literatur

Texte von Männern, für die sie keinen Shitstorm bekommen haben

"Dann überlege ich mir, dass ich sie eigentlich lieber totficken würde. Ich werde aus dem Bett ein Meer aus Därmen, Lungen, Nieren, Blut und Scheiße machen."

Hanna Herbst

Hanna Herbst

Foto: Shutterstock, Collage: VICE Austria

Sie hätten im Urlaub gekifft, schrieben die drei Autorinnen Maria Hofer, Lydia Haider und Stefanie Sargnagel im Standard. In einem weiteren Absatz schreibt Sargnagel, der Kölner Bahnhof habe zu viel versprochen. Aber bei diesem Absatz war endgültig Schluss mit lustig:

"Lydia ist die einzige Vegetarierin der Gruppe, aber im Unterschied zu den anderen VegetarierInnen, die ich kenne, ist sie es nicht, weil sie Tiere liebt, sondern weil sie Tiere zutiefst hasst. Heute hat sie eine Babykatze zur Seite getreten mit der Behauptung, sie habe Tollwut, danach biss sie selbstzufrieden in eine vegetarische Crêpe."

Was danach passierte, weiß mittlerweile vermutlich jeder, der sich auch nur annähernd für Literatur, Twitter, die Kronen Zeitung, die FPÖ oder Nacktfotos interessiert. Nach mehreren Artikeln der Krone, in der vor allem Stefanie Sargnagel als kiffende, willige Schundautorin dargestellt und ihr Wohnsitz veröffentlicht wurde, bekam die Autorin Drohungen und Anfeindungen – auch von bekannten Österreichern. Krone und FPÖ schienen sich auf sie eingeschossen zu haben. Es schien schnell nicht mehr nur um die Aussagen der Autorinnen zu gehen, sondern darum, diese Frauen zum Schweigen zu bringen.

Vielleicht sollte man sich die Sätze noch einmal durchlesen und in Relation zu dem setzen, was danach alles passiert ist. Die Journalistin und Autorin Corinna Milborn veröffentlichte am Wochenende einen Ausschnitt aus dem Text von Arnon Grünberg, der in derselben Ausgabe erschien wie das Reisetagebuch der drei Autorinnen ("Dann überlegte ich mir, ob ich sie lieber totficken würde"). Der Text wurde von niemandem aufgegriffen und kritisiert.

Kunst darf von Mordfantasien handeln. Blut und Eingeweide können zu Kunst gemacht werden.

Und zu Recht: Beide Texte sind Kunst. Kein Aufschrei und keine Kampagne gegen die Urheber und kein Skandal sind genau die Reaktionen, die dabei angemessen wären. Denn eigentlich leben wir in einem Land, in dem Kunst ihre Freiheiten genießt. Kunst darf von Mordfantasien handeln. Blut und Eingeweide können zu Kunst gemacht werden.

Die Freiheit von Kunst ist in der Verfassung festgehalten und auch wenn die Krone manchmal ihre eigenen Regeln aufzustellen versucht, ist die Kampagne gegen u.a. Sargnagel eindeutig zu weit gegangen. Den Mob, der daraufhin auf die Autorinnen losging, hätte das Marokko-Tagebuch vermutlich in keiner Weise gestört, wenn die Krone ihm nicht Fackeln und Mistgabeln in die Hand gedrückt und auf die zu Verfolgenden gezeigt hätte.

Um zu zeigen, wie hier mit zweierlei Maß gemessen wird, haben wir aus den vergangenen Jahren ein paar Sätze von (hauptsächlich österreichischen) männlichen Autoren zusammengetragen, die nicht zu einer Hasskampagne von Krone geführt haben. Oder dazu, dass ihre männlichen Urheber Morddrohungen bekommen haben. Oder dass in der auflagenstärksten Zeitung des Landes ihre Adresse veröffentlicht wurde. Oder dass die männlichen Autoren deswegen als "willig" bezeichnet worden wären. Und wie gesagt: Das ist auch gut so. Denn genau so sollte es sein. Aber diese Freiheit muss für alle Künstler gelten. Und – schlimm, dass man es betonen muss – eben auch für alle Künstlerinnen.

Arnon Grünberg in Im Schlachthaus: "Im Hotel wartete meine Verlobte auf mich. Inmitten der Blutlachen fasse ich den Entschluss, mit ihr Schluss zu machen. Dann überlege ich mir, dass ich sie eigentlich lieber totficken würde. Ich werde aus dem Bett ein Meer aus Därmen, Lungen, Nieren, Blut und Scheiße machen. Ich war noch nie so geil wie im Schlachthaus."

Thomas Glavinic in Der Jonas-Komplex: "Obwohl, ja, stimmt durchaus, die Vorstellung, jemanden als Sexsklaven zu halten und langsam zu Tode zu foltern, hat etwas. Ich male mir das gerade ziemlich erregend aus. Zum Glück weiß ich, dass das Crystal an diesen Phantasien schuld ist."

