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​Aktivisten wollen deutsche Abgeordnete in einem Flüchtlingsboot auf die Spree schicken

Laut „Sea Watch" haben schon einige Abgeordnete zugesagt, sich heute in dieses Flüchtlingsboot zu setzen.

von Matern Boeselager
13 Oktober 2015, 4:00am

Das Boot mit „Originalbesetzung“. Foto: Federica Mameli / Sea-Watch

Die Aktivisten von „Sea Watch" patrouillieren bereits seit April 2015 mit einem auf eigene Faust restaurierten Fischkutter im Mittelmeer, um Flüchtlingen in Seenot zu helfen. Jetzt wollen sie die gesammelten Erfahrungen auch nutzen, um deutsche Politiker auf die konkreten Probleme dort aufmerksam zu machen.

Ihre Methode: Die Politiker einladen, sich direkt vor ihrem Arbeitsplatz, dem Abgeordnetenhaus in Berlin, in ein echtes Flüchtlingsboot auf der Spree zu setzen. Weil die gerade eben erst die neue EU-Operation „Sophia" abgenickt haben, die sich noch stärker auf „Bekämpfung der Schleuserkriminalität" (statt zum Beispiel auf Seenotrettung) konzentrieren soll, findet Sea Watch nämlich, dass die Abgeordneten zu wenig über die tatsächliche Situation der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer wissen.

Das ganze hat heute stattgefunden, unter anderem saß die Grünen-Chefin Simone Peter im Boot. Wir haben gestern Ruben Neugebauer von Sea Watch angerufen um ihn zu der Aktion zu befragen.

VICE: Hi Ruben. Was soll morgen passieren?
Ruben Neugebauer: Wir haben vor, ein Original-Flüchtlingsboot, das wir vor Lampedusa gerettet haben, auf die Spree vor den Bundestag zu bringen. Wir möchten diesen Abgeordneten die Möglichkeit geben, am eigenen Leib zu erfahren, was es bedeutet, auf so einem Boot die gefährliche Überfahrt riskieren zu müssen, weil alle legalen Wege versperrt sind.

Wir werden deswegen das ungefähr zehn Meter lange Boot an die historische Stelle vor den weißen Kreuzen vorm Bundestag bringen und eine Belastungsprobe durchführen, wo 120 Leute auf das Boot draufgehen werden.

Das Boot, in dem die Abgeordneten der Spree trotzen sollen. Foto: Sea Watch

Und das sollen 120 Abgeordnete sein?
Wir hoffen natürlich, dass 120 Abgeordnete da sein werden. Wir sehen aber eine gewisse Realitätsverweigerung bei vielen Abgeordneten, die das nicht wahrhaben wollen, was da auf dem Mittelmeer abgeht. Anders ist nicht zu erklären, dass sie diese Mission Sophia beschlossen haben. Dementsprechend werden wir auch dafür sorgen, dass ein paar Leute da sind, die das dann auffüllen werden.

Wir gehen aber erstmal davon aus, dass auch Bundestagsabgeordnete in großer Zahl kommen werden. Es gibt durchaus Anmeldungen aus allen Fraktionen, aus der Opposition sind es ein paar mehr, aus der Regierungsfraktion ein paar weniger. Aber wir gehen davon aus, dass schon alle Fraktionen vertreten sein werden und das Boot schon ordentlich vollmachen. Also, wir denken, dass wir genug Parlamentarier haben werden, um das Boot mit mehr als der vorgeschriebenen Personenzahl zu besetzen.

Heißt das, ihr habt auch Anmeldungen aus der CDU? Gehen die auch aufs Boot?
Ja. Vereinzelt haben die Leute aus der CDU gesagt, dass sie vorbeikommen und sich das Boot anschauen werden und dann entscheiden, ob sie es betreten oder nicht. Das wird sich dann noch zeigen, ob sie den Mut haben, der Realität ins Auge zu sehen. Wenn wir uns die Entscheidungen bisher anschauen, wird deutlich, dass die nicht so genau wissen, was dort los ist—anders ist das nicht zu erklären.

Aber weiß nicht im Grunde jeder Bescheid über diese Realität? Gibt es da wirklich so viel Aufklärungsbedarf?
Das ist richtig. Aber es geht uns zum einen darum, ein Gefühl dafür zu vermitteln, was das bedeutet. Zum andern wurde jetzt gerade dieser Einsatz „Sofia" beschlossen, bei dem es darum geht, Schleusernetzwerke aufzudecken. Auf diesen Booten sind keine Schleuser, da sind lediglich Geflüchtete in einer verzweifelten Lage drauf. Und wir wollen, dass die das verinnerlichen. Dass sie sich daran erinnern, wie sich das anfühlt, wenn sie das nächste Mal eine Abstimmung haben.

Aber ist die Logik hinter dem Einsatz gegen Schlepper nicht auch, genau solche Boote zu verhindern—nur eben auf repressive Art und Weise?
Ja gut, aber wir haben jetzt im Vorfeld mit verschiedenen Parlamentariern gesprochen und haben da zum Teil ein erschreckendes Unwissen festgestellt.

Die gehen teilweise davon aus, dass ein Großteil der Menschen mit so großen Holzbooten kommt. Das ist aber nicht mehr so, die Netzwerke der Schlepper haben ja längst auf diese neue Bedrohungslage regiert, indem sie nicht mehr mit großen Schiffen und einer Crew rausfahren, stattdessen schicken sie diese Schlauchboote, wo gar kein Schlepper mehr drauf ist. Die agieren von Land aus, da kann dieser Einsatz überhaupt nichts mehr ausrichten. Also: Es geht uns nicht nur um die politische Message, sondern darum, die Leute wirklich zu informieren.

Was passiert, wenn das Boot kentert?
Wir haben ein ingenieurswissenschaftliches Gutachten erstellen lassen, das diesen Einsatz im Prinzip absichert. Wir haben auch zwei professionelle Rettungsschiffe am Start. Jeder von den Menschen wird mit einer Schwimmweste ausgestattet werden.

Ohne Schwimmweste darf bei uns niemand aufs Boot—das ist im Mittelmeer anders, da treffen wir immer wieder Boote an, die komplett ohne Schwimmwesten unterwegs sind.