VICEhttps://www.vice.com/de_atRSS feed for https://www.vice.comdeMon, 10 Dec 2018 15:01:20 +0000<![CDATA[Geflüchtete Syrer erzählen von Rassismus beim Daten]]>https://www.vice.com/de_at/article/wj37ew/gefluchtete-syrer-erzahlen-von-rassismus-beim-datenMon, 10 Dec 2018 15:01:20 +0000Die Lage für Geflüchtete in Österreich ist ziemlich beschissen. Erst letzte Woche sorgte ein Asylquartier für Jugendliche und Kinder, das mit Stracheldraht umzäunt ist, für Aufruhr. Dann ist da noch die FPÖ Döbling, die keine muslimischen Migranten und Migrantinnen mehr in Gemeindebauten haben möchte. Zudem will die FPÖ jungen Asylwerbern und -werberinnen die Möglichkeit nehmen, eine Lehre zu machen. Außerdem können Auszubildende trotz Lehre – anders als in Deutschland – abgeschoben werden, sollten sie einen negativen Asylbescheid bekommen.

Als Geflüchteter musst du in Österreich also um deine Wohn-, Arbeits- und Ausbildungssituation bangen. Und währenddessen inszenieren Medien ein frauenverachtendes, rückschrittliches Bild des fremden "Wirtschaftsmigranten". Politiker und Politikerinnen verbreiten Angst, Hetze und gefährliche Stereotype.

Das beeinflusst natürlich auch zwischenmenschliche Beziehungen. Wir haben mit sechs Syrern darüber gesprochen, wie die politische Lage in Österreich ihr Privatleben beeinträchtigt und welche Rassismuserfahrung sie beim Dating gemacht haben.


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Dorid*, 35, Freelancer in der Kunst- und Kulturszene

"Das Daten in Österreich ist sehr frustrierend, das sieht mein Freundeskreis genauso wie ich. Im Sommer war ich in einer Latino Bar und habe dort eine Frau kennengelernt. Wir haben uns nett unterhalten und als sie mich gefragt hat, ob ich Brasilianer sei, habe ich ihr erklärt, dass ich Syrer bin. In dem Moment hat sie sich ohne einen weiteren Kommentar umgedreht und ist gegangen.

Ein anderes Mal habe ich eine Frau auf Tinder kennengelernt. Wir haben uns richtig gut verstanden und stundenlang gechattet. Zwischendurch habe ich unsere Konversation unterbrochen, weil ich mit meiner Mutter telefoniert habe, die in Katar lebt – das habe ich ihr auch so gesagt. Die Frau hat vorgeschlagen, dass wir uns am Tag darauf treffen und schwimmen gehen sollten. Ich hab natürlich zugesagt, ich hatte ja Interesse an ihr. Das Date lief super, wir haben viel gelacht und hatten eine schöne Zeit zusammen. Sie meinte dann auch, dass sie abends noch nichts vor hat und ich mit zu ihr kann, weil sie gleich in der Nähe wohnt. Sie hat mir von ihrer Kindheit erzählt – ich ihr dann auch von meiner in Damaskus. Und ab diesem Moment ist die Stimmung gekippt. Sie meinte dann: 'Moment, Damaskus liegt doch in Syrien? Du bist aber aus Katar?' Woraufhin ich ihr erklärt habe, dass lediglich meine Mutter in Katar lebt.

Keine zehn Minuten später hat sie mir gesagt, dass sie los muss. Sie hätte vergessen, dass sie mit Freunden verabredet sei. Sie hat mich noch am selben Tag blockiert und ich habe nie wieder etwas von ihr gehört."

Radwan*, 31, Hotel-Angestellter

"Ich date seit zwei Jahren eine Frau: Wir sind ins Gespräch gekommen, als wir beide auf den Bus gewartet haben. Zuerst waren wir nur Freunde, aber dann haben wir romantische Gefühle füreinander entwickelt. In unserem mittlerweile gemeinsamen Freundeskreis denkt jeder, dass wir nur befreundet sind – obwohl wir eine feste Beziehung führen. Wir schlafen regelmäßig miteinander, gehen aus und machen auch sonst alles, was Pärchen so machen. Der einzige Unterschied ist, dass sie nicht möchte, dass jemand von uns weiß. Als ich sie darauf angesprochen habe, hat sie zugegeben, dass sie sich schämt. Es gehe ihr aber nicht um mich, sondern um das Bild, das Medien und Politik von Flüchtlingen zeichnen. Das ist sehr belastend für mich, weil ich eigentlich glücklich mit ihr bin."

Amir*, 30, Angestellter im Sozialbereich

"Als ich nach Österreich gekommen bin und nur Englisch gesprochen habe, war es anfangs oft so, dass mir Männer auf Dating-Apps nicht mehr zurückgeschrieben haben, wenn ich gesagt habe, dass ich aus Syrien bin. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sie rassistisch waren oder einfach nur kein Interesse an mir hatten. Grundsätzlich habe ich aber das Gefühl, dass Schwule in dieser Hinsicht offener sind als Heterosexuelle. Ich weiß aber, dass sich einige Geflüchtete so vorkommen, als wären sie nur ein Toy für manche Männer.

Richtig krass finde ich, dass viele österreichische Schwule nicht mehr in bestimmte Clubs oder Bars gehen wollen, weil dort angeblich zu viele Geflüchtete sind. Viele arabisch aussehende Männer haben auch Probleme in bestimmte Clubs zu kommen, obwohl sie ja Teil der Community sind."

Labib*, 27, Bäcker

"Ich hab vor ein paar Monaten eine Frau auf der Datingplattform Badoo kennengelernt. Ich habe gelogen und gesagt, dass ich Ägypter wäre. Ich weiß, das war nicht cool von mir. Aber es ist leider nicht das erste Mal, dass mich eine Frau aufgrund meiner Herkunft ablehnt. Ich dachte, sie wird vielleicht darüber hinwegsehen können, wenn sie mich erst kennenlernt und aus irgendeinem Grund finden Österreicherinnen Ägypter nicht so 'schlimm' – wahrscheinlich, weil sie keine Flüchtlinge sind.

Bei unserem fünften Date haben wir uns an der Donau getroffen und als sie mich gefragt hat, welche Musik ich hören möchte, meinte ich, dass sie ein arabisches Lied abspielen soll. Daraufhin ist sie wütend geworden. Sie sagte, dass sie Araber hasst. Araber seien aggressive, frauenverachtende Männer, mit denen sie nichts zu tun haben möchte. Ich hab ihr erklärt, dass das Unsinn ist und auch Ägypter Araber sind. Das hat sie nicht eingesehen und wir haben einen riesigen Streit angefangen. Schlussendlich war ich so außer mir, dass ich ihr gestanden habe, dass ich aus Syrien komme. Das war das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben. Und ich habe viele solcher Geschichten.

Jedes Mal ist der Kontakt abgebrochen, als die Frauen erfahren haben, dass ich aus Syrien bin, auch wenn ich davor nicht gelogen habe, dass ich ägyptische Wurzeln habe. Ich habe einen Job, eine Wohnung und einen durchmischten Freundeskreis: Ich entspreche nicht dem medialen Klischee eines Flüchtlings. Aber jede Frau, die ich bisher kennengelernt habe, hat mich auf meinen Asylstatus und mein Heimatland reduziert. Sie haben so viele Vorurteile gegenüber Syrern, dass es gar nicht erst zu einem Kennenlernen kommen kann."

Fadi*, 29, Barkeeper

"Vor ein paar Wochen war ich aus und habe an der Bar eine Frau kennengelernt. Wir waren auf einer Wellenlänge und es hat sie – anders als die meisten anderen Frauen, die ich in Bars und Clubs anspreche – nicht abgeschreckt, dass ich aus Syrien komme. Später an diesem Abend haben wir uns auf der Tanzfläche geküsst. Sie hat gefragt, ob ich mit ihr und ihren Freunden in den nächsten Club möchte. Als ihre Freunde mitbekommen haben, dass wir uns näher gekommen sind, haben sie sie zur Seite genommen. Sie haben mich sehr unfreundlich angesehen und über mich geredet. Ich weiß nicht, was sie genau gesagt haben, ich habe nur gehört, wie sie mich 'Araber' nannten. Als ich sie kurz darauf gefragt habe, wann sie weiterziehen und ob ich mit kann, hat sie den Kopf geschüttelt und ist gegangen."

Die Blicke der Anderen würden sie so stören, sie selbst habe aber nichts gegen Ausländer.

Ashraf*, 28, Supermarkt-Angestellter

"Ich habe meine Ex-Freundin im Supermarkt kennengelernt, wir arbeiten beide dort. Ich war sehr froh, eine Kollegin zu haben, die so nett und zuvorkommend ist. Nach ein paar Wochen habe ich sie gefragt, ob sie mit mir ausgehen möchte. Aus einem Date wurden viele und schließlich sind wir zusammengekommen. Ich war sehr verliebt in sie und obwohl sie unsere Beziehung nicht verheimlicht hat, war sie wie ausgewechselt, wenn wir nicht alleine waren. In der U-Bahn hat sie kaum mit mir gesprochen, geschweige denn meine Hand gehalten – obwohl sie meine Nähe sonst immer gesucht hat. Ich dachte erst noch, dass sie es eben nicht so mag, wenn sich Paare in der Öffentlichkeit Zuneigung zeigen. Aber auch vor Freunden und Familie hat sie immer Distanz gewahrt. Es hat sich komisch angefühlt, wenn wir unter Menschen waren.

Irgendwann hatte ich genug und habe sie gefragt, ob ich mir das alles nur einbilde, woraufhin sie mir gestanden hat, dass ihr die Situation wirklich schwer fällt. Es sei ein Problem für sie, dass man mir so anmerke, dass ich Flüchtling bin. Die Blicke der Anderen würden sie so stören, sie selbst habe aber nichts gegen Ausländer. Ich habe die Beziehung daraufhin beendet, weil ich meine Zeit mit niemandem verbringen möchte, der nur hinter verschlossenen Türen zu mir steht."

*Um unsere Gesprächspartner zu schützen, haben wir alle Namen geändert.

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<![CDATA[Wir haben die Handlungsstränge in 'Dogs of Berlin' nach Dämlichkeit sortiert]]>https://www.vice.com/de_at/article/4397k9/wir-haben-die-handlungsstraenge-in-dogs-of-berlin-nach-daemlichkeit-sortiert-netflixMon, 10 Dec 2018 13:16:08 +0000Eines vorweg: Dogs of Berlin ist eine Serie, die so schlecht ist, dass es frech ist. Die zweite deutsche Netflix-Produktion nach Dark soll die Hauptstadt als "Pulverfass" zeigen, dass nach dem Mord an einem deutschtürkischen Fußballstar jeden Moment hochgehen könnte. Was es natürlich auch tut und, weil darunter macht man's nicht, in einem "Rassenkrieg" gipfelt. Dafür wirft Regisseur und Drehbuchautor Christian Alvart Neonazis, arabische Clans, Wettmafia-Paten, sexy Superanwältinnen, Rockergangs, korrupte Polizisten, alkoholkranke Sozialhilfeempfängerinnen, rappende Teenager und frustrierte Ehefrauen in einen Topf, spuckt nochmal rein und fertig ist eine zehnstündige Dramaserie, die sich guckt wie ein Troll-Mash-up von 4 Blocks meets RTL-Nachmittagsprogramm meets Til-Schweiger-Tatort. Und genau das ist seit Freitag für alle Netflix-Kundinnen und -Kunden international verfügbar und soll zeigen, dass auch unser Nachbarland Deutschland Serien kann.

