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„Die grösste politische Kraft“ unterstützt Ecopop

Eigentlich wollten die Ecopop-Initianten die JA-Parole der AUNS zwar gar nicht. Dafür ereiferten sich „Birkenstock-Rassisten" und SVPler fast bis zu den Tränen.

von Benjamin von Wyl
06 Oktober 2014, 10:31am



Alle Fotos von Diana Pfammatter

Die AUNS (Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz) ist sowas wie die rechte GSOA mit mehr Mitgliedern und einem historischen Abstimmungssieg auf ihrer Seite: Das Nein zum EWR-Beitritt 1992. In ihr versammeln sich Kalte Krieger, (ex-)Freiheits-, (ex-)Autoparteiler, Schweizer Demokraten, SVPler und ganz viele Leute, die Geranien auf ihren Balkons haben.

Als wir ankommen, redet schon SVP-Nationalrat Schwander für die Ecopop-Initiative und bringt sich zu einem ersten Höhepunkt mit: „Das Volk hat am 9. Februar Klartext gesprochen und gesagt: Das wollen wir nicht mehr. (...) Die Masseneinwande-ei-erungsinitiative wurde angenommen!"

Pirmin Schwander wird sich noch mehrfach verhaspeln, wenn er „Masseneinwanderungsinitative" sagt. Allgemein reden sich an diesem Samstag viele—meist weniger prominente—Sprecher in Rage, so dass hie und da ein Redner bebt oder stottert. Schwander provoziert die erste von vielen Klatschfanfaren. Dann: „Ich meine: Uns hat niemand zu drohen. Einfach nur als Klartext: Uns hat niemand zu drohen!"

Der Unabhängigkeitsfetisch der AUNSler überlagert den üblichen SVP-Wirtschaftssprech, so hört sich Schwander teilweise wie ein Linker an: „Meine Damen und Herren, wir brauchen keine Firmen in diesem Land, die Gewinne privatisieren und Verluste der Öffentlichkeit zuschreiben. Das wollen wir nicht!" Applaus.

„Ich erwarte deshalb, dass Sie heute Ja sagen. Sie, die AUNS, als grösste politische Kraft im Land."

Dann darf der Grüne Luca Maggi zur Gegendarstellung ans Podium. Er sieht zwar nicht anders aus als der Durchschnitts-AUNSler, bringt aber so viele Prozentzahlen und Sachzwänge, wie es die „Birkenstock-Rassisten" (Eine rechtlich unbedenkliche Bezeichnung, schau hier und hier.) von Ecopop nicht besser könnten. „Schöne Rede!", sagt einer in der Reihe vor mir zu seiner Ehefrau. Geklatscht wird auch jetzt, aber ohne Begeisterung—eher wie nach der fünfzigsten Resolution an einem SP-Parteitag.

Nach ein paar Wortmeldungen, die dem zu Erwartenden an einer AUNS-Veranstaltung entsprechen, bringt AUNSler Werner Brem Aussagen, die für mich eine nie gehörte Radikalität haben. (Eric Weber und diverse PNOSler ausgenommen): „ ... Eine Untergrenze für Schweizstämmige: 70% Bevölkerungsanteil. Schweizstämmige sind für mich Leute, die bereits vor der Ölkrise 1974 in der Schweiz lebten ..."

Da gelte ich mit meinem Jahrgang 1990 also auch trotz Heimatort Sarnen nicht zu den Schweizstämmigen. Danke dafür. Die AUNSler klatschen. Derselbe Brem kritisiert nach dem Zwischenapplaus Ecopop für die „willkürliche, wenn auch vertretbare Zahl", die sie in den Raum stelle.

Die Weirdo-Parade geht weiter mit Werner Bühler vom Initiativkomitee von Ecopop: „Ich habe die Worte von Pirmin Schwander sehr genossen, aber bitte trotzdem, heute Stimmfreigabe zu beschliessen."

Der Herr von Ecopop hat Angst, dass die AUNS-Unterstützung mehr schade als helfe und möchte bei einer Ja-Parole gerne 250000 Franken von der AUNS. Die bekommt er ebenso nicht, wie die von ihm gewünschte Stimmfreigabe.

