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"Erst wenn ich wieder alleine zu Hause bin, wird alles wieder normal" – Wie Agoraphobie das Leben auf den Kopf stellt

Panische Angst vor der Außenwelt macht das Leben nicht gerade einfach. Wir haben mit einem Betroffenen über seinen Alltag gesprochen.

von Niccolò Carradori
30 Jänner 2017, 8:25am

Foto: S Kahn | Flickr | CC BY 2.0

Irrationale Angststörungen kennen die meisten von uns. Sie treten in zahlreichen Formen und Intensitäten auf. Eine spezielle Art ist die Agoraphobie, also die Angst vor der Außenwelt. Oft heißt es, dass man nie auf Menschen mit Agoraphobie trifft, weil die ihre Wohnungen nur im Notfall verlassen. In der Öffentlichkeit können diese Menschen nämlich Panikattacken und sogar physische Schmerzen bekommen.

Davide ist 32 Jahre alt, kommt aus Florenz und lebt nun schon seit über zehn Jahren allein in seiner Wohnung. Die verlässt er nur, um beim Bäcker im Erdgeschoss Brot zu kaufen. Davide hat furchtbare Angst davor, nach draußen zu gehen. Allein der Gedanke daran lässt ihn schon vor Furcht erstarren. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie sein Leben mit Agoraphobie aussieht.

VICE: Seit wann hast du Angst vor der Außenwelt?
Davide: Schon als Kind fand ich äußere Reize schlimm. Menschenmengen, laute Geräusche und helle Lichter – das alles verursachte bei mir fast schon körperliche Schmerzen. Als Teenager bin ich ganz normal auf Partys und in Clubs gegangen. Mit 18 hatte ich dann an belebten, öffentlichen Plätzen Panikattacken. Ich dachte, ich muss sterben, und nur der Gedanke an Abschottung half mir.

Nach der letzten Attacke sperrte ich mich bei mir zu Hause ein und ging einen Monat lang nicht in die Schule. Ich gewöhnte mich an dieses Leben und mit der Zeit kam mir die Außenwelt immer unzugänglicher vor. Während des Studiums lebte ich dann quasi wie ein Einsiedler und heutzutage bereitet es mir schon Probleme, zum Einkaufen raus zu gehen.

Wie wirkt sich die Agoraphobie auf deinen Alltag aus?
Ich verlasse kaum noch das Haus. Ich fühle mich nur wohl, wenn ich ganz früh morgens raus gehe. Ich wache gegen fünf Uhr auf, spaziere eine Stunde und hole mir dann beim Bäcker mein Frühstück. Es hat schon Monate gegeben, in denen der Bäcker abgesehen von meinen Verwandten und fünf Freunden die einzige Person war, mit der ich geredet habe.

Den Rest des Tages verbringe ich im Wohnzimmer oder in der Küche. Ich schaue Fernsehen, spiele Videospiele, esse, trainiere, surfe im Internet, lese und masturbiere.

Was passiert, wenn du in großen Menschenmengen oder auf öffentlichen Plätzen bist?
Ich weiß nicht, ob dir die Begriffe Derealisation und Depersonalisation etwas sagen, aber das sind Symptome der Panikattacken. Ich habe das Gefühl, nicht mehr Herr über meinen Körper zu sein. Ich bekomme Herzrasen und meine Hände werden taub. Mein Gehirn kommt mit meinen Gedanken nicht mehr klar und ich drehe durch. Erst wenn ich wieder alleine zu Hause bin, wird alles normal.

Wovon lebst du, wenn du nie aus dem Haus gehst?
Da habe ich echt Glück, weil ich nicht arbeiten muss. Ich bin Einzelkind und meine Eltern haben mir meine Wohnung geschenkt. Ihre anderen Wohnungen vermieten sie. Ich bin da eine Art Verwalter und sammle die Mieten ein. Davon lebe ich.

Hast du Beziehungen und Sex?
Als ich zum ersten Mal einen richtig schlimmen Schub durchmachte, war ich sogar in einer Beziehung. Die ging trotz der ganzen Umstände noch zwei Jahre weiter. Nach einer Weile wurde meiner damaligen Freundin aber alles zu viel. Und das verstehe ich total. Seitdem hatte ich noch zwei weitere kurze Beziehungen, aber die gingen schnell wieder in die Brüche. Wenn ich Sex haben will, rufe ich eine Prostituierte an. Sexarbeiterinnen, die Hausbesuche machen, sind schnell gefunden. Allerdings kosten sie etwas mehr. Das mache ich so vier- oder fünfmal im Monat.

Die Leute denken doch bestimmt ziemlich viel Unsinn von dir. Was nervt dich am meisten?
Ich finde es echt scheiße, wenn die Leute davon ausgehen, dass ich es mir "leisten kann", an Agoraphobie zu leiden. Als ob ich keine Lust hätte, mein Geld anderweitig auszugeben. "Wenn du Geld verdienen müsstest, dann würdest du auch rausgehen" – was soll das überhaupt heißen? Zu sagen, "es könnte viel schlimmer sein", hat noch nie etwas gebracht. Noch nie! Es gibt Hunderte Menschen, die Agoraphobie haben und arbeiten müssen. Und die leiden nicht weniger als ich. Wenn überhaupt, dann stopfen die sich mit Beruhigungsmitteln voll, um die einfachsten Sachen machen zu können. Ich kann froh sein, mich nicht in der gleichen Situation zu befinden.

Erzählst du den Leuten, die du kennenlernst, von deiner Angststörung?
Ja, die Phobie bestimmt mein Leben zu sehr, um sie nicht zu erwähnen. Ich fühle mich sicherer, wenn meine Bekannten von meinem Problem wissen. Deshalb machen ich da keinen Hehl daraus.

Hat dich die Agoraphobie verändert?
Vielleicht unterbewusst, aber definitiv, ja. Ich glaube, dass ich verständnisvoller geworden bin, weil ich das von anderen Menschen auch erwarte.

Hast du dich damit abgefunden, für immer so zu leben?
Ich habe ständig das Gefühl, dass es irgendwann einfacher wird und ich ein normales Leben führen kann. Es gibt ja auch Monate, in denen ich relativ locker Essen gehen, mich mit einem Freund treffen oder durch den Park spazieren kann. Ich darf jedoch nie die Kontrolle verlieren. Draußen analysiere ich ständig die Situation: Wie schnell komme ich nach Hause, falls ich eine Panikattacke bekomme? Diese Kontrollsucht werde ich wohl nie los. In den guten Monaten gehe ich auch immer zu meiner Therapeutin. Sie glaubt, dass es mir irgendwann auf jeden Fall besser geht.

Hast du deine Agoraphobie schon mal als Ausrede benutzt, um dich vor irgendetwas zu drücken?
Na klar. Ich hatte zum Beispiel keine Lust auf die Kommunion der Tochter meines Cousins. Da habe ich dann einfach eine Panikattacke vorgeschoben.

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