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islamischer staat

Schon wieder gibt es Zweifel an der Deso-Dogg-Todesmeldung

Hat es den IS-Barden Denis Cuspert jetzt erwischt oder nicht?

von Matern Boeselager
19 Jänner 2018, 12:06pm

Foto: imago | Sven Lambert

Dieser Artikel wurde zuerst bei VICE Deutschland veröffentlicht.

Deutschlands schillerndster IS-Terrorist, der Ex-Rapper Denis Cuspert – alias "Deso Dogg" alias "Abu Talha al-Almani" – ist offenbar in Syrien gestorben. Schon wieder. Oder eben nicht – und dann wäre das auch nicht das erste Mal, dass er fälschlicherweise als tot gemeldet wurde.

Dieses Mal kommt die Meldung von der auf dschihadistische Propaganda spezialisierten "Site Intelligence Group", die wiederum die "Wafaa Media Group" als Quelle angibt – laut Site eine dem IS nahestehende Gruppe. Der Meldung nach soll er in einem Dorf in der ostsyrischen Provinz Deir ez-Zor getötet worden sein. Die Wafaa Group veröffentlichte Fotos von der blutverschmierten Leiche eines Mannes, die nach Meinung einiger Experten Denis Cuspert sein soll. "Obwohl es schon früher Berichte über Cusperts Tod gab, scheint dieser besonders überzeugend", schreibt Site-Direktorin Rita Katz auf Twitter. "Verschiedene Details, Fotos, etc. Der Bericht von Wafaa könnte sich durchaus als wahr herausstellen."

Für die deutschen Medien reichte das, um Cuspert erneut, diesmal wirklich und endgültig, für tot zu erklären. Auch Dschihadismus-Experten wie der Betreiber des Blogs "Erasmus Monitor" sind überzeugt – auch weil in IS-nahen Telegram-Chats die ersten Beileidsbekundungen für Cuspert aufgetaucht sind.

Auch der Twitter-Account eines deutschen pro-kurdischen Aktivisten ist von Cusperts Tod überzeugt – und liefert weitere Details. Demnach sei Cuspert Teil eines "Inghimasi"-Kommandos gegen das von moderaten Rebellen gehaltene Dorf gewesen. "Inghimasiun" sind Selbstmord-Attentäter, die allerdings versuchen, so lange wie möglich am Leben zu bleiben und mit konventionellen Waffen so viele Feinde wie möglich zu töten. Erst wenn sie kurz vor der Gefangennahme stehen, zünden sie die mitgebrachten Sprengstoffwesten. Cuspert und andere Kämpfer, berichtet ein Twitter-Account, seien bei der Erstürmung des Dorfes schließlich in einem Haus eingekesselt und von einer Granate getötet worden.

Am Freitagmorgen wurden dann aber die ersten Stimmen laut, die die Meldungen von Cusperts Tod einmal mehr in Zweifel ziehen. Allen voran Christoph Sydow, der Nahost-Redakteur bei Spiegel Online:

Aber auch andere Stimmen zweifeln die Meldung der Wafaa Media Group an – genauso wie deren Einordnung als "pro-IS". "Al-Wafaa ist nicht vertrauenswürdig und gilt als verdächtig", schreibt ein User – und beruft sich dabei auf den IS selbst. "Der IS hat noch nie Fotos von toten Märtyrern veröffentlicht und wird das auch nie tun, Al-Wafaa versucht, dem IS in den Rücken zu fallen."

Das größte Problem sind die Fotos selbst. Wie Christoph Sydow bereits bemerkt hat, sind auf den Händen des Getöteten die Tätowierungen Cusperts nicht zu erkennen. Auch auf Fotos vom Gesicht des Mannes scheint die unter dem rechten Auge tätowierte Träne zu fehlen – sie könnte allerdings auch unter Staub verborgen sein. Vor allem aber lässt sich wegen des Bluts und den Wunden auf dem Gesicht generell schwer sagen, ob die Fotos wirklich Denis Cuspert zeigen. Und: Der IS selbst hat seinen Tod noch auf keinem seiner Kanäle bestätigt.

Sollte Denis Cuspert wirklich gestorben sein, hätte eine lange und traurige Geschichte ihr Ende gefunden. Der 1975 geborene Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen wuchs in Berlin auf und rutschte früh in die Kleinkriminalität ab. Nach seinen ersten Aufenthalten im Jugendgefängnis legte Cuspert sich den Namen "Deso Dogg" zu und versuchte sich als Gangster-Rapper. Damit hatte er allerdings nur sehr mäßigen Erfolg, sodass die Trauer der Szene sich in Grenzen hielt, als Deso Dogg 2010 schließlich verkündete, er wolle seine Musik-Karriere beenden und sich fortan ganz dem Islam widmen.

Danach durchlief Cuspert, der sich bald Abu Talha Al-Almani nannte, eine Radikalisierung im Schnelldurchlauf. Schon 2011 begann er, sogenannte "Naschids" (islamische Heldenlieder) zu komponieren, in denen er Osama bin Laden pries. Als er sich im selben Jahr der salafistischen Gruppe "Millatu Ibrahim" anschloss, geriet Cuspert endgültig ins Visier deutscher Anti-Terrorbehörden. 2012 wanderte er aus und gelangte auf Umwegen schließlich nach Syrien, wo gerade der Bürgerkrieg ausgebrochen war. Nach zwei Jahren bei verschiedenen Milizen schloss Cuspert sich 2014 dem Islamischen Staat an, drehte Exekutionsvideos und wurde zu einem ihrer wichtigsten deutschsprachigen Propagandisten. 2017 schließlich wurde bekannt, dass eine FBI-Übersetzerin, die ihn eigentlich hatte überwachen sollen, im Juni 2014 ohne das Wissen ihrer Vorgesetzten nach Syrien geflogen war und Cuspert dort geheiratet hatte.

Mit dem Niedergang des Islamischen Staates in Syrien wurde es auch um Abu Talha al-Almani zunehmend stiller. Und obwohl eine Nachricht von seinem Tod immer noch dafür sorgt, dass in Deutschland die Redaktionen heißlaufen: Im Grunde ist es nur noch für seinen Angehörigen und die Sicherheitsbehörden wirklich wichtig, ob Cuspert noch lebt oder nicht. Seine Wirkung als Propagandist und Verführer hatte er schon lange eingebüßt.

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