10 Fragen an eine Nonne, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Würde Gott auch Hitler seine Sünden vergeben? Was an der Kirche finden Sie schwachsinnig? Dürfen Sie trotz Keuschheitsgelübde masturbieren?

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30 August 2017, 10:10am

Alle Fotos: Josefine Lippmann

Schwester Ruth Lazar hat sich vor Kurzem eine neue Brille gekauft, eine ohne verspiegelte Gläser. "Weil mich die Leute immer draußen fotografieren wollen", sagt die 57-Jährige. Schwester Ruth ist nicht eitel, aber sie ist das Gesicht vom Kloster Alexanderdorf, wo sie sich sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert.

Seit 1983 lebt sie hier, eine Stunde südlich von Berlin. Damals war sie 23. Sie sagt, sie hat Jahre vorher schon darauf hingelebt, ihr Leben Gott zu widmen – bis heute ist sie glücklich mit der Entscheidung. Aber was ist das für ein Leben, ohne Partner, ohne Sex, nur mit Gott? In einer Zeit, in der nur noch jeder zehnte Katholik sonntags in die Kirche geht.

Wir haben Fragen.

VICE: Wie oft sündigen Sie am Tag?
Ruth Lazar: Die Frage ist ja, was ist Sünde? Sind zwei Stücke Schokolade schon maßlos? Das wäre schlecht, ich habe heute nämlich schon drei gegessen. Sünde ist, sich dafür entscheiden, das Falsche zu tun. Lässliche Sünden, mal ein Bier über den Durst trinken oder so – das passiert. Gott ist kein Erbsenzähler.

Es gibt noch die Todsünden Gier, Hochmut, Geiz etc., welche haben Sie begangen?
Neid. Da war ich auch schon im Kloster. Ich durfte eine theologische und zwei geistliche Ausbildungen machen, aber ich wollte noch eine dritte. Eine andere Schwester durfte das. Ich nicht. Das hat mich ewig aufgeregt. Es hat lange gedauert, bis ich diese Gefühle losgeworden bin. Und das Tolle in der katholischen Kirche ist die Beichte. Wenn man etwas ehrlich bereut, spricht der Priester die Formel im Namen Gottes. Dann ist die Sünde dahin.

Würde Gott auch Hitler seine Sünden vergeben?
Ich mache mich darauf gefasst, dass ich mit Hitler im Himmel auf einer Bank sitzen könnte. Ich glaube daran, dass es einen Schnitt gibt nach dem letzten Atemzug. Dann begegnet jeder Mensch Gott. In dieser Begegnung entscheidet sich, wo ein Mensch landet. Ob im Himmel oder in der Hölle. Hitler war ein Mensch, der unvorstellbare Schuld auf sich geladen hat. Aber ich glaube, dass unser Gott selbst für jemanden wie Hitler eine Idee hat. Dass Hitler in der Begegnung mit Gott erkennt, was er getan hat, und Reue empfindet.


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Sie waren 23, als Sie ins Kloster gegangen sind. Was vermissen Sie von der Welt draußen?
Heute nichts mehr. Ich habe mich natürlich gefragt, was ich aufgebe, etwa Partner und Familie zu haben. Ich hatte damals die Option, mich für so ein Leben zu entscheiden. Ich war 17 und hatte einen Freund. Ich habe aber gemerkt, das reicht nicht. Nicht, weil mein Freund nicht in Ordnung war. Sondern einfach die Konstellation: er und ich, ein ganzes Leben. Ich merkte, ich brauche Zeit und Raum für Gott. Dafür ist das Kloster ein sehr guter Ort.

Was an der Kirche finden Sie schwachsinnig?
Es ist in der Amtskirche immer noch eine Meldung wert, wenn eine Frau im Vatikan eine höhere Stellung bekommt, sei es in der Verwaltung! Dass man das immer noch als große Errungenschaft feiert, finde ich bedenklich.

Seit über 30 Jahren hat Schwester Ruth ihr Leben Gott gewidmet.

Das bisschen Beten, das bisschen Garten, kann ich ins Kloster, wenn ich einfach nur faul sein will?
Schönes Leben, ge? Also ich finde mein Leben arbeitstechnisch nicht sehr entspannt. Wir arbeiten fünf Stunden am Tag, und dann haben wir Gebetszeiten. In den fünf Stunden beantworte ich Presseanfragen, rede mit Gästen, betreue eine kleine Klosterzeitschrift und bin Bibliothekarin. Außerdem betreibt unser Kloster noch eine Hostienbäckerei und die Schwestern arbeiten im Garten. Und in erster Linie sind wir hier, um zu beten. Wir machen allein sechs Gottesdienste am Tag.

Was würden Sie sagen, wenn sich ein homosexuelles Pärchen in Ihrer Kirche auf dem Gelände trauen lassen will?
Die katholische Kirche hat eine eindeutige Position, daran halten wir uns auch. Es gibt keine Trauung und keine öffentliche Segnungsfeiern.

Ich persönlich habe mir die Diskussion um die Ehe für Alle im Bundestag angesehen – und ich habe mich fremdgeschämt, als die Leute mit Konfetti geworfen haben. Mich hat das an eine Talkshow erinnert, dabei ist es die höchste Volksvertretung der Bundesrepublik Deutschland. Für mich ist Ehe ein Bund zwischen Mann und Frau. Der deutsche Staat kann beschließen: 1+1=3. Aber für mich bleibt 1+1=2.

Können Sie trotz Keuschheitsgelübde eigentlich masturbieren?
Jede Art von sexueller Betätigung verstößt gegen das Gelübde. Dabei sind Nonnen natürlich nicht asexuell, nur weil wir im Kloster leben. Es ist aber ein Geschenk, wenn man etwas erreicht und keusch bleibt. Wenn ich mich für dieses Leben entschieden habe und mich selbst befriedige, sage ich mir: Dann hättest du es doch lieber richtig gemacht! Masturbation ist nur eine Ersatzbefriedigung. Dazu bin ich mir zu schade.

Das Kloster betreibt einen kleinen Flohmarkt aus Nachlässen und Geschenken. "Gerade haben wir seltene Puppen hier", sagt Schwester Ruth. "Wenn wir die auf eBay verkloppen würden, würden wir richtig Geld machen!"

Vermissen Sie denn nicht Sex, einen Partner, eigene Kinder?
Das ist eine Entscheidung, die ich getroffen habe. Ich bin jetzt 57, Kinder sind kein Thema mehr, ich weiß, was ich habe, und für mich ist das OK. Das Leben ohne Partner ist aber kein Leben ohne Nähe. Wir leben hier, weil wir etwas mit Gott haben. Gerade Liebeslieder ähneln oft Gebeten: "Du flutest alle meine Decks mit Hoffnung auf ein echtes Leben vor dem Tod." Das ist aus einem Lied von Silbermond. Da singt eine Frau zu ihrem Partner. Ich als Christin brauche das keinem Partner vorzusingen, ich sage es zu Gott.

Wissen Sie, was Jesus und ein VW-Bus gemeinsam haben? Das kann ich Ihnen leider nicht beantworten.

Es sind beides Mehrtürer. [Schwester Ruth wirft den Kopf nach hinten und lacht laut.] Ist theologisch nicht ganz korrekt, aber witzig.

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