Dann kocht Ernst Merz über: „Da fliessen Milliarden in diese Sozial- und Asylindustrie. Die Profiteure sind die Grünen und die SP, die sich dann..."—Er wird von frenetischem Applaus unterbrochen. So lang und laut wie noch nie.—„an diesem Topf nähren. Und das sind diese Schmarotzer, meine Damen und Herren! Leben auf unseren Taschen. Und hier müssen wir den Hebel ein ... Äh, ansetzen."

Während dem Abschlussvotum von Schwander darf der Radiowecker von Vorvorredner Werner Brem sicher eine halbe Minute im mitgebrachten Plastiksack klingeln. Trotzdem dringt Schwanders tiefe Weisheit durch: „Wenn in Bern unter jeglichem Niveau gegen eine Initiative gewettert wird, ist das ein Warnzeichen. Dann können Sie eigentlich ohne gross den Text noch zu lesen, mit gutem Gewissen Ja sagen."

Damit hat Nationalrat Schwander Erstaunliches geleistet: Nämlich die Lyrics vom Ärzte-Song „Der Rebell" („Ich bin dagegen ...") in eine rechte politische Rede übersetzt. Nach viel Geklatsche unterstützt die AUNS Ecopop schliesslich mit 315 zu 52 Stimmen. Stimmenzähler sind übrigens JSVP-Originale wie Thomas Fuchs und Erich Hess.

Die nächste Stunde gehört der Goldinitiative der SVP. Eigentlich ein langweiliges Thema, aber hier scheinen einige von Ron Paul'schem Unabhängigkeitsfetisch getrieben, dass die Gefühle schnell hochgehen. Ein Typ schreit unangemeldet rein: „Remember Thomas Jefferson! Alles verschuldet! Die ganze Welt verschuldet!

Jetzt will man uns das Gold nehmen, den einzigen Wert, den man noch hat, seit Tausenden von Jahren ... Und ihr lasst euch von den Medien so bescheissen! Verarschen!" Er schreit noch eine Weile ohne Mikrofon weiter. Manchmal unterbrochen vom verkabelten Lukas Reimann: „Tschuldigung, aber man hört Sie nicht." Der supportende Störer bringt etwas Abwechslung, aber eigentlich möchte ich nur noch Nigel Farage sehen.

Vor Farage darf ich mir in der Pause noch eine Gratis-Weltwoche mitnehmen. Für die Ausgabe vom Compact-Magazin mit Blocher-Interview müsste ich aber acht Franken zahlen. Immerhin wird mir ein Anmeldecoupon für „die wichtigste Konferenz des Jahres" und ein „Manifest für ehrlichen Journalismus" mitgegeben. Jürgen Elsässer ist nicht hier, aber immerhin seine Schweiz-Redakteurin.

Nach weiterem Klatschen und Hand aufheben begrüsst Nationalrat Reimann Stargast Nigel Farage, den Präsidenten der UKIP (United Kingdom Independence Party), in ostschweizerisch inspiriertem Englisch.

Farage erzählt von den Schmetterlingen im Bauch, die er hatte, als er in Zürich aus dem Flugzeug stieg und realisierte: „I just left the European Union. I have to say to you: You lucky people!" Zielsätze wie „I want democracy and I want my country back from the European Union!" provozieren gewohnt-tosenden Beifall und Farage ist polite-populistisch wie in seinen Youtube-Videos (Farage: „I'm very grateful to the invention of Youtube.").

Farage hatte sichtlich Freude, der Rechtsaussen-Schweiz die Welt zu erklären. Die besten Picks aus der Global- und Zeitgeschichte made by Farage in Winterthur folgen nächstens in einem separaten Post.

Zum Abschluss bekommt der UKIP-Präsident EU-freie Zigarren und EU-freien Schnaps. Für mich gibt es am Apéro eine Lachsroulade (Rechte Apéros sind die besten!). Beim Rausgehen grüsse ich noch meinen guten Freund Anian Liebrand. Tschüss!

Benj auf Twitter: @biofrontsau

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