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Wir haben Burlesque-Tänzerinnen und Sexarbeiterinnen gefragt, wie man sich nackt richtig wohl fühlt

"Ja, es gehört zu meinem Leben dazu, mich auszuziehen, und ich fühle mich in meinem Körper wohl, aber gleichzeitig kämpfe ich auch mit Unsicherheiten und kultureller Konditionierung."

von Jesse Donaldson
25 Mai 2016, 11:05am

Titelbild: Lola Frost, wie sie sich augenscheinlich ziemlich wohlfühlt | Foto: bereitgestellt von David Denofreo

Wir haben alle etwas, das uns an unserem Körper nicht gefällt. Vielleicht bist du in deiner Jugend nie ohne T-Shirt ins Schwimmbad gegangen, oder dir sind in letzter Zeit all deine Hosen zu klein geworden. Körperliche Unsicherheit kann jederzeit zuschlagen und hat überraschend wenig damit zu tun, wie wir tatsächlich aussehen.

Dabei muss niemand Grünkohl-Smoothies pressen und 16 Stunden am Tag trainieren, um sich nackt gut zu fühlen. Und das weiß vielleicht niemand besser als Leute, die selbst viel Zeit im Adams- bzw. Evakostüm verbringen.

VICE hat sich mit einigen Leuten unterhalten, die sich beruflich ausziehen, und sie gefragt, was es denn eigentlich braucht, um erhobenen Hauptes und nackten Hinterns vor die Welt zu treten.

Foto: bereitgestellt von David Denofreo

Tristan Risk, Burlesque-Performerin

VICE: Was ist der Schlüssel zum nackten Wohlfühlen?
Tristan Risk: Es hat nicht so viel etwas damit zu tun, wie viele Kniebeugen oder Sit-ups du machst, oder wie viele Poledancing-Kurse du belegt hast. Sich nackt wohlfühlen hat damit zu tun, dass man sich selbst liebt und selbstbewusst ist. Ich fühle mich nackt selbstbewusst, und oft amüsiert es mich, dass meine eigene Nacktheit wiederum bei anderen dazu führt, dass sie sich unwohl fühlen.

Hast du dich schon immer so wohl in deiner Haut gefühlt? Oder hast du dich erst dahingehend entwickeln müssen?
Ich habe das Glück, dass ich schon immer so erzogen wurde, dass ich mich nicht für meinen Körper schämen soll. Meine Eltern haben mich früher mit an einen FKK-Strand genommen und Nacktheit war für mich etwas sehr Normales. Ich laufe immer noch liebend gern nackt herum. Meine Nachbarn finden das vielleicht teilweise mittelprächtig, aber ich habe mir zumindest noch nie Sorgen gemacht, dass jemand mich sehen und mich einzig aufgrund meiner Nacktheit dazu bringen könnte, mich verletzlich zu fühlen. Das erste Mal war ich vor Fremden komplett nackt, als ich in einem Zeichenkurs Modell saß, und seitdem empfinde ich es als eine besondere Verbindung, die zwischen mir und Anderen entsteht, wenn sie mich nackt sehen und mit ihrer Kunst (und später als Publikum) ihre Gefühle auf mich projizieren. Ich weiß, dass sich nicht alle so wohl fühlen wie ich, aber ich hoffe, dass ich Andere inspirieren kann, sich genauso glücklich und selbstsicher zu fühlen wie ich.

Gibt es einen Unterschied zwischen dem Nacktsein in der Öffentlichkeit und der privaten Nacktheit, also zu Hause oder mit einem Partner/einer Partnerin?
Ich glaube nicht, dass es da für mich einen Unterschied gibt. Ich hoffe, du würdest dich selbst auch nicht auf so eine Art aufteilen. In beiden Fällen teilst du deinen Körper mit anderen Leuten und bringst ihnen und dir selbst Freude. Ob du einen körperlichen Akt der Liebe oder einen Akt der Kunst ausführst, beides kommt aus einem sehr verletzlichen, persönlichen Teil von dir. Seine Wurzeln in diesem Teil zu finden, entfacht Selbstbewusstsein.

Machen wir uns als Gesellschaft zu viele Gedanken über unser Äußeres?
Ich glaube nicht, dass wir uns zu viele Gedanken über unsere Körper machen. Das Äußere mag zwar nicht alles sein, aber es ist ein Spiegelbild dessen, wer wir im Inneren sind.

