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Hasskommentare

Darf man Rechte im Netz enttarnen?

Zwei Fälle aus der letzten Woche zeigen, dass es nicht immer so einfach ist.

von Matern Boeselager
09 Jänner 2017, 8:00am

Stell dir vor, du machst deine E-Mails auf und ein Fremder wünscht dir den Tod. Für viele Journalisten ist das in den letzten Monaten zum Alltag geworden—je mehr jemand über Themen wie Flüchtlinge, die Afd oder die FPÖ schreibt, desto größer die Flut an Hass- und Drohmails.

Wer so etwas bekommt, hat meistens drei Möglichkeiten: Er kann es ignorieren. Er kann Anzeige erstatten, wenn er glaubt, dass der Inhalt strafbar ist. Oder er kann die Beleidigung öffentlich machen und den Spieß gewissermaßen umdrehen. Denn dann steht plötzlich der Angreifer selbst am Pranger.

In der letzten Woche haben gleich zwei bekannte Menschen den dritten Weg gewählt: Am Montag veröffentlichte der ehemalige Abgeordnete der Berliner Piraten und jetzige SPDler Christopher Lauer auf Twitter eine E-Mail, in der ihm ein aufgebrachter Mann erklärte, er werde wegen Lauers Position jetzt erst recht die AfD wählen. "Ich und mein Bekanntenkreis sind uns nun endgültig sicher, bei der diesjährigen BW die einzig wahre Partei zu wählen", schrieb der Mann. Aber auch wenn der Ton der E-Mail ein bisschen aggressiv war. Sie beleidigte oder bedrohte den Politiker in keiner Weise.

Weil der Mann die E-Mail von seinem Arbeits-Account bei einer Sparkasse in Hessen abgeschickt hatte, fand Lauer es trotzdem gerechtfertigt, den vollen Namen und ein Foto des Mannes zu veröffentlichen und eine Stellungnahme von der Sparkasse zu verlangen.

Weil man als Sparkassen-Mitarbeiter natürlich keine politischen Nachrichten mit dem Briefkopf der Sparkasse verschicken soll, bekam der Mitarbeiter dann tatsächlich Ärger. Sein Arbeitgeber stauchte ihn zusammen und schickte ihn ein paar Tage in den Urlaub, seine Tochter berichtete von einem "Spießrutenlauf", dem die Familie seitdem ausgesetzt sei.

Lauer erklärte kurz darauf, bei der Sparkasse angerufen und gebeten zu haben, dass der Mann "um Himmels willen nicht seinen Job verlieren soll". Mittlerweile bekam der Ex-Pirat selbst einen Proteststurm zu spüren. Zahlreiche User warfen ihm vor, den Mitarbeiter allein wegen seiner Absicht, die AfD zu wählen, "denunziert" zu haben. Lauer streitet das vehement ab und besteht darauf, dass die Veröffentlichung richtig war.

"das werden Sie schon sehr bald schmerzlich zu spüren bekommen!!!"

Der zweite Fall ist deutlich drastischer: Am Mittwoch veröffentlichte der Spiegel Online-Journalist Hasnain Kazim auf seinem Facebook-Profil den Wortlaut einer E-Mail, die er bekommen hatte: "Das sowas wie Sie für die deutsche Zeitung Spiegel schreibt", hieß es da, "das hätte es 1939 nicht gegeben. Aber 1939 gab es noch was anderes...und das werden Sie schon sehr bald schmerzlich zu spüren bekommen!!!"

Zu dem Text veröffentlichte Kazim die Mailadresse des Absenders, die auch seinen mutmaßlichen Klarnamen enthielt, zusammen mit der Aufforderung, ihm doch mal Post zu schicken; und außerdem die resignierte Feststellung, dass er den Schreiber nicht anzeigen werde, weil das sowieso zu nichts führe. "Dann bekommt er stattdessen eben E-Mails."

