10 Fragen

10 Fragen an einen Weihnachtsmann, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Hattest du schon mal Sex in deinem Kostüm? Was war das beschissenste Geschenk, das du je verteilt hast? Hast du ein schlechtes Gewissen, weil du Kinder anlügst?

von Rebecca Baden
06 Dezember 2017, 9:37am

Fotos: Hanko Ye

Bestimmt sei er schon mal verkatert zur Arbeit gegangen – ausnahmsweise –, erzählt der Weihnachtsmann: "Wenn ich am nächsten Morgen einen Kindergarten besuche, müssen es eben ein paar Kaugummis mehr sein." Er sitzt zwischen seinem Hochbett, seiner smarten Gehilfin "Alexa" und seinen Snapback-Caps. Auf dem Bild über seinem Kopf zieht eine Frau an einer Zigarre, draußen auf dem Balkon stehen leere Bierflaschen, Tonic und Wodka. Holt schon mal den Besen, um gleich die Scherben eurer Kindheitsträume aufzufegen: Den Weihnachtsmann gibt es – aber er trinkt Club Mate statt heißer Rentiermilch, trägt Badeschlapfen und wohnt auch nicht am Nordpol, sondern in einem Berliner Studentenwohnheim.

"An Heiligabend verdiene ich bis zu 600 Euro, da kommst du mit zehn bis zwölf Aufträgen raus", sagt der Weihnachtsmann. Er heißt eigentlich Marian, ist 26 Jahre alt und macht gerade seinen Master in International Business and Consulting. In seiner Heimat Lüneburg hat er nach der Matura angefangen, für Kinder den Weihnachtsmann zu spielen, seit 2013 macht er den Job beim Berliner Studierendenwerk, der größten studentischen Weihnachtsmannvermittlung Deutschlands. 2016 upgradeten dort knapp 230 Studierende und Freiberufler ihre Finanzlage.

Als Weihnachtsmann bringt Marian meistens Kindern bei Familienfesten Geschenke und liest aus dem goldenen Buch – einem mit Goldpapier beklebten Notizblock. In der gesamten Weihnachtszeit macht ein Weihnachtsmann des Studierendenwerks ab dem zweiten Jahr (ab da darf er auch in der Vorweihnachtszeit Aufträge annehmen) bis zu 1.500 Euro. "Nirgendwo verdient man in so kurzer Zeit soviel Geld", sagt Marian. Davon bezahle er seine Versicherungen – und die ein oder andere Party. Wir haben Fragen.

VICE: Hast du ein schlechtes Gewissen, weil du Kinder anlügst?
Marian Feldel: Absolut nicht. Ich glaube, es ist extrem schön, wenn Kinder an den Weihnachtsmann glauben und unbewusst eine Tradition am Leben halten. Auch, um dem ganzen Konsum wenigstens ein bisschen entgegenzuwirken: Natürlich geht es an Weihnachten viel um Geschenke. Für die Familien holt der Weihnachtsmann das ursprüngliche Fest aber ein Stück weit zurück, zum Beispiel, wenn wir gemeinsam Weihnachtslieder singen. Ich persönlich finde es zwar schrecklich – mein Gesang ähnelt eher dem Geräusch einer Kreissäge und ich würde einen Teufel tun und freiwillig damit anfangen –, aber für die Familien ist es das Größte.

Wenn Kinder im Übergangsalter, also etwa zwölf, sind oder ältere Geschwister haben, kommt es manchmal vor, dass sie nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben und Fragen stellen. Ich habe mir dafür verschiedene Storys ausgedacht: "Es gibt so viele brave Kinder, dass der Weihnachtsmann das nicht alleine schafft und Gehilfen als Doubles eingestellt hat." Oder ich erzähle, dass ich am Nordpol wohne und meinen Schlitten hinterm Haus geparkt habe. Der sei aber unsichtbar, damit auch die Flugzeuge sicher landen können. Als Weihnachtsmann kannst du dir ausdenken, was du willst.


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Den Kindern hier bringst du Spielzeug – was ist mit denen, die das Spielzeug in Schichten von bis zu 14 Stunden produzieren müssen?
Im Idealfall würde ich den Kindern Obst und Nüsse bringen. Als Kind fand ich das selbst scheiße, aber heute finde ich die Idee ganz gut. Oft schüren die Eltern die Erwartungshaltungen ihrer Kinder. Sie fragen: "Was willst du haben?" Und die Kinder, von der Werbung beeinflusst, antworten. Wenn man nur davon ausgeht, dass der Weihnachtsmann eine Figur aus der Werbung ist, unterstütze ich mit meinem Job auf jeden Fall den Kapitalismus. Allerdings bin ich der Meinung, dass man auch als Konsum-Figur Weihnachtsstimmung in die Familien bringen kann.

Hältst du Weihnachtsfrauen oder -männer, die nicht dem Klischee eines weißen Weihnachtsmannes entsprechen, für unsinnig?
Ich finde das supercool. Weihnachtsfrauen gibt es bei uns dieses Jahr zum ersten Mal. Sonst gab es nur weibliche Engel, die mit dem Weihnachtsmann gemeinsam im teureren Paket gebucht werden können. Weil die Familien das selten machen und alle die Chance bekommen sollen, Geld zu verdienen, gibt es nun auch Weihnachtsfrauen. Die Buchungen sind noch überschaubar, aber wir hoffen, dass sich das bald ändert. Das Studierendenwerk will auch an Weihnachten Diversität repräsentieren. Berlin ist eine Stadt, in der das gut läuft – auch wenn es noch immer genügend Orte in Deutschland gibt, in denen das nicht so ist. Und selbst in Berlin gibt es noch immer Familien, die bei ihrer Anfrage sagen, dass sie einen weißen, deutschsprachigen Weihnachtsmann wollen. Die werden nicht bedient.

