Worte wie Arsen: Warum wir nicht "Transitzentren", "Asyltourismus" und "Sex-Attacken" sagen sollten

Parteien versuchen ganz bewusst, Gedanken in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das bringt große Gefahren mit sich. Vor allem für Medien, die ihren Spin übernehmen.

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Juli 10 2018, 10:57am

Foto: imago | Chromorange

Vom 6. bis zum 15. Juli 1938, also vor genau 80 Jahren, berieten auf der Konferenz von Évian 32 Nationen und 24 Hilfsorganisationen, wie auf die massiv ansteigenden Flüchtlingszahlen aus dem Deutschen Reich reagiert werden sollte. Die Teilnehmer konnten sich aber auf keine gemeinsame Strategie zur Bewältigung der Massenflucht von Juden und Jüdinnen aus Deutschland einigen.
Außer der Dominikanischen Republik weigerten sich alle Teilnehmerstaaten, schutzsuchende Juden und Jüdinnen aufzunehmen. Das Scheitern der Konferenz von Évian war gleichzeitig ein moralisches Versagen der westlichen Demokratien. Was folgte, war eine Abschottungspolitik, die Millionen Menschen mit ihrem Leben bezahlten.

Im Juni 2018 sind mindestens 629 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer, vor der europäischen Küste, ertrunken. 12.855 haben die Überfahrt überlebt. Statistisch gesehen bedeutet das, dass jeder zwanzigste Versuch, das Mittelmeer in einem Flüchtlingsboot zu überqueren, tödlich endet. 629 tote Menschen in einem Monat sind die direkte Folge der europäischen Abschottungspolitik. Hinter jedem und jeder Einzelnen steht eine Biografie, ein Leben, ein Individuum. Gleichzeitig werden Menschen, die versuchen, Leben zu retten, genau daran gehindert – und von europäischen Behörden sogar festgesetzt, eingesperrt und vor Gericht gestellt. Das alles passiert 2018.


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Und auch, wenn sich 1938 und 2018 sicher nicht eins zu eins vergleichen lassen, bahnt sich in Europa doch gerade ein neues Évian an. Das moralisches Versagen der einzelnen Staaten, die sich nicht auf eine Verteilung der Schutzbedürftigen im europäischen Gebiet einigen wollen, wird nicht weniger schlimm, weil es Hunderte und Tausende statt Millionen geht. Statt an die Vertriebenen zu denken, diskutieren wir auch heute nur darüber, uns selbst zu schützen.

Sogar eine Neudeutung der Genfer Flüchtlingskonvention steht im Raum – also jenem Abkommen, das nach dem Nationalsozialismus das Recht auf Asyl als Menschenrecht definiert hat, um einem zweiten Évian vorzubeugen. Das wirkt auf den ersten Blick vor allem ironisch, auf den zweiten aber auch unfassbar. Wie konnte es soweit kommen?

Wir schaffen neue Begriffe, die die Menschen und ihre Schicksale dahinter verschleiern.

Ein Grund ist mit Sicherheit die Sprache, in der die ganze Diskussion geführt wird. Wie schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt sich unsere Haltung auch jetzt wieder in unserer Rhetorik. Auch im 21. Jahrhundert suchen Politiker und Politikerinnen nach Möglichkeiten, um mit ihrer Sprache die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen harmloser wirken zu lassen – bis hin zur kompletten Entmenschlichung. Unsere Sprache wird wieder verrohter, bürokratischer, kälter. Wir schaffen neue Begriffe, die die Menschen und ihre Schicksale dahinter verschleiern.

Menschen haben keine Angst mehr um ihr Leben, sie laufen nicht mehr davon und sie suchen auch keinen Schutz mehr. Stattdessen "strömen" sie als abstrakte Zahlen in zyklischen "Wellen" nach Europa, "stürmen", schaffen "Chaos" und rufen "Krisen" hervor. Krisen, die Sprachblüten wie "Türen mit Seitenteilen", "Ankerzentren", "Asyltourismus" und zuletzt "Transitzonen" hervorbringen.

Diese Dinge passieren nicht über Nacht und vor allem passieren sie nicht natürlich. Ausdrücke wie "Flüchtlingswelle", "Flüchtlingskrise", "Asylchaos", "Obergrenze", "Überfremdung" sind gewollte politische Sprachbilder, die das, was sie beschreiben, in ein gewisses Licht rücken sollen. Sogenannte Frames, die mit Metaphern spielen und die gesellschaftliche Meinung in eine bestimmte Richtung drängen wollen.

