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Wie es ist, als schwarzes Kind in Deutschland aufzuwachsen

„Schön war es bestimmt nicht, wenn man geschlagen, gehetzt und mit Schimpfnamen ‚N*' gerufen wird."

von Katja Musafiri
17 Februar 2016, 5:00am

Diese Texte sind zuerst in Spiegelblicke erschienen. Der Sammelband, wurde anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) herausgegeben.

Abena* liegt im Sand, genießt die Sonne und schaut ihren Freunden beim Buddeln zu. Auf dem Spielplatz und der angrenzenden Wiese wimmelt es von Kindern. Schwarze und weiße Kinder rennen, klettern, ­rutschen, streiten und lachen miteinander. Hier, in einem der sogenannten Multikulti-Bezirke Berlins, ist solch ein Bild heutzutage keine Seltenheit mehr.

In den 80er und 90er Jahren, als Abenas Mutter Carmen* aufwächst, ist das noch anders. Dieses ständige „Glotzen" auf der Straße war ihr unangenehm. „Ich hatte immer den Verdacht, dass die Leute mit einem bestimmten Blick auf mich geschaut haben. Aber gesagt haben sie nichts."

Carmen geht in Berlin-Zehlendorf zur Schule. Sie hat das Glück, mit dem einzigen anderen Schwarzen Kind der Grundschule zusammen eine Klasse zu besuchen. Kinder wie sie, die nicht dem gängigen Bild von „Deutsch gleich weiß" entsprechen, gibt es dort kaum. Später wechseln die beiden an unterschiedliche Schulen und Carmens neue Klasse besteht aus ausschließlich weißen Mitschüler*innen. „Diese Sichtbarkeit war immer spürbar, ich habe mich dadurch auch in meinem Körper nicht mehr wohlgefühlt", sagt Carmen. In der 7. Klasse habe sie eine richtige Phobie entwickelt und sich nicht mehr getraut, vor anderen Menschen zu sprechen. Das habe auch Auswirkungen auf ihre Schulnoten gehabt. Innerhalb eines halben Jahres fällt Carmen von der Note 1 in Mathe auf eine 4 ab. Sie solle doch Tänzerin werden, sagt der Lehrer.

Dass zu Rassismuserfahrungen häufig noch andere Diskriminierungsformen, wie Sexismus und Adultismus (Diskriminierung jüngerer Menschen) hinzukämen, mache es schwieriger einzuordnen, womit man gerade konfrontiert sei, sagt Manuela Ritz. Die Sozialpädagogin arbeitet als Trainerin gegen Rassismus und Adultismus – für das Empowerment von Menschen mit Rassismuserfahrungen. „In der Wissenschaft wird das Mehrfachdiskriminierung genannt oder Intersektionalität. Was da wirklich passiert, beschreibt aus meiner Sicht die Sozialwissenschaftlerin Christiane Hutson am besten, die zu Krankheits- und Behinderungserfahrungen von People of Colour arbeitet. Sie spricht von ‚mehrdimensionalen Verletzbarkeiten oder Verletzungen' ."

Carmen spürt, dass nicht nur die Hautfarbe sie von den anderen trennt. Sie ist bemüht, sich den Mitschüler*innen anzupassen – etwa über die Kleidung. Doch im reichen Zehlendorf trägt fast jedes Kind Markenklamotten, wofür ihre Eltern kein Geld ausgeben können und wollen. Sie versucht, möglichst wenig aufzufallen, glättet ihre Haare, die sie damals als störend empfindet, will sich so unsichtbar wie möglich machen. „Meine Eltern hatten Schwierigkeiten, mir einen adäquaten Umgang mit dem subtilen Rassismus zu vermitteln. Mit Relativierungen wie ‚Die schauen nur, weil du so hübsch bist' oder ‚Du bildest dir das ein' lenkten sie den Blick ab und auf andere Dinge", erzählt Carmen.

