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Lebensgefahr als ständiger Begleiter: Ein philippinischer Meth-Dealer erzählt von seinem Alltag

Der Präsident des Landes hat sich mit Hitler verglichen und angekündigt, drei Millionen Dealer und Abhängige abzuschlachten. Wie läuft in so einem Land der Alltag als Straßendealer?

von Jessica O'Reilly
07 Oktober 2016, 6:00am

Die Philippine Drug Enforcement Agency stellt eine Ladung an illegalen Drogen sicher | Foto: imago | Xinhua

Seit der philippinische Präsident Rodrigo Duterte am 1. Juli mit seinem rigorosen Vorgehen gegen das illegale Drogengeschäft auf dem Inselstaat begann, wurden bereits circa 2.500 Menschen hingerichtet. Das sind rund 38 Tote pro Tag. Duterte ist der Meinung, dass er sein Land vom Methamphetamin losbringen wird, aber als ich vor Kurzem dort unterwegs war, zeigte sich mir ein etwas anderes Bild.

Im Zentrum der Hauptstadt Manila erklärte ich einem Händler auf der Straße, dass ich wirklich kein Viagra brauche. Nach etwas Hin und Her gab Marco* auf, beugte sich zu mir und ließ keinen Zweifel daran, dass er mir alles besorgen könnte.

Marco war offensichtlich high. Seine Pupillen verrieten mir, dass er seit Tagen nicht geschlafen hatte. Gleichzeitig übte er eine unglaubliche Faszination auf mich aus. Deshalb lud ich ihn auch spontan zum Mittagessen ein. Bei ein paar Bier und einem Teller Hühnchen erzählte mir der 47-jährige Muslime, wie der örtliche Drogenhandel trotz des ganzen Blutvergießens weitergeht.

VICE: Du verkaufst also Crystal Meth?
Marco:
Ja, aber wir sagen Shabu.

Und du nimmst die Droge auch selbst?
Ich muss. Ich arbeite drei oder vier Tage komplett ohne Schlaf durch. Wenn ich nämlich Pause mache, kommt auch kein Geld rein. Und das darf nicht passieren. Ich habe eine Frau und vier Kinder, um die ich mich kümmern muss. Mein ältestes Kind ist erst 13 und drei von ihnen gehen zur Schule.

Du gehst also wegen deiner Familie das Risiko des Drogenhandels ein?
Natürlich. Ich will ihnen Möglichkeiten bieten, die ich selber nie hatte. Zum Beispiel Bildung. Und das kann ich nur auf diesem Wege erreichen. Das ist auch die Motivation der meisten Dealer, die noch aktiv sind. Wir kümmern uns um unsere Familien. Ich bin arm. Ich schlafe auf der Straße und schicke meinen Liebsten, die in der Provinz leben, so viel Geld zu wie nur möglich. Zur Schule bin ich nie gegangen und solche Leute wie ich haben dann nicht viele Optionen. Wenn man weder lesen noch schreiben kann, muss man sich halt anders behelfen. In der Großstadt ist es definitiv nicht leicht.

Dealen hier noch viele Menschen?
Die ganzen Straßenhändler, die Armbanduhren oder Sonnenbrillen verkaufen, haben auch Shabu im Sortiment. Hier dealt jeder, aber durch den neuen Präsidenten läuft das jetzt natürlich eher im Verborgenem ab. Wir müssen inzwischen echt vorsichtig sein, wem wir was anbieten.

Ist es denn bekannt, dass die Straßenverkäufer auch Drogen dealen?
Alle Anwohner wissen Bescheid; auch die Mitarbeiter der Hotels, der Bars und der Geschäfte. Selbst die Polizei weiß davon. Alle kennen mich, weil sie mich jeden Tag sehen. Ich ziehe mein Ding hier jetzt schon seit 20 Jahren durch. Ich weiß inzwischen aber nicht mehr wirklich, wem ich noch vertrauen kann. Heutzutage töten die Polizisten Drogendealer, früher haben sie ihnen manchmal sogar geholfen. Ich versuche, die Polizei so gut es geht zu meiden.

