Wir müssen über Rassismus bei der österreichischen Polizei sprechen

Und nein, ich werde Österreich nicht verlassen, nur weil ich etwas an der Exekutive auszusetzen habe.

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16 Oktober 2018, 12:22pm

Foto links: Imago | Michael Schick || Foto rechts: Hibat Khelifi

Der österreichische Rapper T-Ser und seine Kollegen wurden im Herbst 2018 von Polizisten und Polizistinnen im Park kontrolliert, während sie – haltet euch fest – ein Meeting hatten. Die Situation ist kein Einzelfall und erinnert mich an die vielen Male, als mich die Polizei ohne Grund aufgehalten hat.

Dieser Umstand hat mich geprägt. Die meisten von euch können sich nicht vorstellen, was es bedeutet, Rassismus ausgesetzt zu sein. Ihr wisst nicht, wie es ist, als wandelnde Gefahr wahrgenommen zu werden, immer der "Fremde" zu sein – auch für die Exekutive. Bei der ist Rassismus nämlich ein ernstzunehmendes Problem, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.


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An meine erste Begegnung mit der Polizei kann ich mich gut erinnern. Ich war im Volksschulalter, mein Vater und ich auf dem Weg nach Hause von einer ägyptischen Familienfeier. Drei Polizisten hielten uns an. "Sind Sie betrunken?", fragt einer. Nein, antwortet mein Vater. "Ich bin Muslim, ich trinke keinen Alkohol." "Des sogn's olle, aussteigen bitte", ist die Reaktion des Polizisten. Die Verachtung in seiner Stimme werde ich nie vergessen. Sie verlangen, dass mein Vater das Warndreieck holt. Er wühlt im Kofferraum, sein ganzer Oberkörper verschwindet – meine Unordnung habe ich von ihm. Das Auto ist alt, ein weißer Opel, der nicht mehr so richtig funktioniert. Unter anderem ist der Federmechanismus des Kofferraums kaputt. Von der Heckscheibe aus beobachte ich, wie sich der schwere Kofferraumdeckel in Richtung meines Vaters bewegt. Auch die Polizisten kriegen das mit: Anders als ich versuchen sie ihn aber nicht darauf aufmerksam zu machen. Mein Vater hört mein Klopfen nicht, der Polizist neben ihm geht einen Schritt zur Seite und der Deckel knallt auf den Rücken meines Vaters. Ich höre einen dumpfen, zurückgehaltenen Schrei. Die Polizisten hinter ihm lachen, ich im Auto kämpfe mit den Tränen.

Diese Situation hat sich in mein Gedächtnis gebrannt und was die Jahre danach folgt, sind viele weitere erniedrigende Begegnungen mit Beamten und Beamtinnen. Lange Zeit waren Polizisten für mich die Personifizierung des Bösen. Heute sehe ich das Ganze differenzierter, aber eins ist trotzdem klar: Rassisten gibt es in der österreichischen Polizei viele.

Im Oktober 2016 etwa kletterte ein psychisch kranker Geflüchteter auf eine Straßenbahn und versuchte, in die Stromoberleitung zu greifen. Das Video zu dem Fall verbreitete sich im Netz und brachte tausende rassistische Kommentare mit sich. Unter anderem von einem Beamten der LPD Wien, der „Net amal auf die Scheiß Stromleitung is verlass“ kommentierte. Der Polizist musste eine Geldstrafe von ingesamt 1800 Euro bezahlen. Oder 2010, als der österreichische Taekwondo-Olympiateilnehmer Tuncay Caliskan von einem Unbekannten mit einem Baseball-Schläger bedroht wurde. Polizisten weigerten sich damals seine Anzeige aufzunehmenund beschimpften ihn als "Scheißkanak" und "Tschusch". Wegen Amtsmissbrauchs wurden zwei Beamte zu acht bzw. sechs Monaten bedingter Haft verurteilt.

Es ist kein Zufall, dass die FPÖ 2015 65 Prozent aus dem Wahlsprengel 44 erhielt – das ist ein Gemeindebau in Ottakring, in dem fast nur Polizisten leben. Die rechte Regierung in Österreich verbessert die Situation nicht, in welche Richtung Innenminister Kickl die Exekutive lenkt, kann man sich denken. Aber Polizeigewalt und Racial Profiling gegen People of Color (PoC) hat eine lange Tradition in Österreich. Wenn euch Namen wie Ahmed F., Marcus Omofuma, Richard Ibekwe, Johnson Okpara, Bakary J. oder Mike B. nichts sagen, müsst ihr jetzt besonders gut aufpassen.

Für Menschen wie mich, die sichtbaren Migrationshintergrund haben, ist es Alltag, dass wir uns ständig ausweisen müssen. Wir stehen grundsätzlich unter Generalverdacht. Wir werden schikaniert, grundlos angegriffen und belästigt. Der 2017 von der EU-Grundrechteagentur (FRA) veröffentlichte Rassismusbericht ergibt, dass sich 43 Prozent aller hier lebenden Afrikaner und Afrikanerinnen Diskriminierungen und Belästigungen ausgesetzt sehen, im EU-Durchschnitt sind es 24 Prozent. Bevor mir jetzt Benjamins und Stefans in die DM's sliden: Spart euch Kommentare wie "Völliger Unsinn" und lest weiter.

