht hassen.

VICE: Herzlichen Glückwunsch, dass du deinen Bauch losgeworden bist, aber warum den Bart?
Cheyne Kobzoff: Ich war ziemlich traurig, als ich ihn abgeschnitten habe. Ich hatte ihn für anderthalb Jahre, aber er war einfach zu viel Arbeit. Außerdem wollte ich unbedingt wissen, wie mein Gesicht aussah, nachdem ich so viel Gewicht verloren hatte.

Hattest du einen bestimmten Tiefpunkt, der dich dazu gebracht hat, mit dem Trinken aufzuhören?
Nicht wirklich – es hat sich mit der Zeit einfach angestaut. In meiner Familie ist Alkoholismus relativ weit verbreitet. Ich begann mit 15 zu trinken. Aus jedem Wochenende wurde dann irgendwann jeder Tag.

Hast du dich selbst als Alkoholiker gesehen?
Ich schätze schon, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Jetzt gestehe ich es mir zwar ein, aber es fühlt sich immer noch komisch an, es auszusprechen. Ich weiß einfach, dass ich nicht mehr trinken darf. Ich habe zu viel Angst, wieder in diesen Teufelskreis zu geraten.

Mir gefiel einfach nicht, zu wem ich geworden war. Mir gefiel nicht, was es mit meinem Körper angestellt hat. Ich hatte vor zwei Jahren schon einmal versucht aufzuhören. Das war an dem Tag nach einer Hochzeit. Ich hatte dort alles in Sichtweite leergesoffen und die nächsten 24 Stunden nur gekotzt. Ich habe mir damals nur eine Zielvorgabe von 30 Tagen gegeben, danach habe ich sogar noch mehr getrunken. irgendwann kam ich auf zwölf Bier pro Abend und dann noch ein oder zwei Gläser Wein, wenn meine Frau nach Hause kam. Ich fühlte mich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit absolut beschissen.

Also habe ich mir ein willkürliches Datum zum Aufhören gegeben, den 23. März. Das war drei Tage nach dem Geburtstag meines Sohnes. Und das war's. Ich habe einfach aufgehört zu trinken.

Bei Reddit hast du geschrieben, dass du anfangs das Trinken damit ersetzt hast, einfach alles zu essen, was du willst.
Ich habe mir Unmengen Süßigkeiten reingestopft, das steht fest. Mein Körper hat den ganzen Zucker vermisst. Ich habe mir tütenweise Kaubonbons, Jelly Beans und dieses ganze saure Zeug gegönnt. Außerdem habe ich eine Menge Limonade getrunken, die ein großer Kalorienersatz für das Bier war. Das lief etwa einen Monat so.

Bis du mit dem Laufen angefangen hast, oder?
Ich hatte mit dem Trinken angefangen, um meine innere Unruhe in den Griff zu kriegen. Nachdem ich aufgehört hatte, ging diese innere Unruhe aber nicht wirklich weg. Eines Tages habe ich den Rasen gemäht und war total von dieser Unruhe eingenommen. Ich spürte dieses drängende Bedürfnis, einfach loszurennen, aber ich hab es nicht getan. 

Als ich das Gefühl am nächsten Abend wieder hatte, habe ich mir meine Schuhe angezogen, bin aus der Tür und eine Meile um den Block und zurück gerannt. Ich hatte keine Ahnung, was ich da gerade gemacht hatte, aber es fühlte sich gut an. Als ich wieder zu Hause ankam, habe ich kaum Luft bekommen.

Dachte deine Frau, dass du stirbst?
Sie hat gelacht. Vor allen, weil ich nicht wusste, dass man sich nach dem Laufen auch wieder abkühlen muss. Ich hatte bis dahin in meinem Leben nie Sport getrieben. Sie sagte mir, dass ich 15 Minuten gehen soll. Das hat geholfen. Trotzdem habe ich gedacht, dass ich jeden Moment kotzen muss.