Polizisten untersuchen den Tatort eines Mords an einem angeblichen Drogendealer | Foto: imago | ZUMA Press

Woher beziehst du dein Shabu?
Von meinem Chef. Er ist Verkäufer und arbeitet ebenfalls hier in der Gegend. Er besitzt ein Haus in der Nähe und wenn ich Stoff für einen Kunden holen muss, dann gehe ich dorthin. Das meiste Shabu kommt aus China.

Wie hat sich das Geschäft verändert, seit Präsident Duterte den gnadenlosen Krieg gegen Drogen angefangen hat?
Anfangs sind alle erstmal untergetaucht. Man hat immer mehr Geschichten von Leuten gehört, die ermordet wurden, und deswegen hatte jeder Angst und stellte das Dealen ein. Vor zwei Monaten hätte ich wohl auch nicht mit dir gesprochen, aber inzwischen kommt das Zeug wieder vermehrt auf die Straße. Es ist fast so, als ob die Dealer immun gegen die Angst geworden sind.

Du hast also keine Angst mehr?
Doch, ich habe natürlich noch Angst—so wie jeder hier. Gleichzeitig habe ich aber keine Wahl. Wenn ich nicht deale, verdiene ich nicht genug Geld. Ich muss halt vorsichtig sein.

Ist irgendeinem deiner Bekannten irgendetwas zugestoßen?
Die Dealer in dieser Gegend sind von der ganzen Sache nicht so sehr betroffen, weil es hier viele Touristen und auch viele Überwachungskameras gibt. So können die Polizisten nämlich nicht einfach Leute mitnehmen. Ich habe aber auch schon von ein paar Lieferanten gehört, die verschwunden sind.

Crystal Meth | Foto: Wikimedia Commons | Public Domain

Wie sieht dein Kundenstamm aus?
Ich verkaufe viel an Touristen, aber meine Hauptkunden leben hier in Manila. Am liebsten sind mir die Urlauber aus Australien, den USA, Saudi-Arabien und Japan, weil die das Geld haben, um große Mengen zu kaufen. Viele meiner philippinischen Kunden sind Taxifahrer oder andere Angestellte, die mehr als 24 Stunden durcharbeiten müssen, um für ihre Familien zu sorgen.

Wie viel Gewinn machst du?
Mir bleibt nur eine kleine Summe. Der Großteil des Profits geht an meinen Chef, der bezahlt dann seinen Chef, der seinen Chef und so weiter. So geht das bis ganz nach oben. Und genau deswegen ist der Ansatz des Präsidenten vollkommen falsch. Wenn man ein Problem aus der Welt schaffen will, dann muss man dieses Problem an der Wurzel anpacken. Es reicht nicht, einfach nur die Blätter abzuschneiden, denn die wachsen wieder nach.

Findest du, dass das Shabu schlecht für dein Land ist?
Meiner Meinung ist das größte Problem hier die Tatsache, dass die Leute ums Überleben kämpfen müssen. Es gibt hier weder genügend Jobs noch genügend Geld, um alle Filipinos zu versorgen. In Manila leben 25 Millionen Menschen und wir müssen sehr lange und sehr hart schuften, um überhaupt über die Runden zu kommen. Das Shabu macht die Leute glücklich und hilft ihnen dabei, wach zu bleiben und so mehr zu arbeiten.

Hältst du dich für einen guten Menschen?
Gott hat mir nicht viel gegeben, aber immerhin habe ich ein gutes Gehirn und ein gutes Herz. Ich versuche einfach, ein guter Mensch zu sein—und zwar mit dem, was ich habe. Aber jetzt gleitet mir selbst das aus den Händen und der Präsident will mir die letzte Sache wegnehmen, die ich gut kann.

*Name geändert

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