"Bock zu chatten?" – Ich habe mich nach 15 Jahren wieder bei Knuddels.de angemeldet

Eine Nacht auf der Chatplattform ist wie eine Zeitreise in die 00er-Jahre – zwischen Fubu-Hosen, seltsamen Nicknamen und der "Matratzensport"-Gruppe.

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Juli 13 2018, 9:15am

Ein typisches Gespräch im "Matratzensport"-Chat | Screenshot: Knuddels.de

Dieser Artikel ist zuerst bei VICE Deutschland erschienen.

Es ist Samstagabend, als ich eine Webseite öffne, die ich das letzte Mal vor ungefähr 15 Jahren aufgerufen habe: Knuddels.de. Die 1999 gegründete Onlineplattform war der erste Chatraum, der in meinem Freundeskreis wirklich angesagt war. Es gab eigene Spiele, lokale Chatgruppen, User und Userinnen, die virtuelle Knutschflecken als Trophäen in ihrem Profil verewigten – Knuddels war die perfekte Parallelwelt für Kids, die Anfang der 90er geboren worden sind und für die es nach der ersten Allnet-Flatrate hieß: weg von den Eltern, auf in den Chatraum. 19 Jahre später wirkt es dank Sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten geradezu absurd, sich am PC in einen Chatraum einzuklinken. Trotzdem gibt es immer noch Leute, die genau das tun. Ich habe eine Nacht in der Online-Einöde verbracht, um herauszufinden, wer diese Menschen sind, was aus Usern wurde, die sich vor zehn Jahren XxPlaya91xX nannten, und wie sich Knuddels verändert hat.

Zu einer Zeit, als Internetcafés so populär waren, dass Leute dort ihren Geburtstag feierten, gründeten Holger Kujath, Mathias Retzlaff und Mirko Strauß Knuddels.de. Kujath und Retzlaff studierten damals noch Informatik an der Universität Karlsruhe. Bis 2010 waren laut Knuddels rund 4 Millionen Mitglieder registriert. Der Vermarkter Netpoint Media, seit 2016 für die Seite zuständig, spricht aktuell von lediglich 301.309 aktiven Nutzern und Nutzerinnen im Monat. Doch auch wenn die kleine Online-Parallelwelt heute eine geringere Bedeutung hat, gelten dort noch immer eigene Gesetze.


Auch bei VICE: Dieser Mann hütet eines der wichtigsten Kabel des Internets


Der hauseigene Chatbot "Butler James" überreichte schon in den Anfangstagen im Auftrag von Usern Rosen an den Schwarm aus der Parallelklasse und achtete auf den Umgangston im öffentlichen Chat. Worüber man damals schrieb, war nicht so wichtig. "Wie war dein Tag?" "Gut." "Was machst Du?" "Hausaufgaben. Mathe, nervt richtig *gg*". Das war eines der hoch-eloquenten Gespräche, die ich damals führte. Ich war Anfang der 00er-Jahre im Teenageralter, trug eine feste Zahnspange und war heilfroh, dass meine Eltern keine Ahnung hatten, was ich meinte, wenn ich mit Freunden über Ränge beim "Mafia"-Spiel und über neue Community-Moderatoren ("Der Nico aus der Parallelklasse!!") redete.

So sah die Startseite von Knuddels im Jahr 2005 aus | Screenshot: Archive.org

Wenn wir vom Chatten sprachen, meinten wir Knuddels.de. Eine Alternative gab es nicht. Umständlich schrieben wir uns an verregneten Freitagnachmittagen auf Nokia-32C-Handys, in welchem Channel wir uns gerade aufhielten. Dort sprachen wir dann darüber, was wir Stunden davor auf dem Nachhauseweg von der Schule erlebt hatten (nicht sehr viel). Montags rechneten wir in der ersten großen Pause ab: Wer hatte mit wem im Chat geflirtet oder virtuell geknutscht? Und wer hatte sich im öffentlichen Chat daneben benommen? Gab es neue Infos über das Mädchen von der anderen Schule, die ziemlich viele Rosen geschenkt bekam?

Der Rang im Chat war eine Währung. Die Moderierenden prahlten mit ihrer übersinnlich wirkenden Macht, andere aus dem Chat verbannen zu können. Die Jungs mit den meisten virtuellen Knutschflecken sahen zwar nicht unbedingt so aus, wie man sich die Jungs mit den meisten Knutschflecken vorstellt, aber sie waren sehr gut darin, andere davon zu überzeugen, ein "/kiss" und dann ihren Nicknamen in den Chat einzugeben.