Keine der dutzenden Hauptfiguren hat irgendeine Tiefe, beim Großteil wird nicht einmal ersichtlich, warum sie eingeführt werden und es sie überhaupt gibt – schließlich haben sie wahlweise überhaupt keine Auswirkung auf die Story, oder verschwinden nach wenigen Szenen wieder. Jeder YouTube-Star hat einen besseren Greenscreen zu Hause als das, was uns Dogs of Berlin als Szenen aus einem echten Fußballstadion verkaufen will. Der Ton ist in manchen Momenten nicht synchron mit den Lippenbewegungen der sprechenden Figuren. Wenn der seltene Fall eintritt, dass ein Dialog mal nicht so klingt, als sei er von einem Twitter-Bot geschrieben, wird er dadurch kaputt gemacht, dass die Kamera willkürlich dramatisch auf Gesichter zoomt. Und sollten wir als Zuschauende vergessen haben, was eine Szene vorher passiert ist, bekommen wir aus dem Off nochmal die Gesprächsfetzen eingespielt, die die Person dazu gebracht haben, das zu tun, was sie gerade tut. Der absolute Gipfel sind allerdings die Storylines.

Wer die Serie komplett unvorbelastet gucken will, sollte jetzt nicht weiterlesen. Große Plot-Twists verraten wir allerdings nicht.

6. Der Mord am Fußballstar

Orkan Erdem (Cino Djavid), deutscher Fußballstar mit türkischen Wurzeln, liegt tot in einem Gebüsch in Marzahn. Sein Mord soll der Auslöser dafür sein, dass Berlin eine Woche später in Flammen steht. Für eine junge Polizistin und ihren Kollegen ist er aber nur irgendein Unbekannter, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Sie erkennen den bekanntesten Fußballspieler Deutschlands nicht, der am nächsten Tag im Länderspiel gegen die Türkei auf dem Platz stehen soll und deswegen in allen Medien ist. Auf die Idee, den Geldbeutel des Toten aufzuheben und nach seinem Personalausweis zu suchen, kommt niemand. Nur der korrupte LKA-Beamte Kurt Grimmer (Felix Kramer), der zufällig in der Nähe war und mit dem Baby seiner Geliebten Biene (Anna Maria Mühe) auf dem Arm am Tatort vorbeischaut. Er nutzt die Chance, den Fall an sich zu reißen, die Tat vorerst geheim zu halten und sehr viel Geld darauf zu setzen, dass Deutschland gegen die Türkei verliert. Nur eine Sache macht ihm so ein bisschen Sorgen: Wird die Öffentlichkeit nicht misstrauisch, wenn Erdem ein Wochenende lang nichts auf Instagram postet?

Anscheinend nicht, denn auch dieses Problem verschwindet einfach, niemand nimmt mehr darauf Bezug. Stattdessen taucht ein anderes Problem auf: Erdem ist anscheinend gar nicht mehr der beste Spieler der deutschen Nationalelf, sein Ausfall hat keinerlei Auswirkung darauf, dass Deutschland die bessere Mannschaft hat. Hätte sich Grimmer darüber informieren sollen, bevor er viel Geld setzt? Ja. Wundert es, dass er es natürlich nicht getan hat? Nein. Sonst hätten Dogs of Berlin schließlich mehrere dramatische Kamerafahrten und sinnlose Autofahrszenen unter Zeitdruck gefehlt.

5. Die Neonazis aus Marzahn

Um Geld auf die Niederlage Deutschlands setzen zu können, braucht Kurt Grimmer Geld. Und er hat keins, deswegen stattet er seinem Bruder Ulf (Sebastian Zimmler) einen Besuch ab. Der ist nach wie vor Teil der Neonazi-Bruderschaft, aus der Kurt vor Jahren ausgetreten ist, und soll ihm Geld aus der Vereinskasse leihen. Was er … tut. Seine Nazikumpels sind darüber nicht sonderlich erfreut, was einen weiteren ungenügend auserzählten Konflikt aufmacht. Wem fühlen wir uns mehr verpflichtet: Unserem eigenen Fleisch und Blut oder der Familie, die wir uns selbst gewählt haben?

Unerklärt bleibt auch, was die Neonazi-Bruderschaft eigentlich den ganzen Tag so tut, wenn sie sich nicht gerade über den Inhalt der Vereinskasse streitet. Ist sie eine tatsächliche Bedrohung für Berlin? Welche konkreten Ziele verfolgt sie? Veranstaltet sie Mahnwachen oder Kundgebungen, bedroht sie Menschen mit Migrationshintergrund und linke Politiker? Keine Ahnung. Nach dem verlorenen Länderspiel wird sich lose zum Randalieren verabredet, theoretisch könnten die Mitglieder aber auch ein rassistischer Fußballfanclub oder ein Bastelverein für verfassungsfeindliche Flaggen sein. Welche Funktion Kurt in der Vereinigung hatte und welche Rolle seine Nazi-Mutter Eva (Katrin Sass) nun genau spielt, wird auch nicht erklärt. Dafür erfahren wir, was die schlimmste Strafe ist, die es für Verräter in Heil-Hitler-Kreisen gibt: Tritte in die Eier.


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4. Der erfundene Problembezirk

Eine Sache muss man der Nazi-Storyline zugute halten: Sie spielt in einem realen Berliner Bezirk. Marzahn gibt es, liegt tatsächlich im Osten und hat ein ganz reales Problem mit rechter Gewalt und Perspektivlosigkeit. Das ist, bei aller Überzeichnung, authentisch. Umso unverständlicher, dass große Teile von Dogs of Berlin in einem vermeintlichen Problembezirk spielen, den sich die Verantwortlichen einfach ausgedacht haben. "Kaiserwarte" soll das sein, was Neukölln für 4 Blocks ist. Ein Beispiel für eine Parallelgesellschaft, in der Clans regieren und es No-Go-Areas gibt, die von der Polizei nicht betreten werden dürfen. Und weil das "Überschreiten einer Linie", einer "Grenze" so eine schöne Metapher ist, die man dramatisch inszenieren kann, ist die No-Go-Area mit roter Sprühfarbe markiert. Ja, wirklich.

Warum "Kaiserwarte" und nicht Berlin Kreuzberg, wo doch viele Szenen ganz offensichtlich dort gedreht wurden? Das müsst ihr Serienmacher Christian Alvart fragen. Ähnlich relevant ist die Frage, wie sich das denn nun genau darstellt, so ein Aufwachsen in der No-Go-Area. Grimmers Polizeipartner Erol Birkan (Fahri Yardım) spricht zwar ständig darüber, es dort rausgeschafft zu haben, warum man da aber unbedingt weg muss, außer dass es dort wie überall in Berlin Kriminalität gibt, erfahren wir nicht. Der konstruierte Kiez bleibt abstrakt – und selbst die obligatorischen Shisha-Bar-Szenen sehen nicht aus, als wären sie in einer echten Shisha-Bar gedreht worden.

3. Der rappende Teenager

Serien über Gangs brauchen Deutschrapper. Auch das hat 4 Blocks vorgemacht, indem sie Veysel eine Hauptrolle gaben und Leute wie Gzuz zumindest mal böse guckend durchs Bild laufen durften. In Dogs of Berlin bekommt der Themenkomplex Rap aber gleich einen eigenen Handlungsstrang. Murad Issam (Mohammed Issa) ist 15 und wird von den Tarik-Amirs als Laufbursche genutzt. Sein eigentlicher Traum ist es aber, Rapper zu werden. Denn er hat krasse Flows und tighte Rhymes und so weiter, und deswegen hängen in seinem Kinderzimmer auch überall A4-Papierseiten mit Graffitischrift. Durch seine Connections zum Clan schafft er es bei einem Auftritt seines Idols Haftbefehl auf die Bühne und darf einen ganzen Part mitrappen.

Erst stockt er, wird panisch, bekommt kein Wort raus. Wir kennen das aus 8 Mile. Dann traut sich Murad schließlich doch noch, stolpert beeindruckend unbeeindruckend über den Beat (das kennen wir nicht aus 8 Mile) und die Menge vor der Bühne rastet komplett aus. Reale Situationen, in denen eine Rap-Crowd, die wegen Haftbefehl gekommen ist, auf einen schlechten Part irgendeines Typen aus dem Publikum ausgerastet ist: null. Nada. Nie. Ganz abgesehen davon, dass das Konzert schon lief, als Murad und sein Clan-Kumpel die Location betreten haben, während draußen aber noch sehr viele Leute in der Schlange standen. Gibt es nicht zumindest ein Thema, bei dem die Leute hinter Dogs of Berlin ein Mindestmaß an Authentizität zusammenkratzen konnten?

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Alle Screenshots aus dem YouTube-Video "Dogs of Berlin | Offizieller Trailer" von Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz

2. Der kriminelle Clan

Das bringt uns dann auch direkt zum nächsten Punkt: den Tarik-Amirs. Die kontrollieren nämlich die Kaiserwarte, seitdem Erol Birkan ein kleiner Junge war. Mutmaßlich mit Drogengeschäften und Glücksspiel, auch wenn die Serie keine Zeit darauf verwendet, zu erklären, warum die Tarik-Amirs so wahnsinnig einflussreich geworden sind. Wo 4 Blocks die offensichtliche Doppelmoral zwischen übersteigerten Ehrbegriffen und organisierter Kriminalität offenlegt, ohne die Protagonisten dabei zu Karikaturen zu machen, setzt Dogs of Berlin Schauspieler mit Bart an einen Tisch und lässt sie einfach regelmäßig das Wort "Bruder" wiederholen. Die Clan-Mitglieder wirken nicht einmal dann bedrohlich, wenn sie mit Maschinengewehren im Kleinbus vorfahren und einen Anschlag auf ein verfeindetes Wettbüro verüben. Was auch daran liegen könnte, dass die Beteiligten wirklich sehr angestrengt böse aus der offenen Autotür gucken.

Die beste Clan-Szene findet übrigens direkt in der ersten Folge statt. Erol Birkan und sein Team wollen Clanchef Hakim (Sinan Farhangmehr) bei einer vermeintlichen Drogenübergabe festnehmen. Als Birkans Kollegin Rafika Masaad (Seyneb Saleh) auf Tarik-Amir zustürmt, fällt sie allerdings durch ein Loch im Boden, das unter einem Teppich versteckt war. (Again: Wir denken uns das nicht aus. Christian Alvart hat das geschrieben und gedreht und Netflix hat es abgenickt.) Birkan ist sofort klar: Der Clan hat sie erwartet. Die Kollegin landet im Krankenhaus, Tarik-Amir wird nicht festgenommen. Welche anderen Kindergartenfallen sich der Drogenboss sonst noch so ausgedacht hat, falls niemand dumm genug ist, auf den sehr auffällig platzieren Teppich zu treten, vielleicht ein Wassereimer über der Tür, vielleicht ein Furzkissen im wartenden Fluchtfahrzeug – unklar.

