Fridays for Future

Wir haben alte Menschen gefragt, was sie von den Klimaprotesten halten

"Die Regierung müsste auch mitmachen, die müssten auch mal mit dem Fahrrad fahren, oder mit den Öffentlichen." – Renate, 76.

von Juri Berger
18 Juli 2019, 1:47pm

Alle Fotos: Shirin Siebert

Oft ist es sinnvoll, auch mal Leute mit mehr Lebenserfahrung um Rat zu fragen. Egal ob bei der Fahrradreparatur, Schwierigkeiten beim Backen (Wie viel ist nochmal ein Dreiviertelpfund Mehl?) oder anderen stürmischen Zeiten im Leben – Oma oder Opa sind für dich da.

Es gibt aber auch Momente, in denen man eher weghören möchte. Wenn es zum Beispiel ums Klima geht, siedeln sich ja viele, wie man es auch an Wahlen erkennt, im Bereich "Das bleibt hier alles so, wie es ist" an. Meine Oma jedenfalls. Und wer ist eigentlich diese Greta?

Umso besser, dass auch in den Ferien die FFF-Proteste nicht abbrechen. Diesen Freitag ist Greta Thunberg nach Berlin, um eine neue Großdemonstration zu starten. Nochmal: in den Ferien.

Das Besondere daran ist auch, dass dabei junge Menschen der älteren Generation vorwerfen, ihnen alles verbaut zu haben. Da haben wir uns gefragt: Wie gehen denn die Angesprochenen damit um? Wissen sie es vielleicht besser? Oder würden sie eigentlich gerne selbst ein "Der Planet ist hotter als mein Boyfriend"-Schild hochhalten? Um das herauszufinden, sind wir auf die Straße gegangen.

Emardi, 68, hat schon gegen den Vietnamkrieg demonstriert

Ein Mann sitzt auf der Bank an der Bushaltestelle

VICE: Haben Sie schonmal etwas von Luisa Neubauer gehört?
Emardi: Nein, nie gehört.

Sie ist die führende Aktivistin der FFF-Demos in Deutschland. Sie sorgt vor allem dafür, dass die Proteste weitergehen und die Forderungen so bald wie möglich erfüllt werden.
Also, als ich in eurem Alter war, habe ich mich für Vietnam eingesetzt. Da fand ich es sehr traurig, dass es andere gab, die sich eigentlich kaum mit dem aktuellen Weltgeschehen beschäftigt haben. Aber jetzt engagieren sie sich endlich mal, das finde ich super.

Weißt du, ich bin fast ein 68er, wir haben damals für Vietnam, Palästina, und gegen eigentlich alles, was rechts ist, demonstriert.

Und deswegen finden Sie es gut, dass junge Leute "denen da oben" mal sagen, wo es langgehen soll?
Das wird halt alles ein bisschen opportunistisch behandelt. Auf einmal haben alle die Umwelt entdeckt, in Bayern wollen sie plötzlich eine Milliarde Bäume pflanzen und das kommerzialisieren. Ich möchte einfach gerne mehr Politik in die Debatte einmischen, nicht nur einfach für die Umwelt. Das hängt mit der Wirtschaft und allem anderen zusammen, ich hoffe dass sich da überhaupt mal mehr tut. Bei den "Älteren" läuft einiges schief.

Nicht in die Schule zu gehen, ist dann auch notwendig?
Das habe ich schon immer gesagt, rein akademisches Lernen bringt gar nichts. Da werden nur egoistische Technokraten und Streber ausgebildet, die gar keine Gefühle haben. Daher kommt ja das ganze Übel.

Paula, 61, hat kein Verständnis für Demonstrierende, die in den Ferien in den Urlaub fliegen

Füße und Beine einer Frau vor einem Zaun

VICE: Sie haben sicherlich schon von Greta Thunberg gehört. Ist sie eine bedeutende Person, die sozusagen eine Revolution losgetreten hat?
Paula: Ja, sie hat sicherlich etwas aufgerüttelt. Sie hat zwar einen anderen Status und kann es sich so leisten, aber sie scheint es ja wirklich auch ernst zu meinen. Wenn ich das richtig verstanden habe, fliegt sie nicht, sondern reist mit der Bahn und so weiter. Wenn alle, die dort hingehen, das so auch in ihrem Privatleben umsetzen würden, wäre das doch schon mal gut.

Denken Sie, die Demonstranten und Demonstrantinnen meinen es selbst nicht ernst genug?
Nein, nicht alle. Solange Schule war, gingen Freitag alle hin. Als dann die Ferien anfingen, pff, da brauchten sie wohl nicht mehr hinzugehen. Wenn es ihnen jetzt so wichtig wäre, dann sollten sie sich ja gerade in den Ferien engagieren. Oder sie fliegen vielleicht, obwohl sie dort protestierten, mal eben wohin, nehme ich an. Bei Greta Thunberg denke ich, dass sie da schon fest dahinter steht. Aber man kann ja mal hoffen.