Indem wir in bestimmten Channels abhingen, schlossen wir uns Subkulturen an, von denen wir uns repräsentiert fühlten ("Alternative", "Gothic"). Diejenigen, die vorgaukelten, politikinteressiert zu sein, besprachen die deutsche Bundestagswahl im eigenen Channel. Zu einer Zeit, in der die NPD noch eine gewisse Relevanz hatte, diskutierten Leute heftig über ein Verbot und testeten die eigene Rhetorik. Und wenn man dann mal argumentativ ausgehebelt wurde, konnte man sein Gegenüber immer noch beleidigen. Internet eben.

Eine Debatte zur deutschen Bundestagswahl 2005, als wir noch über die NPD diskutierten. Der Screenshot stammt vom eigenen Knuddels.de-Klon, dem Mainfranken-Chat, der 2015 geschlossen wurde

Etwa 2006 wurde Knuddels durch ICQ ersetzt, und mit irgendwelchen Fremden oder halbwegs Bekannten zu chatten, war nicht mehr angesagt. Wir wuchsen aus dieser süßen, aber auch etwas dämlichen Knuddels.de-Welt heraus, die sich als flauschig und unschuldig inszenierte, aber auch immer ein Ort für Menschen war, die den Kontakt zu Jüngeren suchten und das Gespräch mit einem "Hey Süße!! na Bock auf CS?!?!" (Cybersex, nicht Counter Strike) eröffneten. Es ist allerhöchste Zeit, diese Leute wiederzutreffen.

Die Suche nach den letzten Verbliebenen auf Knuddels.de

An meinen furchtbar peinlichen Nicknamen, der irgendwo zwischen jugendlicher Selbstüberschätzung und einer wirren Rage-Against-the-Machine -Referenz lag ("KillerOftheNameOf14" oder so), kann ich mich kaum noch erinnern, aber ich wollte mich sowieso neu anmelden. Es ist 22 Uhr, als ich mich als "Nightmare Nilsi" neu anmelde.

Dabei bemerke ich die ersten Neuerungen. Butler James, mittlerweile 82 Jahre alt, fragt mich nach meinen Interessen, um mir geeignete Chaträume vorzuschlagen. Die Startseite hat sich verändert. Statt eines schlichten rosafarbenen Hintergrunds sehe ich ein Stockfoto: Zwei junge Frauen liegen auf einer verdreckten Motorhaube, ihre sonnenbeschienenen Gesichter wirken glücklich, vielleicht unterhalten sie sich über ihre coolen Knuddels-Bekanntschaften. Was Leute auf Stockfotos halt so machen. Das Design ist zwar neu, die Aufteilung in Channels blieb allerdings gleich. Die beliebtesten sind: "Flirt" (455 Benutzer), "Matratzensport", (321 Benutzer) und "Psssst" (298 Benutzer). Ich suche den Chatraum meiner Heimatstadt Bonn und bin enttäuscht.

Die Startseite von Knuddels.de heute | Screenshot: Knuddels.de

Neben Butler James ist in dieser "Lokalrunde" nur eine einzige Person online. Martin ist 52 Jahre alt, seit 2014 registriert und raucht auf seinem Profilbild eine selbstgedrehte Zigarette, während er mich neckisch aus seinem hellblau gekachelten Badezimmer anschaut. Auf mein privates Anschreiben reagiert er nicht. Mein erster Korb nach 15 Jahren Knuddels.de tut genauso weh wie damals. Ich wechsele in den Kölner Channel, hier sind immerhin 43 Menschen online.

Jessica, 24, Schweiz, seit 2008 auf Knuddels registriert, 97.280 Minuten Onlinezeit

Meine erste Gesprächspartnerin ist seit zehn Jahren auf Knuddels.de angemeldet und täglich online. Jessica schreibt, sie warte im Channel "Köln" auf jemanden, den sie hier letzte Woche kennengelernt habe. Er komme aus Köln, da treffe man sich nun mal im Channel "Köln". Das leuchtet mir ein. Laut ihrem Profil hat Jessica schon 97.280 Minuten auf Knuddels verbracht – etwas mehr als 67 Tage reine Onlinezeit. Sie arbeitet in einer Werbefirma und kellnert nebenbei. Im Chat sei sie erst ab 22 Uhr aktiv, aber dann bleibe sie meist bis 1 oder 2 Uhr, schreibt sie. Ich freue mich, dass ich gleich eine echte Knuddels-Veteranin getroffen habe, und frage sie, was sich in all den Jahren hier verändert hat.

