DIE LITERATURAUSGABE 2017

'Waschtag' – Ein Auszug aus dem Roman "Hundert schwarze Nähmaschinen"

Ein Auszug aus dem noch unveröffentlichten Roman "Hundert schwarze Nähmaschinen", der auch als eigenständige Kurzgeschichte funktioniert.

von Elias Hirschl
28 Februar 2017, 5:00am

Illustration: Reiko Asai

Aus der Literaturausgabe 2017.

Das Zimmer von Frau Brandner ist aufgrund ihrer Tendenz zur Selbstverletzung gänzlich von Glas und Keramik befreit worden. In der gemeinschaftlichen Wohnküche im ersten Stock gibt es deshalb ebenfalls nur Plastikteller und -becher, und die Fenster sind überall so dick, dass es so gut wie unmöglich ist, sie einzuschlagen. Die ganze WG gleicht einer einzigen Gummizelle.

Jede Woche kommt Venuče, die Pflegerin, vorbei und schneidet Frau Brandner Fingernägel zurück, damit sie sich damit keine ernsthaften Verletzungen zufügen kann. Die Betreuer dürfen ihr die Nägel nicht schneiden, weil das strafrechtlich unter Körperverletzung fällt.

Wenn es ein guter Tag ist, dann liegt Frau Brandner müde von ihren Beruhigungsmittelchen von morgens bis abends friedlich auf ihrem Sofa, kichert vor sich hin und lauscht alten deutschen Schlagern aus ihrem CD-Player, die sie aus ihrer Kindheit kennt. Sie singt die Texte mit und schaut sich die Fotos von Katzenbabys an, die sie von den Betreuern immer dann geschenkt bekommt, wenn sie brav gewesen ist. An einem guten Tag sind die Betreuer entspannt, alle haben ihre Ruhe und gehen gemütlich ihren Aufgaben nach. An einem guten Tag schenkt Michaela Frau Brandner einen Schokoriegel als positiven Verstärker, den diese mit plumpen, unkoordinierten Bewegungen in sich hineinstopft, bevor sie das Verpackungspapier mit klebrigen, verschmierten Händen an Michaela zurückreicht.

Sobald eine CD ausgespielt ist, nimmt sie sie mit ihren dreckigen Händen aus dem Rekorder und tauscht sie gegen eine neue aus. Es gibt keinen Gegenstand in ihrem Zimmer, der nicht regelmäßig mit Schokolade oder anderem Essen beschmiert wird. Daher lässt sich Frau Brandner Zustand abgesehen von der Anzahl an intakten Katzenzeitschriften und -Fotos auch an dem Verschmiertheitsgrad der Einrichtung ablesen. Je besser ihre Stimmung, desto mehr positive Verstärker bekommt sie von den Betreuern und desto mehr Flecken kann sie damit an die Wände malen. Sie sammelt die Flecken und die Katzenbilder wie Abzeichen oder Pokale. Sie sitzt auf ihrem Bett, fährt sich mit der verklebten Hand durch die kurzen, rotgefärbten Haare und singt Marmor, Stein und Eisen bricht. Singt Theo, wir fahr'n nach Lodz. Singt Die Biene Maja, während sie stolz die Schmierereien betrachtet, die ihre Zimmerdecke überziehen. Und ihr Bettlaken. Und ihr Nachthemd. Und ihren Körper.

Über die Jahre hat sie eine starke emotionale Bindung zu den Bildern und Süßigkeiten aufgebaut. Und wenn man die Flecken genauer betrachtet, die sie an die Wände und Gegenstände ihres Zimmers geschmiert hat, dann kann man darin Bilder erkennen. In jeder ihrer Handlungen steckt zumindest ein Minimum an Kreativität. Für Frau Brandner geht von den Flecken und Schlieren um sie herum eine angenehme Wärme aus. Sie erinnern sie an früher. Der Dreck in ihrem Zimmer ist das Maß an Chaos, das man ihr zugesteht. Als Prophylaxe, als Ersatzhandlung, damit sie sich keinen ernsthaften Schaden zufügt.

