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Wie es ist, als Samenspenderkind seine 17 Halbgeschwister kennenzulernen

Aufgewachsen als Einzelkind wollte ich immer schon Geschwister haben, aber mit so vielen hätte ich nicht gerechnet.

von Claudia Beard
11 Juli 2016, 8:00am

Die Autorin und ihre Halbschwester Eve (links) lernen ihre andere Halbschwester Charlotte (rechts) kennen | Alle Fotos von der Autorin

Würdest du mich kennenlernen und mir die üblichen Fragen stellen—"Wo bist du aufgewachsen?", "Hast du Geschwister?"—würde ich dir wahrscheinlich antworten, dass ich Einzelkind bin. Technisch gesehen habe ich aber 17 Brüder und Schwestern—und die Zahl wächst ständig. Aber gut, lass mich erklären.

Ich bin mithilfe eines Samenspenders gezeugt worden. Meine Mutter hatte eigentlich nie Probleme mit Männern, aber als sie mit 40 Single war, entschloss sie sich dazu, sich ihren langgehegten Kinderwunsch zu erfüllen—notfalls alleine. Sie blätterte durch einen gigantischen Ordner mit Samenspendern der California Cryobank und schon bald hatte sie ihn gefunden. Er war gesund, groß, sportlich und kreativ. Dieser Mann sollte mein Vater werden.

Meine Mutter war von Anfang an sehr ehrlich mit mir. Manche Eltern erzählen ihren Kindern, dass Babys entstehen "wenn sich zwei Menschen ganz doll lieb haben." Meine Mutter sagte nur trocken zu mir: "Du wurdest während meiner Mittagspause an der Ecke 79. und Park gezeugt. Es war kein Mann anwesend."

Auch wenn ich nicht viel über meinen Vater wusste, blätterte ich manchmal durch die Samenbank-Unterlagen, die meine Mutter in einem großen, braunen Schrank in unserem Wohnzimmer aufbewahrte. Die Beschreibung meines Spenders war kurz aber informativ. Er hatte lockiges, braunes Haar, war in einer Leichtathletikmannschaft und interessierte sich für Kunst. Leichtathletik war der einzige Sport, in dem ich jemals gut war. Ich machte Kunst. Ich hatte lockiges, braunes Haar. Ich spürte eine Verbindung.

Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass etwas fehlt. Es gab immer nur meine Mutter und mich—nur eine Paar Großeltern, nur eine Hälfte des Familienstammbaums. Ich war neidisch auf meine Freunde mit den riesigen Familien oder auf die Geschwister in den Disney Channel-Filmen, die immer wegen irgendwas Streit hatten. Mir hatte nie jemand einen Streich gespielt. Ich hatte keine Brüder, mit denen ich mich prügeln, und keine Schwestern, mit denen ich Klamotten teilen konnte.

Als ich sieben war, ging mein Wunsch dann doch in Erfüllung. Meine Mutter setzte sich mit mir an unseren Esstisch und eröffnete mir, dass ich Geschwister habe—sogar zwei. Sie hatte sie über das Donor Sibling Registry gefunden, einer Website für Spenderkinder und ihre Eltern, über die man andere Kinder mit gleichem Spender ausfindig machen kann.

Es lässt sich kaum sagen, wie viele durch Spender gezeugte Kinder es in den Vereinigten Staaten gibt. Das liegt daran, dass das "nie festgehalten wurde", sagt Wendy Kramer, die Direktorin des Donor Sibling Registry. Die Datenbank allein hat mehr als 50.000 Mitglieder, die meisten davon Spenderkinder. Jeder Samenspender bekommt in den USA eine Nummer zugeschrieben, anhand derer sich die anderen Kinder ausfindig machen lassen, die mithilfe des Spenders gezeugt wurden—insofern diese sie sich in der Datenbank registriert haben. Bis heute hat das Donor Sibling Registry dabei geholfen, mehr als 13.000 Halbgeschwister zusammenzuführen.

Die Autorin (rechts) mit ihren Halbgeschwistern Gus und Macy

In jenem Sommer sind wir dann nach Boston gereist, um meinen neuen Bruder und meine neue Schwester kennenzulernen. Gus war ein Jahr jünger als ich, Macy war drei. Beide waren richtige Geschwister und beide zusammen bei der gleichen Mutter aufgewachsen. Ich weiß nicht mehr, was ich mir von dem Besuch genau erhofft hatte, aber ich erinnere mich noch daran, dass ich bei unseren gemeinsamen Park- und Museumsbesuchen schüchtern war und mich unwohl fühlte. Wir waren uns zwar ein bisschen ähnlich, aber dann doch ziemlich fremd.