"Es benutzen leider immer mehr Leute Knuddels für Sextalk oder ähnliche Dinge, die einen mit der Zeit ziemlich nerven können", schreibt Jessica. Ihre längste Online-Bekanntschaft pflege sie hier seit sechs Jahren mit einem verheirateten Kfz-Mechatroniker aus dem Sauerland. Der Mann sei ein echter "Onlinefreund". Im ersten Moment klingt das für mich traurig, aber dann doch wieder schön. Denn während sich die Welt dort draußen rasend schnell ändert, blieb in der grellen Knuddels-Welt in den letzten Jahren vieles konstant. Die Menschen reden hier oft noch immer über die Themen von früher, schreibt Jessica: über Musik aus den 2000ern und all das, wofür sie sich schon vor ihrem ersten Login bei Knuddels interessiert hätten. Ich glaube ihr sofort.

Für Jessica sei Knuddels ein Rückzugsort, sagt sie. Wenn es auf der Arbeit schlecht laufe oder sie private Probleme habe, könne sie ihren Kummer im Chat loswerden. Die Chatplattform sei nicht mehr so gut besucht wie noch vor fünf Jahren, aber die wenigen Aktiven seien oft genauso lang hier wie sie. Knuddels teilt auf Nachfrage mit, dass zu Jahresanfang 2018 noch 2,9 Millionen aktive Nicknamen registriert seien. Weil eine Person mehrere Accounts registrieren kann, falle die Zahl der Nutzer und Nutzerinnen aber entsprechend geringer aus. Wie gering, das verrät das Unternehmen nicht, aber die mager besuchten Channels sprechen eine deutliche Sprache. Trotzdem eint die elitäre Gruppe von Langzeit-Knuddels-Fans eine Sache: die Gewissheit, dass sie hier sind, obwohl es keinen rationalen Grund dafür gibt.

Es ist eine seltsame Form der Romantik, die nicht einmal eine von Butler James überreichte Rose beschreiben kann. Als während meines Gesprächs mit Jessica eine Werbeanzeige für Hartz-IV-Anträge aufpoppt, wechsle ich empört den Chatraum – und stoße auf ein altes Knuddels-Klischee, das noch immer weiterlebt.

Im Channel "Matratzensport" geht es genau um das, was ich in einem Channel namens "Matratzensport" erwartet habe. Der User: o.OMegaDude19O.o fragt nach einem "Girl, das modelt" und das er "etwas fragen kann?!". Die meisten Benutzer verstecken ihre Anliegen allerdings nicht hinter obskuren Rätselbotschaften, sondern gehen direkt zur Sache. Der nächste User fragt nach "einer Süßen, die Lust auf einen dicken Schwanz hat". Nach einigen Missverständnissen im "Matratzensport"-Chatraum ("Was schreibst du mich an man, ich bin nicht schwul ok?!") treffe ich Christopher.

Christopher, 32, Ulm, seit 2003 auf Knuddels registriert, 371.608 Minuten Onlinezeit

Wie fühlt es sich eigentlich an, 258 Tage, also fast eine komplette Schwangerschaft, in einem Chatraum verbracht zu haben? Eigentlich in Ordnung, sagt Christopher. Ob er sich noch an den 6. Juli 2003 erinnern kann? Den Tag, als er sich um 1:48 Uhr bei dieser Webseite angemeldet hat, die er bis heute nicht verlassen hat? Er kann. Sein 17-jähriges Ich war bei Freunden zu Hause, schreibt er. Sie tranken Dosenbier, rauchten am offenen Fenster und sprachen über Mädchen aus der Schule. Dann habe ein Freund ihm auf seinem Rechner Knuddels.de gezeigt. Christopher habe sich angemeldet und ist seitdem dabei, schreibt er ohne Tippfehler (eine Seltenheit!). Für ihn sei klar, warum es mit der Webseite bergab gegangen ist: Knuddels habe den Umzug auf Smartphones und Tabletts im richtigen Moment verpasst. Neue, attraktivere Messenger hätten die Seite verdrängt, da nützt es wenig, dass es inzwischen auch eine Smartphone-App gibt. Und warum ist er dennoch geblieben? Sich neu vorzustellen, falle ihm schwer, schreibt Christopher. Er chatte eigentlich nur noch nur mit alten Bekannten. Wie viele, die hier länger als zehn Jahre unterwegs sind, ist Christopher inzwischen "Channel Administrator" und "Family Member".

