"Wenn Trump das schafft, dann kann es jeder schaffen" – Ein Interview mit Christopher Lauer

Erst bei den Piraten, jetzt bei der SPD und bei Jan Böhmermann: Lauer will, dass die Linken wieder Populismus lernen.

|
15 November 2016, 9:36am

Foto: imago | IPON

Mittwoch vor einer Woche: Auf der ganzen Welt reagierten Menschen fassungslos auf die Nachricht von Trumps Wahlsieg, der Schock saß tief. Aber während die meisten von uns sich noch die gebeutelten Gutmenschen-Glieder rieben, saß Christopher Lauer schon in einem Flugzeug nach Köln, um Jan Böhmermann seine Sicht der Dinge zu erzählen. Die Ansage war klar: Wenn wir sowas wie Trump bei uns verhindern wollen, müssen wir jetzt unseren Arsch bewegen.

Niemand würde Christopher Lauer vorwerfen, er würde sich nicht genug bewegen. Der deutsche Lokalpolitiker ist genau das, was Journalisten gerne als "umtriebig" bezeichnen: 2009 trat er der Piratenpartei bei, 2014 wählten ihn seine Parteikollegen zum Landesvorsitzenden in Berlin. Im September desselben Jahres trat er von dem Amt zurück und aus der Partei aus, behielt aber seinen Sitz im Berliner Abgeordnetenhaus. 2015 arbeitete er nebenher ein ganzes Jahr lang als "Leiter strategische Innovation" für Axel Springer, für bis zu 7.000 Euro im Monat (wie er selbst öffentlich machte). Moritz von Uslar bescheinigte ihm einmal, "vielleicht der lauteste, anstrengendste, nervigste und öffentlichkeitswirksamste Berliner Politiker überhaupt" zu sein.

Trotzdem trat Lauer bei der letzten Berlin-Wahl im September nicht mehr an, wechselte aber kurz danach überraschend in die SPD. Wie er auf die Idee gekommen ist und warum er glaubt, dass auch die Linken Populismus können müssen, hat er uns im Interview erklärt.

VICE: Nach Trump: Kann es sich unsere Generation noch leisten, unpolitisch zu sein?
Christopher Lauer: Nein. Die Welt verändert sich gerade massiv. In meiner Schulzeit wurde im Geschichtsunterricht das Gefühl vermittelt, dass alle Verwerfungen in der Vergangenheit passiert sind und unsere Zeit sich durch eine schöne Gleichförmigkeit auszeichnet. Dabei ist die Friedensordnung nach 1945 vor allem auch deswegen entstanden, weil es Menschen gab, die unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs aktiv daran arbeiteten. Unsere Generation muss verstehen, dass Geschichte etwas ist, das von Akteuren getrieben wird. Man muss den Arsch hochkriegen und was tun.

Lauer im 'Neo Magazin Royale' vom 10.11.2016. Screenshot: ZDF Mediathek

Wie schlimm wird eine Welt mit Trump?
Ich nehme die Lage sehr ernst, weil jetzt einfach alles passieren kann. Von total harmlos bis zum Atomkrieg. Obwohl ich nicht an "harmlos" glaube, wenn ich mir alleine die zwei Tage danach anschaue: die gehäuften Übergriffe auf Muslime, People of Color, Lesben und Schwule, die #notmypresident-Demonstrationen, das Gerede von Internierungslagern für Muslime. Und gleichzeitig hast du irgendwelche Airbnb-CEOs, die die Abspaltung Kaliforniens von den USA verlangen. Das würde auch nicht friedlich ablaufen.

Die Trump-Wahl macht auch hierzulande vielen Sorgen, auch weil die AfD 2017 in den Bundestag einziehen könnte. Können wir irgendwas von dem Trump-Debakel lernen?
Ich glaube, dass zwei Sachen die Wahl entscheiden. Erstens: Was für eine Antwort bieten die Parteien auf die soziale Frage? Wie nehmen wir die Modernisierungsverlierer mit? Ich finde es falsch zu sagen, man müsse deren Ängste ernst nehmen—das geht nicht, denn Ängste sind Illusionen, nicht real. Aber sie entstehen aufgrund realer Probleme: Angst vor der Arbeitslosigkeit zum Beispiel. Oder man ärgert sich, dass zwar Geld für die Bankenrettung da ist, die Schule der Kinder aber seit Jahren nicht saniert wird. Diese realen Probleme muss Politik beseitigen.

Zweitens: Die Politik braucht eine positive Zukunftsidee. An den Umwälzungen durch die Digitalisierung wird die Welt noch mindestens 50 Jahre lang zu knabbern haben. Es ist jetzt die Aufgabe der Politik, sich hinzustellen und zu sagen: Wir sehen, dass durch die fortschreitende Automatisierung Jobs wegfallen. Das heißt, wir müssen uns um eine Umstrukturierung des Sozialsystems und der Gesellschaft kümmern. Mittlerweile fordern ja selbst Turbokapitalisten wie Elon Musk bedingungsloses Grundeinkommen. Wenn die Politik ein Bild von der Zukunft vermitteln kann, auf das die Leute sich freuen, dann kann man Menschen auch wieder von Politik begeistern.