Lesen wir Zitrone, denken wir automatisch an sauer und gelb. Lesen wir Zimt, werden jene Bereiche im Gehirn aktiviert, die den Geruchssinn steuern (oder Erinnerungen an diese furchtbare Zimt-Challenge von 2014 geweckt). Und lesen wir "Flüchtlingswelle" und "Migrantenstrom", verknüpfen wir das mit Naturkatastrophen, Wassermassen und Schutzdämmen. Aber höchstwahrscheinlich nicht mit den Schicksalen, die dazu geführt haben, dass Menschen sich in diese Gefahr begeben und überhaupt von zuhause aufgebrochen sind, um in einer fremden Kultur den Neuanfang zu wagen.

Dieser Framing-Effekt hat großen Einfluss auf unser Handeln. Aktionen, die wir setzen, sind stark von der Formulierung einer vorausgegangenen Botschaft abhängig. "Wenn man über politische Themen spricht, gibt es die Herausforderung, dass man bestimmte Frames aktiviert und man den Anderen automatisch immer dazu bringt, die Fakten, um die es geht, aus einer ganz bestimmten ideologischen Perspektive zu verarbeiten", sagt dazu die Neurolinguistin Elisabeth Wehling im Interview mit dem SPÖ-nahen Kontrast Blog.

Lesen wir also von "internationalen Migrationsbewegungen" anstatt von "Flüchtlingswellen", oder von "Menschen auf der Flucht" anstatt von "Flüchtlingen", werden in unserem Gehirn andere Assoziationen abgerufen.

"Worte können sein wie winzige Arsendosen; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."

Sprache hat im politischen Handeln schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Nicht um sonst galt schon in der Antike die Rhetorik als kunstvolle Disziplin und spielte im meinungsbildenden Prozess von Städten wie Athen eine wesentliche Rolle. Die moderne Neuro- und Kognitionsforschung ermöglichte aber ein Wissen, das die klassische Rhetorik wesentlich erweiterte.

Konzepte wie das Neuro-Linguistische Programmieren (NLP) und das Wissen über die Macht von Framing-Effekten haben die politische Kommunikation wesentlich verändert. Parteien versuchen heute gezielt, Gedanken und Diskurse mit Hilfe von Frames in eine bestimmte Richtung zu lenken. Und wirklich problematisch wird es, wenn Medien diese unkritisch übernehmen und reproduzieren.

Wie genau die Übernahme von rechten und rechtspopulistischen Frames durch etablierte Medien passiert, beschreibt der deutsche Journalist Sebastian Pertsch, Initiator des medienkritischen Blogs Floskelwolke, so: Zuerst werden Begriffe wie "Flüchtlingswelle" noch mit Anführungszeichen verwendet, weil den jeweiligen Journalisten und Journalistinnen die abwertende Bedeutung noch bewusst ist. Nach einigen Wiederholungen werden die Anführungszeichen dann aber weggelassen und die Begriffe gehen in den alltäglichen Sprachgebrauch über.

Die verschiedenen Begriffe aus dem rechten Milieu werden dabei oft zu leichtfertig übernommen: "Man soll Begriffe nicht im Glauben verwenden, dass alle genau wissen, was man damit eigentlich meint. Zum Beispiel, wenn man als Progressiver Begriffe wie Flüchtlingskrise verwendet und glaubt, dass sowieso alle wissen, wie man es eigentlich meint. Das funktioniert nicht", erklärt die Framing-Expertin Elisabeth Wehling gegenüber Kontrast.

In der Diskussion um politisches Framing geht es aber bei weitem nicht nur um europäische Asylpolitik. Auch Begriffe wie "Sex-Attacke" statt Vergewaltigung, "Familiendrama" statt häuslicher Gewalt, "Beziehungsdrama" statt Mord aus Eifersucht, "Zwangsgebühr" statt Rundfunkgebühr und "Neue Rechte" statt Rechtsextremismus sind Beispiele für alltäglich verwendete Frames, die verschleiern, was eigentlich gesagt werden sollte.

Der deutsche Romanist und Philologe Victor Klemperer schrieb bereits 1947 in seiner Abhandlung über die Sprache des Dritten Reichs: "Worte können sein wie winzige Arsendosen; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. Denn die Sprache prägt unser kollektives Denken und unsere kollektive Wahrnehmung – und damit natürlich in letzter Instanz immer das Handeln." Und genau darin liegt das Problem.

Rechtsextreme Gruppen versuchen schon lange, mit der sogenannten Wortergreifungsstrategie ihre menschenverachtenden Ansichten in die Zivilgesellschaft zu tragen. Mittlerweile haben aber auch rechte Parteien die Strategie übernommen und versuchen ihrer Ideologie in öffentlichen Diskussionen Raum zu verschaffen. Das tun sie durch Wortbeiträge und die konsequente Zerstörung eines sachlichen Diskurses. Das ideale Ziel solcher Aktionen ist laut dem deutschen Bundesministerium für Familie und Jugend immer die Eroberung der Meinungsführerschaft. Und wenn das schon nicht klappt, dann zielt man zumindest auf die Verunsicherung des politischen Gegners ab.