Ob solche Sätze hilfreich sind, den immer wieder erlebten Schmerz einzudämmen, sieht Manuela Ritz kritisch: „Dieses ‚Das war doch nicht so gemeint' kann Menschen mit Rassismuserfahrungen ein Leben lang beschäftigt halten, weil bei jeder erlebten Situation überlegt wird, wie der oder die andere die jeweilige rassistische Aussage, Geste oder Handlung wohl gemeint haben könnte." Dadurch würde sich nicht am eigenen Bezugsrahmen orientiert und die rassistische Handlung beim Namen genannt, sondern versucht, die spürbare Wirkung nicht zu fühlen. Gerade junge Menschen, die noch nicht gelernt hätten, ihre Gefühle auf diese Weise zu unterdrücken wie viele Erwachsene, seien deshalb viel näher am erlebten Schmerz dran. So war es auch bei Carmen: „Ich habe immer darauf bestanden, dass irgendetwas nicht stimmte. Dass da irgendwas nicht in Ordnung war", erinnert sie sich. Als Teenager liest sie die Bücher der afroamerikanischen Autorin Toni Morrison, die in ihren Romanen von den Schicksalen Schwarzer Menschen erzählt. Das ist bedeutsam für die Beschäftigung mit ihrem eigenen Schwarzsein. „Für mich war es wichtig, mich gespiegelt zu sehen", erklärt Carmen. Als 1992 die Ausschreitungen gegen Flüchtlingsheime in Rostock-Lichtenhagen Schlagzeilen machen, bekommt ihr Vater ein Jobangebot in Angola. Carmen will sofort mit. „Es gab überhaupt keine ambivalenten Gefühle beim Gedanken daran, Deutschland zu verlassen", erinnert sie sich. Damals erscheint es ihr wie ein Ausweg. Ihr Wissen um die deutsche Geschichte ist in jenen Tagen mit einem Gefühl der Bedrohung verbunden: „Ich hatte die diffuse Angst, dass das wieder passieren kann. Und auf welcher Seite ich gestanden hätte, wusste ich dabei immer", sagt Carmen. Die Familie bleibt jedoch in Berlin, während die Stimmung rauer wird. Nach dem Mauerfall 1989 erleben sie häufiger Anfeindungen, werden bespuckt und hören rassistische Gesänge von Neonazis im Bus. Carmen lernt schnell, wie sie diesen Gefahren ausweichen kann. Sie meidet die Orte, von denen sie vermutet, dass solche Dinge geschehen können. Zehn Jahre lang fährt sie nicht mehr durch den Osten des Landes.

„Ich habe oft von Schwarzen Menschen gehört, dass sie sich selbst als Kinder zunächst nicht als anders wahrgenommen haben, sondern, dass ihnen ihr vermeintliches Anderssein immer von außen angetragen wurde."

Dort wächst ungefähr zur gleichen Zeit Nicole auf. Sie lebt mit ihrer Mutter und den Großeltern in einem kleinen Ort in Brandenburg. Ihre Heimatstadt in der Niederlausitz gehört zum Siedlungsgebiet der Sorben, einem Volk, das in der Vergangenheit selbst Unterdrückung und Vertreibung erlebte. Sie vermutet, dass es deshalb dort ein Grundverständnis für ihre Situation gab. Im Ort begegnet man ihr mit Interesse, erkundigt sich, ob sie in ihrem Alltag häufig mit Rassismus zu kämpfen hätte. Diese negativen Erfahrungen macht sie vor allem außerhalb ihres Wohnortes. Beispielsweise in Sachsen, wo sie häufiger zu Besuch bei Verwandten ist. „Dort haben sich auch Erwachsene erlaubt, blöde Sprüche gegenüber Kindern zu machen", erinnert sie sich. Das eine Mal war es in einem Restaurant, als sie etwa sechs Jahre alt war: „Genau weiß ich nicht mehr, was gesagt wurde, aber es muss so erniedrigend gewesen sein, dass ich danach nie wieder in eine Gaststätte gehen wollte." Aber auch beim Eintritt in den Kindergarten ist sie dort ständigen Hänseleien ausgesetzt. Nicoles Mutter bemerkt die Probleme frühzeitig und das Mädchen wechselt in eine andere, eine evangelische Einrichtung, in der es in ihren Augen besser wird.

„Ich habe oft von Schwarzen Menschen gehört, dass sie sich selbst als Kinder zunächst nicht als anders wahrgenommen haben, sondern, dass ihnen ihr vermeintliches Anderssein immer von außen angetragen wurde, meist von anderen Kindern", weiß Manuela Ritz aus ihren Seminaren. Oft werde diese Art des sogenannten Othering als eine schwierige Herausforderung – wenn nicht gar traumatische Erfahrung empfunden. „In solchen Momenten wird die eigene bisher nicht als wichtig erachtete Hautfarbe mit meist negativer Bedeutung aufgeladen ", so Ritz.

