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Wie du dein Baby nicht tötest

Eltern können ganz schön viele Fehler begehen, die für Babys tödlich enden können. Eine Kinderkrankenpflegerin hat uns erklärt, wie man sie am besten umgeht.

von Philippe Stalder
05 September 2016, 12:15pm

Foto von Moyan Brenn

Dass der Mensch heute Satellitenschüsseln ins All senden, Atomkraftwerke bauen und an internationalen Aktienmärkten Handel betreiben kann, hatte einen evolutionsbiologischen Preis. Im Zuge der Entwicklung des Menschen vergrösserte sich sein Gehirn, während sich durch die Aneignung des aufrechten Gangs seine Hüften verschmälerten. Dies führte dazu, dass Frühgeburten deutlich bessere Chancen hatten, die Geburt überhaupt erst zu überleben, was langfristig dazu beigetragen hat, dass heute alle Menschen im Grunde Frühgeburten sind.

Vergleicht man die menschlichen Säuglinge mit Neugeborenen von anderen Säugetieren, wie zum Beispiel den Fohlen, die kurz nach der Geburt bereits laufen können, so fällt einem ziemlich schnell auf, dass unsere Babys zu kaum etwas taugen. Sie sind auf jahrelange Hilfe ihrer Eltern angewiesen, die in dieser Zeit einen ganzen Katalog von lebensbedrohlichen Fehlern begehen können, was sich historisch in einer extrem hohen Kindersterblichkeit niedergeschlagen hat.


Im Mittelalter erreichte weniger als die Hälfte aller Kinder das 14. Lebensjahr. Wer das Glück hatte, die eigene Geburt zu überleben, konnte immer noch an einer Vielzahl an damals unbehandelbaren Krankheiten wie Typhus, Milzbrand, Malaria, Pocken, Ruhr, Tuberkulose oder der Pest sterben. Und selbst wenn man durch seine Eltern von allen infektiösen Krankheiten ferngehalten, oder von der Natur mit einem ausgesprochen robusten Immunsystem ausgestattet wurde, bestand immer noch die Gefahr, vom Pferd eines Kreuzritters überrannt, von Plünderern erschlagen, oder von einem satanistischen Orden geopfert zu werden.

Dunkles Mittelalter: Nur jedes zweite Kind erreichte das Erwachsenenalter | Foto von Ben Francis | Flickr | CC BY 2.0

Fortschritten in der Medizin und der öffentlichen Sicherheit sowie der Entdeckung der Hygiene haben wir zu verdanken, dass sich die Kindersterblichkeit seither enorm verringert hat. Aktuell sterben in Westeuropa nur noch 4 von 1.000 Kindern vor ihrem fünften Lebensjahr. Trotzdem scheinen die in unserer Gesellschaft seit kurzem wieder um sich greifenden Existenzängste, Leistungsdrücke und Perfektionsneurosen dazu geführt zu haben, dass moderne Eltern sich vermehrt Sorgen um das Wohl ihrer Kleinkinder machen müssen. Dies wird unter anderem durch die gefühlt exponentiell gestiegene Nachfrage von Babyyoga-, Unterwassergeburten- und Kindernothilfeangeboten zum Ausdruck gebracht.

Vermeidbare Todesfälle

Gesteigerte Nachfrage: Eine Mutter übt mit ihrem Kind an einem Nothilfekurs die Herzmassage | Foto von Elisabeth Wetzstein

Auch wenn dieser Trend einige Fragen über den mentalen Zustand junger Eltern aufwirft, so muss man bei einem kurzen Blick auf die Todesursachenstatistik des Bundes trotzdem feststellen, dass einige Todesfälle von aufmerksameren Eltern hätten vermieden werden können. Denn die Fahrlässigkeit der Personen, in deren Obhut Kinder sterben, steht der Tragik dieser Todesfälle oft in nichts nach. Wir haben uns deshalb mit Elisabeth Wetzstein, einer Kinderkrankenpflegerin, die nebenberuflich Nothilfekurse für junge Eltern organisiert, über die häufigsten Todesursachen von Kindern unterhalten—und wie du sie als Vater, Mutter, Onkel, Tante, Bruder oder Schwester am besten vermeiden kannst.