Aber die jetzige Demo findet ja auch während der Ferien statt.
Die Frage ist, wie viele da kommen. Ich habe auch Enkel im Schulalter, die fanden es dann eben toll, dass die Schule ausfällt. Das hätte auch am Freitagnachmittag einen Eindruck gemacht, das Chaos wäre perfekt, sich da in den Berufsverkehr zu stellen …

Wie sehen Sie es allgemein, dass junge Leute sich mehr politisch engagieren?
Paula: Nee, das finde ich super, dass die sich engagieren und sich jetzt auch wieder für Politik interessieren – eventuell auch für andere Themen als das Klima. Ich hoffe nur, dass das ganze nicht zersplittert … Alle engagieren sich und denken nach. Das ist wichtig und richtig.

Paps*, 75, findet, dass die Demonstrierenden lieber wieder zur Schule gehen sollten

VICE: Halten sie Greta Thunberg für eine Heldin?
Paps: Zuerst einmal ist sie eine Schulschwänzerin. Aber was sie als Ideen da rausbringt, ist in Ordnung. Aber alle zu motivieren, nicht zur Schule zu gehen, obwohl für alle Schulpflicht gilt, geht nicht. Sie ist ja auch noch im schulpflichtigen Alter. Wie sie überall herumgereicht wird als die Große, das finde ich übertrieben.


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Sie gehen ja nicht zum Unterricht mit der Begründung, dass es die Zukunft, für die sie lernen sollen, vielleicht nicht mehr gibt.
Das sagen viele Leute, die auf der Straße rumrennen. Und am Ende sitzen sie da und kriegen keine Rente mehr. Der Hund beißt sich in den Schwanz. Die Idee von Klimaschutz ist ja gut, aber wir als Bürger sind da gar nicht gefragt. Wenn der Braunkohleabbau sein CO2 rauspustet oder das Glyphosat auf den Feldern verteilt wird … Das sind alles Politikerfragen.

Die müssen eben darauf aufmerksam gemacht werden. Waren Sie früher politisch aktiv?
Damals in DDR gab es keine Demos und sowas, da wurde stramm gestanden. In der Richtung sind das nur Ansätze, und am Ende schlägt das alles zurück auf den kleinen Verbraucher, der nicht mehr im Auto zur Arbeit fahren kann. Die Politiker, die lachen und klatschen in die Hände, aber es passiert nichts.

Renate*, 76, fand demonstrieren in ihrer Jugend nicht wichtig

Eine Frau mit roten Haaren steht vor einer Wand

VICE: Wie sehen Sie es, dass Schülerinnen und Schüler während der Schulzeit auf die Straße gehen?
Also während der Schulzeit, das finde ich nicht gut. Ansonsten finde ich sehr gut, dass die Jugendlichen sich damit befassen, denn die sind ja diejenigen, die noch am längsten weiterleben. Und das geht eben nur, wenn man auch was gegen den Klimawandel tut. Aber die Schule finde ich schon wichtig, und da kann ich auch den Ärger der Lehrer verstehen.

Haben Sie in Ihrer Jugend demonstriert?
Nein. Im Grunde genommen war es noch nicht so nötig – zumindest nicht fürs Klima. Man hat einen Garten gehabt und gewusst, was drin ist. Man hat keinen Unkrautvernichter oder irgendsowas benutzt oder gesprüht. Hinter der Kompostecke, da waren Blumen und Bienen, da musste man nicht so aggressiv sein wie heute.

Würden Sie denn zustimmen, wenn die Jungen sagen, dass vorige Generationen ihnen die Zukunft versaut haben?
Ganz so würde ich das nicht sehen. Das ist von Gesellschaftsschicht zu Schicht unterschiedlich. Entweder ich habe von Anfang an so ein Bewusstsein, das fängt ja schon bei der Mülltrennung an, oder mein Nachbar muss mich eben anstoßen. Aber die Regierung müsste auch mitmachen, die müssten auch mal mit dem Fahrrad fahren, oder mit den Öffentlichen.

Monika*, 72, hat in den 60ern schon demonstriert

Eine Frau sitzt in einem Café

VICE: Schule schwänzen für Demos – OK oder nicht?
Monika: Also damals bei uns war das noch ganz anders, da wurde es kriminell. Sagen euch die 68er etwas? Das ging bis Mord und Totschlag. Da ging es aber nicht nur ums Klima, sondern um das ganze Lebensgefühl und am Ende hat sich viel getan für die ganze Gesellschaft. Insofern finde ich das ungeheuer gut und hoffe, dass sich das nicht verzettelt. Es muss sehr demokratisch weitergeführt werden: Man muss in die politischen Institutionen einziehen und wirklich Einfluss nehmen.

