Kindesmissbrauch

Eine deutsche Sekte wandert aus, um ihre Kinder weiter schlagen zu dürfen

In Tschechien ist die körperliche Züchtigung von Kindern nicht verboten. Ein Sektenaussteiger und ein Kriminologe haben uns erzählt, was den Kindern dort droht.

von Christine Kewitz & Daniel Frevel
09 Jänner 2017, 7:30am

Foto: Justin Connaher I Flickr I CC BY 2.0

Die Liste der Verbrechen der Sekte gegen ihre eigenen Kinder ist lang: Zum ersten Mal auffällig wurden die Mitglieder der Zwölf Stämme vor zehn Jahren, als klar wurde, dass sie ihre Kinder nicht zur Schule schickten. 2013 deckte ein Reporter auf, warum: Die Sekte versucht, ihre Kinder durch Prügel zum Lernen zu bringen. Der Journalist hatte sich in den Hauptsitz der Sekte im bayerischen Klosterzimmern eingeschlichen und gefilmt, wie eine Mutter ihren Sohn mit dem Rohrstock züchtigt. Die bayerischen Behörden brachten daraufhin 24 Kinder der Glaubensgemeinschaft in Einrichtungen und Pflegefamilien unter. 

Wie das Jugendamt des Landkreises VICE mitteilte, "durfte ein Großteil der Kinder aufgrund von Gerichtsentscheidungen oder auch wegen Erreichen der Volljährigkeit wieder zu den Eltern zurück. Aktuell sind noch sieben Kinder in Pflegefamilien untergebracht."

Im vergangenen Jahr wurde auch eine Lehrerin der Zwölf Stämme verhaftet, die bei Fehlern oder Stottern zur Rute griff. Bis zu achtmal am Tag wurden die Kinder geprügelt, ergaben die Ermittlungen.

Doch die Sekte will sich ihren Lebensstil nicht verbieten lassen und suchte nach Auswegen. Diese heißen Belgien, Frankreich oder Tschechien. All diese Länder haben die UN-Kinderrechtskonvention zwar unterzeichnet, im Gegensatz zu Deutschland gibt es dort allerdings keine Verbote, die das Schlagen von Kindern zu Erziehungszwecken unter Strafe stellen.

Die Gruppierung in Klosterzimmern beschloss, eben nach Tschechien umzuziehen. In der Nähe von Prag sind nun auch die letzten Mitglieder der bayerischen Abspaltung der Zwölf Stämme angekommen. Einer ihrer Wohnorte befindet sich in Msecke Zehrovice, möglicherweise gibt es noch weitere.

Der Grund für den Umzug liegt auf der Hand, sagt der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer, der sich auf Forschungen zur Prügelstrafe in aller Welt spezialisiert hat, zu VICE: "Die Zwölf Stämme haben sich ein Land mit konservativen Werten gesucht, in dem das elterliche Züchtigungsrecht nicht verboten ist. Dazu kommt, dass die Behörden bei religiösen Organisationen sehr zurückhaltend sind und somit fast keine Überwachung stattfindet. Perfekt also für diese evangelische Freikirche, um ihre alttestamentarischen Züchtigungsmethoden anzuwenden", sagt Pfeiffer. In Tschechien scheiterten bisher übrigens alle Versuche, die Prügelstrafe abzuschaffen—am Widerstand der Eltern.

Kriminologe und Experte für Züchtigung Professor Christian Pfeiffer | Foto: imago | Müller-Stauffenberg

Das Jugendamt des Landkreises sieht die Abwanderung "mit Sorge". Die bayerischen Jugendbehörden hatten vor zwei Jahren eine interne Warnung an die betreffenden europäischen Länder geschickt, in der sie mitteilten, dass in Deutschland strafrechtliche Schritte gegen die Zwölf Stämme vorgenommen wurden und die Gemeinschaft ihre Kinder körperlich züchtigt. Was das außer der notwendigen Information gebracht hat, weiß jedoch niemand.

Robert Pleyer hat über 20 Jahre bei den Zwölf Stämmen gelebt, zusammen mit seiner Frau dort Kinder bekommen und diese zunächst auch nach den Regeln der Sekte erzogen. "Ich finde es gefährlich, dass die sich durch die neuen Freiheiten weiter verbreiten werden und auch von dem sehr grenznahen Standpunkt in Tschechien wieder versuchen werden, in Deutschland zu missionieren", sagt der Aussteiger zu VICE. "Auch wirtschaftlich könnten sie sich im Nachbarland wieder festigen. Bisher hat die Sekte einige Baufirmen besessen, die Solarpanels installierte."

Aussteiger Robert Pleyer | Foto: Wolf Heider-Sawall

Für Pleyer ist der Sekten-Umzug ein sehr emotionales Thema: "Die Kinder können sich nicht entwickeln, keine freien Menschen werden und kein eigenes soziales und emotionales Leben aufbauen. Wenn ich jetzt an die Kinder denke, die nach Tschechien gehen, tut mir das weh."

Pleyer verließ die Gemeinschaft, weil er seine eigenen Kinder vor den kruden Vorstellungen bewahren wollte. "Die Zwölf Stämme gehen davon aus, die gesamte Welt sei vom Satan besessen und nur bei ihnen ist Gott zu finden. Die Kinder sollen keinen Kontakt zur bösen Welt da draußen haben."

Kriminologe Christian Pfeiffer sieht genau in dieser gestörten Kindheit die Grundlage der Sekte: "Eine gewaltfreie Erziehung fördert den aufrechten Geist und den Widerspruchssinn. Daher ist die Prügelstrafe seit jeher ein beliebtes Mittel von autoritären, diktatorischen Organisationen—egal ob in Politik, bei der Arbeit oder in der Familie. So kommt es den Zwölf Stämmen durchaus zugute, dass sie mit der elterlichen Züchtigungsstrafe gebrochene, gehorsame Menschen erziehen."

Bei den Zwölf Stämmen liegen die Ruten überall aus. Sobald das Kind auch nur beim Gebet eine falsche Haltung einnimmt oder auf andere Weise nicht exakt den Anforderungen entspricht, wird es ins Nebenzimmer geführt und auf das nackte Gesäß geschlagen, schreibt der Ethnologe Manuel Steinert, der eine Woche in der Gemeinschaft verbrachte und das in einem Film dokumentiert hat.

Die Gemeinschaft sieht das natürlich anders. Die Sekte erklärt auf ihrer Website Prügel zum legitimen pädagogischen Mittel. "Kindererziehung ist ein tiefes und komplexes Thema." Das Schicksal Robert Pleyers zeigt, wie weit der Fanatismus der Sekte gehen kann: Seine Frau stieg zunächst ebenfalls aus, verließ ihren Mann und ihre Kinder jedoch wieder, sagt der nun alleinerziehende Vater. "Sie sagte 'Ich gehe zu Gott' und entschied sich gegen ein Leben mit ihren Kindern. Ihre Liebe zu Gott war größer als zu ihren eigenen Kindern. Sie lebt nun wieder bei den Zwölf Stämmen."

Die deutschen Jugendämter sind nicht mehr für die Kinder zuständig. Was nun mit ihnen in Tschechien geschieht, können sie nicht mehr kontrollieren. Sie sind auf sich selbst gestellt.

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