1. Die unsäglich krampfige Hundemetapher

Das "Dogs" in Dogs of Berlin steht nicht für echte Hunde, zumindest nicht so richtig. Gut, Kurt Grimmer adoptiert den Beagle des verstorbenen Fußballstars, die Nazis haben einen ständig bellenden Boxer, und ein Türsteher kümmert sich um den weißen Schäferhund seiner Ex-Freundin – oder so. Außerdem scheint Erol Birkan eine komische Fokussierung auf Hundescheiße zu haben, die in der besten Szene der ganzen Staffel ihren dramatischen Höhepunkt findet. Die Hunde in der Serie sind aber natürlich die Menschen. Und weil das eine Metapher ist, die noch nicht zaunpfahlmäßig genug ist, erklärt Grimmer das am Ende der ersten Folge in einem Monolog, der gewollter nicht sein könnte.

Hunde werden "nie irgendetwas entscheiden", sagt er zu seiner überforderten Marzahner Polizeikollegin Petrovic (Alina Stiegler), die einfach nur wissen wollte, wo der gefundene Beagle wohl landen wird. Ob das Leben positiv oder negativ verlaufen wird, ob es Knochen oder Trockenfutter gibt, darüber bestimmen andere. "Der Hund geht zum Scheißen in die Hocke und denkt, er hätte etwas entschieden" sagt Grimmer mit seiner rauen Stimme, und damit redet er natürlich nicht mehr über den Beagle, er redet über die Menschen in Berlin, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten ums Überleben kämpfen. Und auch über sich. Auch er, Schauspieler Felix Kramer, und sein Kollege Fahri Yardım dachten wahrscheinlich, sie haben sich bewusst dazu entschieden, bei einem Serienhit mitzuspielen. Stattdessen sind sie gefangen in einer teuer produzierten Trash-Hölle. Und anders als bei einem Til-Schweiger- Tatort kann dieses Mal die halbe Welt zugucken.

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<![CDATA[Bei dieser Clan-Hochzeit hat sich die Polizei selbst eingeladen]]>https://www.vice.com/de_at/article/zmdwpa/bei-dieser-clan-hochzeit-hat-sich-die-polizei-selbst-eingeladenMon, 10 Dec 2018 11:17:04 +0000Zu den Gästen einer Hochzeit gehören normalerweise gute Freunde und Familienangehörige und keine Hundertschaft der Polizei. Was klingt wie ein Plottwist der Serie 4 Blocks , war am Sonntagabend Realität: Ein Großaufgebot der Polizei kontrollierte im deutschen Mülheim an der Ruhr eine Hochzeit zweier libanesischer Familienclans.

Statt Küssen, Tanzen und friedlichem Feiern, rechneten die Beamten mit gefährlichen Machtdemonstrationen und Tumulten. "Wir wollten alles strikt unterbinden, was die Bevölkerung und die Gäste beeinträchtigt hätte", sagte ein Polizeisprecher im Gespräch mit VICE. "Dazu gehört, dass Pyrotechnik abgebrannt wird, Auto-Corsos den Verkehr lahmlegen oder auch Waffen abgefeuert werden."

Denn tatsächlich standen auf der Gästeliste Leute, deren Vorstrafenregister umfassender erscheint als so manches Ehegelübde. "Wir haben erfahren, dass 800 bis 1.000 Gäste bei dieser Hochzeit erwartet werden, darunter auch straffällige Personen", sagte der Pressesprecher.


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Der Einsatz sei kurz zuvor bei den Familien angekündigt worden. Rund 600 Beamte riegelten die Straßen um eine Eventhalle im Mülheimer Stadthafen ab und kontrollierten circa 160 Fahrzeuge der Anreisenden. Drei Gäste verpassten die Feierlichkeiten und mussten mit auf die Wache. Eine Person soll Drogen dabei gehabt haben, eine andere Waffen und bei einer dritten "stimmte etwas mit dem Führerschein nicht", wie der Polizeisprecher mitteilte. Auch ein per Haftbefehl gesuchter 38-jähriger Mann wurde gefasst.

Die Braut soll die Tochter von Mahmoud Al-Zein sein, der als "Präsident von Berlin" bekannt ist. Bei den Gästen von Braut und Bräutigam waren deshalb viele Mitglieder der zwei größten libanesischen Clans vor Ort, die Verbindungen in alle Bundesländer und ins Rocker-Milieu haben sollen. Die Polizei Essen twitterte den Einsatz unter dem Hashtag #NullToleranz, was teil einer groß angelegten Strategie ist. "Im gesamten Land Nordrhein-Westfalen verfolgen wir die Null-Toleranz-Strategie in Bereichen, in denen möglicherweise Großfamilien oder kriminelle Gruppen polizeiliche Arbeit erschweren. Das heißt wir kontrollieren sehr kleinlich und sehr genau", sagte der Pressesprecher zu VICE. Die Polizei sei zu allen Tages- und Nachtzeiten dauerhaft präsent und könne direkt auf "respektloses Verhalten" und Straftaten reagieren.

Die Hundertschaften sollen aus Sicht der Polizei die Hochzeit nicht gestört haben, auch wenn es für die Polizei Essen neu war, eine Hochzeitsparty zu kontrollieren. Da es kein Feuerwerk gab, bot die Polizei den Gästen zumindest gratis Blaulicht.

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<![CDATA[Dieser Nikolaus aus Bad Gastein zeigt, wie schnell Tradition für Rassismus missbraucht wird]]>https://www.vice.com/de_at/article/kzvp4e/dieser-nikolaus-aus-bad-gastein-zeigt-wie-schnell-tradition-fur-rassismus-missbraucht-wirdMon, 10 Dec 2018 11:15:53 +0000Brave christliche österreichische Kinder dürfen sich jedes Jahr am 6. Dezember über einen Nikolaus-Besuch freuen. Blöd nur, wenn der Nikolaus selbst alles andere als brav ist, sondern rassistische Stereotype verbreitet. Ein Nikolaus aus Bad Gastein in Salzburg hielt vergangene Woche eine Predigt in dem, was er unter deutsch-türkischen Dialekt versteht. Das Video zur Rede geht auf Facebook gerade viral – und wird glücklicherweise zerrissen.

"Hallo Ahmed, Erkan, Ayse, Elif und auch Fatima", heißt es in einem Ausschnitt. "Ey, was guckst du denn so deppert, Nikolaus ist heute da. Hab ich Vollbart, hab ich Halbmond, hab ich krasses Outfit an. Komm ich ganz konkret aus Myra, bin ich echte Türkisch-Mann."

Vor allem in der türkischstämmigen Community wird das Video hart kritisiert. Der Politiker Tarik Mete, der zwischen Februar und Dezember 2016 SPÖ-Landtagsabgeordneter in Salzburg war, schreibt auf Facebook: "Was dieser Möchtegern-Nikolaus aus Bad Gastein von sich gibt, ist beleidigend, diskriminierend und boshaft." Hakan Gördü, ebenfalls Politiker, spricht von "Kellernazi-Humor".

Die Zeilen sind so offensichtlich rassistisch, dass es unmöglich ist, sich da rauszureden. Aber es ist nichts Neues, dass weiße Menschen oft der Meinung sind, sie können besser einschätzen, was rassistisch ist und was nicht. Der besagte Nikolaus, Christian Oberthaler, ist sichtlich überrascht über die Vorwürfe.

"Ich verstehe die Aufregung nicht. Das ist eine jahrhundertealte Tradition, dass der Nikolo etwas durch den Kakao zieht. Mal sind es Fußballer, mal Feuerwehrleute, dann wieder Lehrer oder Politiker oder die Weiber (sic!)", sagt der 59-Jährige gegenüber dem Kurier. "Jetzt sind die Türken schon in dritter Generation hier und integriert, jetzt dachte ich, kann man sie auch mal durch den Kakao ziehen."

Er befindet sich während des Kurier-Gespräches im Kebap-Lokal eines Freundes. Eine interessante Info, aber für den Fall, dass es noch nicht bis nach Bad Gastein durchgedrungen ist: Auch Kebap-Esser können Rassisten sein.

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<![CDATA[Wir haben Lehrlinge gefragt, wie sie in der Ausbildung ausgenutzt wurden]]>https://www.vice.com/de_at/article/bje535/wir-haben-lehrlinge-gefragt-wie-sie-in-der-ausbildung-ausgenutzt-wurdenMon, 10 Dec 2018 10:39:31 +0000Jeder, der im Arbeitsleben steht, muss manchmal nervige Dinge tun. Das gehört leider dazu, man lernt im besten Fall, damit umzugehen. Bei jungen Menschen, die noch keine Ahnung haben von der Arbeitswelt, sieht das anders aus: Die stehen den Schikanen oft eher wehrlos gegenüber. Also liebe Arbeitgeber, seid doch in der Stellenbeschreibung mal ein bisschen ehrlicher. Wenn man weiß, worauf man sich einlässt, fühlt man sich am Ende auch nicht komplett verarscht.

2017 gab es österreichweit 106.613 Lehrlinge. Der Großteil ist auch zufrieden in seinem Betrieb. Laut dem Lehrlingsmonitor haben sieben von zehn Lehrlinge Spaß an ihrer Arbeit. Trotzdem gibt fast jeder Dritte an sehr häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten ausüben zu müssen.

Wir haben ehemalige Azubis gefragt, wie sie in ihrer Ausbildung ausgenutzt wurden.


Auch bei Vice: Geständnisse eines Chefkochs


Nora, 27, Kauffrau für Marketingkommunikation

Ich habe meine Ausbildung in der Firma gemacht, in der ich heute noch arbeite. Wir sind auf den Vertrieb von Unternehmensbekleidung spezialisiert. Meine erste Vorgesetzte und ich haben von Anfang an nicht besonders gut harmoniert. Sie gab mir Aufgaben, die mir oftmals sinnlos erschienen. Ich musste zum Beispiel die Kataloge unserer Partnerfirmen alphabetisch sortieren. "Damit du einen Überblick bekommst", meinte sie. Genau so hätte ich auch zu realen Aufträgen recherchieren können, oder Angebote schreiben. Dadurch hätte ich ebenfalls einen Überblick erhalten. Mein Chef war zum Glück bereit, mich jemand anderem zuzuteilen. Ich weiß nicht, ob ich meine Ausbildung sonst dort beendet hätte.

Benjamin, 29, Fachkraft für Veranstaltungstechnik

Ich musste während meiner Ausbildung mit einem anderen Lehrling zusammen Unkraut auf dem Firmengelände rupfen. Mein Chef nannte solche Aufgaben immer "Spezialaufträge". Gartenwerkzeug gab es keins. Weil wir nicht den ganzen Tag damit verbringen wollten, kamen wir auf die Idee, Spiritus und Feuerzeug zu benutzen. Während ich noch dabei war, den Spiritus zu versprühen, zündete mein Kollege schon das Feuerzeug. Es gab eine Stichflamme und die Hälfte meiner Gesichtsbehaarung fackelte ab. Getoppt wurde diese Geschichte nur vom "Spezialauftrag Kerzenwachs". Für seine Geburtstagsfeier verteilte mein Chef im ganzen Hof Kerzen. Im Laufe des Abends brannten die logischerweise ab. Am nächsten Tag durfte ich dann das zerlaufene Wachs von 100 Kerzen vom Beton abkratzen. Nach Ausbildungsende wechselte ich sofort den Betrieb.

