Instagram, Facebook, Twitter

Leute erzählen, warum sie ihre Social-Media-Accounts gelöscht haben

"Die sozialen Medien sind der Satan." – Christopher, Ex-Politiker.

von Yannah Alfering
08 Jänner 2019, 1:37pm

Foto: Viktoria Grünwald

Social Media ist ein bisschen wie Kokain. Man kann süchtig davon werden, und es verleitet einen, unreflektiert Scheiße in die Welt zu posaunen. Menschen auf sowohl Social Media als auch auf Koks verhalten sich wie eine Mischung aus Superman und Kanye West. Doch während die einen die gelegentliche Eskalationen halbwegs unbeschadet überstehen, müssen andere irgendwann Schluss machen. Und zwar radikal.

Der Grünen-Chef aus Deutschland Robert Habeck gehört zu der zweiten Gruppe. Er hat jetzt seine Twitter- und Facebook-Accounts gelöscht.

Kurz zuvor hatte Habeck einen kleinen Shitstorm ausgelöst – mit einem Twittervideo. Darin sagte er, dass er alles versuchen würde, "damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird". Viele hätten sich wohl statt "wird" das Wörtchen "bleibt" gewünscht und zerfetzten Habeck online für seine Aussage. Der wiederum ärgert sich auf seiner Website über seine eigene Dummheit: "Wie dumm muss man sein, einen Fehler zweimal zu begehen? Diese Frage hat mich die ganze letzte Nacht nicht losgelassen."

Habeck hatte erst im Oktober für ähnlichen Ärger gesorgt, als er – ebenfalls per Twittervideo – sagte, dass es nach der Landtagswahl in Bayern endlich wieder eine Demokratie dort gäbe.

Die Konsequenz: Habeck hat sich von Social Media verabschiedet. Und damit ist er nicht allein. Wir haben Leute gefragt, warum sie irgendwann entschieden haben, Facebook, Twitter oder Instagram zu löschen.

Teresa, 25, Studentin

Eine junge Frau lächelt
Foto: Viktoria Grünwald

"Vor ungefähr zwei Jahren hatte ich eine kleine Krise. Ich fühlte mich in meinem Körper nicht mehr richtig wohl. Ich war insgesamt mit meinem Leben irgendwie unzufrieden. Zu der Zeit folgte ich auf Instagram allen möglichen Fitness- und Ernährungsinfluencerinnen – zum Beispiel Sophia Thiel. Ich dachte, dass die alle bestimmt so happy sind, weil sie jeden Tag drei Stunden ins Fitnessstudio gehen und sich nur von Obst und Detox-Tees ernähren. Je mehr Zeit ich auf diesen Profilen verbrachte, desto mehr redete ich mir ein, dass auch ich so schlank und sportlich sein muss. Dass ich dann tausendmal glücklicher wäre.

Also versuchte ich, zwanghaft abzunehmen. Ich sah bei meinen Übungen aber nicht annähernd so fröhlich aus wie eine Sophia Thiel. Im Gegenteil, ich hatte nur noch schlechte Laune. Irgendwann habe ich durchschaut, dass das alles mehr Schein als Sein ist. Ich habe mich bei Instagram abgemeldet. Seitdem esse ich normal, fühle mich viel zufriedener und mache so gut wie keinen Sport mehr."

Arina, 26, A&R-Managerin bei einem Musiklabel

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Foto: privat

"Ich arbeite im Musikgeschäft und dort geht es sehr viel darum, Menschen auf Instagram zu taggen, um zu zeigen, dass man mit den Leuten abhängt. Selbst, wenn es gar nichts bedeutet oder man sich nur zufällig an der Straßenbahnhaltestelle getroffen hat. Ich bin super anfällig für diese Illusionen und mache mir dann Gedanken darüber, anstatt auf mein Gehirn zu hören, das mir sagt, was für ein Bullshit das ist.

Nach Silvester lag ich krank auf dem Sofa und hab gemerkt, wie sehr es mich gestresst hat, dass ich nicht bei bestimmten Events dabei sein konnte. Dabei sollte ich mich um mich kümmern und nicht darum, was auf Instagram passiert. Ich habe das Gefühl, dass durch Instagram Menschen zu einem Teil meines Lebens wurden – und ich zu einem Teil ihres Lebens –, ohne dass wir uns persönlich trafen. Im Prinzip bestand unsere Beziehung nur daraus, gegenseitig unsere Fotos und Videos zu kommentieren. Ich finde das total gruselig, dass ich nicht mehr mit den Menschen telefoniere oder bei WhatsApp schreibe, weil wir nur über Instagram kommunizieren. Von vielen habe ich nicht einmal ihre Handynummer.

Seitdem ich kein Instagram mehr habe, ist mir aufgefallen, wie süchtig ich danach war. Immer wenn ich nicht nachdenken wollte, klickte ich auf Instagram. Wenn ich eine gruselige Serie geguckt habe und mich ablenken wollte. Oder wenn ich im Bus saß und Langeweile hatte. Ich habe jetzt seit einer Woche kein Instagram mehr und seitdem rede ich direkt mit den Leuten oder schreibe ihnen bei WhatsApp. Ich gucke in Ruhe Netflix und überlege, in welches Museum ich als nächstes gehe, statt mich mit anderen Leuten auf Instagram zu vergleichen."

Christopher Lauer, 34, Ex-Politiker

Ein junger Mann in einem TV-Studio
Foto: imago | Future Image

"Soziale Medien sind einfach Hitler. Wenn man heute nochmal sowas wie soziale Medien erfinden würde, dann würde das wahrscheinlich sofort verboten werden.

Der Mensch ist ein soziales Tier. Das heißt, wir wollen ständig Bewertung durch die Gruppe. Wir wollen soziale Interaktion. Plattformen wie Facebook und Twitter simulieren das wunderbar. Dabei ist das einfach komplett ungesund. Die Plattformen sind so designt, dass sie in der Nutzung süchtig machen. Deswegen zeigt einem Twitter ja auch ständig an, wie viele Likes und Retweets man bekommt. Twitter ist kein Abbild von realer Interaktion. Das sehen wir ja jetzt auch im Fall Robert Habeck. Es verleitet dazu, möglicherweise unvernünftige Dinge zu machen, die dann zurück feuern.

Die Polarisierung, die wir momentan in der Politik haben, die Spaltung der Gesellschaft, hängt kausal mit Twitter, mit Facebook, mit der Auseinandersetzung und der Gestaltung von sozialen Medien zusammen. Ich meine, die Rechten nutzen Twitter als Waffe. Das ist Psychoterror. Ich kann verstehen, wenn man sich dem entziehen will. Wenn man mich fragen würden, was die fünf größten Probleme der Menschheit wären, käme Social Media bestimmt auf Platz 5. Ganz oben käme natürlich die vom Menschen verursachte Klimakatastrophe, aber auf Platz fünf käme es bestimmt. Die sozialen Medien sind der Satan. Man müsste diese Konzerne zerschlagen.

Wenn man auf meinen Twitter-Account guckt, stellt man fest, dass ich aktiv bei Twitter bin. Die Frage, ob ich auf Twitter bin, werde ich trotzdem weiterhin mit Nein beantworten. Was natürlich auch total bescheuert ist. Aber so mach ich das halt, weil ich es witzig finde. Ab und zu lösche ich die App, weil ich Dinge erledigen muss. Ich komme aber auch gerne zurück, weil ich Twitter schamlos für die Selbstpromotion verwende."

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