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Die 12-Jährige, die ihre Familie hat ermorden lassen

Ein 23-Jähriger hatte ihre Eltern und ihren kleinen Bruder ermordet, um mit dem Mädchen zusammen sein zu können. Nun ist sie selbst 23 und steht kurz vor ihrer Entlassung.

von Nicole Riva
26 April 2016, 4:00am

Foto: CP PHOTO/Gino Donato

Titelfoto: Die Beerdigung des Vaters, der bei den berüchtigten Morden von 2006 im kanadischen Medicine Hat getötet wurde | Foto: CP PHOTO/Gino Donato

Dieses Jahr hätte er seinen Schulabschluss gemacht.

Am 23. April 2006 wurde der Junge – dessen Namen aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden darf – in seinem Elternhaus in Medicine Hat in der kanadischen Provinz Alberta ermordet. Die Kehle des Achtjährigen war aufgeschlitzt. Seine Eltern wurden erstochen im Keller des Hauses aufgefunden.

Doch bei dem Verbrechen handelte es sich nicht um einen Einbruch, der schiefgegangen war.

Stattdessen handelte es sich um einen Plan, den die 12-jährige Schwester und Tochter der Opfer sich ausgedacht hatte. Ihr 23-jähriger sogenannter "Freund" war der Haupttäter. Keiner von beiden wollte den Mord an dem kleinen Jungen gestehen.

Inspector Brent Secondiak, damals Staff Sergeant beim Medicine Hat Police Service, erinnert sich noch an den Funkspruch aus der Zentrale, laut dem jemand meinte, in einem Keller Leichen gesehen zu haben. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass es sich nicht um einen falschen Alarm handelte. Er parkte sein Auto auf der gegenüberliegenden Straßenseite und holte seine taktische Ausrüstung heraus.

Secondiak sah durchs Kellerfenster und konnte mindestens eine Person erkennen, die am Boden lag. Er forderte Verstärkung an; er dachte, vielleicht könne man noch ein Leben retten. Im Haus war jedoch niemand mehr am Leben, und ein Mitglied der Familie war unauffindbar: die Tochter.

"Ich dachte ernsthaft, diese Person sei vermisst oder möglicherweise entführt worden", sagte Secondiak. "Dass sie eine Täterin sein könnte, war ausgeschlossen."

In den ersten paar Stunden wurde ein sogenannter Amber Alert über das Mädchen ausgesandt; mithilfe dieses Warn- und Informationssystems reagieren die US-Behörden in allen potentiellen Fällen von Kindesentführung. Doch als die Polizei schriftliche und gezeichnete Beweise im Zimmer und Schulschließfach des Mädchens entdeckte, wurde den Ermittlern klar, dass es sich bei ihr um eine Verdächtige handelte.

"Dass sie daran beteiligt war, war ein riesiger Schock, weil es so grausam war. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand so Junges etwas so Schreckliches tut", sagte Secondiak.

Das Mädchen – das in den Medien nur J.R. genannt wird, weil es gesetzlich verboten ist, minderjährige Täter namentlich zu nennen – und ihr "Freund" Jeremy Steinke wurden am folgenden Tag zusammen mit einer weiteren Frau etwa anderthalb Stunden nordwestlich von Medicine Hat in Steinkes Truck verhaftet.

Steinke, der sich mit Alkohol, Ecstasy, Kokain und Marihuana berauscht hatte, brach durch ein Kellerfenster in das Haus der Familie ein. Sein erstes Opfer war die Mutter. Ihr Kampf gegen ihren Mörder weckte den Vater, der ebenfalls versuchte, Steinke abzuwehren. Er stieß Steinke mit den Fingern ins Auge, doch gegen Steinke und sein Messer kam er nicht lange an.

"Er kämpfte bis zum Ende", sagte der Polizeichef von Medicine Hat, Andy McGrogan. "Er war ein Krieger. Ihm stand nur nicht dasselbe Werkzeug zur Verfügung wie seinem Angreifer."

Mit seinen letzten Atemzügen soll der Vater Steinke nach dem Motiv seiner Tat gefragt und eine schreckliche Antwort erhalten haben.

"Deine Tochter wollte es so."