Tim, 23, Kaufmann für Groß-und Außenhandel

Im Empfangsbereich meines Ausbildungsbetriebs standen Blumenkübel. Die sollten natürlich immer ansprechend für die Kunden aussehen. Mein Chef war der Meinung, dass ich das "besonders gut" machen würde. Somit hatte ich die Aufgabe, für eine regelmäßige Neubepflanzung zu sorgen. Auch Bockwurst von der Tankstelle durfte ich ihm mehr als einmal holen.

Svenja, 24, Medizinische Fachangestellte

Mit 16 Jahren habe ich meine Ausbildung bei einem Gastroenterologen begonnen. Den besucht man zum Beispiel, wenn man Probleme im Magen-Darm-Bereich hat. Zum Alltag gehören Routineuntersuchungen wie das Absaugen von Darmpolypen. Das sind kleine Warzen, die im Darmtrakt sitzen. Beim Absaugen gibt es am Schlauch eigentlich eine "Falle" für die Polypen. Bei der letzten Untersuchung des Tages wurde allerdings vergessen, die anzubringen. Die Polypen wurden in den bereits vollen Scheiße-Kanister gesaugt. Der Blick meines Chefs fiel schnell auf mich. Ich musste den gesamten Eimer voller Scheiße sieben und nach den Polypen absuchen – umsonst. Die Dinger sind in der Regel ein bis zwei Zentimeter groß. Meine Erfolgschancen waren von Anfang an gering. Die Ausbildung war auch sonst die Hölle. Da der Arzt für seine langen Öffnungszeiten bekannt war, kam ich selten vor 22, 23 Uhr aus der Praxis. Jeden Donnerstag musste ich die Hämorrhoiden-Sprechstunde alleine übernehmen, weil das niemand machen wollte. An einem Tag musste ich so lange in der Praxis bleiben, dass kein Bus mehr zu mir fuhr. Also habe ich in der Praxis geschlafen. Danach hat meine Mutter die Reißleine gezogen. Ich habe die Praxis gewechselt und musste seitdem nie wieder Scheiße-Kanister putzen. Es gibt nämlich auch Einmalbeutel dafür.

Jasmina, 26, Kauffrau für Marketingkommunikation

In meinen zweieinhalb Jahren Ausbildung kam es regelmäßig vor, dass ich die One-Night-Stands meines Chefs an der Firmentür abwimmeln musste. Wenn ich mich weigern wollte, hat er so lange gebettelt, bis ich es dann doch wieder gemacht habe. Firmengelder wurden vor allem für "Geschäftsessen und Reisen" ausgegeben. Für eine Putzkraft war kein Geld mehr übrig. Staub zu saugen und Klos zu putzen, gehörte ein Jahr zu meinen Aufgaben, bis mein Chef doch irgendwann eine Putzfrau eingestellte. Außerdem war Sexismus am Arbeitsplatz ein Thema. Ich habe mir regelmäßig Kommentare zu meinen Brüsten oder meinem Po anhören müssen. Ich war froh, als ich nach bestandener Prüfung nie wieder dort hin musste.

Lena, 23, Friseurin

Ich habe meine Ausbildung bei einem relativ bekannten Friseur gemacht. Zu seinen Kunden gehören auch viele Prominente. An einem Tag hatte sich eine sehr bekannte Person bei uns angekündigt. Das wussten auch die Paparazzi, die morgens vor unserem Laden standen. Damit unsere Kundin ungesehen den Laden verlassen konnte, musste ich mich so verkleiden, dass ich ihr ähnlich sah, um die Fotografen abzulenken. Sie ist in der Zeit durch den Hinterausgang raus. Ich musste vorher eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen, deshalb darf ich leider nicht sagen, wer es war. Das war schon eine außergewöhnliche Aufgabe. Genauso wie die Tatsache, dass ich während einer Steckprobe für ihre Hochzeitsfrisur mit der Braut zusammen Torte gegessen habe. Sie hatte keinen anderen Termin gefunden, weshalb sie die Kuchenprobe mit 50 verschiedenen Sorten in unseren Laden verlegt hatte. Weil sie Unterstützung bei der Auswahl brauchte, half ich ihr. Der vorletzte Kuchen ist es dann geworden. Mir war danach unglaublich schlecht, aber die Braut immerhin glücklich.

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<![CDATA[Darum bekommen einige Menschen noch Jahre später Flashbacks zu Drogentrips ]]>https://www.vice.com/de_at/article/xwjv4a/darum-bekommen-einige-menschen-noch-jahre-spater-flashbacks-zu-drogentripsMon, 10 Dec 2018 09:50:12 +0000 Dieser Artikel ist zuerst bei Tonic erschienen. Folge Tonic bei Facebook.

Melissa Vitale war gerade beim Intervall-Training im Fitnessstudio, als es passierte. "Ich war kurz vor der Erschöpfung, wollte das Set aber noch durchpowern", erinnert sich die 25-Jährige. "Doch plötzlich zerflossen die Wände und der Boden bewegte sich." Vitale hatte einen Flashback zu einem LSD-Trip erlebt – und das war nicht das erste Mal. "Ich wusste genau, was passierte. Ich blieb ruhig, legte mich auf den Boden und dehnte mich, bis es vorbei war", sagt sie.

Auch Phillia Downs kennt diese Flashbacks. Die 40-jährige Schamanin durchlebt ihren ersten und einzigen LSD-Trip, der inzwischen 18 Jahre zurück liegt, ungefähr einmal im Jahr. "Dann sehe ich Wände, Tapeten oder Poster, die sich bewegen, oder Wasser, das die Wand runterläuft. So wie damals."

Eine Studie aus dem Jahr 2011 ergab, dass von 2.679 befragten Menschen, die regelmäßig Halluzinogene zu sich nehmen, 60,6 Prozent in nüchternem Zustand Halluzinationen erlebt hatten, die früheren Trips ähnelten. Es sei bekannt, dass LSD Flashbacks auslösen könne. Aber sie können ebenso bei Magic Mushrooms, DMT und gelegentlich auch MDMA auftreten, sagt James Giordano, Professor für Neurologie und Biochemie am Medizinzentrum der Georgetown-Universität. Häufig berichteten die Befragten, dass Objekte größer oder kleiner schienen, Gegenstände strahlten oder etwas am Rand ihres Sichtfeldes zu lauern schien.

Als beunruhigend empfindet Downs ihre Flashbacks nicht. Den Trip vor 18 Jahren beschreibt sie als eine der erleuchtendsten Erfahrungen ihres Lebens. "Darum genieße ich die Flashbacks. Ich finde es faszinierend, wenn ich sehe, wie sich Fotos oder Wände bewegen", sagt sie. Auch Melissa Vitale beschreibt ihre Flashbacks insgesamt nicht als beunruhigend.

In der falschen Situation können Flashbacks gefährlich werden

Das geht nicht allen Menschen so: Flashbacks können "verstörend sein und Angst- oder Panikattacken auslösen, vor allem wenn die Person an einer psychischen Störung leidet", sagt der Psychologe für Suchtkrankheiten Sal Raichbach. "Halluzinationen können je nach Situation irritieren oder unangenehm sein. Sie können auch in einer gefährlichen Situation auftreten, beispielsweise, wenn jemand gerade Auto fährt. So erging es auch Melissa Vitale einst: Sie saß gerade hinterm Steuer, als sich ihre Wahrnehmung veränderte: "Die weißen Streifen auf der Straße verwandelten sich in Kaninchen. Ich fuhr nachts durch ein Waldgebiet und musste auf Wildwechsel achten, darum war das sehr beängstigend", sagt sie.


Auf Motherboard: Oliver Sacks erklärt die Fünf Formen der Halluzination


Psychedelische Flashbacks können das Leben der betroffenen Personen beeinträchtigen. So berichteten 4,2 Prozent der Befragten in der Studie, dass ihre Flashbacks sie ängstigen oder lähmen würden. Giordano zeigte sich von dieser Zahl überrascht, denn seiner Meinung nach trete das Phänomen eigentlich viel seltener auf. Auch Matthew Johnson, Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung an der Johns Hopkins University, meint, dass nur "einer von vielen tausend Konsumierenden" chronische, unangenehme Flashbacks erleben würde.

In diesem Fall spricht man von einer Hallucinogen Persisting Perception Disorder (HPPD), also einer fortbestehenden Wahrnehmungsstörung nach Halluzinogengebrauch. "Viele Konsumierende berichten von visuellen Abnormalitäten, aber nur bei einer Minderheit sind diese Effekte so verstörend oder belastend, dass sie medizinisch relevant sind oder als HPPD eingestuft werden", erklärt Johnson. "Viele Menschen beschreiben die Effekte als harmlos oder angenehm."

Der Botenstoff Serotonin könnte eine wichtige Rolle spielen

Es ist nicht genau bekannt, wodurch die Flashbacks ausgelöst werden und warum sie so lange nach dem ursprünglichen Trip auftreten können. Raichbach glaubt, dass sie durch eine Störung der Neuronen ausgelöst werden könnten, die unsere Sinneswahrnehmung steuern. Vor allem LSD-Flashbacks könnten damit zusammenhängen, dass sich LSD mit dem Botenstoff Serotonin verbindet, meint Giordano. Der Serotonin-Rezeptor umschließt dabei das LSD-Molekül, das sich so in Nervenzellen ablagern kann.

Ändern sich der Blutfluss oder der Hirnstoffwechsel, könnte das LSD-Serotonin seine Wirkung erneut entfalten, meint Giordano. So könnte sich beispielsweise der Flashback erklären lassen, den Vitale während des Sports im Fitnessstudio erlebte. Flashbacks könnten aber ebenfalls durch "Stress, Angst oder Schlafstörungen" ausgelöst werden, sagt der Neurologe Santosh Kesari. Auch Menschen, die bestimmte Antidepressiva nehmen oder bestimmte psychotische Störungen haben, könnten anfälliger für Flashbacks sein. Und Menschen, die regelmäßig Halluzinogene konsumieren, erleben laut Raichbach häufiger Flashbacks als Menschen, die nur gelegentlich konsumieren.

Da HPPD noch nie bei Probanden einer klinischen Studie nachgewiesen wurde, glaubt Johnson, dass das Phänomen mit dem illegalen Drogenkonsum zusammenhängt. So könnten die furchteinflößenden Flashbacks durch verunreinigte Substanzen, einem Zusammenspiel verschiedener Drogen oder einer zu hohen Dosis entstehen.

Flashbacks sind meist unbedenklich

HPDD wird manchmal mit Medikamenten wie Clonazepam therapiert, die ansonsten zur Behandlung von Krampfanfällen verschrieben werden. Gewöhnliche Flashbacks müssen normalerweise jedoch nicht behandelt werden. Giordano rät allen, die einen verstörenden Flashback erleben, daran zu denken, dass er meist schnell vorübergeht. "Gezielte Atmung und andere Entspannungstechniken können helfen, dich zu fokussieren und Angstgefühle während des Flashbacks zu mindern", sagt er.