Wenn heute von "Transitzentren" die Rede ist, sind Lager gemeint – auch wenn dieses Wort im deutschen Sprachgebrauch vermieden wird.

Simone Rafael, Expertin für mediale Strategien der Rechten, schreibt dazu: "Toxische Narrative sind so aufgebaut, dass sie die Radikalisierung der Gesamtgesellschaft fördern – also den Riss tiefer machen. Sie vergiften das gesellschaftliche Klima, indem sie Menschen gegeneinander aufbringen und dabei noch Handlungsdruck erzeugen: Wenn Du jetzt nichts tust, ist es zu spät!"

Eine Bestätigung dieser Strategie lieferte im Frühjahr 2018 der rechtsextreme deutsche Verläger Götz Kubitschek. Während einer Podiumsdiskussion in Dresden sagte Kubitschek damals gegenüber dem deutschen Lyriker und Essayisten Durs Grünbein: "Sind Sie nicht der Meinung, dass der Riss, der durch die Gesellschaft geht, unbedingt sein muss? (…) Also ich bin strikt dafür, dass der Riss noch tiefer wird, dass die Sprache noch deutlicher, noch konkreter wird."

Was genau Kubitschek damit meint, lässt er offen. Wenn man sich allerdings die harte Linie ansieht, die aus der Symbiose von "Identitären", AfD, FPÖ, Sebastian Kurz, Horst Seehofer und Viktor Orbán entstanden ist, lässt sich die ungefähre Bedeutung zumindest erahnen. Und nichts von alldem könnte sich ohne die Übernahme ihrer Frames durch den Boulevard und manche Qualitätsmedien derart nachhaltig in der Öffentlichkeit halten.

"Sprache ist ein gefährliches, oft aber unterschätztes Mittel zur Ausübung von Gewalt. Gewalt beginnt immer in den Köpfen der Menschen und wird dann auf die Straße getragen."

Für Kubitschek geht es letzten Endes um die Spaltung der Gesellschaft in ein Wir und ein Sie, die sich als Feinde gegenüberstehen. Dazu passen auch die Bürgerkriegsfantasien des österreichischen Vizekanzlers und FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache (der sich übrigens auch ganz bewusst lieber "HC" als "Heinz-Christian" nennen lässt). Gleichzeitig treiben Populisten und Demagogen in ganz Europa eine geschönte Bürokratisierung und Entsolidarisierung der Gesellschaft voran. Wenn heute von "Transitzentren" die Rede ist, sind Lager gemeint – auch wenn dieses Wort im deutschen Sprachgebrauch vermieden wird.

Janin Istenits bringt das gefährliche Potential der momentanen Sprachentwicklung in einem Beitrag für ze.tt auf den Punkt: "Sprache ist ein gefährliches, oft aber unterschätztes Mittel zur Ausübung von Gewalt. Gewalt beginnt immer in den Köpfen der Menschen und wird dann auf die Straße getragen: Demagogie, Manipulation und Volksverhetzung erwachsen aus Sprache, die bewusst verwendet wird, um zu beeinflussen." Die Sprachradikalisierungen zu Beginn und in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts mündeten im Zusammenspiel mit anderen Faktoren in zwei historisch einzigartigen Barbareien.

Anfang Juli warnte Bundespräsident Alexander van der Bellen vor einem Rückfall in diese Zeit der Nationalismen und sprach von einem "Europa auf dem Scheideweg". Dieser Scheideweg wird sich nicht zuletzt über die Sprache vollziehen. Wir bei VICE haben uns deshalb entschlossen, mit unserer Sprache behutsam umzugehen und keine Komplizen jener Parteien und Interessensvertretungen zu sein, die mit geschickten Frames jede öffentliche Diskussion in ihre Richtung umlenken wollen.

Wir wollen nicht zum vergifteten Sprachklima beitragen; und auch nicht zur Zerstörung eines vernünftigen Diskurses in Europa. Als Journalistinnen und Journalisten – aber auch als mündige Bürgerinnen und Bürger – müssen wir uns immer wieder die Frage stellen: Was drücken wir wie aus und wem bereiten wir damit den Boden? Wir wollen bewusst mit unserer Sprache umgehen, gewisse unbeliebte Dinge ansprechen und andere absichtlich gestreute Kampfbegriffe vermeiden. Damit uns nicht irgendwann die Worte fehlen.

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