Der kleine Junge starb als Letztes.

Gerichtszeichnung von Jeremy Steinke bei der Juryauswahl im November 2008 in Calgary | Bild: The Canadian Press/Sharon Graham Sargent

Diesen Frühling wird J.R.s Strafe ein Ende nehmen. Im Mai hat sie ihren letzten Gerichtstermin – persönlich, in Medicine Hat – und danach wird sie eine größtenteils freie Frau sein. Wenn sie dann weitere fünf Jahre straffrei bleibt, werden die Morde aus ihrer Akte getilgt.

Wenn McGrogan, zum Zeitpunkt der Morde Inspector in Medicine Hat, sich an den Fall erinnert, fällt ihm vor allem eine Sache ein.

"Ich denke an die Fotos von dem Jungen, dessen Kehle von einer Seite zur anderen aufgeschlitzt worden war."

Secondiak geht es ähnlich. "Ich habe schon viele schlimme Tatorte und viele Leichen gesehen, aber sehr wenige Kinder, und sehr wenige Kinder in einem solchen Zustand", sagte er.

Dieses Bild verfolgt vermutlich alle, die mit den Morden zu tun hatten. Ich weiß, dass es mich verfolgt.

Ich war zum Zeitpunkt der Morde seit etwa acht Wochen in Medicine Hat, einer Stadt mit 63.000 Einwohnern. Ich war dorthin gezogen, um als Journalistin für die Medicine Hat News zu arbeiten. Ich wusste nicht, was mich erwartete, doch ich hatte definitiv nicht damit gerechnet, über eine Story zu berichten, die mich den Rest meines Lebens nicht mehr loslassen würde.

An jenem Sonntag hatte ich eigentlich frei, doch ich fuhr im Büro vorbei, um etwas für die Montagsausgabe zu überprüfen. Als ich ankam, sagte mir meine Kollegin, es habe wohl einen Mord mit anschließendem Suizid gegeben und drei Menschen seien umgekommen. Es wirkte allerdings, als hätten sie im Büro alles im Griff, also ging ich heim.


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In den folgenden Tagen wurden Journalisten unserer Zeitung losgeschickt, um möglichst viel über den Fall herauszufinden. Sie sprachen mit Nachbarn. Wir versuchten, Angehörige zu finden. Ein Journalist und ein Fotograf kampierten nachts vor dem Haus. Meine Aufgabe war es, am Schreibtisch die Stellung zu halten. Ich nahm Anrufe von mehreren Leuten entgegen, die behaupteten, mit J.R. und Steinke befreundet zu sein. Meist beteuerten sie, wie schockiert sie seien. Manche behaupteten, Steinke sei unschuldig.

In den Monaten darauf berichtete ich über die Voruntersuchungen in Steinkes Fall und die ersten Tage von J.R.s Prozess. Ich berichtete auch über die Vereinbarungen, welche die Mädchen und die Frau, die als Helferinnen nach der Tat angeklagt waren, im Austausch für ihre Geständnisse mit dem Gericht trafen.

Verstörende Details über den Fall wurden nach und nach bekannt. Steinke und J.R. nutzten beide eine Website namens VampireFreaks.com und sprachen davon, Blut zu trinken. Steinke sagte Leuten, er sei ein 300 Jahre alter Werwolf. Es gab online ein Selfie von J.R., das sie mit schwarzer Kleidung, dunkel umrandeten Augen und einer realistischen Nachbildung einer Pistole zeigte.

Beide gehörten zur Punk/Metal/Goth-Subkultur; sie waren sich bei einem Punk-Konzert begegnet.

J.R.s Eltern hatten verständlicherweise ein Problem mit ihrer Beziehung zu einem erwachsenen Mann. Allem Anschein nach verhielten sie sich jedoch keineswegs bemerkenswert streng: Sie ließen J.R. weiterhin auf Konzerte gehen, doch nur in Begleitung des Vaters oder der Mutter.

Die beiden tauschten im Laufe der (dem Altersunterschied und Gesetz nach missbräuchlichen) Beziehung E-Mails aus. In einer solchen Nachricht schrieb J.R.: "Ich habe einen Plan. Er beginnt damit, dass ich sie umbringe, und endet damit, dass ich mit dir zusammenziehe."

