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holocaust

Ein Optiker vergleicht Lage des deutschen Einzelhandels mit Juden im Dritten Reich

"Man wird von der Bevölkerung absichtlich boykottiert."

von VICE Staff
03 Mai 2018, 12:58pm

Illustration: Imago | Ikon Images | bearbeitet von VICE

Dieser Artikel ist zuerst bei VICE Deutschland erschienen.

Die Liste von kruden Holocaust-Vergleichen ist länger als Björn Höckes "Denkmal der Schande"-Rede. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Die Tierschutzorganisation PETA verglich die Massentierhaltung von Hühnern und Küken mit der Lage von Juden im Dritten Reich. Pink-Floyd-Sänger Roger Waters hingegen bemerkte "offensichtliche" Parallelen zwischen dem heutigen Israel und "dem, was in den 30er Jahren in Deutschland geschah". Ein Optiker aus dem sächsischen Meißen setzt der Liste von absurden Vergleich mit dem Holocaust nun aber die Krone auf.

Einen Tag vor dem 1. Mai entschied sich Uwe Schlosser, ein Statement zu setzen. In das Schaufenster seines Brillenfachgeschäftes stellte er eine grüne Tafel, darauf prangte in kritzeliger weißer Kreideschrift: "Als traditioneller Optiker fühlt man sich in Meißen wie ein Jude im Dritten Reich. Man wird von der Bevölkerung absichtlich boykottiert."


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Schnell bemerkten Internetnutzer die Tafel. Nachdem die Sächsische Zeitung die Nachricht verbreitete, teilte sie unter anderem die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus RIAS bei Facebook. Diese sah darin einen Beleg für Antisemitismus. Auf Facebook gab es aber auch Stimmen, die den Optiker in Schutz nahmen. "Weil er verärgert war, hat er sich im Ton vergriffen und dabei mehr Wirkung erzielt, als er wahrscheinlich selbst gedacht hat", schreibt ein User.

Der Vergleich ist historisch betrachtet aus mehreren Gründen problematisch: Das NS-Regime forderte 1933 nicht etwa, lediglich privat geführte Optikergeschäfte zu meiden, sondern rief dazu auf, alle jüdischen Unternehmen zu boykottieren – von Anwaltskanzleien über Arztpraxen bis hin zu Drogeriegeschäften. Dahinter stand kein kapitalistischer Wettbewerb, sondern eine totalitäre Staatsidee und ein völkisch-rassistisches Weltbild. Die NSDAP propagierte bereits 1920 in einem 25-Punkte-Programm die Verdrängung deutscher Juden aus dem Wirtschaftsleben. Schlosser muss allerdings nicht befürchten, dass sein Geschäft bald geplündert und er mit seiner Familie in Konzentrationslagern interniert wird.

"Warum gibt es in Meißen so viele leere kleine Geschäfte und Häuser?"

Der Sächsischen Zeitung sagte Schlosser, er habe seinen angestauten Frust ausdrücken wollen – und deshalb einen zugespitzten, provozierenden Vergleich gewählt. Es sei ihm nicht darum gegangen, die Meißner mit Nationalsozialisten gleichzusetzen, so der Optiker. Die Billigkonkurrenz bringe ihn als Selbstständigen jedoch in existenzielle Schwierigkeiten. Mit den Preisen großer Optikerketten könne er schlicht nicht mithalten.

Alles also nur bewusste Übertreibung, um auf ein reales Problem aufmerksam zu machen? Dass er einen Fehler begangen hat, sieht der Optikermeister inzwischen selbst ein. Als am Mittwoch Schaulustige vor seinem Laden auftauchten, hatte Schlosser das Schild schon geändert. Statt des Vergleichs mit Juden im Dritten Reich stand nun im Schaufenster auf derselben Tafel: "Warum gibt es in Meißen so viele leere kleine Geschäfte und Häuser?"

Dass der Einzelhandel stirbt, stellt für kleinere Städte wie das 28.000 Einwohner große Meißen in der Tat ein Problem dar. "Erst gehen einige Händler weg, dann geht es mit dem Standort bergab, und am Schluss ist er tot", sagte Sirko Siemssen, Handelsexperte der Beratungsfirma Oliver Wyman, der WELT. In 10 bis 15 Jahren könne jedes zweite Filialunternehmen vom Markt verschwunden sein.

Der Versuch Schlossers, auf ein tatsächliches Problem hinzuweisen, missglückte allerdings. Zumindest wird er hoffentlich nie von gewalttätigen Nazis bedroht, sondern sich nur auf dem freien Markt behaupten müssen. Laut Google gibt es in Meißen neben Schlossers Laden noch zwei Apollo-Optik-Filialen, eine von Fielmann sowie drei privat geführte Läden.

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