Ertrinken

Nasse Gefahr: 2014 sind in der Schweiz zwei Kinder unter 14 Jahren ertrunken | Foto von Tim Marshall | Unsplash | CC 1.0

Wasser hat auf Kinder eine magische Anziehungskraft. Die Lichtstrahlen, die sich in den Wellen reflektieren, faszinieren die noch jungen Augen von Kleinkindern gleichermassen, wie optisch verzerrte Objekte, die unter der Wasseroberfläche treiben. Doch das kühle Nass birgt ein enormes Gefahrenpotential. "Viele Eltern sind sich gar nicht bewusst, dass das Gefahrenbewusstsein von Kleinkindern erst in Ansätzen ausgeprägt ist", erklärt Wetzstein. Es sei deswegen unabdingbar, Kinder nie unbeaufsichtigt am Wasser spielen zu lassen. Selbst ein kurzes Abwenden der Aufmerksamkeit kann verhängnisvolle Konsequenzen haben. Auch wenn Kleinkinder, die ins Wasser fallen, reflexartig ihre Atemwege verschliessen, bedeutet das noch nicht, dass sie sich unter Wasser orientieren und von alleine wieder auftauchen können. Kleinkinder sollte man also besser nicht ins Wasser werfen. Nur weil Babys einen Greifreflex hätten, würde man sie schliesslich auch nicht zum Trocknen an die Wäscheleine hängen, so Wetzstein.

Stürze

Heimtückische Hausöffnung: 2014 sind in der Schweiz zwei Kinder unter 14 Jahren auf Grund eines Sturzes gestorben | Foto von Phil Roeder | Flickr | CC BY 2.0

Die meisten Verletzungen ziehen sich Kinder in den eigenen vier Wänden zu. "Viele Eltern sind auf das Abdecken von Ecken und Kanten bedacht, dabei liegt die wahre Gefahr bei offenen Fenstern und niedrigen Balkongeländern", erklärt die Krankenschwester. Obwohl die Knochen von Kindern verhältnismässig weich und die Gelenke beweglich sind, könne ein Sturz aus dem dritten Stock bereits tödlich enden. Präventiv könnten Fenster gekippt anstatt ganz geöffnet und Balkongeländer durch Sichtschutzwände erhöht werden. Der häufigste Sturz sei jedoch jener vom Wickeltisch, welcher bereits bei einer kurzen Unachtsamkeit vorkommen kann. Obwohl er nur sehr selten tödlich ende, so könne er doch zu schlimmen Verletzungen am Kopf führen, so Wetzstein.

Nicht impfen

Umstrittene Prävention: Trotz Fortschritte in der Forschung sind Impfungen nach wie vor ein kontroverses Thema | Foto von CDC Global | Flickr | CC BY 2.0

Manche Eltern haben Vorbehalte gegen Impfungen. Gemäss Wetzstein ist heutzutage das Impfen gegen die gängigen Krankheiten jedoch unbedenklich. Trotzdem äussert sie sich an ihren Kursen sehr zurückhaltend über das Thema. "Impfen ist heute wie eine Religion. Alle wissen alles, aber keiner weiss Bescheid", so die Krankenschwester etwas genervt. Ihrer Meinung nach ist es fahrlässig, seine Kinder nicht zu impfen. Man könne schliesslich immer noch an Windpocken sterben. Viele Eltern, die ihre Kinder nicht impfen liessen und das Nicht-Erkranken ihrer Kinder als Argument gegen Impfungen verwenden, würden zudem vergessen, dass ihre Kinder wohl deswegen nicht angesteckt wurden, weil alle anderen Kinder in der Schulklasse sich hätten impfen lassen. Am Ende liege die Entscheidung in dieser kontroversen Frage aber bei den Eltern selbst.

