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Meinung

Warum Pyrotechnik ins Fußballstadion gehört

…und es lächerlich ist, Fans wie Schwerverbrecher zu behandeln.

von Jonas Sondermann
26 November 2018, 1:25pm

Foto: imago | Nordphoto

Mit 13 Jahren war die Legalisierung von Pyrotechnik für mich gefühlt das wichtigste politische Anliegen. Mein Ziel: Bunte Fackeln in der Kurve, Frieden im ewigen Streit zwischen Verein und Ultras, aber vor allem Ruhe beim Abendessen mit meinen Eltern. Ein schöner Traum.

Heute ist die Frage, ob Bengalos und Rauchtöpfe legal oder illegal sind, für mich nicht mehr so entscheidend. Und das, obwohl ich von den Folgen der Kriminalisierung von Pyrotechnik direkt betroffen bin, mich mit Stadionverbot und laufenden Gerichtsverfahren herumschlagen muss.

Diese Woche diskutieren die Innenminister der Länder darüber, ob Zündungen in Zukunft mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden sollen. Der hessische Innenminister Peter Beuth fordert: "Wer im Stadion zündelt, geht in den Knast."

In Österreich ist Pyrotechnik in Stadien genauso verboten. Der Rapid Ehrenkapitän Steffen Hofman erhielt im Sommer eine Geldstrafe, weil er bei seinem Abschiedsspiel ein bengalisches Feuer entzündete. Das Innenministerium hat diesen März die Ausnahmereglung für Pyrotechnik im Sport aufgehoben und damit Bengalos und andere Pyrotechnik endgültig verboten. Die Wiener Austria und Rapid äußerten sich gegen die neue Regelung.

Viele Vereine und Fanorganisationen suchen länderübergreifend nach einem Kompromiss, dem Einsatz von "kalter Pyrotechnik". Ein dänischer Tüftler hat Feuerwerkskörper entwickelt, die statt 2.000 Grad nur 230 Grad heiß werden und kaum Rauch erzeugen (als wäre das ein Vorteil). In Videos kann man den technischen Fortschritt bestaunen.


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Der Unterschied zum Original: Die "kalte Pyrotechnik" sieht nicht gefährlich, sondern gemütlich aus. Die Flamme ist ungefähr so aufregend wie die Kaminfunktion meines Fernsehers.

Als Besitzer eines Einfamilienhauses könnte ich mir gut vorstellen, die Fackeln bei einer Gartenparty in meinen akkurat gestutzten Rasen zu stecken. Die Light Bengalos eignen sich bestimmt auch als Wegweiser für die Nachtwanderung auf der Klassenreise der 2b. Für das Stadion sind sie jedenfalls nichts.

Etwas weniger spöttisch könnte man den Versuch der Initiatoren loben, zwischen Gegnern und Befürwortern von Pyrotechnik zu vermitteln. Die Dänische Liga hat angekündigt, die neue Erfindung von Fans an einem Probespieltag testen zu lassen:

Gibt es endlich eine Lösung, damit wir nicht jährlich mehrere Hunderttausend Euro Strafe zahlen müssen? Und eine Möglichkeit, wie endlich unbeteiligte Zuschauerinnen und Zuschauer ausreichend geschützt werden können? Das ist den besorgten Offiziellen natürlich am wichtigsten.

Ich bin sehr gespannt, welche Vorschläge im Laufe der Debatte auf uns zukommen. Ob sich Ultras für eine Pyro-Lizenz bewerben müssen, ein lupenreines Führungszeugnis vorlegen müssen, bevor Gutachter ihre Vertrauenswürdigkeit überprüfen.

Oder ob die Vereine ein exklusives Verkaufsrecht für Pyrotechnik beanspruchen, natürlich nur um die Manipulation des Materials zu verhindern: "Eine Riesenbratwurst, eine Cola und das rote Bengalo." "Das macht dann 42,80 Euro bitte."

Die Legalisierung von Pyrotechnik sehe ich aber nicht nur wegen des kalten Kompromisses kritisch. Das Zünden würde an Reiz verlieren, wenn es keine Risiken gebe. Wenn ich unvermummt im Block stehen könnte und aus der VIP-Loge anerkennenden Applaus ernten würde.

Wenn ich entspannt durch das Drehkreuz spazieren könnte, anstatt von Ordnern sorgfältig abgetastet oder von Sprengstoff-Spürhunden beschnüffelt zu werden. Wenn in meiner nackten Hand nicht 2.000 Grad Hitze brennen würden.

Der Nervenkitzel ist für mich aber nicht das entscheidende Argument, darauf könnte ich auch verzichten. Es geht mir auch nicht nur darum, die Stimmung im Block zum Kochen zu bringen. Oder Freunden zu beweisen, dass ich den Mumm für illegale Aktionen habe.

Ich wollte mich über die Regeln hinwegsetzen. Die Regeln der Vorstände, die sich willige Konsumenten und keine kritischen Fans wünschen. Der Polizei, die Anhängerinnen und Anhänger mit Betretungsverboten und ständiger Videoüberwachung drangsalieren.

Und nicht zuletzt über die Regeln der Bela Rethys, für die Ultrakultur die Selbstdarstellerei von ein paar postpubertären Idioten ist. In diesem von vorne bis hinten durchstrukturierten Fußballgeschäft wächst die Lust auf ein bisschen Anarchie.

Der moderne Fußball hat den Großteil der Fans im Griff: Komm nicht an deinem freien Samstagnachmittag ins Stadion, sondern Montagabend. Ist für die TV-Vermarktung besser. Im Gegenzug wird dann deine Dauerkarte teurer.

Dein Mitspracherecht im Verein übernehmen in Zukunft "Stakeholder". Achso, und zum Auswärtsspiel fährst du jetzt nach Leipzig und Hoffenheim. Die haben sich mit tollem Fußball nach oben gespielt.

Mit Vereinen und Verbänden, die diese Entwicklungen gutheißen, gibt es für mich keine Schnittmenge, um über Kompromisse zu reden. Im Gegenteil, es bereitet mir eine diebische Freude, wenn ihre Macht über die Abläufe im Fußball durch eine illegale Pyroaktion für eine halbe Minute untergraben wird.

Und wenn der gesellschaftliche Mainstream mal wieder nur Unverständnis für die Chaoten übrig hat. Ein gutes Gefühl, dass mir niemand das Illegale und Rebellische am Fußball nehmen kann. Ich erwarte auch gar nicht, dass Hannovers Mäzen Martin Kind oder Red Bull-Manager Ralf Rangnick mich verstehen. Wenn sie über Fußball reden, habe ich ohnehin den Eindruck, wir sprechen über zwei verschiedene Dinge. Und das ist auch gut so.

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