Der Gedanke hinter beiden Veröffentlichungen ist nachvollziehbar: Die Person, die in der Öffentlichkeit steht, muss ständig damit rechnen, von wildfremden Menschen angeschnauzt, beleidigt oder bedroht zu werden. Die Angreifer haben dabei meistens nichts zu befürchten. Sogar die Drohung in der E-Mail an Kazim wäre schwer, strafrechtlich zu verfolgen. Denn er schreibt ja nur, dass es so was wie ihn während des Dritten Reichs nicht gegeben hätte. Er schreibt nicht, dass er vorhat, den Journalisten selbst zu töten.

Die vielfach Angegriffenen drehen nun den Spieß um und zerren den Angreifer selbst in die Öffentlichkeit. Auf einmal muss er sich nicht nur im Internet, sondern auch in der "realen" Welt für seine Tiraden verantworten. Bei Hass-Kommentaren ist die Methode schon länger in Mode: Der Blog "Perlen aus Freital" zum Beispiel sammelte die drastischsten Kommentare auf Facebook und forderte die Leser dazu auf, die Verfasser bei der Polizei oder zumindest bei ihrem Arbeitgeber zu melden. Ein wenig später startete die Bild einen eigenen "Pranger der Schande", auf dem sie solche Kommentare unter Klarnamen veröffentlichte.

Aber auch dagegen erhoben sich Stimmen: "Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Leute beim Arbeitgeber verpfiffen werden", erklärte zum Beispiel Jan Böhmermann in einem Interview mit VICE über die Perlen aus Freital-Methode. Der Rechtsanwalt Udo Vetter bezeichnete das Vorgehen als "Blockwart-Mentalität". Eine von der Bild an den Pranger gestellte Kommentatorin klagte gegen diesen Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte—und bekam in zweiter Instanz schließlich Recht.

Cui bono?

Aber immerhin: Die Kommentare schreiben die Leute selbst für alle öffentlich sichtbar auf Facebook. Bei E-Mails sollte die Hürde noch einmal höher sein. Da er ihm eigentlich nichts getan hat, ist zum Beispiel nicht wirklich nachvollziehbar, warum Lauer die E-Mail des Sparkassen-Angestellten aus Hessen veröffentlicht hat.

Kazims Reaktion ist verständlicher: Erstens handelt es sich bei der Nachricht um eine mehr oder weniger deutliche Morddrohung, mit Bezug auf die Nazi-Zeit. Und zweitens dient die Veröffentlichung weniger dem Outing als vor allem der Selbstverteidigung: "Mag ihm jemand antworten? I'm too tired for that kind of stuff", schreibt der Journalist selber. Der Schreiber soll mit E-Mails bombardiert werden, so dass er zumindest merkt, dass er Fremden solche Sachen nicht völlig konsequenzenlos schreiben kann.

Grundsätzlich ist die Frage bei solchen Outings immer: Wem nützt es wirklich? Gut möglich, dass das auf den Schreiber einen Schock-Effekt hat, wenn er oder sie sich plötzlich den realen Konsequenzen seines oder ihres Hasses gegenübersieht. Andererseits ist eine öffentliche Bloßstellung dafür nicht unbedingt notwendig, wie diese beeindruckende Geschichte von Florian Klenk, Chefredakteur des Falters zeigt, in der er einem Menschen direkt begegnet, der ihm den Tod gewünscht hatte—den vollen Namen des Hass-Posters müssen wir dafür nicht erfahren. Oft reicht es, den Menschen direkt damit zu konfrontieren (wie zum Beispiel auch bei dieser großartigen Böhmermann-Aktion), ohne ihn in der Öffentlichkeit zu stigmatisieren oder gleich seinen Arbeitsplatz in Gefahr zu bringen. An die Existenzgrundlagen der Menschen zu gehen, um sie für die falschen Meinungen zu bestrafen, führt jedenfalls nicht zum Ziel.

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