"Family Member" – das klingt in der näheren Beschreibung im Knuddels-Wiki wie der feste Stammtisch in einer Dorfkneipe. "Familymitglieder (kurz: 'Family') sind Chatter, die schon seit längerer Zeit dem Chat treu sind und eine Weile in der Community verbracht haben. Auch der Einsatz für ein gutes Chatklima, freundliche und hilfsbereite Aufnahme von neuen Chattern sollten an den Tag gelegt werden." Für meine Anschlussfrage ist er also Experte: Gibt es hier Probleme mit sexueller Belästigung? Schon, so Christopher. Es gebe aber auch "Frauen, die Kerle belästigen und wer sich z.B. in einem Flirt-Channel aufhält, muss damit rechnen, dass er mal dumm angequatscht wird", schreibt er und ich fühle mich in die Eckkneipe meiner alten Studentenstadt Bayreuth zurückversetzt, in denen die Alkoholiker mit den roten Säufernasen vom Stammtisch das Gleiche gesagt haben.

Johann, 29, Köln, seit 2004 auf Knuddels registriert, 210.402 Minuten Onlinezeit

Johann ist der Erste, der mich von sich aus anschreibt. Ich treffe ihn im Channel "Alternative", in dem es augenscheinlich um "alternative Musik" geht. Er habe gesehen, dass ich hier neu bin, und wolle deshalb einfach mal wissen, wie es mir geht. Er eröffnet mir, dass er seit einem Autounfall vor vier Jahren im Rollstuhl sitzt. Er könne seitdem schlecht schlafen, und die ganze Nacht Serien zu gucken, sei auch keine Option. Da verbringe er seine Zeit lieber im Chat. Johann erzählt, dass Knuddels ihn gut durch die Schulzeiten gebracht habe: "Ich war einer der ersten Angemeldeten aus meiner Klasse und hatte daher auch einen guten Draht zu den Channelmoderatoren des Kölner Chatraums." Wenn er sich einloggte, sei er im Chat von nahezu allen anderen Usern gegrüßt worden.

In der Schule sei das etwas anders gelaufen, dort habe ihn keiner begrüßt, schreibt Johann. Aber sein neues Selbstbewusstsein durch die virtuelle Anerkennung habe er einfach aus dem Chat mit ins echte Leben genommen – zwar nicht für ewig, das sei ja klar, aber schon eine Zeit lang.

Mir fällt Johanns Profilbild auf. Er sieht darauf nicht wie 29 aus, sondern eher wie 17. Es zeigt ihn auf einem Sportplatz, er trägt eine silberne Hose von Fubu und um den Kopf ein weißes Eminem-Gedächtnisbandana. Betont lässig steht er da mit einem Basketball in der Hand und es wirkt, als lebe er bei Knuddels in seiner eigenen Vergangenheit.

Ich frage Johann, ob er sich hier manchmal fühlt, als sei er am richtigen Ort – nur eben zur falschen Zeit. "Es ist schon komisch, hier abzuhängen, aber manchmal denke ich, vielleicht kommt wer aus 2005 zurück und wir quatschen dann nochmal oder so", antwortet er. Es scheint so, als ob Johann diesen Ort mit so vielen positiven Erinnerungen verknüpft, dass er ihn gar nicht mehr verlassen will.

Knuddels.de ist heute ein Denkarium

Als ich Knuddels.de verlasse, ist es weit nach Mitternacht. Eigentlich hatte ich mich schon vor über einem Jahrzehnt ausgeloggt, weil es hier nichts Relevantes mehr für mich gab. Ich hatte gedacht, dass sich zumindest die Themen auf Knuddels geändert hätten, ein Channel über Kryptowährungen vielleicht. Stattdessen gibt es das Gleiche, was es schon immer gab: belanglosen Chat, schlechten Dirty Talk, irgendwelche Spiele, Ranglisten, den Butler James, Küsse und Rosen. Nur ist die Altersspanne deutlich gestiegen. Zwar sagen die Betreiber, dass Knuddels seit einem Jahr wieder stabile Zahlen bzw. ein leichtes Wachstum verzeichne, so richtig spüre ich das in den gähnend leeren Themen-Channels allerdings nicht.

So dient die ehemalige Teenie-Plattform Knuddels den meisten heute erwachsenen Nutzerinnen und Nutzern vor allem zur Konservierung von Erinnerungen von "damals". Die Seite ist ein Denkarium von Menschen, die sich vor Jahren auf Pausenhöfen im Chat verabredet haben, ohne das Browserfenster jemals endgültig zu schließen. Es ist ein melancholischer Ort, der irgendwo in den Untiefen des Internets vor sich hinsumpft und für den sich kaum noch jemand wirklich interessiert, außer seinen treuen Fans.

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