Wenn ihr Zimmer gereinigt werden soll, muss man sie vorwarnen, ja manchmal sogar eine Woche lang auf so eine Prozedur vorbereiten, damit sie der Schock nicht ganz so schwer trifft. Auf gar keinen Fall darf die Reinigung plötzlich und unangekündigt geschehen. Das Verschwinden der Flecken empfindet sie als ungerechte Bestrafung. Und wenn Frau Brandner von niemandem vorab über die Säuberung ihres Zimmers in Kenntnis gesetzt wurde (beispielsweise weil es einem noch neuen und unerfahrenen Zivildiener an vitalen Informationen über die fundamentalsten Regeln und Bräuche der WG fehlte) kommt es in der Regel zu einer Anhäufung an Ereignissen, die man in Retrospektive als weniger guten Tag bezeichnen würde.

An einem weniger guten Tag hört man bereits in aller Früh die schauderhafte Mädchenstimme der Frau Brandner in den unmöglichsten Frequenzbereichen durch die Gänge hallen. Und noch bevor einen das Geräusch wirklich erreicht, weiß man es bereits intuitiv: Heute wird ein weniger guter Tag. Und die Betreuer schauen sich gegenseitig an und seufzen.
"Jetzt kriselt die schon wieder", sagen sie.
"Hol mal die Bedarfsmeds", sagen sie.

An einem weniger guten Tag entkleidet sich eine Frau Brandner zunächst vollständig und verlässt taumelnd ihr Zimmer, um hinunter in die Wohnküche zu laufen und alles nach ihren Vorstellungen umzudekorieren, also sämtliche Einrichtungsgegenstände durch die Gegend zu werfen, bis niemand mehr sagen könnte, was ihre jeweiligen Funktionen gewesen sind.
Und würden wir die Situation nicht selbst aus einem mehr oder weniger sicheren Abstand heraus beobachten, würde es uns im Nachhinein sicher schwerfallen, das anarchische Chaos einzig und allein auf eine Frau Brandner zurückzuführen, die ja gerade einmal eine Körpergröße von 150 Zentimetern erreicht. Doch wann immer eine Frau Brandner in eine ihrer Phasen abtaucht, entwickelt sie ungeheure Kräfte, die ihr niemals jemand zugetraut hätte.

An einem weniger guten Tag wird Frau Brandner Einfallsreichtum sichtbar. Denn, siehe da: Trotz der angestrengten Bemühungen der Betreuer, alle gefährlichen Gegenstände aus der Wohngemeinschaft und von ihr fernzuhalten, ist Frau Brandner offenbar doch fündig geworden. Und als sie zum Schreck des Zivildieners plötzlich vor ihm im Stiegenhaus steht, schaut dieser nicht schlecht, als er die Best-of-Schlager-Vol.27-CD erblickt, die sich in zwei Teile zerbrochen, zum einen in der festen Umklammerung der bereits blutig geschnittenen, linken Hand der Frau befindet, und zum anderen blutüberlaufen und beunruhigend wenig sichtbar aus ihrem Bauch ragt. Schillernd blättern kleine Teile des Datenträgers ab, lösen sich von der CD und segeln in hauchdünnen, bunten Flocken zu Boden. Mit Schokolade und Blut beschmiert verteilen sich all die Reinhard Meys, Heinos und Peter Alexanders auf dem blauen Linoleum.

Die Phrase In der Not wird der Mensch kreativ. könnte dem Zivi in diesem Moment einfallen, wenn er nicht vor Angst gänzlich erstarrt dastehen würde und nur noch Augen für den nackten, blutenden Körper der Frau Brandner hätte, die ihn auf eine Weise angrinst, dass er sich sofort wünscht, er wäre doch lieber zum Bundesheer gegangen, denn dort hätten sie ihm wenigstens eine Waffe gegeben. Gänzlich wider seinen Willen kann er seinen Blick nicht von der Haut abwenden. Diese abwechselnd dunkelblauen und dann wieder hellrosa Flecken, die tiefen Furchen, die ihren blassen Körper überziehen, als wäre sie ein Testobjekt für Nähmuster. Im Grunde kann man auch nur an der faltigen Haut und den verschiedenen Verheilungsstadien der Narben sehen, dass diese Frau schon langsam auf die 60 zugeht, denn von der Stimme her würde man sie eher auf 3 oder 4 schätzen.