Wenn Schwarze Kursteilnehmer*innen von sich behaupten: ‚Ich bin anders ' , frage sie immer nach: ‚Anders als wer oder was?'‚ „denn Menschen, die von sich selbst sagen und glauben, dass sie anders sind, ist es wahrscheinlich beim Aufwachsen nicht ermöglicht worden, sich selbst als Maßstab zu nehmen", erklärt Ritz. Das zeige ihr, dass die mehrheitlich weiße Gesellschaft sich ihnen geradezu als eine Art übermächtiger Bezugsrahmen aufgedrängt habe.

Wie sich rassifizierte gesellschaftliche Umstände auf die Lebenswelten von Kindern auswirken, hat auch die Erziehungswissenschaftlerin und Professorin Maisha-Maureen Eggers untersucht. Fragen der Persönlichkeitsentwicklung spielen dabei eine große Rolle. In ihrer Dissertation zum Thema Rassifizierung und kindliches Machtempfinden stellt Eggers klar, dass eine von diskriminierenden Erfahrungen und Krisen gekennzeichnete Kindheit nicht unbedingt zu Identitätsproblemen führen müsse, wovon in den wenigen Studien, die zu dem Thema existieren, meist ausgegangen wird. Denn gerade wenn Kinder diese Situationen meistern, würden sie mehr Potenziale entwickeln, schlussfolgert Eggers in ihrer Arbeit: „Meines Erachtens stellt sich die Frage, ob eine erfolgreiche Bewältigung von rassifiziert besetzten Situationen zu einer grundsätzlich größeren Flexibilität in sozialen Handlungssituationen führen kann oder gar zu einer Herausbildung transkultureller Kompetenzen."

Ähnliches lässt sich bei Nicole beobachten. So lässt sie sich in ihrer Jugend häufig auf Diskussionen mit rechten Jugendlichen ein und versucht im Gespräch, deren kruden Argumente auszuhebeln. Vor der einzigen Diskothek des Ortes stehen in den 90er Jahren regelmäßig Schlägereien zwischen Neonazi- und damals sogenannten Hiphop-Gruppen auf der Tagesordnung. Angst bei diesen Prügeleien in den Fokus zu rücken, hat Nicole keine. „Man kannte sich ja auch und wusste, wer hat welche Gesinnung. Ich war da insgesamt erstaunlich gut eingebunden", sagt sie und lacht. Insgesamt habe sie sich durch eine große Zivilcourage in ihrer Umgebung geschützt gefühlt. Aber auch für sie sind die Anschläge in Rostock damals ein Thema. In dieser Zeit befürchtet sie, dass dieser allgemeine Hass sich hochschaukeln und es zu einer generellen Radikalisierung in der Bevölkerung kommen könne. „Ähnlich wie es jetzt in Dresden bei Pegida geschehen ist", sagt sie nachdenklich.

„Als ich als Teenie das Buch ‚Roots' von Alex Haley las, konnte ich plötzlich einiges besser verstehen. Da habe ich zum ersten Mal begonnen, Weiße zu hassen"

Eggers spricht in ihrer Dissertation vom Bewusstwerden einer Schwarzen Identität als Prozess, der in fünf Phasen abläuft. In der ersten Phase werde der Rassismus von den Betroffenen unreflektiert akzeptiert, das eigene Schwarzsein zurückgewiesen und sich an weißen Maßstäben und Werten orientiert, was zu Verwirrung, Wut und gespaltenen Gefühlen führen könne. In der zweiten Phase werde die Person durch eine Auslösersituation mit ihrem Schwarzsein konfrontiert und Brüche in der bisherigen Denkweise würden wahrgenommen. In der dritten Phase beginne eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst. Der Wunsch, Schwarze Erfahrungen zu begreifen, wachse. Oftmals werde das Schwarzsein idealisiert und alles Weiße verteufelt. Am Ende der dritten Phase folge auf die Wut gegen weiße Menschen eine Phase der Integration von vorher abgespaltenen Anteilen. Nach und nach entwickelt sich laut Eggers eine selbstdefinierte Schwarze Identität. Und schließlich werde das Schwarzsein auf selbstverständliche Weise zum Ausgangspunkt und Orientierungsziel des eigenen Verhaltens gemacht. Diese letzte Phase sei gekennzeichnet von einem selbstsicheren Auftreten, der Sensibilität für Unterdrückung und einer Verbundenheit mit unterdrückten Positionen.