Was war das beschissenste Geschenk, das du je verteilt hast?
Im Kindergarten vor zwei Jahren habe ich einem Kind mal eine kleine Stoffhexe mitgebracht, die so unglaublich hässlich war, dass ich mich selber gegruselt habe. Wenn das creepige Stofftier früher in meinem Bett gelegen hätte, hätte ich nicht eine Nacht ruhig schlafen können. Das beste Geschenk war ein komplettes Schlagzeug in der Garage. Der Vater hat mit dem Jungen immer Metallica-Konzerte auf DVD geguckt und selbst ein Zwei-Minuten-Solo im Werkzeugkeller hingelegt. Das waren ziemlich coole, rockige Weihnachten.

Wie sehr stinkst du nach einem langen Arbeitstag unter dem Kostüm?
Weihnachtsmann zu sein, ist einer der anstrengendsten Jobs überhaupt. Ich würde lieber zwölf Stunden auf dem Bau arbeiten, als das ganze Jahr über Geschenke auszutragen. Als Weihnachtsmann hast du einen durchgängig hohen Adrenalinspiegel: Egal, wie oft du den Job machst, du bist jedes Mal leicht aufgeregt, denn jede Situation ist neu und anders. Das Kostüm ist so abartig warm, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Ich trage zwar nur eine schwarze Hose und ein weißes T-Shirt darunter, aber nach einer Minute schwitzt du wie Sau – und dann kommst du auch noch von draußen in ein 30 Grad warmes Wohnzimmer rein, weil Oma ja immer friert. Du hast also Zeitdruck, schwitzt und musst dann auch noch die Weihnachts-Show abziehen – und zwar durchgängig von 13 bis 20 Uhr.

Was war die unangenehmste Situation, die du je bei einer Weihnachtsfeier hattest?
Je später am Abend ich zu einer Familie komme, desto höher ist der Alkoholpegel der erwachsenen Mitglieder. So auch bei dieser Familie: Oma, von etwas kräftigerer Statur, hatte schon gut getrunken und den sehnlichsten Wunsch, mal wieder auf dem Schoß des Weihnachtsmannes zu sitzen. Das war etwas anstrengend, weil die Dame deutlich schwerer war als ich. Aber egal, was der Kunde an dem Abend möchte: Ich mache es. Für 250 Euro würde ich sogar zehn Minuten lang das Kostüm ausziehen.

Hast du als Weihnachtsmann schon mal jemanden abgeschleppt?
Nein, leider noch nicht. Die einzige Option wäre ja eine Single-Mutter, aber ich glaube, da gibt es wenige Dinge, die unattraktiver sind als der Weihnachtsmann: Man weiß schließlich nicht einmal, ob der Mann unter dem Kostüm gut aussieht oder ein Gesicht wie ein Teller Hackfleisch hat. Es kursiert allerdings das Gerücht, dass es mal bei einem von uns geklappt hat: Während das Kind mit den Geschenken gespielt hat, soll eine Mama im Nebenzimmer den Weihnachtsmann beschenkt und vernascht haben.

Hattest du schon mal Sex in deinem Kostüm?
Nun, ich hatte das Kostüm zu Hause und war eines Tages bereit, mich etwas Neuem hinzugeben. Es war aber nicht so geil, wie ich mir das vorgestellt hatte: Das Kostüm ist einfach todeswarm – ein bisschen wie Sex im Parka, das würde ich auch nicht jedem empfehlen.

Merkst du bei Betriebsfeiern, wer mit wem eine Affäre hat?
Normalerweise gehe ich zu Firmen, um zu singen und ein paar Geschenke zu verteilen. Wenn ich aber nach 20 Uhr gebucht bin, sehe ich durchaus, wo noch was gehen könnte – genau wie alle anderen Mitarbeiter der Firma. Das Heftigste, was ich je gesehen habe, war bei der Weihnachtsfeier einer Marketing-Agentur: Eine Frau, etwa Mitte 40, und ihr Kollege, etwa Mitte 20, haben im Flur sehr wild miteinander rumgemacht. Die Zungen waren überall, und es sah ein bisschen aus, wie wenn zwei Hunde Wasser trinken. Ich habe es beim Rausgehen gesehen und gesagt: "Frohe Weihnachten und noch einen wunderschönen Abend!" Den hatten sie bestimmt.

Was ist schlimmer, verwöhnte Kinder oder betrunkene Medienmenschen?
Betrunkene Medienmenschen. Die verlieren sich komplett und kommen auf die verrücktesten Ideen: "Lass mich dein Kostüm anziehen! Zeig, ob du was drunter trägst!" Richtig schlimm verwöhnte Kinder sehe ich eigentlich nie. Es gibt schon Kinder, die die Playmobil-Burg unbedingt wollten und dann mit Enttäuschung das Buch von Oma auspacken. Dann kommt: "Aber ich habe mir doch die Burg gewünscht!" Und anschließend sagen die Eltern oft, dass vor der Tür noch was Besonderes steht – am Ende kommt die Burg doch. Kindern kann man als Weihnachtsmann immer noch ein bisschen Respekt auferlegen. Bei Betrunkenen ist alles verloren.

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