Wenn man sich in einer derartigen Situation nicht richtig verhält, indem man sich zum Beispiel schnell genug im nächstbesten Raum verbarrikadiert, hat eine Frau Brandner einen sofort am Schlafittchen und beutelt einen durch, wie einen von ihren Pölstern. Und wenn man Glück hat, dann bleibt es auch dabei und man kommt womöglich sogar noch relativ unversehrt mit dem einen oder anderen blauen Auge davon. Aber wenn man Pech hat, und gerade einen von ihren wirklich schlechten Tagen erwischt, dann macht sie weiter mit einem, was sie vorhin mit ihren Pölstern gemacht hat, sprich: anvisieren, weichklopfen und dann zubeißen, bis die Federn fliegen. Und wenn man gar keine Federn hat, ist das nicht gerade zu seinem Vorteil, denn diese Frau will um jeden Preis Federn fliegen sehen.


Wie es scheint hat der Zivi diesmal aber unverschämtes Glück, denn als er vor Entsetzen wie gelähmt im Flur steht, kann ihn die Brandner Dank seiner Bewegungslosigkeit gar nicht als Beutetier identifizieren und rauscht haarscharf an ihm vorbei in Richtung Waschküche, eine Spur aus blutbefleckten Drafi Deutscher-Flocken und Heintje-Schuppen hinter sich herziehend.
Und jetzt können wir sehen, wieso die Betreuer den Zivis wirklich zehnmal sagen müssen, dass sie die Waschküche unbedingt zusperren sollen. Denn diesmal hat der Zivi es offenbar nur neunmal gesagt bekommen, weshalb Frau Brandner sofort ungehindert hineinstürmt und damit anfängt, die Waschmittelsäcke in kleine Fetzen zu reißen und ihren Inhalt auf dem Boden zu verteilen.

Was nun folgt, lässt sich am besten durch einen Blick in die Akte der Frau Brandner erklären. Denn so jemand wie eine Frau Brandner wird man nicht einfach ohne Grund. Eine Frau Brandner hat immer eine lange Hintergrundgeschichte, die sie zu dem gemacht hat, was sie ist. Eine Frau Brandner hat eine gewalttätige Mutter oder einen gewalttätigen Vater. Eine Frau Brandner hat gar keine Mutter gehabt. Oder keinen Vater. Oder ist zur Gänze verwaist. Eine Frau Brandner hat im Embryonalstadium zu wenig Sauerstoff bekommen. Oder zu viel Alkohol. Eine Frau Brandner ist jahrzehntelangem Missbrauch ausgesetzt gewesen. Einer Frau Brandner hat man gesagt, sie soll still sein. Sie soll nichts verraten. Und wenn sie doch mal den Mund aufgemacht hat, dann hat man ihn ihr mit Seife ausgewaschen.

Wenn man das alles bedenkt, ist es gar nicht so verwunderlich, dass sich in der Mitte der Kammer nach und nach ein Waschmittelberg bildet, auf dem die Brandner schließlich nackt und grinsend thront und sich voller Begeisterung das Waschmittel mit der hohlen Hand in den Mund schaufelt.

Das ist, wie immer, der Höhepunkt des Tages.

Die Betreuer versuchen die nackte Frau von ihrer Festung herunterzuholen. Doch sie wehrt sich beharrlich dagegen gerettet zu werden und sticht mit dem Holzende eines Besenstiels auf jeden ein, der sich der Waschkammer nähert.

Ratlosigkeit macht sich breit und die Betreuer werden nervös bei der Überlegung, wer im Nachhinein eigentlich die Verantwortung für das ganze Waschmittel im Bauch von der Brandner zu tragen hat. Schließlich ist aber das einzige, was sie noch tun können, die Rettung und Polizei zu rufen und darauf zu hoffen, dass die Brandner in der Zwischenzeit nicht den ganzen Berg auffrisst.

Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett!, singt diese indes in ihrer markerschütternden Fistelstimme und lässt sich das Waschmittel überglücklich grinsend in ihren Rachen rieseln, so als versuche sie, sich all die schmutzigen Wörter, die sie in ihrem Leben runtergeschluckt hat, aus dem Leib zu waschen. Sie singt Griechischer Wein und bei jedem Wort stieben Seifenblasen aus ihrem Mund und schweben durch die offene Tür zum Gang hinaus. Und während sich ihr Magen unaufhörlich mit weißem Pulver füllt und der Raum mit Schlagernoten, fasst Frau Brandner beherzt in den Berg unter sich, nimmt zwei Hände voll Waschmittel und reibt sich damit gründlich am ganzen Körper ein.

Rote Lippen soll man küssen!, singt sie und reibt den ganzen Schmutz und Dreck von sich. Die Schokolade und das Blut. Scheuert die dunkelblauen und hellroten Flecken von ihrer Haut. Löscht all das weißlich-rosarote Narbengewebe aus, wischt die Nähte, Falten und Beulen von sich. Sie singt Für mich solls rote Rosen regnen! bis ihre Oberfläche glatt und makellos ist und nichts mehr an ihr haften kann. Bis sie jedes überstehende Eck und jede nennenswerte Unebenheit ausgemerzt hat und wir mit unseren Fingern über ihren Körper fahren können ohne auf Widerstand zu stoßen.

Dabei verursacht sie einen derartigen Radau, dass sämtliche Hausbewohner wach werden und herunter kommen, um sich selbst ein Bild von der nackten Brandner auf dem Waschmittelberg zu machen.

Nur Herr Schmidt, der kleine alte Mann mit der Baseball-Kappe und der Angewohnheit an willkürlichen Stellen eines Gespräches zu applaudieren, bleibt, wie jeden Tag, unbeteiligt auf seinem Stuhl sitzen und fragt, ob jetzt jemand mit ihm ins Kino gehe. Er stellt grundsätzlich immer die gleichen Fragen, danach, ob jetzt etwas passiert, oder etwas kommt, ändert sie aber je nach Jahreszeit ein kleines bisschen ab. Zu Weihnachten fragt er, wann der Christbaum kommt. Im Frühling fragt er dann nach dem Osterhasen.

Ob die Dinge tatsächlich kommen, interessiert ihn nicht. Mitunter fragt er auch nach dem Christbaum, wenn dieser bereits vor ihm steht. Beim Sprechen formt er seine Lippen stets zu einem stark nach vorne gewölbten Kussmund und beugt seinen Nacken nach unten durch. Im Grunde ist er im Kopf wohl nicht mehr ganz anwesend. Unterhält man sich länger mit ihm, bekommt man mitunter ein seltsames Gefühl der völligen Ausgeglichenheit.

Als Herr Gruber, der Neuzugang der WG, ebenfalls zum Nachschauen herunter kommt, wird auch er von Herrn Schmidt gefragt, ob er jetzt mit ihm ins Kino gehe. Herr Gruber will sich eigentlich nur einen entkoffeinierten Kaffee machen, aber dazu bräuchte er ein funktionstüchtiges Wohnzimmer, was unter den gegebenen Umständen leider eine utopische Vorstellung ist.
Und wie er da so allein und verloren nach den Resten der Kaffeemaschine suchend im Wohnzimmer herumschleicht und wiederholt von Herrn Schmidt nach dem Verbleiben des Krampus gefragt wird, können wir ihm schon ansehen, dass er etwas auf dem Herzen hat.

Und als er schließlich aufgibt, weil die Kaffeemaschine einfach zu weit im Raum verstreut ist, und man sich nicht sicher sein kann, dass nicht auch ein paar Teile davon bereits draußen auf der Straße liegen, schleppt er sich unter Tränen und mit zuckenden Mundwinkeln zu einem Betreuer, deutet mit einer zitternden Hand auf das schreckliche Chaos im Wohnzimmer und fragt mit bebender Stimme: "War ich das?"