Foto: bereitgestellt von Ninedoors

Carole Brunette, Stripperin/Burlesque-Performerin

VICE: Wenn ich mich auf der Bühne entblättern wollte, wie könnte ich vorher das nötige Selbstbewusstsein zusammenkriegen?
Carole Burnette: Es ist witzig—manchmal gehen wir davon aus, dass gewisse Menschen in diesem Bereich einfach völlig angstfrei sind. Wir tendieren dazu, das auf Andere zu projizieren und anzunehmen, dass sie mit sich selbst zufrieden sind. "Oh Mann, ich wünschte ich könnte meinen Körper so gut finden wie diese Person ihren." Ich muss lachen, weil wir das eigentlich nicht wissen können. Ja, es gehört zu meinem Leben dazu, mich auszuziehen, und ich fühle mich in meinem Körper wohl, aber gleichzeitig kämpfe ich auch mit Unsicherheiten und kultureller Konditionierung, genau wie alle Anderen.

Hast du ein Mantra, oder etwas, das du dir an Abenden sagst, an denen du dich nicht so auf der Höhe fühlst?
Ich habe nicht wirklich ein Mantra, aber ich habe das definitiv schon machen müssen, als ich mich nicht dazu bereit oder in der Lage gefühlt habe. Ich habe das Glück, dass mein Job flexibel ist—ich sollte an dieser Stelle anmerken, dass ich nur Privattänze und keine Bühnenshows mache, also muss ich mich an keinen Zeitplan halten. Hin und wieder ist es zum Lachen, weil wir uns einen richtigen Ruck geben müssen, wenn wir mit, na ja, dem offensichtlichen Problem zu kämpfen haben. Ich bin schon in winzigen weißen Outfits arbeiten gegangen, während ich den roten Drachen in Schach halten musste. Für Frauen wird es halt manchmal ernst, und du tust, was du tun musst.

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Ich schätze mich glücklich, dass ich mit so viel Nacktheit zu tun habe. Denn das erinnert mich daran, wie viele unterschiedliche Körper die Leute lieben. Die Leute lieben alle Formen. Alles ist normal. Alle haben irgendwo Zellulite. Und auch wenn ich selbst noch mit Perfektionismus kämpfe, sehe ich Andere an und sehe Dinge, die kulturell bedingt vielleicht als Makel gewertet werden, und mir fällt auf, dass alle irgendwo so etwas haben. Dabei handelt es sich also nicht wirklich um Makel, sondern eher um Vielfalt.

Das macht es auch einfacher, andere Menschen nicht zu idealisieren oder einzusehen, dass es den "perfekten" Körper eben nicht gibt.
Genau. Meine Kolleginnen, die Privattänze anbieten, kommen aus allen möglichen Altersklassen und besitzen die unterschiedlichsten Körper. Man vergisst schnell, wie nackte Menschen aussehen. Aus diesem Grund brauchen wir auch weiterhin Theater, Kunst, Burlesque-Shows, Stripclubs und exotische Tänze—weil wir dort mit echten Menschen interagieren und echte menschliche Körper sehen. Nichts wird beschönigt. Wenn ich mich vor einem Kunden ausziehe, dann versuche ich, mich immer daran zu erinnern, dass diesem Kunden gefällt, was er da sieht. Er sieht meinen Körper ja durch seine Augen und nicht durch meine. Deswegen bewertet er ihn auch anders. Irgendwie ist es so manchmal auch einfacher, mich vor anderen Menschen zu zeigen, als in den Spiegel zu blicken.

Velvet Steele, Domina

VICE: Wie wohl hast du dich in deinem Körper gefühlt, als du damit angefangen hast, dich vor anderen Leuten nackt zu präsentieren?
Velvet Steele: Am Anfang war das alles noch ein wenig problematisch. Es waren viele Operationen nötig, um mich zu der transsexuellen Frau zu machen, die ich heute bin. Deswegen fiel es mir nicht leicht, mich komplett zu entblößen, und ich habe meistens meine Unterhose anbehalten. Irgendwann dachte ich mir dann jedoch: "Was mache ich da eigentlich? Ich sollte stolz auf mich sein und mit meinem Körper prahlen!"

Es dauerte eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt hatte, nackt aufzutreten. Wenn man als professionelle Domina jedoch ein Problem damit hat, den eigenen Körper ohne das ganze Beiwerk in seiner natürlichen Schönheit zu präsentieren, dann ist das Ganze doch irgendwie sinnlos, oder? Ich strenge mich richtig an, um meinen Körper fit zu halten: Ich trainiere, ich ernähre mich gesund und ich habe viel Sex. Und ich lächle. Glücklich zu sein, ist unglaublich wichtig.