Torsten kann sich noch sehr gut an seine Phase der Wut erinnern. „Als ich als Teenie das Buch ‚Roots' von Alex Haley las, konnte ich plötzlich einiges besser verstehen. Da habe ich zum ersten Mal begonnen, Weiße zu hassen", berichtet er. Er sei stolz gewesen, dass er Schwarz ist und nicht zu denen gehöre, die andere Menschen so schlecht behandeln. In dieser Zeit befasst er sich mit Schwarzer Geschichte, geht zur Gospel-Kirche und in die R 'n'B-Clubs der amerikanischen GI's. In Mannheim, wo er aufwächst, sind jahrelang amerikanische Streitkräfte stationiert. „Ich hatte nie das Gefühl der einzige Schwarze auf der Welt oder in der Stadt zu sein", meint Torsten.

Bei BBQs und deutsch-amerikanischen Volksfesten begegnet man sich. Seine Mutter hält private Kontakte zur afro-amerikanischen Community aufrecht. Außerdem hat er vier Brüder, sodass er das Gefühl der Isolation nicht kennt. Dennoch erinnert auch Torsten sich an verletzende Momente: „Schön war es bestimmt nicht, wenn man geschlagen, gehetzt und ‚N*' gerufen wird." Besonders schlimm war es, als das Sklavenepos ‚Roots' als Serie im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Da haben die anderen Kinder erst gemerkt, wie man mit Schwarzen auch umgehen könnte. Das haben sie auf mich und meine Brüder übertragen und uns sogar mit den Namen der Protagonisten bezeichnet", sagt Torsten. Manchmal frage er sich, wie es gewesen wäre, wenn er woanders aufgewachsen wäre – beispielsweise in den USA: „Wie wäre ich heute? Wäre ich anders?" Im Großen und Ganzen blickt der 48-Jährige trotzdem gern auf seine Kindheit zurück. Bei seinen beiden Söhnen achtet er darauf, dass sie die Gewissheit haben, dass die Eltern jederzeit für sie da sind, sollte etwas passieren. Aber das Thema Rassismus sei nicht dauerhaft präsent.

Vor einer Weile habe ihn ein älterer Junge angreifen wollen, aber der habe nicht damit gerechnet, dass Carlos zurückschubsen und ihn mit dem Rücken an die Wand drängen würde.

Die Stärkung von Kindern mit Rassismuserfahrungen gelingt vor allem mittels Wertschätzung, Vertrauen und Unterstützung, so die Anti-Rassismus-Trainerin Ritz. „Für uns Erwachsene geht es mehr darum zuzuhören, anstatt immer nur zu reden. Es geht darum zu verstehen und anzuerkennen, dass nur der junge Mensch, der Rassismus erlebt, sagen und definieren kann, was für ihn oder sie Rassismus ist. Denn Rassismus ist nicht erst, wenn Hakenkreuze an Wände geschmiert werden oder Klappmesser und Baseballschläger zum Einsatz kommen", sagt sie. Auch wenn in Büchern und Medien rassistische Worte und Geschichten verbreitet, wenn Menschen bewusst oder unbewusst mit rassistischen Zuschreibungen herabgewürdigt, wenn nicht-weißen Jugendlichen der Zutritt zu Clubs verwehrt oder wenn Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe ins Fadenkreuz der Polizei geraten würden. All das sei Rassismus.

Und der Alltag von Carlos zeigt, wie verbreitet dieser noch immer ist. Der 12-Jährige wächst in Gera auf. Seine Eltern stammen aus Mosambik und Kamerun. Seine Klassenkameraden sind alle weiße Deutsche. „Eigentlich versteht man sich gut. Aber es gibt auch ein paar, die stänkern wollen. Wenn ich mal eine falsche Antwort gebe, behaupten die, dass das ja zu erwarten war. Aber natürlich lasse ich das nicht auf mir sitzen", sagt er. Carlos ist selbstbewusst und das muss er auch sein. Wenn ältere Schüler sich an ihm im Treppenhaus vorbeidrängeln mit den Worten: ‚Mach doch mal Platz, du Scheißn*!' , muss er das selbst regeln. „Lehrer machen da nichts", weiß Carlos. Vor einer Weile habe ihn ein älterer Junge angreifen wollen, aber der habe nicht damit gerechnet, dass Carlos zurückschubsen und ihn mit dem Rücken an die Wand drängen würde. Ängstlich habe sein Angreifer Carlos gefragt, ob er ihn jetzt schlagen würde. Dessen Freunde hätten gelacht. „Von dem hab' ich nun nichts mehr zu befürchten", sagt Carlos.