Tricia Eastman, Gründerin der Gruppe Psychedelic Journeys, rät, die Flashbacks als Möglichkeit zu sehen, sich persönlich weiterzuentwickeln. "Lasse die Reaktivierung mit einem offenen Bewusstsein zu. Dein Verstand, Körper und Geist werden die Erfahrung auf positive Weise verarbeiten, wenn du dich darauf einlässt."

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<![CDATA[Menschen erzählen von ihren enttäuschendsten Weihnachts-Erlebnissen]]>https://www.vice.com/de_at/article/7xy7mb/menschen-erzahlen-von-ihren-enttauschendsten-weihnachts-erlebnissenMon, 10 Dec 2018 09:36:24 +0000Für viele Menschen ist Weihnachten das Fest des guten Essens, der üppigen Geschenke und einer der wenigen legitimen Gründe, sich vor der Vorgesetzten mal volllaufen zu lassen. Für andere sind es die Tage im Jahr, an denen sie mit dem rechten Großonkel an einem Tisch sitzen und die Alkoholfahnen-Küsse der besoffenen Tante ertragen müssen. Doch nicht nur euer Tinder-Date von letzter Woche weiß: Zu hohe Erwartungen sind selten eine gute Voraussetzung für unvergessliche Abende – zumindest, wenn sie euch aus positiven Gründen in Erinnerung bleiben sollen.

Wir haben Menschen nach ihren enttäuschendsten Weihnachtserinnerungen gefragt.

Lena, 24

Ich war auf meiner ersten Firmen-Weihnachtsfeier als Praktikantin bei BMW. Alle hatten sich schick gemacht. Ich war die einzige Frau, die eine blickdichte schwarze Strumpfhose und ein langärmeliges Kleid anhatte. Der Personalchef hatte schon gut getrunken, kam zu mir, haute mir auf den Po und sagte: "Na, du hättest dich doch nicht so verschleiern müssen." Das war mir sehr unangenehm, weil meine Kollegen am Tisch nur laut lachten. Wenig später haben Kolleginnen auf dem Tisch getanzt und wurden von Pfiffen der Männer zur Weihnachtsmusik begleitet. Mein Vorgesetzter forderte mich auf, mitzumachen. Dann griff er zu und versuchte, mich auf den Tisch zu heben. Wir fielen allerdings gemeinsam um und lagen aufeinander auf dem Boden. Ich war nüchtern und wollte so schnell wie möglich aufstehen. Doch er hielt sich an mir fest. Und genau in dem Moment machte jemand ein Foto. Das Bild ging nach der Weihnachtsfeier rum und manche der Kollegen und Kolleginnen erzählten, ich hätte mit dem Chef rumgemacht. Seitdem schwöre ich solchen Partys ab.


Auch bei VICE: Lebkuchenmänner backen – erklärt von einem Ex-Gangmitglied


Sandra, 32

Als ich vier Jahre alt war, hatten meine Eltern übers Studierendenwerk einen Weihnachtsmann engagiert, der zur Bescherung zu uns nach Hause kam. Nachdem der schlaksige Typ mit dem schlecht sitzenden Bart mich zum dritten Mal gefragt hatte, ob ich denn wirklich artig gewesen sei und ich mein Gedicht aufgesagt hatte, zog er nach und nach mürrisch die Geschenke, die meine Eltern ihm vorher gegeben hatten, aus dem Jutesack. Er wollte schon gehen, als meiner Mutter einfiel, dass noch die kleinen Geschenke fehlten, die ich für meine Omas gebastelt hatte. Widerwillig griff er noch mal in den Sack, fand aber nichts. Schließlich wurde es ihm zu viel und der Weihnachtsmann leuchtete mit einem Feuerzeug in den Sack, um die restlichen Geschenke zu finden – und setzte ihn damit in Flammen. Der Ausruf meiner Tante "Weihnachtsmann, ich glaube, dein Sack brennt!", ist inzwischen zu einem geflügelten Wort in meiner Familie geworden.

Achim, 23

Mit 16 Jahren und strengen Eltern hatte ich nur wenige Möglichkeiten, mich zu betrinken. Der ideale Anlass: die Weihnachtsfeier meiner Fußballmannschaft. So lustlos wir uns im Winter über den gefrorenen Platz schleppten, bei der Jahresabschlussfeier waren alle hochmotiviert. Schon zu Beginn des Abends standen gefühlt mehr Kästen Bier im Clubhaus als Spieler.

Vor allem stand aber eine Frage im Raum: Wer säuft am meisten? Nach Trinkspielen wie "Beerpong" und "Kings Cup" hatte ich schon um 18:30 Uhr so die Lampen an, dass ich kaum noch stehen konnte. Der Drang, mich völlig enthemmt über die leere Tanzfläche zu bewegen, stieg mit jedem Bier. Wo, wenn nicht hier? Meine Mitspieler kenne ich seit der Pampersliga. Außerdem stellt sich auf der Weihnachtsfeier die gesamte Mannschaft inklusive Trainer einen rein.

Nur blöd, dass ich schon nach wenigen Tanzschritten das Gleichgewicht verlor. Unaufhaltsam auf ein Fenster zu stolperte, von dem ich mich mit den Händen abdrücken wollte. Im Moment des Fallens nahm ich allerdings so viel Tempo auf, dass ich mit voller Wucht durch die Scheibe klatschte. Im Internet kursiert ein Video von einem ähnlichen Vorfall, der Typ sieht mir verblüffend ähnlich. Zum Glück ist man im Vereinsheim ja unter sich.

Leyla, 28

Vor drei Jahren hat meine alleinstehende Tante meinen Cousin, seine Freundin, mich und meinen damaligen Freund zum Weihnachtsbrunch eingeladen. Im Gegensatz zu meinem Onkel, hat sie nach der Scheidung weder geheiratet noch weitere Kinder bekommen. Besonders an Weihnachten hat sie wohl deswegen oft das Gefühl, mit ihrem Ex-Mann konkurrieren zu müssen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an den Brunch, als ich ihr am Vormittag in der Küche half. Sie hatte auf mehreren Tellern teueres Essen angerichtet und mehrere Kuchen und Tartes gebacken. Leider kam mein Cousin eine halbe Stunde zu spät. Und verursachte damit ein schweres Drama.

Noch bevor wir den Räucherlachs auf unseren Tellern anschneiden konnten, bekam meine Tante am Esstisch einen Nervenzusammenbruch. Sie weinte, hielt sich die Hände vors Gesicht und machte meinem Cousin Vorwürfe, dass er nicht pünktlich da war. Und wir saßen alle etwas ratlos um sie herum am Tisch. Während ich versuchte, sie zu trösten, – auch, damit wir das tolle Essen doch noch genießen konnten – starrte mein Cousin nur peinlich berührt auf seinen Teller. Meine Tante verschwand irgendwann auf den Balkon, wo sie rauchte und weiter weinte. Nach einer Stunde kam sie zurück und setzte sich schluchzend an den Tisch. Im Hintergrund lief ein Weihnachtssong von Mariah Carey. Doch auch das konnte für den Rest des Essens niemanden aufheitern. Der Weihnachtsbrunch blieb bis zum Ende ein eher bedrückendes Erlebnis.

Hakki, 25

Es gibt sicherlich keine enttäuschendere Art, Weihnachten zu verbringen, als an Heiligabend bei McDonald's zu arbeiten – wie ich in meiner Schulzeit. Doch so langweilig Weihnachten im Schnellrestaurant auch klingen mag, für manche unserer Gäste waren diese Abenden wohl noch schlimmer. Vor allem, weil ich als Moslem sowieso kein Weihnachten feiere. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft am 24. Dezember verzweifelte Gäste kommen, die in letzter Minute ein alternatives Weihnachtsessen für Zuhause brauchen. Einmal kam eine Frau, die McMenüs im Wert von 120 Euro bestellte, den sie ihrem Besuch aus Kanada vorsetzen wollte. Sie hatte wohl Angst, ihren Gästen etwas Selbstgekochtes zu servieren – oder einfach nicht genug Zeit eingeplant. So hatte an dem Abend wohl jeder von uns seine ganz eigene Version eines enttäuschenden Weihnachtsfestes.

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<![CDATA[Wie es ist, mit 19 Burnout zu bekommen]]>https://www.vice.com/de_at/article/qvqewv/wie-es-ist-mit-19-burnout-zu-bekommenMon, 10 Dec 2018 09:26:55 +0000In meiner Familie mögen sich alle. Ich hatte eine glückliche Kindheit in einem kleinen Dorf, nie Probleme in der Schule und tolle Freunde. Objektiv gibt es keinen Grund dafür, dass ich mit 19 Jahren plötzlich das Gefühl hatte, morgens nicht mehr aufstehen zu können.

Im Oktober 2017 startete ich gerade ins dritte Lehrjahr meiner Ausbildung. Da es nicht viele Unternehmen gibt, die diese Ausbildung anbieten, möchte ich hier nicht genauer auf meinen Beruf eingehen. In der Berufsschule erzählten uns die Lehrer was vom "Ernst des Lebens". Davon, wie wichtig es sei, für die Abschlussprüfungen zu lernen und sich parallel nach Jobs umzuschauen. Ich war schon immer ziemlich perfektionistisch, also ging ich jeden Tag zehn Stunden arbeiten und lernte danach. Mein bisschen Privatleben brach weg, als zeitgleich viele meiner Freunde fürs Studium in eine andere Stadt zogen. Also blieb ich nach der Arbeit einfach zu Hause. Früher war ich ständig feiern, plötzlich sagte ich jede Verabredung kurz vorher ab. Auf der Arbeit wirkte ich motiviert und fröhlich, sobald ich nach Hause kam, fing ich an zu weinen. Die Vorstellung auf einer Party zwischen glücklichen, tanzenden Menschen zu stehen, während mir einfach nur nach Weinen war, stresste mich. Jede Minute Freizeit kam mir wie Zeitverschwendung vor. Ich musste lernen. Dafür war ich allerdings viel zu überarbeitet, also starrte ich nur die Wand an, während die Minuten verstrichen.

"Bitte hilf mir, egal wer" – Tagebucheintrag vom 19.10.2017

Nach ein paar Wochen bekam ich Herzrhythmusstörungen und jeden Morgen Panikattacken. Mein Puls wurde immer schneller, als würde ich die ganze Zeit sprinten. Mein Körper sagte Stop, aber ich ignorierte ihn. Erst als ich auf der Arbeit ohnmächtig wurde, ging ich endlich zum Arzt. Der nahm meine Probleme nicht ernst, schob sie auf die Abschlussprüfungen, und verordnete mir pflanzliche Beruhigungsmittel und eine Woche Urlaub, "um mal wieder was mit Freunden zu machen". Auch meine Eltern wollten am Anfang nicht wahrhaben, dass ich etwas Psychisches habe und ließen mich von oben bis unten von verschiedenen Ärzten durchchecken. Die fanden nichts. Irgendwann zog meine Mutter die Notbremse und schickte mich statt zur Arbeit zu einem Psychologen. Ich fand das total bescheuert. Es gibt Menschen, die kommen aus schwierigen Verhältnissen oder haben furchtbare Dinge erlebt. Ich aber nicht. Ich hatte kein Recht, zu Hause zu sitzen und zu heulen – warum tat ich es trotzdem?