Welchen Ratschlag würdest du den Leuten geben, die richtig Angst davor haben, ihren Körper in der Öffentlichkeit zu präsentieren?
Für mich hat alles in der Bodybuilding-Welt angefangen—genauer gesagt bei den Fitness-Wettbewerben. Und wenn man da als Transgender-Frau nur in einem knappen Bikini bekleidet zwischen den ganzen Cisgender-Frauen steht, dann geht es vor allem darum, das Ding ganz souverän und mit erhobenem Haupt durchzuziehen. Und ich weiß, dass das nicht gerade einfach ist, denn wir alle haben Scham- und Schuldgefühle. Wenn man diese Gefühle jedoch ausblendet, dann fällt es einem auch viel leichter, sich auszuziehen. Das gilt vor allem dann, wenn man dazu noch weiß, dass man dabei diverse Leute anturnt. Mir gefällt es total, Leute anzuturnen, und ich stehe drauf, dass es diese Leute erregt, wenn sie meinen Körper betrachten. Wenn man nackt auftritt, dann besitzt man auch eine gewisse Macht, weil man auf jeden Fall Aufmerksamkeit bekommt. Der Schlüssel liegt darin, mit dieser Aufmerksamkeit richtig umzugehen. Mir ist bewusst, dass ich eine Art Produkt bin, weil ich mich selbst dazu gemacht habe.

Foto: bereitgestellt von FubarFoto

Lola Frost, Burlesque-Performerin

VICE: War es für dich eine schnelle oder eher eine langsame Entwicklung, dich in deinem Körper wohlzufühlen?
Lola Frost: Seinen Körper zu akzeptieren, ist ein täglicher Prozess und definitiv keine Sache, die man irgendwann komplett erreicht hat. Der Grund dafür ist unser Verstand, der nie stillsteht und ständig abgelenkt sowie stimuliert wird. Am Anfang meiner inzwischen zehnjährigen Karriere als professionelle nackte Frau lief das Ganze auch noch etwas anders ab. Ich redete mir immer ein, dass ich meinen Körper mögen würde, aber das hat eben auch nicht zwangsläufig dazu geführt, dass negative Gedanken komplett verschwanden. Und daran hat sich auch bis heute nicht viel geändert. Das eigene Spiegelbild kann zum Beispiel etwas komplett Anderes sein als die Vorstellung des Fotografen, der einen ablichtet. Als ich mich dann zum ersten Mal nicht mit eigenen Augen betrachtet habe, war das richtig befreiend. Wie ich über mich selbst denke, ist schon anders als die Art und Weise, wie ich mich nach außen hin gebe.

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Nackt gut aussehen und sich nackt gut fühlen—ist das das Gleiche oder gibt es da einen Unterschied?
Meiner Meinung nach ist das eine sehr persönliche Sache. Ich bin als Tanz-, Bewegungs- und manchmal auch Selbstbewusstseins-Coach tätig. Man will bei mir etwas über diese Dinge lernen und deswegen bekomme ich da auch viele verschiedene Sichtweisen zu hören—vor allem in Bezug auf die Körper von Menschen, die sich als Frau identifizieren. Viele Leute sagen: "Ich will mein Aussehen mögen, schaffe es aber einfach nicht. Obwohl mir mein Körper mit seiner Form und Größe zwar gefallen sollte, ist das nicht der Fall." Und genau das tut ihnen weh. Bei mir ist es so, dass ich mich lieber gut fühle, als gut aussehe.

Welchen Ratschlag würdest du den Leuten geben, die ein Problem mit ihrem Körper bzw. ihrem Aussehen haben?
Gutes Aussehen ist relativ. Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters. Auch wenn ich selbst oft mit mir zu kämpfen habe, mag ich mein Aussehen und würde sagen, dass ich mit 90 Prozent meines Körpers richtig zufrieden bin. In Bezug auf dieses ganze Thema hat man jedoch nur zwei Optionen: Entweder man kommt darüber hinweg oder man leidet jeden Tag. Es gibt jedoch so viele Dinge, über die man sich mehr Sorgen machen sollte als über seinen Körper. Leider wird Schönheit bei uns oft mit gesellschaftlichem Wert gleichgesetzt. Und klar, es gibt auch an mir Körperteile, die nicht perfekt sind oder die mir nicht so gut gefallen, aber damit beschäftige ich mich einfach nicht. So habe ich vor langer Zeit auch schon die Entscheidung getroffen, dass ich lieber gesund und fit bin als schön und kränklich. Und ich hoffe, dass irgendwann alle so denken werden. Wenn man sich auf Dinge wie Eigenliebe und -pflege zurückbesinnt, dann werden diese negativen Stimmen im Kopf auch verstummen. Und genau dann kümmern wir uns um das, was in Bezug auf unseren Körper am wichtigsten ist: sich um ihn zu kümmern.