10 Fragen an einen Alkoholiker, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Wie viel hast du an einem Tag getrunken? Wem hat deine Sucht am meisten wehgetan? Welches Getränk vermisst du am meisten?

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25 April 2017, 9:54am

Knapp 735.000 Menschen in Österreich konsumieren Alkohol in gesundheitsschädlichem Ausmaß Rund die Hälfte dieser Menschen gilt als abhängig. Murat, 37, war über 20 Jahre einer von ihnen. Im Schnitt trank er eine halbe Flasche Wodka am Tag, später kamen Kokain, Valium und Tramadol dazu. Wie viele andere Alkoholiker sah Murat jahrelang nicht ein, dass er krank ist. Erst als er bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA) war, gestand er sich ein, dass er süchtig war. Lange schien es, als habe Murat seine Zukunft unter Kontrolle. Er war schon mit Mitte 20 Barbesitzer, jetzt hat er ein Restaurant in Berlin. Murat ist nicht sein echter Name – er will nicht, dass die Vergangenheit sich auf sein heutiges Leben auswirkt.

Auch wenn Alkoholiker häufig den Anschein erwecken, als hätten sie ihr Leben im Griff, endet die Sucht für viele tödlich. Pro Jahr fallen in Österreich rund 8.000 Menschen dem Alkohol zum Opfer. Zum Vergleich gab es letztes Jahr nur etwas über 400 Verkehrstote.

Murat – mittelgroß, muskulös, die Haare von Grau durchzogen – treffen wir in einem Café. Er wirkt souverän, aber wenn er über das Trinken spricht, wird er nervös. Er sagt, dass er das Interview auch für sich macht – um zu lernen, offener mit seiner Sucht umzugehen.

VICE: Was ist das Schlimmste, das du anderen angetan hast, als du betrunken warst?
Murat: Ich habe mich oft geprügelt, weil ich mich stark gefühlt habe. Ich bin fremdgegangen. Ich habe Leute auf der Straße beschimpft und bedroht. Einmal habe ich in der Disko einen Türsteher verprügelt, der mich nicht reinlassen wollte. Das Allerschlimmste war aber, dass ich meine Ex-Freundinnen geschlagen habe. Bei allen vier Frauen, mit denen ich vor meiner aktuellen Freundin zusammen war, war Gewalt im Spiel. Mit meiner jetzigen Freundin bin ich seit vier Jahren zusammen. Sie habe ich nie geschlagen.

Was war dein gefährlichster Rausch?
Einmal lag ich in der Badewanne und habe nicht nur getrunken, sondern auch Valium genommen und Koks gespritzt. Davon habe ich einen Paranoia-Anfall bekommen. Ich rannte nackt auf die Straße. Die Polizei brachte mich ins Krankenhaus. Wegen solcher Anfälle bin ich bestimmt sechs oder sieben Mal aus Fenstern gesprungen. Das Stockwerk war nie so hoch, dass es tödlich hätte enden können, aber ich habe mir dabei eine Wirbelfraktur geholt. 

Außerdem habe ich einen gefährlichen Autounfall gebaut: 2012 bin ich mit dem Auto in einen Bus reingeknallt, und als die Polizei kam, lief ich weg. Ich wollte unbedingt zu meinem Dealer, und als sie mich gejagt haben, bin ich in den Landwehrkanal gesprungen – im Winter. Sie haben mich rausgefischt und mit einem Kälteschock ins Krankenhaus gebraucht. Als der Psychologe sagte, dass er mich gern für einen Entzug da behalten würde, habe ich nur gesagt: Du spinnst, ich bin doch nicht süchtig. Dass ich süchtig bin, habe ich erst vor acht Wochen eingesehen, als ich bei den Anonymen Alkoholikern anfing.

Alle Fotos: Grey Hutton

Was war die größte Menge, die du an einem Tag getrunken hast?
Eine Flasche Wodka. Aber angefangen hat alles mit einem Bier. Ich war damals 13 und sehr schüchtern. Ein Mädchen, das ich toll fand, und ihre Freunde luden mich zum Biertrinken ein und ich habe mich schon nach einer halben Flasche in dieses Gefühl verliebt. Ich war gesprächig, alle meine Ängste waren plötzlich weg. Danach hing ich nur noch mit Leuten ab, die getrunken haben. Ich habe jedes Wochenende gesoffen, bis entweder kein Alkohol mehr da war oder ich gekotzt habe. 