"Ich lege mich zu ihr. Sie bläst mir einen. Ohne entscheidenden Durchbruch. Irgendwie schaffen wir es dann doch. Während ich in einem etwas verkrampften Rhythmus in sie hineinstoße, schwitze ich, ich schwitze Schnaps und Koks." "

Michael Köhlmeier in Die Abenteuer des Joel Spazierer: "Weißt du eigentlich, wie viele Neger in Wien leben? Mehr! Viel mehr! Die drängen aus dem schwarzen Kontinent herauf, ficken unsere Frauen, schlagen unsere Männer mit den Riesenschwänzen tot, bildlich gesprochen."

"Ich träumte, ich wäre ein Bär und schlüge die Polizisten tot und schleppte sie in meine Höhle und verzehrte sie dort mitsamt ihren Kleidern ... Die Köpfe meiner Beute waren wie Bälle, ich spielte mit ihnen, schubste sie zwischen meinen Pranken hin und her, und als ich keinen Sinn mehr dafür hatte, schmetterte ich sie gegen die Wand."

David Schalko in Altes Geld:
"Jakob liegt auf Kerstin und versucht anal in sie einzudringen.
Jakob: Für mich sehr viel. Wenn du mich liebst –
Kerstin: Dann was? Dann lass ich mich in den Arsch ficken?
Jakob: Bitte sag nicht ficken.
Kerstin: Dann sag ich halt pudern."

Manfred Klimek im Wiener: "Ich habe in meinem Leben so gut wie jede Droge ausprobiert. Außer Crack. Ich hielt mich bis gestern für eine Person, die mit allem einfach aufhören kann. Mit dem Rauchen (1985), mit dem Trinken (nie), mit Koks (vorgestern). Ich hab Heroin probiert und festgestellt, dass das Zeug einen glücklich und asozial macht."

"Ja, ich gestehe: Ich bin wieder rückfällig geworden und habe auch diesen Artikel 'voll auf Koks' geschrieben."

Manfred Rebhandl in Das Schwert des Ostens: "... also sagte ich: 'Das riecht mir verdammt nach angeschissenen Windeln. Ist es vielleicht wegen der späten Mütter mit ihren Sacktitten ...?'"

Wolf Haas in Silentium!: "... während er seine Eingeweide entleert hat, direkt auf den Boden, aber vom Reinlichkeitsstandpunkt kein Problem, weil der ganze Boden war sowieso über und über voller, wie soll ich sagen: Eingeweide. Das war die reinste Schlachtplatte aus zwei Personen. Aber bei Schlachtplatten kann man sich oft furchtbar täuschen. Weil im Gasthaus reicht die Schlachtplatte für eine Person meistens für zwei Personen, und die Schlachtplatte für zwei Personen reicht oft für vier Personen! Jetzt hat der Brenner erst bei näherem Hinsehen bemerkt, dass es sich nur um eine einzige Leiche handelt."

Christoph Ransmayr in Cox: Oder der Lauf der Zeit: "In das Schmerzgebrüll, das mit der aus einem seltsam leeren, plötzlich einem Totenschädel ähnlichen Gesicht hervorsprudelnden Blutquelle einsetzte – und mit den weiteren Schritten des Scharfrichters, seinen Verbeugungen und immergleichen Schnitten von Pfahl zu Pfahl anwuchs und schließlich ohrenbetäubend wurde, mischte sich da und dort aufkommendes und lauter werdendes Gelächter."

Arno Geiger in Selbstporträt mit Flusspferd: "Die orangegelben Augen des Uhus mit den schwarzen Pupillen waren riesig und glotzten mit einem schrecklichen Ausdruck ins Leere. Während ich das Tier zur Tötung vorbereitete, wussten wir beide nicht, was reden."

Elias Hirschl in Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt: "Unterdessen benutzte der Mann das Rohr dazu, um auf das Baby einzuschlagen ... Klaras Kehle entkamen nun keine Worte mehr, sondern nur noch ein schwaches Stimmrinnsal der Verzweiflung, das immer weniger wurde und schließlich mit dem letzten Wimmern des Babys erstarb, als der Mann mit seinem letzten Schlag den Kopf des Kindes traf. Mit leblosen Augen starrte die Mutter ihr Kind an und war außerstande, ihren Kopf von dem roten schleimigen Loch abzuwenden, das nun an der Stelle klaffte, wo noch vor wenigen Sekunden das Gesicht ihres Sohnes gewesen war. Der Mann mit dem Stahlrohr führte unterdessen einen Siegestanz auf, den er zuhause extra drei Stunden lang vor dem Spiegel geübt hatte, und der hipper Moves allemal nicht entbehrte, während er das tote Baby wiederholt fragte, wer denn jetzt der Führer sei, gefolgt von der Aussage, dass der Mann, der das Baby getötet habe, jetzt der Führer sei und nicht mehr das Baby, da es ja nun tot sei."

Thomas Glavinic in Der Kameramörder: "Wenn eine Katze mit ihrem Wurf auftauchte, nehme er die Tiere der Mutter weg und werfe sie mit aller Wucht gegen einen Baum, bis sie tot sind."

Hanna auf Twitter: @HHumorlos

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