Illustration: Sarah MacReading

So hat mir mein Vulva-Tattoo dabei geholfen, mich beim Sex zu entspannen

Aufgrund körperlicher Makel bereitete es mir früher immer Sorgen, was Männer wohl denken, wenn sie sich "da unten" ans Werk machen. Diese Zeiten sind jedoch vorbei.

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16 November 2016, 8:00am

Illustration: Sarah MacReading

Illustration: Sarah MacReading

Seit meinem neunten Lebensjahr leide ich an einer Hautkrankheit, bei der sich die Schweißdrüsen in meinem Schritt verstopfen und entzünden. Ein Symptom sind dann eklige Pickel, die aufplatzen und meinen Intimbereich mit Eiter "verzieren". Die Ärzte mussten sogar schon eingreifen, weil die Pickel teilweise so groß und schmerzhaft waren, dass ich weder laufen noch andere normale Aktivitäten machen konnte. Man könnte diese Vertreter auch als Pickel auf Steroiden bezeichnen. Mein Dermatologe schnitt die entzündeten Bereiche dann immer auf und nähte sie wieder zu.

Viele Frauen hassen ihre Vulven, aber dank meiner Krankheit habe ich meine als Kind und Jugendliche für besonders schlimm gehalten. Schon während meiner Schulzeit war mein Intimbereich wegen der vielen OPs von Narben gezeichnet.

Zusätzlich zum ganzen Narbengewebe muss ich mich auch noch mit übergroßen Schamlippen herumschlagen. Aufgrund dieser Kombination machte sich in meinem Kopf die Vorstellung breit, dass mein Geschlechtsteil zu groß und zu zerstört sei, um in einem sexuellen Kontext attraktiv zu wirken. Das war noch vor meinem ersten Kuss. Und diese Annahme sollte mich in den Folgejahren auch nicht loslassen.

Als ich dann endlich bereit war für Sex, wusste ich nicht, wie die Männerwelt auf meine dicken Schamlippen und die Narben reagieren würde. Eine meiner Tanten gab mir den Tipp, das Licht zu dimmen. Meine beste Freundin schlug vor, potenzielle Bettpartner besser vorzuwarnen, bevor sie sich "da unten" ans Werk machen. Und eine andere Freundin meinte, dass ich die Typen vorher "einfach nur abfüllen" müsste.

Ich erzählte einem sehr verständnisvollen und offenen Jungen von meiner Jungfräulichkeit und ließ dabei keinen Zweifel an meinen Intentionen offen. Wir kamen schließlich zusammen und nach Monaten des "Aufwärmens" fing ich an, die Pille zu nehmen, und wir probierten es. Dabei war kein Alkohol im Spiel und die Lichtverhältnisse waren uns in seinem sonnendurchfluteten Zimmer auch egal. Er schaute mir zwischen die Beine und zuckte nur mit den Schultern.

Kurz darauf hatte ich dann immer mehr Sex. Ein paar Männer sprachen mich dabei zwar auf die Narben an, waren aber eher neugierig. Niemand wollte es sich lieber noch mal überlegen und auch niemand schien sich davor zu ekeln. Ich glaube, dass das Aussprechen des Begriffs "Schweißdrüsenentzündung" mehr Ständer wieder abflauen lässt als die Krankheit selbst.

Dennoch hatte ich vorher fast ein Jahrzehnt darauf gewartet, das Narbengewebe endlich überdecken zu können. Und kaum war ich 18 Jahre alt, ließ ich mir auch schon ein Tattoo an die Vulva stechen. Ich war mir sicher, dass die Tintenkunst von meinen "schrecklichen Makeln" ablenken würde. Aus verschiedenen Gründen wählte ich Kirschblüten als Motiv. Damals wollte ich noch in die Politik und ich verband die ikonischen Blüten mit Washington, D.C. Und dann ist die Kirsche natürlich noch ein wundervolle Umschreibung für die Klitoris. Ich war jung, ich fand solche Zweideutigkeiten halt clever. Aber auch heute steht das Motiv für mich immer noch für Schönheit und die Zerbrechlichkeit des Lebens.

Wenn eine Frau ein Kirschblüten-Tattoo im Intimbereich hat, dann ist sie mit Sicherheit keine Jungfrau mehr.


In Wahrheit hatte ich jedoch nicht den Mut, eine Körperstelle für immer verzieren zu lassen, die für die ganze Welt sichtbar ist. Ich habe schon immer wie das "Mädchen von nebenan" ausgesehen. Ich finde es gut, dass mir deshalb fast alle Türen offen stehen. Für kurze Zeiträume kann ich in der Öffentlichkeit als süß und nett durchgehen. Mein spießiges Aussehen ist das Schild, das mich beschützt, wenn ich ein Risiko eingehe.

Im Bett habe ich jedoch eine Tätowierung zwischen meinen Beinen. Die Tinte ist eine heimliche Erinnerung daran, dass ich sowohl eine Rebellin als auch eine kleines Nervenbündel bin. Sie warnt davor, dass ich keine Lust darauf habe, irgendwelche Regeln zu befolgen. Sie ist ein körperliches Zeichen für die Tatsache, dass man mich nicht für immer haben kann. Wenn eine Frau ein Kirschblüten-Tattoo im Intimbereich hat, dann ist sie mit Sicherheit keine Jungfrau mehr.

Keiner meiner bisherigen Sexpartner hatte zu meiner Tätowierung mehr zu sagen als "Ich sehe da gar kein Narbengewebe", "Welches Tattoo?" oder "Wow, das war bestimmt schmerzhaft". Und die letzte Aussage stimmt sogar. Der Intimbereich ist ein sehr sensibler Teil des Körpers. Sich dort ein Tattoo stechen zu lassen, fühlt sich an, als würde man verbrennen. Die Schmerzen vergehen jedoch direkt, wenn der Tätowierer die Nadel absetzt. Nach wenigen Augenblicken beginnt der Körper damit, Adrenalin, Endorphine sowie andere Schmerzbetäuber auszuschütten und deshalb fühlt sich der ganze Vorgang manchmal sogar richtig gut an.

Immer wenn ich mein Intim-Tattoo auffrischen oder erweitern lasse, will ich danach mit meinem Auto herumrasen oder in der Öffentlichkeit Sex haben. Ich bin dann wie im Rausch. Aber ganz ehrlich: Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Brazilian Waxing schmerzhafter war als das Tätowieren. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Schamhaarentfernung kein Tabu darstellt und nicht so aufregend ist. Das Gehirn und Schmerzen sind eben komplizierte Dinge.

Ich bin mit Sicherheit nicht die einzige Person, die davon ausgeht oder ausging, aufgrund äußerlicher Makel nicht geliebt werden zu können. Ich entschied mich dazu, meinen Körper permanent mit Kirschblüten zu verzieren. Ich habe dabei das richtige Symbol für meinen Lebensstil ausgewählt, denn ich sprenge Grenzen und gehe Risiken ein. Das Leben ist zwar zerbrechlich, aber man sollte es auch nicht zu ernst nehmen. Und ich bereue meine Entscheidung nicht.