Mit 14 habe ich mich dann das erste Mal geprügelt und wurde straffällig. Meine Eltern sahen irgendwann keine Lösung mehr, als mich auf ein religiöses Internat in der Türkei zu schicken. Es war genauso, wie man es sich vorstellt: Ordnung, Zucht, Schläge, morgens um fünf aufstehen und beten. Ich war unglücklich und kam nach einem Jahr zurück nach Deutschland. Alkohol trank ich danach nur noch am Wochenende. Mit 18 fing ich mit exzessivem Sport an, bis ich irgendwann fitnesssüchtig wurde. Mit 19 habe ich wieder jeden Tag getrunken, bin aus meiner Ausbildung zum Bürokaufmann geflogen. 

Danach habe ich mich aber aufgerappelt, habe eine Fachausbildung für Systemgastronomie gemacht, eine Bar eröffnet. Leute denken, Alkoholiker sind die, die auf der Straße schlafen. Aber es sind oft Leute, die funktionieren. Tagsüber hatte ich mein Leben im Griff, abends habe ich gesoffen.

Welches Getränk ist bei Alkoholikern am beliebtesten?
Wodka. Den kann man einfach mischen, er hat wenig Eigengeschmack und man kann ihn auch pur gut trinken. Das gibt einen schnellen Kick gibt. Außerdem ist Wodka relativ günstig.

Welches Getränk vermisst du am meisten?
Den Wein zum Essen. Das war ein schönes Ritual.

Wem hast du mit deiner Sucht am meisten wehgetan?
Meinen Ex-Partnerinnen. Alle haben unter meiner Krankheit gelitten. Sie wollten mir helfen, aber schienen mit der Zeit immer trauriger und lustloser. Menschen, die mir am nächsten waren, habe ich am meisten geschadet. Als Jugendlicher habe ich mit meinen Eltern gestritten, habe zu Hause Dinge kaputtgeschlagen. Meine jetzige Freundin nahm in der Zeit, als ich mit meiner Sucht sehr zu kämpfen hatte, viel ab. Wenn ich getrunken habe, habe ich ihr schreckliche Vorwürfe gemacht, habe versucht, sie zu kontrollieren. Aber sie ist bei mir geblieben, weil ich auch gute Phasen hatte – und sie gehofft hat, dass ich meine Sucht unter Kontrolle kriege.

Was hat deine Sucht für immer kaputtgemacht?
Körperlich habe ich bis auf einen Abszess vom Spritzen und der Wirbelfraktur nicht wirklich Schäden davongetragen. Mental kämpfe ich jetzt aber mit den Ängsten, die ich davor weggetrunken habe. Die Angst vor wirtschaftlicher Unsicherheit. Oder die Angst, dass ich alleine bin.

Was vermisst du am Alkohol?
Diese Wärme im Magen und das Gefühl, dass du mit jedem quatschen kannst. Wenn ich trinkende Menschen in einer Bar sehe, beneide ich sie schon. Aber Alkoholismus ist chronisch. Wenn ich erneut zum Alkohol greifen würde – auch, wenn es nur eine Praline ist –, würde sich der Rückfall langsam aufbauen. Viele trockene Alkoholiker kommen irgendwann nicht mehr in die AA-Meetings, denken, ihre Krankheit sei geheilt. Dann gönnen sie sich hier und da mal ein Glas Wein. Das kann auch eine Zeit lang gut gehen. Der Rückfall kommt aber im Endeffekt doch heftiger, als viele denken.

Woran berauscht du dich heute?
Ich berausche mich nicht mehr. Stattdessen meditiere ich und bete. Und ich genieße wieder die Sonne. Als ich viel getrunken habe, hat sie mich genervt. Ich gehe auch aus, aber eher in Shisha-Bars ohne Alkohol. In Clubs traue ich mich noch nicht.

Findest du, Alkohol sollte verboten werden?
Nein. Nicht jeder ist ein potenzieller Alkoholiker. Die meisten können damit besser umgehen als ich. Ich habe schon als Teenager gemerkt, dass ich anders trinke als meine Freunde. Die haben irgendwann Schluss gemacht, während ich immer tiefer hineingerutscht bin.

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