victim blaming

Frauen und ein Mann erzählen, welche Outfits sie am Tag ihrer Vergewaltigung getragen haben

Immer noch kämpfen Vergewaltigungsopfer mit Victim Blaming wegen der Kleidung, die sie bei der Tat an hatten. Eine Sammlung von Kleidungsstücken und Geschichten soll das ändern.

von Britta Rotsch
26 April 2018, 10:32am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Gemeinde Molenbeek

Wenn ihr selbst Opfer von sexualisierter Gewalt seid oder jemanden kennt, der Hilfe benötigt, könnt ihr euch an den Verein "Notruf.Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen" oder den Frauennotruf der Stadt Wien wenden.


Mary Simmerling weiß noch genau, welche Kleidung sie am 4. Juli 1987 getragen hat. Es ist ein warmer Morgen, als sie den knielangen Jeansrock von der Stange nimmt und ein weißes T-Shirt aus der Schublade zieht. Dazu ein paar weiße Tennisschuhe und silberfarbene Kreolen. Es ist ein Tag wie jeder andere, als sie aus dem Haus geht.

"Was hattest du an?" ist eine Frage, die sich Mary bei dem Gedanken an diesen Tag nie von selbst gestellt hätte. Die Frage beschäftigte aber so gut wie alle anderen Menschen, denen Mary von diesem Tag in ihrem Leben erzählt hat. Damals wurde sie vergewaltigt – und von Leuten in ihrem Umfeld anschließend immer wieder indirekt darauf angesprochen, ob sie die Tat nicht eventuell durch ihr Auftreten und ihr Outfit heraufbeschworen haben könnte.

Jahre später, in den frühen 2000ern, schreibt Mary, die jetzt in Arkansas als Professorin an der Universität tätig ist, ein Gedicht über diesen Julitag. Und über die Kleidung, die sie an diesem Tag an hatte und die Frage, mit der sie seither ständig konfrontiert wird. Hier ein Auszug daraus:

What I was wearing by Mary Simmerling

was this:
from the top
a white t-shirt
cotton
short-sleeved
and round at the neck

this was tucked into
a jean shirt
(also cotton)
ending just above the knees
and belted at the top

underneath all this
was a white cotton bra
and white underpants



Wie sich durch die Veröffentlichung des Gedichts zeigt, ist Mary nicht das einzige Vergewaltigungsopfer, die wiederholt mit der Frage "Was hattest du an?" konfrontiert wird – und dem auf diese Art eine Mitschuld unterstellt wird. Für das Phänomen gibt es längst einen eigenen Namen: Victim Blaming.

Der Begriff wurde in den Siebzigern in den USA als Verteidigungsstrategie bei Vergewaltigungsprozessen etabliert, die dem Opfer die Schuld zuschreibt, um den Täter zu entlasten. Bis heute wird diese Strategie auf verschiedenste Art und Weise fortgeführt – sei es medial oder im täglichen Leben: Als Kim Kardashian beispielsweise 2016 in ihrem Hotelzimmer überfallen wurde, schrieb die Tageszeitung Österreich, dass sie mit ihrer "aufreizenden Kleidung und ständigen Protz-Postings" selbst schuld an dem Überfall wäre.

Dass Victim Blaming sich nicht nur auf den medialen Raum begrenzt, zeigt die Geschichte einer VICE-Leserin, die uns im Rahmen unseres Aufrufes #nichtmehrwegschauen erreichte: "Du brauchst dich nicht wundern. Warum lackierst du dir auch die Nägel rot? Darauf stehen die Männer. Das solltest du langsam lernen", war ein Kommentar ihres Vaters, nachdem sie mit elf Jahren von einem Mann sexuell bedrängt wurde. Frauen die Schuld für sexuelle Belästigungen, Grenzüberschreitungen und Vergewaltigungen zuzuschreiben, ist leider der Normalfall.

Die Resonanz auf Marys Gedicht ist jedenfalls so groß, dass schließlich zwei Professorinnen aus Arkansas beschließen, am Institut für Sex Aussault Prevention and Education Center Arkansas eine Kunstinstallation für die Überlebenden zu gestalten. Für die Installation führen Dr. Mary Wyandt-Hiebert und Jen Brockman persönliche Gespräche mit Betroffenen von sexueller Gewalterfahrung. Sie lassen sich erzählen, was diese am Tag ihrer Vergewaltigung für Kleidung getragen haben. Die Antworten werden anonymisiert und neben Kleidungsstücken, die der Beschreibung der Opfer entsprechen, ausgestellt. Aus Pietäts- und Rechtsgründen sind die Exponate nicht die tatsächlichen Beweisstücke aus den jeweiligen Übergriffen.

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Ausstellung in Brüssel. Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Gemeinde Molenbeek.

"Einen Badeanzug", erzählt eins der Opfer. "Wir fuhren den ganzen Tag lang Kanu auf dem Fluss. Es war wirklich ein lustiger Tag. Später kamen sie in mein Zelt, als ich gerade meine Kleidung wechseln wollte."

Eine andere Frau berichtet: "Ich trug mein Lieblingsshirt, aber ich erinnere mich nicht mehr, welche Hosen ich dazu an hatte. Ich weiß nur, dass ich total verwirrt war und nur noch aus dem Zimmer meines Bruders raus wollte, zurück zum Cartoon schauen." Aussagen wie diese sind keine Seltenheit. Oft passierte es im nahen Umfeld, manchmal auch ganz plötzlich.

"Mit der Installation soll Überlebenden geholfen werden, ihre getragene Kleidung wieder zu entmystifizieren und die gefühlt getragene Mitschuld, die durch die wiederholte Outfit-Frage unterstellt wird, ein Stück weit von ihnen zu nehmen", erklärt die Leiterin der Kunstinstallation, Jen Brockman in einem Interview.