Manche Menschen bezeichnen ihre ersten trockenen Wochen und Monate als "rosa Wolke"-Phase. Hast du auch unerwartete Ausbrüche intensiver Euphorie gespürt?
Und wie. Ich stand einfach nur im Supermarkt an der Schlange und plötzlich überkam mich dieses Glücksgefühl. Ich habe mich so glücklich gefühlt, dass ich fast geweint habe. So etwas hatte ich noch nie zuvor gefühlt.

Von deinen anfänglichen 1,5 Kilometern in 13 Minuten bist du schließlich auf 5 Kilometer in 25 Minuten gekommen und hast außerdem mit Gewichten angefangen. Was war deine größte Fitness-Errungenschaft?
Ich konnte nie Sit-Ups machen, aber habe dann mit Kreuzheben, Squats und Bankdrücken angefangen. Bald hatte ich ein Six-Pack. Also habe ich es noch einmal mit den Sit-ups ausprobiert und dann problemlos 60 runtergerissen. Es ist ziemlich cool, wenn du so viele machen kannst, wie du willst.

Deinen Freunden gehst du mit deinem gesunden Lebensstil bestimmt auf den Geist.
Das ist mir egal. Ich bin nämlich super glücklich. 90 Prozent der Menschen, mit denen ich spreche, nerve ich aber bestimmt. Ich freue mich einfach so über die ganzen Sachen, die ich gelernt habe. Ich hatte im letzten Jahr wirklich keine anderen Gesprächsthemen außer Fitness und kein Alkohol.

Hast du versucht, andere zu bekehren?
Mir ist egal, was andere machen. Meine Frau trinkt Wein und ich habe ihr nie gesagt, dass sie nicht trinken soll, weil ich nicht trinke. Das wäre uncool.

Macht es denn immer noch Spaß, mit dir abzuhängen?
Das hoffe ich doch. [lacht]

Vielleicht sollte ich deine Freunde fragen.
Ich habe vor Kurzem erst mit ein paar meiner besten Freunde einen Trip zum Lake Tahoe gemacht. Ich hatte etwas Sorgen, weil die alle trinken. Dann habe ich aber die ganze Zeit damit verbracht, ihnen von meinem letzten Jahr zu erzählen, und es war OK. Ich denke, es ist heute besser mit mir, weil ich mich nicht mehr so wegschieße. 

Was ist deine schlimmste Absturz-Erinnerung?
In der Nacht vor meiner Hochzeit hatte ich es total übertrieben. Am Hochzeitstag bin ich mit einer Schüssel neben mir aufgewacht, in der etwas Blut war. Anscheinend hatte ich versucht, einen Beton-Mülleimer umzuschmeißen, meine Finger waren abgerutscht und ich hatte mir den Kopf am Boden aufgeschlagen. Es ist peinlich, sich die Hochzeitsbilder anzuschauen und mein aufgequollenes rotes Gesicht zu sehen.

Vermisst du den Alkohol?
Mir fehlt vor allem der Geschmack von leckerem Craft Bier. Wir haben hier in der Gegend einen Haufen großartiger Brauereien. Und ich vermisse das Glas Rotwein zu einem guten Steak. Das macht mich wirklich fertig.

Trotzdem ein kleiner Preis dafür, sich morgens nicht beschissen zu fühlen.
Oh, es ist ziemlich super. Ich kann lange aufbleiben, früh aufstehen und fühle mich trotzdem gut. Meine Kinder stehen um 6:30 Uhr auf und wenn ich möchte, kann mit ihnen aufstehen, ohne kotzen zu wollen.

Du hast auch geschrieben, dass du jetzt nicht mehr wie eine "süß-saure Barmatte" stinkst. Wie riechst du denn jetzt?
Wie ein nüchterner Mensch? [lacht] Sobald ich mit dem Trinken aufgehört habe, habe ich sofort gerochen, wenn jemand auch nur ein Bier intus hatte. Ich dachte mir nur: "Oh Gott, habe ich so gerochen?" Ich schätze, ich rieche jetzt einfach nach meinem Waschmittel.

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