Anika
Anika zieht gerade in ihre erste eigene Wohnung | Foto: Rita Schmid

"Ich habe Angst vor dem Leben" – Tagebucheintrag vom 27.11.2017

Mein erster Psychologe hatte seine Praxis bei uns im Dorf. Ich kannte ihn vom Einkaufen und spürte jedes Mal die Blicke der anderen Leute, wenn ich die Stufen zu seinen Behandlungsräumen hoch lief. Als ob jeder sich darüber das Maul zerreißen würde, dass ich jetzt zum Psychologen gehe. Ich hatte meine Fassade so lange aufrecht gehalten, dass er meine Probleme nicht wirklich ernst nahm. Selbst dann nicht, als ich ihm sagte, wie viel ich weine und wie schlecht es mir geht. Seiner Meinung nach sollte ich eine Pause einlegen, mir ein Hobby suchen und Zeit mit meinen Freunden verbringen. Ich war frustriert. Endlich hatte ich mich getraut, zu einem Psychologen zu gehen, und dann riet der mir den gleichen Scheiß, wie alle anderen Menschen auch. Ich brach die Therapie ab.

"Wieder nicht zur Berufsschule geschafft" – Tagebucheintrag vom 08.12.2017

Von alleine wurden meine Probleme allerdings auch nicht besser. Ich redete zwar viel mit meinem Hausarzt, aber für ihn führte kein Weg an einer richtigen Therapie vorbei. Er stufte mich schließlich als akuten Fall ein, damit ich sofort einen Platz bekomme. Wenn man Pech hat, wartet man sonst ein halbes Jahr. Der neue Psychotherapeut war in der Nachbarstadt, was die Sache für mich deutlich angenehmer machte. Ich hatte eigentlich gehofft, von ihm ein Medikament zu bekommen, das einfach meine Probleme löst. Stattdessen brach ich direkt in der ersten Sitzung weinend zusammen. Er machte mir klar, dass ich öfters würde kommen müssen, damit es mir besser geht. Und, dass ich mein Problem einsehen müsse, um gesund zu werden. Zum ersten Mal traf ich jemanden, der meinen Zustand ernst nahm. Für ihn hatte ich nicht bloß irgendein "Teenie-Problem", das sich durch ein Treffen mit meinen Freundinnen lösen ließ. Bei unserem dritten Treffen im Dezember stellte er die Diagnose "Schwere Depression durch zu hohe Belastung". Die Art von Depression, die man unter dem Modebegriff Burnout versteht. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, was das bedeutet.

"Bin weinend die Piste runtergefahren. Trotz neuem Board ist alles nur scheiße" – Tagebucheintrag vom 31.12.2017

Obwohl ich versuchte, Arbeit und Therapie unter einen Hut zu bekommen, musste ich nach ein paar Wochen einsehen, dass ich es so nicht mehr zur Arbeit schaffte. Mein Hausarzt schrieb mich Anfang Januar zum ersten Mal für sechs Wochen krank. Das ist das Maximum. Dann zum zweiten Mal. Dann zum dritten Mal. Letztendlich bis Ende Juni. Auf der Arbeit spielte ich direkt mit offenen Karten, auch wenn es mir unangenehm war. Ist doch komisch, dass ausgerechnet die Lehrlinge Burnout bekommt. Oder? Ich hatte wirklich Glück, dass ich so eine tolle Chefin hatte. Als ich ihr erzählte, dass ich psychische Probleme habe, sagte sie, ich solle mir so viel Zeit nehmen gesund zu werden, wie ich bräuchte. Ich könne jederzeit zurückkommen.


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Die ersten Woche meiner Krankschreibung blieb ich nur zu Hause. Auszugehen kam mir falsch vor, ich sollte schließlich gesund werden. Meine Freunde hatten mittlerweile aufgehört, mich zu fragen, ob ich abends mitkomme. Wenn jemand immer kurz vorher absagt, hat man eben irgendwann keinen Bock mehr. Wenn man nicht zur Party kommt, weil man ein gebrochenes Bein hat, können das alle verstehen. Wenn man es wegen Burnout nicht vor die Tür schafft, sieht das schon anders aus. Eine Freundin fragte genauer nach. Ich erzählt ihr zwar, dass ich Burnout hätte, aber was sollte sie dazu sagen? Ich kann das schon nachvollziehen. Ich war vorher ganz anders. Die Leute konnten sich nicht vorstellen, dass es ausgerechnet mir plötzlich so schlecht ging.

"Panikattacke" – Tagebucheintrag vom 28.01.2018

Für meinen Arzt war Ausgehen ein wichtiger Bestandteil meiner Therapie. Er schrieb mir sogar ein "Rezept", damit ich mich nicht schlecht fühle, wenn ich trotz Krankenschein auf Parties ging. In einer Mail erklärte ich meinen Arbeitskollegen, warum ich zwar krank, aber nicht bettlägerig sei. Ich hätte es doof gefunden, wenn sie mich draußen sehen, und sich dann fragen, wieso ich sie seit Wochen mit der Arbeit alleine lasse.

Im Februar 2018 nahm ich zum ersten Mal Antidepressiva. Die ersten Tage habe ich nur gekotzt. Eine typische Nebenwirkung der SSRI. Am liebsten hätte ich sie sofort wieder abgesetzt, aber mein Hausarzt meinte, ich müsse durchhalten. Ich gab meinem Körper noch eine Woche, um sich an die Tabletten zu gewöhnen, und es wurde tatsächlich besser. Antidepressiva machen dich nicht von heute auf morgen wieder glücklich. Das dauert ein paar Wochen, klappt dann aber ganz gut. Meine negativen Gedanken sind durch sie nicht weniger geworden, aber ich war nicht mehr so antriebslos und habe weniger geweint. Trotzdem hatte ich das Gefühl, zu Hause bei meiner Familie nicht richtig gesund werden zu können.

Ich bin das älteste von drei Kindern. Ich war immer die, um die man sich keine Sorgen machen musste. Wenn es zu Hause Streit gab, schlichtete ich. Wenn jemand auf meine Geschwister aufpassen musste, machte ich das gerne. Ich fühlte mich irgendwie für das Wohl meiner Familie verantwortlich, auch wenn meine Eltern mir nie einen Grund dafür gaben. Und jetzt war ich auf einmal die, bei der gar nichts mehr ging. Um sie nicht zu enttäuschen, versteckte ich so gut wie möglich, wie schlecht es mir wirklich ging. Gleichzeitig war ich wütend darüber, dass sie es so lange nicht merkten. Ich brauchte Abstand.

"Falls du mich suchst, ich bin im Eimer" – Tagebucheintrag vom 10.03.2018

Im März 2018 fing ich deshalb eine stationäre Therapie in einer psychosomatischen Klinik an. Die anderen Leute in meiner Gruppe waren in einem ähnlichen Alter wie ich, zwischen 18 und 25. Ein Mädchen litt wie ich an Burnout, die anderen hatten Depressionen, soziale Phobien oder Borderline. Ich glaube, psychische Krankheiten nehmen bei jungen Leuten zu. Auf Social Media wird einem den ganzen Tag lang ein perfektes Leben vorgespielt. Alle sehen gut aus, tragen die angesagtesten Klamotten und fahren ständig in den Urlaub. Kein Wunder, dass man sein eigenes Leben irgendwann scheiße findet. Es will zwar immer keiner zugeben, aber für mich spielt auch das Handy eine große Rolle. Jeder Mensch macht den Tag über etwas, ob es arbeiten ist oder studieren, und sobald er mal eine Minute Pause von seiner eigentlichen Tätigkeit hat, guckt er aufs Smartphone. Man schaltet weniger ab. Man hört weniger auf seinen Körper, und merkt nicht mehr, wenn er Ruhe braucht. Ich bin da nicht besser.

Mit 19 verändert sich das ganze Leben. Man muss plötzlich erwachsen werden, obwohl man sich noch gar nicht bereit dazu fühlt. Egal, ob man gerade Abi macht oder seine Ausbildung beendet: Die Lehrer tun so, als würde man just in dem Moment die wichtigste Entscheidung seines Lebens treffen. Wenn man jetzt einen Fehler macht, wird man ihn den Rest seines Lebens bereuen. Ich finde, dass das Blödsinn ist. Man kann Jobs kündigen und Studiengänge abbrechen. Und das Leben geht trotzdem weiter. Eine Freundin von mir hat nur Einsen auf dem Zeugnis. Alle sagen ihr, sie müsse Medizin studieren oder Jus, stattdessen hat sie sich für Sozialwissenschaften entschieden. Sie tun so, als ob sie in einem sozialen Beruf ihr Leben verschwenden würde. Ich wünschte manchmal, wir würden in der Schule mehr mit Menschen in ihren Zwanzigern reden. Vielleicht würden sie uns sagen, dass es nicht schlimm ist, mal falsch abzubiegen. Und, dass das Leben nicht vorbei ist, wenn man sich nach einem Jahr BWL-Studium entscheidet, doch lieber Grundschullehrerin zu werden.

"Das Leben ist schön" – Tagebucheintrag vom 09.06.2018

Die Therapie hat mir geholfen, das Leben anders zu bewerten und mir weniger Druck zu machen. Nach vier Wochen Wiedereingliederung bin ich ohne Antidepressiva zurück in meinen Job gegangen, mache jetzt meine Ausbildung fertig und schreibe gerade Prüfungen. Früher habe ich mich darüber geärgert, wenn mein Zug fünf Minuten Verspätung hatte, heute lache ich darüber. Dann warte ich eben. Ich habe Zeit. Ich ziehe heute schneller die Notbremse, wenn ich merke, dass mir die Dinge zu viel werden. Auch, wenn ich deshalb vielleicht mal einen wichtigen Termin verpasse. Stattdessen freue ich mich über die Sonne, Spaziergänge oder Ausflüge mit dem Fahrrad. All die Dinge, die ich fast acht Monate verpasst habe, weil ich nur in meinem Zimmer saß. Wenn man einmal so am Boden war, dass man nicht mehr wusste, wieso man aufstehen soll, wird einem bewusst, dass Gesundheit das Wichtigste ist. Nicht Erfolg oder ein "perfektes" Leben.

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<![CDATA[Der Preis der Gentrifizierung: Wie junge People of Color in den USA unter der Wohnungskrise leiden]]>https://www.vice.com/de_at/article/pa9mwk/der-preis-der-gentrifizierung-people-of-color-usa-wohnungskriseMon, 10 Dec 2018 09:02:40 +0000 Aus der Power and Privilege Issue.

Als Levi acht Jahre alt war, erlebte seine Familie eine Bettwanzenplage. Überall in der Mietwohnung wimmelte es vor Tierchen. Levi heißt eigentlich Leviticus und ist mit nur einem Elternteil in Buffalo, der zweitgrößten Stadt des US-Staats New York, aufgewachsen. Irgendwann verschwanden die Bettwanzen wieder und Levi vergaß die Sache.