Das wirklich Komische daran, seine Geschwister auf diese Weise kennenzulernen, ist, dass man nicht sofort dieses Gefühl der Vertrautheit hat. Klar, man teilt zu einem gewissen Grad die gleiche DNA, aber man hat keine gemeinsamen Familienurlaube hinter sich oder hat mal zusammen die Mutter geärgert. Trotzdem ist da dieses Gefühl des Besonderen. Der häufigste Grund, warum Menschen in der Donor Sibling Registry nach ihren Geschwistern suchen, ist "eine Versicherung der eigenen Identität." Das ergab jedenfalls eine Studie mit etwa 800 Eltern. Und auch wenn sich mein erstes Treffen mit Gus und Macy nicht wirklich so anfühlte, als hätte ich jetzt einen Bruder und eine Schwester gewonnen, änderte es meine Sicht auf mich selbst und meine Familie.

Von da an tauchten jedes Jahr neue Geschwister auf der Seite auf. Und jedes Mal lief es ähnlich ab: "Hi, ich bin Claudia. Anscheinend teilen wir die gleiche DNA."

Als ich etwa 11 war, hatten wir unser erstes Thanksgiving als neue "Familie". Wir trafen uns alle bei Gus und Macy in der Nähe von Boston, wo ich Eve und Matt, Zwillinge aus Kalifornien, kennenlernte. Eve und ich waren nur drei Monate auseinander und sahen uns so ähnlich, dass wir auch identische Zwillinge hätten sein können. Das Treffen mit ihr war wie eine Szene aus Ein Zwilling kommt selten allein. Unsere Leben waren allerdings sehr unterschiedlich. Ich war in New York aufgewachsen, sie in Kalifornien; sie hatte einen Bruder, ich war Einzelkind; ich hatte eine Mutter, sie hatte zwei Mütter. Wir wussten aber beide, dass wir aus dem gleichen Holz geschnitzt waren.

Dieses erste gemeinsame Erntedankfest war merkwürdig und surreal, aber gleichzeitig erschreckend normal. Ich saß mitten zwischen meinen zwei Brüdern und zwei Schwestern auf der Couch eingeklemmt, lachte und hing einfach ab, wie ich mir das schon immer gewünscht hatte. Unsere Mütter verbrachten viel Zeit dabei, am Küchentisch zu sitzen und Geschichten über uns auszutauschen. Sie verglichen die Anzahl unserer Sommersprossen und unsere Schuhgrößen. Wir mussten uns sogar alle nebeneinander an einer weißen Wand aufstellen, damit sie unsere Größe vergleichen konnten. Ein Blitzlichtgewitter brach los und wir standen alle nur komisch berührt da—aber immerhin gemeinsam.

Jahre vergingen und immer mehr Geschwister tauchten auf. Auch wenn wir uns allerhöchstens einmal im Jahr trafen, war unsere neue Familie buchstäblich zu einer geworden: einer richtigen Familie. Wir beglückwünschten einander zum Geburtstag, teilten wichtige Neuigkeiten in gigantischen Gruppen-SMS und flogen durchs halbe Land, um uns gegenseitig zu besuchen.

Die Autorin und ihre Halbgeschwister bei einem "Familientreffen"

Das bislang größte "Familientreffen" hatten wir, als ich 16 war. Sieben von uns, inklusive Mütter, trafen sich in Nordkalifornien, wo meine Halbschwester Charlotte lebt. Während die Mütter in der Küche Wein tranken und sich unterhielten, nahmen wir Charlottes Zimmer in Beschlag. Wir waren zu viele, um auf das Bett zu passen, also verteilten wir uns auf dem Boden und tauschten uns über unsere unterschiedlichen Leben aus.

Einige von uns waren Einzelkinder, andere hatten echte Geschwister; die Meisten hatten keinen Vater, einer war aber sogar mit einem aufgewachsen. Manche besuchten Privatschulen, andere öffentliche; einige lebten auf dem Land, andere in der Großstadt. Wir hatten aber alle zwei Dinge miteinander gemein: Unsere Mütter hatten hart dafür gekämpft, ein Kind zu haben, und wir wussten alle, wie es ist, in Ungewissheit über die zweite Hälfte unseres Gen-Materials aufzuwachsen.

Inzwischen sind wir alle über 18 und damit alt genug, unseren Spender zu kontaktieren. Bislang hat aber niemand diesen Schritt getan. Sollte das passieren, bin ich mir nicht sicher, ob er auf das vorbereitet sein wird, was ihn erwartet. Er würde nicht nur 17 Spenderkinder kennenlernen, sondern auch erfahren, dass wir zusammen eine "Familie" aufgebaut haben.

Letzten Monat haben meine Mutter und ich eine weitere (die 17.) Schwester gefunden. Drei Tage später trafen wir uns mit ihr und ihrer Mutter. Meine neue Schwester hatte sich erst ein Jahr zuvor auf der Seite angemeldet, aber eigentlich keine wirklichen Ergebnisse erwartet. Bei unserem gemeinsamen Abendessen sagte ich ihr dann, dass sie sich auf was gefasst machen kann. Ihre Familie wird schon bald sehr groß werden.

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