Der Betreuer lacht.
Und während die Brandner immer noch Ein bisschen Spaß muss sein!-singend am Reinigen ihrer Innereien ist, erklärt der Betreuer dem Herrn Gruber, dass das Chaos im Wohnzimmer nicht seine, sondern Frau Brandner Schuld ist, und dass der Herr Gruber am besten einfach wieder auf sein Zimmer gehen soll, dann würde der Betreuer ihm nachher einen Kaffee aus dem Büro vorbeibringen.

Und man merkt, dass es den Herrn Gruber zwar beruhigt, nicht für die Zerstörung der WG verantwortlich zu sein, aber irgendwie fühlt er sich auch persönlich beleidigt, weil der Betreuer ihm so eine Zerstörungskraft offenbar gar nicht erst zugetraut hätte. Außerdem fühlt er sich natürlich auch ein bisschen ausgeschlossen, denn: Wieso darf die Brandner nackt auf dem Waschmittelberg sitzen und essen, und er muss wieder zurück in sein Zimmer, das soll mal einer verstehen.

Hier sieht man wieder, was das Schwierige mit den Schizophrenen ist, denn man kann ja auch als geistig gesunder Mensch das Gefühl haben, dass einen jemand ausschließt, aber genauso gut kann man das Gefühl haben, dass man sich selbst ausschließt. Man hört ja immer wieder von Leuten, die sich selbst ausgeschlossen haben. Aber was soll man denn tun, wenn man nicht einmal mehr in seinen eigenen Kopf rein kommt? Wo soll man denn dann schlafen? Und woher soll man wissen, wo man dazugehört, wenn man sich offenbar nicht einmal mit sich selbst einen Kopf teilen kann?

Über so etwas denkt Herr Gruber nach, während er langsam wieder in sein Zimmer hinauf schlurft. Da braucht man sich wirklich nicht darüber wundern, dass er angefangen hat, von dem Pickel auf seinem Arsch zu erzählen, als sein Psychiater ihn gefragt hat, was er denn heute für ein Problem habe.

Die Betreuer hätten sich über so eine Aussage sowieso nicht gewundert. Denn das ist das Erste, an was man sich beim Leben hier gewöhnen muss: An das Gewöhnen. Und es ist immer wieder erstaunlich, an was sich der Mensch so alles gewöhnen kann.

Als die Rettung eintrifft, gesellt sich der Rettungszivi sofort zum Betreuungszivi. Beide Gesichter gebleicht wie der Magen der Frau Brandner.

Und exakt wie die Betreuer es schon vorausgesehen haben, lässt die Frau Brandner, kaum dass die Polizei da ist, den Besen fallen und verwandelt sich wieder in das unschuldigste kleine suizidgefährdete Mädchen, das die Polizisten jemals gesehen haben. Das ist schließlich auch der zugrundeliegende Zweck ihrer Ausbrüche: Dass sie wieder zurück in die Klinik darf, wo sie rund um die Uhr vom Aufsichtspersonal umsorgt und verhätschelt wird. Die Gefahr bei der Brandner ist nie, dass sie sich tatsächlich umbringen will, sondern dass sie sich bei ihrem Versuch, Aufmerksamkeit zu erlangen, aus Versehen umbringt. Alles was sie will ist, dass man sich um sie kümmert, wie um ein kleines Kind. Das Einzige was nicht ins Bild passt ist die Tatsache, dass sie bereits 59 Jahre alt ist.

Die Rettung wickelt den Bauch von der Frau Brandner samt den Überresten der Schlager-CD provisorisch in Mullbinden ein und transportiert sie dann die Treppe hinunter zum Krankenwagen – ihr Gesicht ein einziges schäumendes Grinsen.

Die Betreuer übergeben den Polizisten noch einige Blätter mit den Notfallsinformationen über Medikamention, psychischen Zustand und Unverträglichkeiten der Frau Brandner, und dann hört man auch schon die Sirene aufheulen, und der Wagen macht sich auf den Weg ins Krankenhaus.