Inzwischen ist Levi 19 und hat viele ähnliche Dinge erlebt, die ihn bis heute belasten. "Die Heizung war kaputt, oder es kamen Ratten aus den Wänden, oder wir hatten überall Kakerlaken", erzählt er VICE. "Unsere Vermieter waren Slumlords." Andere Kinder aus seiner Schule und aus seinem Viertel – niemand davon Weiß, die meisten Schwarz oder Latino – hätten gemerkt, dass ihn etwas bedrückte. "Als ich erzählte, was zu Hause los war, sagten sie: ‚Bei uns ist es genauso.‘"

Levis Familie ist Schwarz und stammt aus Panama. Seine Großmutter floh in den 1970ern vor der Diskriminierung, die sie dort erlebte. An ihrem ersten Abend in Buffalo weinte sie, es war kalt und einsam. Und die Diskriminierung war noch schlimmer: Schwarz und spanischsprachig, gehörte sie nun zu einer doppelten Minderheit.


Auch bei VICE: Die Geschichte eines erzwungenen Geständnisses


Im Westen von Buffalo sind die Mieten gestiegen. Levis Schwester musste neulich mit ihrem Sohn in ein gefährlicheres Viertel ziehen. Sein Onkel hat bei den Marines gedient und wollte vor Kurzem ein Haus kaufen. Die Bank gewährte ihm keinen Kredit – seiner Weißen, rational betrachtet weniger kreditwürdigen Frau allerdings schon.

Levi musste früh erkennen, dass das Persönliche politisch ist. Er engagiert sich in einer Graswurzel-Organisation in Buffalo, um gegen ein rassistisch-kapitalistisches System vorzugehen, das Menschen wie ihm den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg versperrt. In den Problemen seiner Angehörigen und Nachbarinnen sieht Levi ein Muster: Die Profiteure des Systems sind Bauunternehmer, Vermieter und die Immobilienlobby. Dann sind da die Politiker, die ihnen in die Hände spielen. Wirtschaftlich schwache Bevölkerungsgruppen haben keine Chance, bei Bedarf werden sie auf die Straße gesetzt. Wohlhabende können bestimmen, wer wo leben darf.

"Ich bin wütend und traurig zugleich", sagt Levi. "Reiche Menschen haben diese Zustände herbeigeführt und ziehen ihren Nutzen daraus. Den Mächtigen gehört alles."

ELEND ENTSTEHT NICHT VON ALLEIN

Die Wohnungskrise in den USA hat einen Höhepunkt erreicht. Nirgends im Land reicht ein Vollzeitjob zum Mindestlohn für eine Dreizimmerwohnung. Aktuell schreibt die Regierung einen Mindestlohn von 7,25 Dollar (etwa 6,40 Euro) vor. Fast die Hälfte aller Mieterinnen und Mieter in den USA gibt mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für ihre Unterkunft aus, mehr als 12 Millionen von ihnen sogar mindestens die Hälfte. Millionen Menschen sind obdachlos, darunter immer mehr Kinder und junge Erwachsene. Viele andere, vor allem People of Color, trennt nur ein finanzieller Notfall davon, ihre Wohnung zu verlieren.

Derweil sinkt die Zahl der öffentlichen Sozialwohnungen stetig, sodass arme Menschen immer häufiger auf Privatvermieter angewiesen sind. Der private Wohnungsmarkt ist unzureichend reguliert, die Nachfrage übersteigt das Angebot.

Eine Unterkunft gehört zu den Grundbedürfnissen jedes Menschen. Doch in vielen Gegenden der Welt geht man mit diesem Bedürfnis um, als wäre es optional. Den Reichen und Mächtigen bietet das eine Grundlage, um arme Menschen und People of Color auszubeuten.

Ein Eigenheim kommt seit der Finanzkrise für viele nicht mehr infrage. So ist ein Großteil derer, die zur Miete wohnen, jünger als 35. Einige von ihnen entscheiden sich freiwillig dafür, weil es trendy ist, in den Großstädten zu leben. Doch stagnierende Löhne, hohe Gesundheitskosten und schwindende Karrierechancen lassen vielen anderen keine Wahl. Die Mietpreise lösen eine Kettenreaktion aus, denn häufig müssen junge Menschen allein aufgrund ihrer Wohnsituation Studienkredite aufnehmen – insgesamt belaufen sich die Studienschulden in den USA heute auf 1,52 Billionen Dollar.

Eine Unterkunft gehört zu den Grundbedürfnissen jedes Menschen. Doch in vielen Gegenden der Welt geht man mit diesem Bedürfnis um, als wäre es optional. Den Reichen und Mächtigen bietet das eine Grundlage, um arme Menschen und People of Color auszubeuten. Sichere, bezahlbare Wohnungen werden in den USA zu einem Luxus, der wenigen Privilegierten vorbehalten ist.

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Ein leer stehendes Haus im Osten von Buffalo im US-Staat New York | Foto: Bernice Radle

Christian Diaz ist in Logan Square aufgewachsen, einem Viertel im Norden Chicagos. Seine Eltern kauften dort in den 90ern ein Haus für 150.000 Dollar. Er bekam seinen ersten Eindruck von der Ungerechtigkeit in seiner Stadt, als seine Familie anfing, Zeitungen auszutragen. Die Arbeit führte Diaz in die wohlhabende Gegend Lincoln Park. "Ich sah, wie gepflegt die Straßen und wie groß die Häuser waren. Und alle Menschen dort waren Weiß", sagt Diaz gegenüber VICE. "Ich fragte mich: ‚Was stimmt mit meiner Familie nicht?‘ Lange habe ich mich für uns geschämt."

Heute, 20 Jahre später, sehen Teile von Diaz’ ehemaligem Arbeiterviertel aus wie Lincoln Park. Die Welt der Weißen und Reichen ist in seine Heimat vorgedrungen und hat im vergangenen Jahrzehnt mehr als 20.000 Menschen mit Latino-Abstammung aus dem Viertel verdrängt. Diaz engagiert sich im Nachbarschaftsverband Logan Square Neighborhood Association (LSNA) gegen die Gentrifizierung.

Grundstücksentwickler formen Gegenden wie Logan Square mit ihrer wirtschaftlichen Macht. Vergangenes Jahr unterstützte die LSNA einen Antrag auf eine Schutzzone im zentralen Korridor des Viertels, demzufolge neue Bauvorhaben zuerst öffentlich geprüft werden müssten. Als die Anführerinnen der Aktivisten vor dem Stadtrat aussagen wollten, hieß es, die Entscheidung über den Antrag sei vertagt worden. Man erlaubte ihnen nicht, ihre Argumente vorzubringen – während sich Mark Fishman, ein Bauentwickler mit mehr als 80 Grundstücken in Logan Square, zu dem Antrag äußern durfte. Fishman spendet regelmäßig an Politiker; den amtierenden Bürgermeister von Chicago, Rahm Emanuel, unterstützte er im Wahlkampf 2011 mit mindestens 75.000 Dollar. Seither hat er von der Stadt Millionen für seine Projekte bekommen. Der Antrag auf die Schutzzone wurde abgelehnt.

"Es ist Bullshit zu glauben, dass Entwicklungen wie in diesem Viertel organisch und unausweichlich sind", sagt Diaz. "Das Gegenteil ist der Fall. Logan Square entwickelt sich so, wie es der Stadtrat entschieden hat."

WOHNUNGSKRISE HEISST LEBENSKRISE

Die Debatte um die Mietpreise bekommt im aktuellen politischen Klima der USA kaum Aufmerksamkeit. Dafür sind die Medien zu sehr mit den Skandalen um den US-Präsidenten – einem Immobilienmogul – beschäftigt. Dabei hängt die Zukunft junger Menschen von diesem Thema ab.

Thảo Lê lebt im kalifornischen Santa Cruz und engagiert sich dort für bezahlbaren Wohnraum. Lês Eltern, Geflüchtete aus Vietnam, hatten ihr Haus abbezahlt, ehe ihr Kind in die siebte Klasse kam. Trotz der geregelten Wohnsituation verließ Lê die Familie zum Studienbeginn. "Für mich ist ein Zuhause ein Ort, an dem man ohne Probleme man selbst sein kann", sagt Lê im Gespräch mit VICE. "Ich ordne mich keinem Geschlecht zu. Meine Identität führte zu ständigen Konflikten mit meiner Familie."

Keine Chancen auf dem Wohnungsmarkt zu haben, bedeutet festzustecken: in Missbrauchsverhältnissen oder schlecht bezahlten Jobs. Vermieter haben somit große Macht über die Leben anderer.

Da erschien selbst eine von Missbrauch geprägte Beziehung für einige Zeit als die bessere Wohnalternative. Heute wohnt Lê zur Miete in einer überfüllten Haus-WG. Mehrere von Lês Freunde seien auf der Straße gelandet und hätten in ihren Autos oder in Zelten hausen müssen. Die University of California, Santa Cruz, nimmt zu viele Studierende auf, das treibt die Mieten in die Höhe. "Wie soll man leben, wenn man gleichzeitig um einen Platz zum Wohnen kämpft?", fragt Lê.

Auch Levi sorgt sich um seine Zukunft. In seinem problemgeplagten Zuhause suchte er früher Trost in seinem liebsten Hobby, dem Kochen. Er träumte davon, nach der Highschool Kochkunst zu studieren. Doch seine Mutter und Schwester konnten mit ihren Jobs die Miete nicht bezahlen. Statt zu studieren, musste Levi sofort Geld verdienen. Bis heute hat er keine Aussichten auf ein Studium. "Ich habe Angst, dass ich hier feststecke wie alle anderen auch", sagt er – und meint damit nicht Buffalo, sondern ein Leben ohne Perspektiven. "Buffalo ist mein Geburtsort, und hier werde ich auch sterben. Ich kämpfe für meine Stadt." Er kenne viele, die aufgeben, erzählt Levi. Nur wer schon Geld habe, könne sich ein gutes Leben in Buffalo aufbauen.

Keine Chancen auf dem Wohnungsmarkt zu haben, bedeutet festzustecken: in Missbrauchsverhältnissen oder schlecht bezahlten Jobs. Vermieter haben somit große Macht über die Leben anderer. Der private Wohnungsmarkt wird dieses Problem nicht lösen können. Doch es gibt einen Ausweg.

WOHNUNGEN FÜR ALLE

Levi, Diaz und Lê sehen konkrete Ansätze für eine gerechtere Gesellschaft: Die USA seien reich genug, um allen Einwohnern ein Zuhause zu garantieren. Politiker sollten dafür sorgen, dass Wohnungen für Menschen gebaut werden und nicht für Profite. Die Regierung müsse in zusätzliche Sozialwohnungen investieren und ein Moratorium verhängen: Öffentliche Wohnungen sollten nicht mehr an Privatleute verkauft werden. Man müsse dafür sorgen, dass Menschen in jeder Wohngegend Zugang zu Schulen, Jobs und Lebensmitteln haben.

"Die Lösungen sind doch längst bekannt", sagt Diaz. "Sie werden bisher aber nur für Weiße Menschen angewendet." Dass Banken selbst ehemaligen Staatsdienern wie Levis Onkel, dem Ex-Marine, Darlehen vorenthalten, sie aber weniger kreditwürdigen Weißen Menschen gewähren, gibt Diaz recht.