Unfälle und Gewalteinwirkung

Die diesem Artikel zu Grunde liegende Statistik des Bundes fasst eine Reihe von Todesursachen unter der Kategorie Unfälle und Gewalteinwirkung zusammen. 2014 sind in der Schweiz 15 Kinder in Folge dieser Ursachen gestorben. Die Kategorie kann in folgende Gefahren unterteilt werden:

Ersticken

Da in jungen Jahren der Tastsinn im Mund besser entwickelt ist als der Sehsinn, stecken sich Babys in der oralen Phase alles in den Mund, was ihnen in die Quere kommt. Dadurch können die Kleinen nicht nur die Beschaffenheit, die Konsistenz, den Widerstand und den Geschmack von Objekten erkunden, sondern lernen dabei auch die Grenze zwischen Körper und Umwelt kennen. Da kommt es schon einmal vor, dass ein Legostein oder ein Stück Brotkruste im Hals eines Kindes stecken bleibt. "Der Erstickungstod ist eine der am weitesten verbreiteten Ängste unter den Eltern, die zu mir in den Kurs kommen", so Wetzstein. Dabei sei das Risiko aber relativ gering.

Solange beim Husten noch ein Ton rauskomme, handle es sich noch nicht um ein Erstickungsereignis. Kinder unter einem Jahr müsse man in den Sandwichgriff nehmen und auf den Rücken klopfen, während man bei Kindern über einem Jahr das Heimlich-Manöver anwenden solle. Dabei greift man dem Kind von hinten mit den Armen unter den Bauch und drückt nach oben. Aufgrund der Gefahr eines Schütteltraumas, sollte man das Kind auf keinen Fall an den Füssen hochziehen und dabei auf den Rücken klopfen.

Gift und Waffen

Kein Kinderspielzeug: Waffen im Haushalt | Foto von Jeff Gunn | Flickr | CC BY 2.0 |

Unachtsam in der Wohnung herumliegen gelassene Reinigungsmittel, Drogen, ätherische Öle oder verfaultes Essen können für Babys tödlich enden. Dasselbe gilt für Waffen aller Art. Man sollte sie zuhause deshalb ausser Sicht- und Reichweite von Kleinkindern aufbewahren. Wetzstein empfiehlt für die sichere Aufbewahrung eine Mindesthöhe von 1.60 Meter. Medikamente sollten zudem in einem Apothekerschrank weggeschlossen werden. Akute Vergiftungen sollten entgegen dem Volksmund nicht mit Milch, sondern mit einem umgehenden Anruf ins toxikologische Institut (145) behandelt werden.

Unterernährung

Es sollte selbstverständlich sein, dass man Kindern in regelmässigen Abständen Nährstoffe zuführen muss, weswegen man sie mehrmals am Tag füttern sollte.

Verbrennungen und Überhitzung

Ein Kind an einem heissen Sommertag im geschlossenen Auto einzuschliessen kann schnell zu einer durch Überhitzung ausgelösten Ohnmacht führen, die manchmal sogar tödlich enden kann. Zudem sollten Kinder von heissen Oberflächen wie Herdplatten oder Motorradauspuffen sowie Feuerstellen ferngehalten werden. "Bei leichten Verbrennungen sollten die entsprechenden Hautstellen gekühlt und mit einer Creme behandelt werden, während schwere Verbrennungen umgänglich von einem Arzt behandelt werden sollten", so Wetzstein über den Umgang mit Verbrennungen.

Organisiert Nothilfekurse für junge Eltern, welche oft schon Wochen im Voraus ausgebucht sind: Elisabeth Wetzstein | Foto vom Autor

Generell stellt Wetzstein fest, dass junge Pärchen heutzutage gestresster mit ihrer Elternrollen sind als die Generationen zuvor. Die Gründe dafür sieht sie einerseits im Leistungs- und Wettbewerbsdruck, der in unserer Gesellschaft zugenommen hat, aber andererseits auch in der vereinfachten Planbarkeit von Geburten. "Durch die Geburtenkontrolle gibt es heute viel mehr Wunschkinder als früher, was dazu führt, dass die Eltern höhere Ansprüche an sich selber stellen." Obwohl sie selber von der Unsicherheit junger Eltern profitiert, stehe sie dem wirtschaftlichen Ausschlachten des Projekts Kinderkriegen durchaus kritisch gegenüber. "Läuft man durch irgendeine Babyabteilung in einem Kaufhaus, dann sieht man lauter Dinge, die die Welt nicht braucht."

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Titelfoto von Moyan Brenn | Flickr | CC BY 2.0