In spätestens zwei Tagen wird sie wieder hier sein. Das wissen die Betreuer. Doch diese zwei Tage pro Woche sind unerlässlich für das innere Gleichgewicht der WG. Dafür, dass sich die Betreuer und die Hausbewohner einmal von der Frau Brandner erholen können. Heute wird sie im Krankenhaus bleiben, morgen wird sie in einen Pavillon auf der Baumgartner Höhe übersiedelt, und übermorgen wird man sie wieder heimschicken, mit der Begründung, dass sie sich ja eh ganz lieb verhalten habe .

Die ist ja total entspannt, werden die Leute aus der Klinik sagen. Überhaupt keine Anzeichen von Aggression. Und das sagen die Leute aus der Klinik nicht, weil sie blind sind und die Narben und Brandflecken auf der Haut der Frau Brandner nicht sehen, und auch nicht weil sie dumm sind. Sondern sie sagen es, damit sie sie wieder zurückschicken können, denn die Brandner hat kein Geld, und die Klinik besseres zu tun, als sich mit hoffnungslosen Fällen herumzuschlagen. Dafür gibt es ja schließlich die betreuten Wohngemeinschaften.

Das war kein Selbstmordversuch, sagen die Ärzte. Für einen Selbstmordversuch müsste die Frau Brandner ja erst einmal ein Verständnis für so abstrakte Begriffe wie den Tod haben. Und dazu hat sie einen zu geringen IQ.

Kaum, dass die Frau Brandner nach draußen eskortiert worden und der Heulton der Sirene in der Ferne verklungen ist, kehrt in der Wohnung wieder Ruhe ein. Noch hat niemand genug Begeisterung aufbringen können, das Wohnzimmer und die Waschküche aufzuräumen, daher bleiben die beiden Betreuer noch einige Zeit lang stehen und bestaunen das Chaos, das die kleine nackte Frau hinterlassen hat.

Das Sofa und sämtliche Stühle sind umgestürzt oder in ihre einzelnen Bestandteile zerfallen, mehrere Schranktüren aus der Küchenzeile liegen auf dem Boden verstreut, der Kühlschrankinhalt – Wurst, Käse, Milch, Eier, Gemüse – ebenfalls quer über den Möbeln verteilt, Radio, Kaffeemaschine und Wasserkocher wirken als wären sie professionell geschreddert worden und das Desinfektionswaschmittel quillt nach wie vor, von Frau Brandner Spucke aufgeschäumt, aus der Waschkammer auf den Gang heraus und begräbt Trude Herr, Rudi Carrell und Roy Black unter sich, was man immerhin als positiven Punkt werten kann, da der Boden ohnehin viel zu selten gewischt wird. Zudem hat Frau Brandner vorhin manuell den Alarm der Brandmeldeanlage ausgelöst, weshalb die Betreuer sich nun entspannt eine Zigarette anzünden können.

Der Esstisch, an dem Herr Schmidt stets sitzt, ist offenbar zu dem Zweck, ein Fenster einzuschlagen, durch das Zimmer geworfen worden, was Herrn Schmidt allerdings nicht zu stören scheint. Er sitzt nach wie vor in der Mitte des Zimmers auf seinem Stuhl und seine kurzen grauen Haare wehen leicht im Luftzug des offenen Fensters. Als einziges Objekt im Raum ist er gänzlich unversehrt geblieben, so als hätte er die ganze Zeit im Auge des Sturms ausgeharrt, während um ihn herum die Welt in die Brüche ging. Es scheint als wäre Herr Schmidt der einzige Mensch auf der Welt, dem selbst Frau Brandner Sympathie entgegenbringen kann.

"Respekt", meint Berni zum Zustand der WG. "So weit ist sie bisher noch nie gekommen."

"Also ich räum das jetzt sicher nicht auf", sagt Michaela und wirft ihren Zigarettenstummel zu dem restlichen Chaos. "Wo ist denn eigentlich der Zivi?"

Berni pfeift leise Marmor, Stein und Eisen bricht vor sich hin.

"Gemma ins Kino?", fragt Herr Schmidt.

***

"Hundert schwarze Nähmaschinen" wird bereits der dritte Roman von Elias Hirschl sein. Im Milena-Verlag erschien 2015 sein Erstlingswerk "Der einzige Dorfbewohner mit Telefonanschluss" und 2016 "Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt".

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.