Bei Böhmermann hast du auch gesagt, man müsse "von den Rechten lernen". Wie war das gemeint?
Die Rechten sind oft erfolgreich, weil sie an die niederen Instinkte appellieren, während demokratische, linke Parteien versuchen, Komplexität zu vermitteln. Die Dinge sind ja auch komplex—aber man muss sie manchmal auf einfache Nenner runterbrechen, um auch Leute zu erreichen, die nicht neun Jahre auf dem Gymnasium und dann auf der Universität waren. Man muss sich einer einfachen Sprache mit klaren Bildern bedienen, um eine breite Masse zu erreichen. Man muss einen positiven, linken Populismus dagegenhalten.

Wie soll der aussehen?
Das heißt nicht, dass man auf rechte Parolen eingeht. Das führt immer dazu, dass die Leute das Original wählen. Meine ehemalige Partei, die Piraten, hatte stattdessen positive Zukunftsideen: bedingungsloses Grundeinkommen, oder fahrscheinloser öffentlicher Nahverkehr. Das ist natürlich populistisch! Aber es tut doch keinem weh, wenn man sagt: Wir wollen Wirtschaft und Gesellschaft neu organisieren.

Erreicht man so Leute, die sich Sorgen um die Islamisierung des Abendlandes machen?
Man muss sich als Politiker auch hinstellen und mit den Typen reden, die bei Pegida mitlaufen. Man muss denen sagen: Was ihr fordert, das ist falsch. Aber: Ich verstehe euren Schmerz. Die Politik muss auf einer emotionalen Ebene wieder Verbindung zu Menschen finden, die aus welchen Gründen auch immer gerade nicht mehr mit der Welt klarkommen. Man muss zuhören und im Zweifel irgendwann sagen: Vergessen Sie doch mal den ganzen Scheiß mit Ausländern und Islamisierung—was ist denn jetzt Ihr konkretes Problem? Und da müssen die demokratischen Parteien diesen Menschen, den Modernisierungsverlierern, ein Angebot machen.

Geht man da nicht zu sehr auf die zu?
Ich bin Antifaschist und Antirassist und der Meinung, dass der Staat viel mehr auf die extreme Rechte draufhauen sollte. Das Recht auf Asyl und grundlegende Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Man muss jedoch anerkennen, dass sich eine größere Gruppe von Menschen von diesen Bewegungen faszinieren lässt. Ich bin überzeugt, dass man die noch abgeholt bekommt. Das geht aber nicht, indem man lockere Sprüche über "dem Populismus die Stirn bieten" klopft—sondern wir müssen als demokratische Parteien das bessere Angebot, den besseren Populismus machen.

Neulich hast du gefordert, man müsse Facebook unter Aufsicht der UN stellen lassen. War das ernst gemeint?
Ja, das war mein voller Ernst. Medien sind weltweit, aber auch in Deutschland, massiv reguliert. Es gibt Rundfunkräte, die Verpflichtung, ein pluralistisches Programm zu machen. Facebook ist ein "Gatekeeper", der behauptet, kein Medium zu sein und der sich an keine Regeln hält. Gleichzeitig ist Facebook dafür verantwortlich, wie sich die Realität für Millionen von Menschen zusammensetzt.

Das Problem ist, dass die Leute zum großen Teil nicht wissen, dass ihre Timeline eine "distributed reality" ist, die von einem Algorithmus kuratiert wird. Wenn du dir einmal ein Video darüber anschaust, dass Wladimir Putin der größte Friedensstifter seit Jesus Christus ist, kriegst du bald nur noch solche Videos.

Dadurch wird der Konsens, die von allen geteilte Realität, immer kleiner. Das führt zu Radikalisierung und jede Gruppe lebt in der Illusion, dass ihre Realität die einzig wahre ist und ihre Gruppe innerhalb dieser Realität die Mehrheit stellt. Diese Mehrheitsillusion und die daraus entstehende Unfähigkeit zum Kompromiss sind gefährlich. Mir graust es vor dem, was passiert, wenn wir Netzwerke wie Facebook noch zehn Jahre unreguliert weiterlaufen lassen.

Jetzt mal zu dir: Du bist ja vor Kurzem in die SPD eingetreten. Glaubst du wirklich, dass in dieser Partei Platz ist für jemanden wie dich?
Ich würde ganz radikal sagen: Das ist eine Frage der Überlebensfähigkeit dieser Partei. Eine Partei wie die SPD muss zwar staatstragend agieren, aber gleichzeitig braucht sie auch Punkrock. Sonst erstarrt alles in einem Einerlei. Deswegen täte die SPD—wie alle demokratischen Parteien—gut daran, ihre jüngeren Leute stärker zu integrieren und zu fördern.

Das habe ich bei Böhmermann ja auch gesagt: Wenn jemand wie Donald TrumpTrump, der kein erkennbares Gewissen hat, Präsident der Vereinigten Staaten wird, dann wäre ich ja bescheuert, wenn ich jetzt auf die Leute in meiner Partei hören würde, die sagen, du musst jetzt erstmal Plakate kleben. Natürlich klebe ich auch gerne Plakate—aber eine Partei sollte das doch auch nutzen, wenn es da Leute gibt, die in der Öffentlichkeit ziehen und nochmal ein anderes Publikum erreichen. Ich weiß auch, dass es genügend Leute in der SPD gibt, die das verstehen. Und meine Güte, wenn es am Ende nicht funktionieren sollte, dann habe ich es wenigstens probiert.

Folgt Matern auf Twitter.