Rassismus ist nichts, das sich PoC einbilden. Rassismus ist Alltag für den Rapper T-Ser, mich und viele andere, die keinen Zugang zur Öffentlichkeit haben. Was glaubt ihr, wie viele es da draußen gibt, die täglich von Racial Profiling betroffen sind, aber keine Stimme haben, von der sie Gebrauch machen können, weil sich niemand für das Gesagte interessiert? T-Ser und die anderen sprechen mit ihrem medialen Aufschrei nicht nur für sich selbst, sondern für viele andere. Und die Rapper wissen sich zu verteidigen. Sie nutzen ihre Reichweite und machen auf das Racial Profiling aufmerksam. Das ist gut so, denn all das ist kein "Zufall". Genauso wenig ist es ein Zufall, dass ich als einziger unter vier Freunden aus dem Nichts nach meinem Ausweis gefragt werde – wegen meiner Hautfarbe stufen mich die Beamten als "fremd" ein.

Betroffene gelten oft als "hysterisch" oder "sensibel"

Rassismus passiert nicht einfach, Rassismus ist ein System. Es ist ein strukturelles Problem, das die Mehrheitsgesellschaft endlich als solches wahrnehmen muss. Immer wieder erlebe ich, dass Nicht-Betroffene uns unsere Erfahrungen absprechen wollen. Wir seien zu sensibel, das Erlebte erfunden oder übertrieben dargestellt. Klassisches Silencing also. Indem man Menschen Eigenschaften wie "hysterisch" oder "übersensibel" zuweist – das kennen wir ja auch aus sexistischen Diskursen – spricht man ihnen die Fähigkeit zur Vernunft und zu rationalem Denken ab. Betroffene sollen nur die Rolle einnehmen, die ihnen die weiße Mehrheitsgesellschaft zuweist. Aber ich verrate euch etwas: Das könnt ihr vergessen. Wir werden nicht mehr den Mund halten.

Wir wehren uns, auch gegen die Polizei. Obwohl es verdammt schwer ist, in solchen Situationen gelassen zu bleiben. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Aber all diese Schikane muss festgehalten und der Mehrheitsgesellschaft vor Augen geführt werden. Deswegen ist es unfassbar wichtig, Racial Profiling zu dokumentieren – egal ob man betroffen ist oder nicht. Das mediale Interesse an dem Vorfall von Sonntag ist wichtig, aber es reicht nicht aus. Die Auseinandersetzung mit Rassismus bei der Polizei darf jetzt nicht abebben. Wir müssen stetig darauf aufmerksam machen, nur so kann sich etwas ändern.

Wie die Reaktionen auf die Berichterstattung ausfallen, zeigt, wie viel noch gemacht werden muss. Der FPÖ-Gemeinderat Erwin Enzinger bezeichnet T-Ser und die anderen am Montag als "Pack" und eröffnet auf seinem Facebook-Profil ein Feuer gegen sie. Seine Followerschaft unterstützt ihn freilich, sie schreiben unter anderem Kommentare wie: "diese drogendealenden herrschaften vergiften unsere kinder ,jugendlichen und vergewaltigen unsere mädchen und frauen (...)" (sic). Nach einer Stunde löscht er den Beitrag wieder. Aber das Internet vergisst nicht und wir auch nicht.

Neben solcher "Einzelfälle" hat mich ehrlich gesagt auch schockiert, wie viele Menschen von den Videoaufnahmen schockiert waren. Viele scheinen nicht zu wissen, dass rassistische Schikane seitens der Polizei Alltag in Österreich ist. Weiße haben keine Ahnung von unserer Lebensrealität. Fakt ist nämlich: Die Jungs reagieren in dem Video deswegen so gelassen, weil ihnen das nicht zum ersten Mal passiert ist. Sie haben Routine darin – wie die meisten von uns. Das ist so traurig wie es wahr ist.

Privatnachricht eines FB-Users an Rami Ali
Äußert sich Autor Rami Ali zu Rassismus in Österreich, muss er mit solchen Nachrichten umgehen. | Foto: Screenshot einer FB-Privatnachricht

Seit ich mich am Montag auf Social Media zu dem Vorfall geäußert habe, erhalte ich beleidigende Nachrichten von Benjamins und Stefans, die mich des Landes verweisen wollen, weil ich die österreichische Exekutive kritisiere. Sie verstehen dabei eines nicht: Die Regierung und die Polizei zu kritisieren, bedeutet nicht, dass ich dieses Land verachte. Ganz im Gegenteil, ich sehe Österreich als meine Heimat und ich kämpfe für einen Platz in dieser Gesellschaft. Ich bemühe mich, Missstände aus dem Weg zu räumen, weil Wien mein Zuhause ist. Auch wenn ich weiß, dass ich für viele immer der "Fremde" sein werde.

So, das war die besonnene Antwort. Man ist ja als Migrant auch immer Subjekt des sogenannten "Tone Policings". Heißt: Du musst dich als Schwarzkopf möglichst nett und gewählt ausdrücken. Sonst bestätigst du ja nur die Vorurteile, die die Mehrheitsgesellschaft gegen dich hat und gibst dem Generalverdacht Berechtigung. Aber – und das soll jetzt ein Friendly Reminder an alle meine migrantischen Freunde und Freundinnen sein: Ihr könnt besonnen sein, müsst ihr aber nicht. Wir können und werden uns mit dem Thema Rassismus sowohl auf intellektueller als auch auf wissenschaftlicher Ebene auseinandersetzen, aber auch auf emotionaler und konfrontativer. In diesem Sinne, an alle Benjamins und Stefans, die mir nach diesem Beitrag wieder hasserfüllte, destruktive Nachrichten schicken werden: Geht's scheißen – euer Hass ist mein Treibstoff.

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