Anzeige
LEGAL HIGHS

(Halb-)Legale Räusche: Codein

Codein ist das Opium des kleinen Mannes und wirkt nicht nur gegen Bronchitis, sondern verursacht auch ansteckende Fröhlichkeit und im Extremfall Atemstillstand.

von Markus Höller
06 März 2015, 12:00pm

Die schlimmste Droge unserer Zeit ist ja für viele anhaltende Nüchternheit. Weil aber soziale Ächtung, Beschaffungskriminalität und komplette Abhängigkeit fast genauso schlimm sind, haben viele von uns in ihren rauschverliebten Jugendtagen das eine oder andere Mal zu (halb-)legalen Alternativen gegriffen. Deshalb packen wir an dieser Stelle die schwammigsten und schönsten Erinnerungen an unsere „Barely Legal Highs" aus—also Räusche, die zumindest zu der jeweiligen Zeit oder in der jeweiligen Gegend legal waren. Nach Wahrsagesalbei, Aspirin, Lachgas und Ephedrin folgt heute Codein, das Opium des kleinen Mannes.

In den 80er-Jahren war die Auswahl an Rauschmitteln in Wien weit weniger glamourös als es einem zur gleichen Zeit von Hollywood vorgemacht wurde. Wo sich in Cheech & Chong Filmen Hippies einen Grasofen nach dem anderen drehten, gab es in Wien beim Kaffeehaus ums Eck im Hinterzimmer, in Wiener Parks und natürlich im Camera Club nur minderwertigen, fünfmal gestreckten Hasch zu kaufen.

Und während Crocket und Tubbs in Espandrillos tonnenweise kolumbianisches Marschierpulver beschlagnahmten, gab es an der blauen Donau nebst Wiener Wein und Wiener Küche nur die berühmte Wiener Mischung: einen nicht ungefährlichen Cocktail aus Alkohol und Benzodiazepinen. Also jenen Beruhigungsmitteln, zu denen auch Rohypnol (liebevoll „Roiperl" genannt) zählt, das später in „The Hangover" auch unter dem amerikanischen Namen „Roofie" einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde.

Eine beliebte Alternative dazu war und ist aber Codein. Oder, wie ich es nenne, das Opium des kleinen Mannes. Dieses künstlich hergestellte Opiat findet sich in zahlreichen verschreibungspflichtigen Medikamenten, meistens in Hustenstillern oder Schmerzmitteln, die gleichzeitig einen ebenso erholsamen wie heilenden Schlaf ermöglichen sollen. Der Vorteil: mit einer simulierten Bronchitis oder gut inszenierten furchtbaren Zahnschmerzen ist es relativ leicht, beim Hausarzt ein Rezept für Paracodin (codeinhaltige Hustentropfen) oder Dolomo Nacht (codeinhaltige Schmerztabletten) zu ergattern.

Das, oder man begab sich im Wiener Nachtleben in der Innenstadt – ja, das gab es Mal, als Helmut Zilk noch Bürgermeister und Ursula Stenzel noch Nachrichtenvorleserin war – in einem der Lokale zu einem guten Bekannten, der einem diese halblegalen Rauschmittel auch so verkaufte. Mein lieber Freund hieß René, oder auch der „schnelle René", weil er hauptsächlich „Schnelle" verkaufte, also Amphetamine. Für sage und schreibe nur 150,- Schillinge war ein Fläschchen Paracodin mein. Knüllerpreis.

Die empfohlene Dosis bei starkem Husten liegt bei ein paar Tropfen vor dem Schlafengehen. Meistens aber war meine Verfahrensweise leicht abweichend: zu zweit den gesamten Inhalt aufteilen, runterkippen und mit 1 bis 2 Bieren (je nach Tagesverfassung) den süßlich-stechenden Geschmack zügig nachspülen. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten und kann man sich bildlich so vorstellen: Codein ist für den Körper und Alkohol ungefähr so wirksam wie ein Doppelturbolader für einen 1974er Plymouth Barracuda und Superbenzin. Oder anders gesagt: die Wirkung des Alkohols wird um das sechs- bis achtfache potenziert.

Foto: Bart Everson | flickr | cc by 2.0

Während also in einer der damals angesagten Kellerbuden wie der Steinzeit oder dem Club Berlin alle anderen noch mühsam Bier um Bier versuchten, einen soliden Rausch hochzuziehen, konnte ich mich dank Codein schon eine halbe Stunde nach dem ersten 16er Blech zuverlässig auf die verheerende Wirkung eines geexten Sixpacks verlassen.

Ein zutiefst wattiges Gefühl, grundlose, aber ansteckende Fröhlichkeit und totale Enthemmung—die sicheren Anzeichen eines richtigen Vollrausches sorgten so bei einem Bruchteil der sonst nötigen Kohle für bestes Amüsement. Torkeln und Lallen optional. Pogotanzen im Codeinrausch? Spitze. Zumindest immer solange, bis eine Bierflasche auf den Boden und ich aus dem Lokal flog. Innere-Stadt-Kopfsteinpflaster ist in diesem Zustand übrigens ein harter Gegner; ebenso ein undichtes Käsekrainer-Hotdog. Aber die befreiende Wurschtigkeit, mit der man sich laut lachend und lallend voll mit Zwiebelsenf in einer Fußgängerzone auf dem Boden wälzt, vermisse ich mehr als 20 Jahre später in gewisser Weise schon.

Aber wo viel Licht, da natürlich auch Schatten. Der künstlich geboostete Vollrausch ist natürlich auch entsprechend volatil; im Überschwang vielleicht zu einem Jägermeister oder zwei hinreißen lassen, und schon wird aus dem hysterisch lustigen Rauschi eine auf dem Klo laut schnarchende Peinlichkeit. Oder gar ein über Stunden regungslos auf der Couch vor sich hin brabbelnder Dödel, der jede Zigarette verkehrt rum anzündet. Es ist ein schmaler Grat zwischen besoffen und ausgezählt, das wissen wir alle.

Foto: watashiwani | flickr | cc by 2.0

Mit Codein wird dieser Grat zur Klinge eines Hattori-Hanzo-Katanas. Nicht unerwähnt bleiben soll natürlich die Tatsache, dass Codein als Opiat ähnliche Wirkungsweisen wie eben auch Heroin und Morphium aufweist: Schmerzunterdrückung, Rausch, Hochgefühl und vor allem eine stark sedierende Wirkung auf das Atemzentrum. Nicht ohne Grund kommt es bei Junkies oft zu Atemstillständen, die Pharmakologie von Codein wiederum zielt ja speziell beim Einsatz in Hustenstillern auf die Dämpfung des lästigen Reizhustens ab, damit ein ungestörtes Durchschlafen möglich ist.

In Kombination mit Alkohol und der wechselseitigen Verstärkung aber doppelt gefährlich, denn der Alkohol kann so Erbrechen und Bewusstlosigkeit auslösen; gleichzeitig kann das Codein die Atmung bis zum Stillstand verlangsamen. Also aufgepasst, hier kann man schnell mal einen auf Bon Scott oder Bonzo Bonham machen! Allerdings ist es als Nicht-Rockstar wenig glamourös, wenn es später mal heißt, man wäre an zuviel Bier und Hustensaft auf dem Dixi-Klo verreckt.


Titelbild: Dean Cornwell | flickr | cc by 2.0