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Popkultur

'Breaking Bad' hat 'El Camino' nicht verdient, Bitch!

Die Storys von Jesse Pinkman und Walter White haben uns erschüttert. Der neue Netflix-Film El Camino ist leider nicht so erbarmungslos. Achtung, Spoiler!

von Johanna Senn
14 Oktober 2019, 8:48am

imago images | Cinema Publishers Collection | Ben Rothstein | Netflix

Jesse Pinkman hat uns viele Dinge gelehrt. Unter anderem, dass man nie nie nie eine Leiche in der Badewanne in Flusssäure auflösen sollte. Die Säure wird sich nicht nur durch die Leiche, sondern auch durch das Emaille der Badewanne und schließlich den Holzboden fressen. Was übrig bleibt, ist ein undefinierbares Etwas aus Innereien, aufgeweichten Knochen und ein klaffendes Loch im Fußboden.

Ähnlich groß war auch das Loch, das Breaking Bad nach dem Ende der Serie in unserem Herz hinterlassen hat. Doch jetzt, sechs Jahre später, gibt es neuen Stoff: Seit Freitag läuft El Camino: A Breaking Bad Movie auf Netflix.

Wer es nicht rechtzeitig geschafft hat, zum Filmstart erneut in Heisenbergs Welt abzutauchen und alle fünf Staffeln zu bingen, ist gut beraten, eines der unzähligen Serien-Recaps auf YouTube zu schauen. Zum Beispiel die Kurzzusammenfassung von Jesse-Pinkman-Darsteller Aaron Paul bei Jimmy Kimmel, die ist nämlich wirklich lustig. Vor dem Film gibt es zwar ein kurzes Recap der Serie, das reicht aber nicht ganz aus, um in den richtigen Breaking Bad-Groove für die kommenden zwei Stunden zu kommen.

Breaking Bad funktioniert, weil die Geschichte von Walter White die ultimative Tragödie ist. Der unscheinbare Chemielehrer, der ein gutes und bis anhin rechtschaffenes Leben gelebt hat, erfährt, dass er Krebs hat. Er unternimmt einen kompletten Lebenswandel; taucht ab in eine Welt voller Junkies, Dealern und Mördern und nennt sich Heisenberg. Erst nur, um seiner Familie finanzielle Sicherheit zu geben. Dann, weil er selbst daran Gefallen findet. Über fünf Staffeln schauen wir ihm zu, wie er selbst Teil dieser Welt wird und dabei am Ende alles verliert.


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Daneben steht Jesse Pinkman. Wir lernen ihn kennen, wie er sich als Straßendealer durchschlägt, um sich sein Leben und seine Drogen zu finanzieren. Bis ihn Walter unter die Fittiche nimmt, beweist er zwar viel Streetcredibility, aber an den anderen Fähigkeiten hapert es teilweise.

In der Serie ist Pinkman wie das Kind, dass doch noch einmal die heiße Herdplatte anfassen muss, bis es begreift, dass sie wirklich heiß ist. Da ist die Szene mit der Badewanne ein gutes Beispiel, Bitch! Und ja, Jesse sagte wirklich sehr oft "Bitch" in Breaking Bad.

Den Jesse Pinkman, den wir in El Camino wieder treffen, sagt das nicht mehr. Er hat auch sonst nicht viel mit dem einstigen aufmüpfigen und manchmal naiven Jesse gemein. Der Jesse Pinkman von heute ist zwar gezeichnet aber irgendwie cooler und kalkulierender. Seit er sich auf eine Partnerschaft mit Heisenberg eingelassen hatte, hat auch er vieles verloren. Aber Jesse Pinkman hat in El Camino das, was Walter White nie hatte: Hoffnung und ein Leben vor sich.

Insgeheim wünscht man sich, einem der Charaktere endlich einmal dabei zuzuschauen, wie er Erfolge feiert, die richtigen oder vielleicht eher die richtigen falschen Entscheidungen trifft. Gerade wünschen wir das Jesse Pinkman, der sich mit seinem Catchphrase in die Herzen der Fans fluchte.

Bis wir aber einen Blick in Jesses Zukunft werfen können, wird erst einmal aufgezeigt, wie Jesse eigentlich an diesen Punkt gekommen ist. Was in den folgenden zwei Stunden passiert: Fast jeder Wunsch, den das Disney-Mädchen in uns hegt, geht in Erfüllung.

Breaking Bad hat uns über 5 Staffeln erschüttert. Und eigentlich möchten wir, dass das Drehbuch von El Camino mit derselben Erbarmungslosigkeit überzeugt. Sodass man jede Szene, in der etwas auf dem Spiel steht, nervös herbei fiebert. Denn schließlich könnte jeder Zeit alles schief gehen. Was dann aber passiert, ist: nichts. Denn - ACHTUNG SPOILER - jeder Plan, der Jesse ausheckt, funktioniert.

Nach stundenlangem Durchsuchen von Todd's Wohnung, einem seiner ehemaligen Kidnapper, findet er das Geld, das er für seine Flucht braucht. Es gelingt ihm auch, die fehlenden 1.800 Dollar aufzutreiben. Und es gelingt ihm sogar, mit der Hilfe von Ed, der schon unzähligen Kriminellen eine neue Identität verschaffte, zu verschwinden und mit einer neuen Identität weiterzuleben. Serienmacher Vince Gilligan lässt seine Figur jeden Stein, den er ihm vor die Füße legt, überwinden.

Breaking Bad hat so gut funktioniert, weil wir Gefallen daran gefunden haben, dabei zuzusehen, wie aus dem rechtschaffenen Walter White der skrupellose Heisenberg wurde. Auch wenn man ihm trotzdem bis zum Schluss ein Happy End gewünscht hätte, ist es die Tatsache, dass er es eben nicht bekam, das was die Serie so großartig macht.

Das merkt man, sobald der Abspann von El Camino läuft. Denn so richtig befriedigt fühlt man sich danach nicht. Kann es sein, dass wirklich alles so smooth gelaufen ist? Kann es sein, dass Pinkman auf einmal so kalkulierend handelt? So viel gelernt hat? In allen Situationen irgendwie die Oberhand gewinnt und sie mit Coolness überwindet?

Was den Film aber trotzdem sehenswert macht, sind Jesses Recaps. Sie sind es, die uns daran erinnern, was wir an Breaking Bad noch so mochten: leise Szenen in der Einöde, in denen niemand viel sagt. In denen keine Musik läuft. Szenen, die sich fast so anfühlen, als würde man gerade ein richtig gutes Buch lesen.

Vielleicht haben wir uns zu Beginn des Films insgeheim ein Happy End für Jesse Pinkman gewünscht. Nach El Camino merkt man, dass das, was man sich wünscht, nicht immer das ist, was man braucht.

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