Doch wie können Menschen in den USA etwas bewegen? Levi, Diaz und Lê versuchen, als Community Organizer den Weg für Veränderung zu ebnen. Sie stellen vorherrschende Ansichten über Hautfarbe und soziale Herkunft infrage und machen deutlich, wer vom Status quo profitiert. Politische Organisation ist eine Triebfeder der Demokratie, vor allem wenn sie von Menschen ausgeht, denen die aktuellen Verhältnisse schaden.

Diaz und Lê finden, dass auch Privilegierte ihren Platz im Aktivismus haben – nur nicht als Wortführer. "Niemand muss sich für Privilegien schuldig fühlen", sagt Lê. "Aber die Menschen sollten Benachteiligten zuhören und ihr Privileg nutzen, um andere zu beschützen und sich für sie einzusetzen."

Unsere Entscheidungsfreiheit und unsere Chancen im Leben hängen eng mit unserer Wohnsituation zusammen. In den USA wie auch vielen anderen Ländern gibt es kein ausreichendes Sicherheitsnetz für Menschen, die nicht wohlhabend sind. Es ist Zeit, eines zu spannen.

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<![CDATA[Alles für die Likes: Wie Twitter mich fast kaputtgemacht hätte ]]>https://www.vice.com/de_at/article/9k7nmp/alles-fuer-die-likes-wie-twitter-mich-fast-kaputtgemacht-hatteMon, 10 Dec 2018 08:51:17 +0000 Aus der Power and Privilege Issue.

Seit Oktober 2015 habe ich etwa 168 Onlineleben geführt: Eve, der Niemand. Eve, die Sex- Bloggerin. Eve, die Comedian. Die Depressive, die Trinkerin, die Feministin. Die Tech-Autorin, die Sozialistin, die Haterin. Die Abstinenzlerin, die Politikredakteurin, die Schwert- und Messer-Sammlerin. Und was auch immer ich heute bin.

Eine Essenz aus sich selbst pressen und zu einem leicht verdaulichen Produkt formen: ein seltsamer Lebensstil, vor allem als junge Erwachsene, die noch nicht genau weiß, wer sie ist. Ich hatte nie vor, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, indem ich meine Persönlichkeit verkaufe, doch wir leben in der Social-Media-Ära. Persönliches Branding ist fast unausweichlich für eine junge Autorin wie mich: ständig online, allzeit bereit, ihre abgefucktesten Gedanken mit einem großen Publikum zu teilen, auf der Suche nach Bestätigung und Liebe. Das öffentliche Oversharing wurde zu meinem Lebensinhalt. Je mehr ich mein Leben als eine Ware sah, die andere konsumierten, desto zwanghafter postete ich alles, was ich erlebte: Schmerz, Freude, Wut, Angst. Meine Online-Existenz war nie haltbar. Immer wieder häutete ich mich und kam als neues Ich zum Vorschein, jedes Mal ein wenig gefestigter.


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Zurück zum Oktober 2015: Ich habe im Vorjahr mein Studium abgeschlossen und weiß, dass ich Autorin werden will. Ich habe nur keine Ahnung, wie. Nach einem Jahr ziellosen Umherstreifens begegne ich einer Freundin in einer Bar: Sie ist Redakteurin für eine kleine Website. Neben meinem Café-Job fange ich daraufhin an, als freie Autorin persönliche Essays und bescheuerte Blogs zu schreiben. Hier und da twittere ich eine banale Alltagsbeobachtung oder einen Link zu einem Artikel, auch wenn ich kaum Follower habe.

Wenige Tage nach meinem 22. Geburtstag twittere ich einen Screenshot von Tinder: Der berüchtigte Pharma-Bro Martin Shkreli hat mit mir gematcht. Shkreli ist in den Schlagzeilen, weil seine Pharma-Firma den Preis eines Medikaments in die Höhe treibt, das AIDS-Patienten gegen lebensgefährliche Parasiten nehmen – von 13,50 Dollar die Tablette auf 750 Dollar. Ich will kein Date mit Shkreli, aber nutze seinen Rechts-Wischer zu meinem Vorteil. Ich frage ihn, wie es sich anfühlt, sich über Nacht in einen internationalen Bösewicht zu verwandeln, und wie er seinen grausamen Kapitalismus rechtfertigt.

Die Reaktionen auf meine Screenshots überfluten mich. Ich liege mit dem Laptop im Bett und lade meine Twitter-Seite immer wieder neu, erstarrt vor dem endlosen Strom aus Likes, Retweets, Antworten und neuen Followern. Ich bin berauscht von so viel Aufmerksamkeit, ich fühle mich mächtig. Die Masse hört mir zu – und es scheint, als wäre das schon immer mein innigster Wunsch gewesen.

Fotos aus Eve Peysers 2017, Donald Trump, Khukri-Messer, Selfie
Alle diese Fotos hat Eve Peyser 2017 gepostet | Mit freundlicher Genehmigung von Eve Peyser

2016: Ich verbringe jeden Tag unzählige Stunden auf Twitter. Kein Wunder, dass ich einsam und depressiv bin. Ich twittere auch das in den Äther, denn die Belohnung lässt nie lange auf sich warten. Meine Follower-Zahl übersteigt 10.000, schwillt immer weiter. Das zeigt mir, dass ich was Besonderes bin, dass ich etwas richtig mache. Ich habe meinen ersten viralen Tweet als Karrieresprungbrett genutzt. Ich schreibe freiberuflich für so ziemlich alle, die mich wollen. Mein Twitter-Brand ist der Schlüssel zu meinem Hustle. Ich date Typen, die mich nicht zurückrufen, dann bezahlen mich Plattformen wie Cosmopolitan und New York Magazine dafür, dass ich mein desaströses Liebesleben breittrete. Ich sehe mich endlich als richtige Autorin, ich feiere mich selbst und fühle mich trotzdem leer. Meine Social-Media-Sucht macht mir langsam Sorgen, aber ich twittere weiter, was das Zeug hält. Wenn ich das nicht täte, sage ich mir selbst, dann könnte ich jetzt nicht von meinen Texten leben. Denn ich habe keine geheimen "Connections" – meine Aufträge kommen von Leuten, die mich auf Twitter gesehen haben. Ich glaube, der Plattform etwas zu schulden. Hat mich der virale Tweet noch berauscht, wird der Gedanke an eine Bringschuld zur Last. Ich will es nicht eingestehen, aber ich habe Angst.

Ich weiß nicht, wer ich bin, und schäme mich für die vielen Pseudo-Ichs, die ich einem Publikum aus grausamen Fremden vorgesetzt habe.

März 2017: Ich habe einen neuen Job, Politikredakteurin bei VICE. Auch das wäre ohne Twitter bestimmt nicht passiert, immerhin habe ich 40.000 Follower. Das sind sehr viele Klicks für meine Artikel und damit hohe Werbeeinnahmen. Das ist es, was mich wertvoll macht. Als ich aufhöre, jedes Detail aus meinem Leben zu twittern und dafür meine Gedanken zur politischen Lage teile, steigt die Follower-Zahl rasant. Ich schreibe einen aggressiven Meinungsartikel, irgendwer regt sich auf, schon habe ich noch mehr Follower.

2018 kommt in Schwung, mein Leben wird immer geordneter. Ich kann die Risse in meiner persönlichen Marke nicht länger ignorieren. Vollzeitjob, ernste Langzeitbeziehung mit einem wundervollen Mann, dessen Liebe und Gesellschaft mir mehr geben als die Likes Tausender Fremder. Ich habe 79.000 Follower und hasse Twitter trotzdem. Und doch twittere ich unaufhaltsam weiter. Mein Feed ist eine endlose Flut des Negativen, bestürzende Nachrichten, alle schreien einander an – vielleicht werde ich einfach nur älter, aber der ganze Cyber-Zorn erschöpft mich. Jeder Tag fühlt sich an wie ein neues Gamergate. Das Internet ist wütender und giftiger als jemals zuvor. Twitter so unbedacht zu nutzen, wie ich es früher gemacht habe, ist gefährlich geworden. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich nicht den Drang, der Welt jeden dummen, flüchtigen Gedanken mitzuteilen. Und ich habe Angst, dass ein Twitter-Monster mich bestrafen wird für alles, was ich im Laufe der Jahre gepostet habe. Meine fiesesten Momente warten nur darauf, sich zu rächen.

Ich weiß nicht, wer ich bin, und schäme mich für die vielen Pseudo-Ichs, die ich einem Publikum aus grausamen Fremden vorgesetzt habe. Meine persönliche Marke war so groß, so allumfassend – aber ich bin zu einer Person gereift, die ihr Leben nicht mehr auf dem Präsentierteller lebt und bewerten lässt. Kein Wunder, dass sich all die Eves, die ich abgelegt habe, wie Leichen in meinem Keller anfühlen. Alles, was ich je geschrieben habe, ob in sozialen Netzwerken oder anderen Publikationen, spukt in meinem Kopf herum. Es ist zu spät, befürchte ich. Ich habe mich zu einer bombastischen Kunstfigur gemacht und dabei muss ich jetzt bleiben. Ich will hier weg. Es wird Herbst. Ich weiß immer noch nicht, wer ich bin oder sein will. Aber irgendwie klettere ich langsam aus der Grube, die ich mir selbst gegraben habe. Ich gehe meine alten Tweets durch und lösche Hunderte, die mich mit Scham und Reue erfüllen. Anfangs schwimme ich dabei in Selbsthass, aber irgendwann werde ich gleichgültig gegenüber den Eves der Vergangenheit. Sogar ein wenig stolz auf die Entwicklung, die ich in drei Jahren durchlaufen habe. Ich war ein zutiefst depressiver Aufmerksamkeitsjunkie, und heute bin ich eine viel weniger depressive Person, die sich nur manchmal Aufmerksamkeit wünscht. Babyschritte!

Ich bin immer noch auf Twitter. Das fühlt sich an wie eine unausgesprochene Voraussetzung für meinen Job. Mein Verhältnis zur Plattform aber hat sich geändert. Im Januar 2018 twitterte ich 1.033 Mal, im August sind es nur noch 188 Tweets. Darin zeichnet sich meine Genesung ab. Ich bin stolz auf mich, aber dann finde ich es dumm, stolz auf mich zu sein – wie schwer kann es bitte sein, keine 1.000 Tweets pro Monat zu posten? Ich muss oft an ein Zitat des französischen Jesuiten und Philosophen Pierre Teilhard de Chardin denken. Über den "Omegapunkt", sein Konzept vom Endziel der spirituellen Evolution, schrieb er:

"Bleibt eurer eigenen Richtung treu, aber strebt immer nach höherem Bewusstsein und größerer Liebe! Auf dem Gipfel werdet ihr mit allen zusammentreffen, die diesen Aufstieg von unterschiedlichen Richtungen unternommen haben. Denn alles, was aufsteigt, strebt zusammen."

Das fasst das Leben ganz gut zusammen, schätze ich. Die vielen Versionen von mir steigen auf, und ich frage mich gespannt, wer ich bin, wenn sie oben zusammentreffen.

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