„Wenn Rassismuserfahrungen als Schmerz- und Demütigungserfahrungen erlebt werden, kann es sein, dass Kinder beginnen, sich aktiv und körperlich zur Wehr zu setzen, zuweilen auch schon vorauseilend", erklärt Manuela Ritz. Wenn immer wieder erlebt werde, aufgrund der Hautfarbe oder Herkunft „blöd angemacht" zu werden, könne das dazu führen, ständig mit geballten Fäusten durchs Leben zu laufen und diese auch schnell zum Einsatz zu bringen. Oft werde dieses Verhalten nicht als Widerstand verstanden, sondern mit der vermeintlichen Herkunft assoziiert und die-/derjenige schnell als aggressiv oder verhaltensauffällig eingestuft.

Auch Carlos erzählt, dass die Mutter einmal in die Grundschule eingeladen worden sei, weil er angeblich unruhig sei und man die Befürchtung habe, dass der ältere Bruder ihm Drogen verabreichen würde. „Eine Unterstellung von größter Art" nennt Carlos dieses Vorkommnis und erklärt, dass er manchmal das Gefühl habe von Lehrer*innen „anders behandelt" zu werden: Erst vor Kurzem hätte ein Lehrer ihm eine 3 gegeben, obwohl er beim Vergleichen mit anderen Arbeiten festgestellt habe, dass die Antworten denen von Schülern mit besseren Noten ähneln. Zur Rede gestellt, blieb der Lehrer bei seiner Meinung und legte Carlos nahe, sich nicht an den anderen zu orientieren. Auf die Frage, wie er denn das Leben in seiner Heimatstadt findet, meint der Junge: „Es ist schon okay, aber es könnte auf jeden Fall besser sein."

*Namen geändert


Über den Band Spiegelblicke – Perspektiven Schwarzer Bewegung

Essays, Portraits, analytische Texte, Storytellings und Foto-Reportagen. Der Sammelband Spiegelblicke schafft einen Zugang zur Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland und ihrer Bewegung. Fünfzig Schwarze Autor*innen, Zeitzeug*innen und Portraitierte beschreiben und analysieren darin rassistische Strukturen in privaten und öffentlichen Räumen und dokumentieren Stationen der Identitätsfindung und des so genannten Empowerments (Selbstbestärkung). Es geht um ihre Erfahrungen in der NS-Zeit, die Geschichte des Kolonialismus und seine Reichweite in die Gegenwart - beispielsweise im Bildungs- und Rechtssystem, um selbstbestärkende Interventionen von Eltern, Lehrenden, Kulturschaffenden oder Medienmacher*innen und alltägliche (Lebens)-Geschichten Schwarzer Menschen in Deutschland. Verhandelt werden Themen wie Racial Profiling, die Rolle der Menschenrechte oder Refugee Activism. Auch bisher wenig behandelte Dimensionen von Diskriminierung wie Audismus (gegen gehörlose Menschen) werden im Buch sichtbar gemacht und zusammen mit der Frage, was es heißt, Schwarz und Queer, feministisch und lesbisch zu sein, werden auch intersektionale Perspektiven auf Schwarzes Leben eröffnet.

Es sind unterschiedliche Generationen und Stimmen, deren Blicke sich im Band (wider-)spiegeln. Sie machen deutlich, dass auch Räume, in denen Menschen Zuflucht vor alltäglicher Diskriminierung suchen, riskante Räume sein können. Dass es auch dort um Fragen nach Öffnung geht. 30 Jahre nach dem Erscheinen des bis heute wegweisenden Buches „Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte" präsentieren die Herausgeberinnen Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh einen Band, der die Entwicklungs-, Auseinandersetzungs- und Definitionsprozesse der Schwarzen Bewegung in Deutschland bis heute aufzeigt. Mit dem Ziel: ein leicht zugängliches und bleibendes Werk zu schaffen und damit ein breites Publikum anzusprechen. Ein Buch, das ermutigen, inspirieren und neugierig machen soll.