Der Protest wurde ja zum Beispiel auch ins EU-Parlament getragen.
Richtig so. Das muss einfach auf einer demokratischen Basis weiterlaufen, egalisiert, und Greta und die anderen Leiter dürfen nicht zu Führerfiguren instrumentalisiert werden.

Klaus*, 56, ist Lehrer und würde Demonstrierenden gerne Fehlzeiten eintragen

Ein Mann steht vor einer bemalten Wand

VICE: Dürfen wir Ihnen ein paar Fragen zu den Klimademos stellen, die gerade stattfinden?
Klaus: Vielleicht besser nicht …

Oh, wie sehen Sie denn die Entwicklungen der letzten Monate?
Ich sehe es mit gemischten Gefühlen. In meinen Augen ist es ein bisschen arg übertrieben. Es kommt halt groß ins Gerede, weil die nicht zur Schule gehen, die Kiddies. Ich als Lehrer würde das als Fehlzeit eintragen. Ich finde es außerdem erschreckend, dass diese Greta für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. Da weiß ich nicht, was diese Klimasache mit Frieden zu tun haben soll. Das sind für mich zwei völlig verschiedene Paar Schuhe.

Aber grundsätzlich unterstützen Sie den Zweck?
Was passiert, ist in Ordnung. Aber ich weiß nicht, ob das immer so richtig ist, dass der Deutsche der Gutmensch der Welt sein muss und meint, weil wir vielleicht an einem Prozent dieses CO2-Beitrags schuld sind, die Welt retten zu müssen. Wir zahlen, und weil wir zahlen, beruhigen wir uns und das ist albern.

Aber irgendwer muss ja den ersten Schritt machen, oder? Es geht ja darum, dass genau jetzt etwas passieren muss. Weil die "Alten" nicht genug getan haben.
Das ist eine ganz, ganz böse Einstellung von den jungen Leuten, uns zu sagen, dass wir nicht genug gemacht haben! Das ist ganz gefährlich. Damals waren die Prioritäten eben anders gesetzt. Dass den Leuten jetzt ein schlechtes Gewissen gemacht wird, weil sie das ganze Jahr sparen und mit ihrer Familie dann 14 Tage in den Urlaub fliegen. Dass jetzt zu den Autofahrern gegangen wird und gesagt wird "Du Umweltsünder!", obwohl das vielleicht ja gerade der Arzt ist, der zu irgendeinem Notfall muss, das interessiert überhaupt nicht! Es werden wieder alle über einen Kamm geschert. Irgendwo muss auch mal Ende sein.

Kai, 68, und Klaus sind froh, dass junge Menschen Politikerinnen und Politikern wieder Feuer unterm Arsch machen

Zwei Männer sitzen in einem Café und rauchen

VICE: Wie sah es denn mit Protesten in Ihrer Jugend aus?
Kai und Klaus: Wir haben eigentlich gegen alles protestiert. Wir haben Häuser besetzt, die leer standen. Unsere Band hat in Berlin gespielt, am 1. Mai auf einem LKW, quer durch die Stadt. Wir haben alles mögliche gemacht.

Unterstützen Sie grundsätzlich die Klimaproteste?
Der Christian Lindner zum Beispiel hat das ja so abgetan. Aber was die Greta da gemacht hat, das schafft ein neues Bewusstsein, eine neue Aufmerksamkeit. Das wird oft völlig außer Acht gelassen.

Einige meinen ja, dass die Jugendlichen sich erst mal selbst an ihre eigene Nase fassen sollten …
Die ganzen Riesenschiffe, die Flugzeuge, der Feinstaub … Das muss alles besteuert werden. Man braucht wirklich ein anderes Bewusstsein. Und die Politiker sind einfach zu langsam. Die brauchen Feuer unterm Arsch. Und dafür sorgen die gerade. Jahrelang hieß es, die Jugendlichen seien unpolitisch. Die beweisen das Gegenteil und haben voll unsere Unterstützung.

Sind Figuren wie Greta notwendig, um sowas zu initiieren? Manche behaupten auch, das sei alles inszeniert.
Ach, ich meine, die hat alleine angefangen, vor ihrer Schule! Ich bitte euch. Das ist Diffamierung, das machen die, wenn die keine Argumente haben. Dann werden die persönlich.

*Die Namen haben wir auf Wunsch der Befragten geändert.

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