Nach dem Erfolg der Kunstinstallation in den USA wandert sie jetzt weiter nach Brüssel. "Plötzlich können sie sich vorstellen, dass jede*r potenzielles Opfer sein kann", so Delphine Gossen, die Kuratorin der Ausstellung in Brüssel, im Gespräch mit VICE. Sie hofft, dass sie Installation weiter um die Welt reisen wird.

Dass übrigens keine Kleidung jemals Schutz gewährleisten kann, glaubt mittlerweile auch eine anonyme Polizistin, die ebenfalls Opfer einer Vergewaltigung wurde. Was sie dabei anhatte? "Eine Polizeiuniform. Und ich trug eine Waffe bei mir. So viel zur Vorsorge."

"Ich machte mich für die Arbeit fertig, während er anfing, im Bad mit mir zu flirten. Als ich ihn aus dem Weg stupste und ihm sagte, ich habe jetzt keine Zeit, geriet alles sehr schnell außer Kontrolle."

"Ich musste zur Arbeit, also vermutlich Shorts und ein großes T-Shirt. Ich bin sicher, ich rieche furchtbar, dachte ich mir danach. Das war das Einzige, woran ich denken konnte, denn es war die einzige Möglichkeit, um mich von dem abzulenken, was mir eben passiert war."

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Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Gemeinde Molenbeek

"Ein Jeanshemd, Jeans und dazu Toms. Wenn ich den Leuten das antworte, werden sie jedes Mal ganz verlegen – als könnten sie nicht glauben, dass ich es mit meinem Outfit nicht provoziert habe. Es ist fast lustig. Fast."

"Beim ersten Mal ein Kinderkleid der Cousine meines Vaters, als ich fünf Jahre alt war. Beim zweiten Angriff trug einfach Jeans und ein T-Shirt; damals war ich 18 Jahre. Beim dritten Mal ein Kleid. Ich dachte, mit einer anderen Frau wäre ich sicher, aber ich wachte auf, als sie mich gerade vergewaltigte."

"Ich musste zur Arbeit, also vermutlich Shorts und ein großes T-Shirt. Ich bin sicher, ich rieche furchtbar, dachte ich mir danach. Das war das Einzige, woran ich denken konnte, denn es war die einzige Möglichkeit, um mich von dem abzulenken, was mir eben passiert war."

"Ein T-Shirt und eine Cargohose. Es ist lustig. Alle fragen mich, ob das bedeutet, dass ich jetzt schwul sei und ob ich mich gegen ihn zur Wehr gesetzt habe. Manche wollen auch wissen, wie ich das mit mir habe machen lassen können. Aber noch nie wollte jemand wissen, was ich dabei getragen habe."

"Ich ging ein paar Tage danach nicht zur Arbeit. Als ich meiner Chefin davon erzählte, stellte sie mir diese Frage. Ich sagte zu ihr: Ein T-Shirt und eine Jeans, Bitch. Was trägst du auf einem Basketball-Spiel? Ich ging aus dem Büro und kam nie mehr zurück."

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Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Gemeinde Molenbeek
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Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Gemeinde Molenbeek

Einen blauen Pyjama. Ich fühlte mich nicht gut und er kam vorbei, um sich ‘um mich zu kümmern’. Ich hab ihm vertraut und er hat mich vergewaltigt."

"Einfach eine Schuluniform aus Wolle. Mein Stiefvater missbrauchte mich manchmal nach der Schule, bis meine Mutter von der Arbeit nachhause kam. Später, als mein Freund mich während meiner Studienzeit vergewaltigte, trug ich schwarze Jeans und ein weißes T-Shirt. Wir waren gerade von einem Football-Spiel zurückgekommen."

"Jogginghosen, ein Universitäts-Shirt und ein Baseball-Cap. Wir wollten einfach nur chillen, wie immer – trinken und dabei einen Film schauen. Ich trank viel zu viel und als ich aufwachte, war er über mir."

"Einen roten Rock und einen roten Pulli. Sie gehörten meiner Mitbewohnerin; ich hatte mir das Zeug für ein Date von ihr geliehen. Ich war sehr aufgeregt, weil ich ihn wirklich gern mochte. Ich dachte, er sei ein guter Typ. Als ich sagte, er soll bitte langsamer machen und zu weinen began, hörte er trotzdem nicht auf."

"Ein süßes Minikleid. Ich habe es vom ersten Moment an geliebt. Ich hatte auch die perfekten High-Heels. Ich wollte einfach einen guten Abend mit meinen Schwestern haben und dabei gut aussehen. Er hat mich auf mehrere Shots eingeladen. Als nächstes weiß ich nur, wie ich auf dem Boden herumgekrochen bin und nach diesen dummen Kleid gesucht habe."

"Ich trug eine Djellaba – dieselbe, die ich meistens trage. Es war das Kleidungsstück, in dem ich mich am wohlsten fühlte. Es erinnerte mich an mein Zuhause, meine Familie, meine Identität. Jetzt erinnert es mich an ihn."

"Ein weißes T-Shirt und schwarze Hosen. Es war immer dasselbe Outfit. Und es war immer nach dem Freizeitheim. Ich vertraute ihm. Meine Mutter vertraute ihm auch."

"T-Shirt und Jeans. Es passierte dreimal in meinem Leben. Dreimal waren es verschiedenen Menschen. Jedes Mal trug ich ein T-Shirt und eine Jeans."

"Ein Kleid. Monate später beschwerte sich meine Mutter vor meinem Kleiderschrank, dass ich überhaupt keins meiner Kleider mehr trug. Ich war sechs Jahre alt."

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