Steinke antwortete: "Ich finde deinen Plan klasse, aber wir müssen uns ein bisschen mehr Gedanken zu den Details machen und so."

Steinke und J.R. mochten den Film Natural Born Killers von 1994, in dem ein junges Paar die Familie des Mädchens ermordet und dann gemeinsam umherreist und weitermordet. Am Abend vor den Morden soll Steinke mit Freunden den Film angesehen haben.

Viele dieser Einzelheiten wurden erst während der beiden Strafprozesse bekannt.

Als J.R.s Prozess im Juni 2007 begann, hatte sie ihr düsteres Styling abgelegt. Sie erinnerte mehr an ein Mädchen, das man bei einem Kirchenpicknick antreffen könnte als an eine Besucherin von Punk-Konzerten. Sie trug ein fliederfarbenes Hemd und eine Khaki-Hose, ihr mittelbraunes Haar hing ihr in einem ordentlichen Zopf bis zur Taille.

Als sie auf nicht-schuldig plädierte, war ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

J.R. trat zu ihrer eigenen Verteidigung in den Zeugenstand und sagte, sie habe nur "Witze gemacht", als sie davon gesprochen habe, ihre Eltern zu ermorden, und sie habe nie geglaubt, dass Steinke es wirklich tun würde.

Doch von den Jury-Mitgliedern ließ sich niemand überzeugen, dass sie lediglich eine Schachfigur in Steinkes Plan gewesen sei. Am Ende des einmonatigen Prozesses wurde sie des dreifachen Mordes für schuldig befunden.

J.R. erhielt die Höchststrafe für Minderjährige: zehn Jahre, aufgeteilt auf vier Jahre in einer psychiatrischen Anstalt und viereinhalb Jahre unter Führungsaufsicht in einem Gruppenheim. Die 18 Monate, die sie vor dem Prozess in Untersuchungshaft verbracht hatte, wurden dabei angerechnet.

Ein Jahr später wurde Steinke ebenfalls des dreifachen Mordes schuldig gesprochen. Er erhielt lebenslänglich, davon 25 Jahre ohne Bewährung.

J.R.s Urteil wurde um die Teilnahme an einer "Intensive Rehabilitative Custody and Supervision" (IRCS) ergänzt. Dieses Programm soll jungen Straftätern, die eines schweren Verbrechens verurteilt wurden und bei denen außerdem eine geistige Krankheit oder Störung diagnostiziert worden ist, bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft helfen.

Über J.R.s psychologisches Gutachten ist öffentlich wenig mehr bekannt, als dass man bei ihr eine Störung des Sozialverhaltens und oppositionelles Trotzverhalten diagnostiziert hat.

Diese beiden Störungen finden sich bei jungen Straftätern extrem häufig, vor allem bei solchen, die ein schweres Verbrechen begangen haben, so Evan McCuish, Projektleiter der Incarcerated Serious and Violent Young Offender Study und Doktorand an der School of Criminology der Simon Fraser University.

Doch McCuish sagte auch, psychische Störungen seien nicht der einzige Grund, warum Jugendliche zur Teilnahme am IRCS verurteilt werden; es sei für alle Jugendlichen gedacht, die intensive Behandlung benötigen.

Wie der Experte betont, ist Wiedereingliederung das Ziel bei jungen Straftätern und eine Haftstrafe sollte den letzten Ausweg darstellen.

"Die Jugendlichen, die in kanadische Haftzentren kommen, sind die schwersten und gewalttätigsten jungen Straftäter", sagte er.

Secondiak sagte, der Anblick, der sich ihm in dem Haus in der Cameron Road geboten habe, habe ihn erst so richtig getroffen, als er zum Revier zurückgefahren sei, um seinen Vorgesetzten davon zu berichteten. Tränen liefen über seine Wangen.

Doch er nahm sich keinen einzigen Tag frei.

"Manche Bilder wird man nie wieder los. Ich habe inzwischen eine Art Frieden damit geschlossen."

Polizeichef McGrogan sagte, die Morde hätten die örtliche Polizei "gezeichnet".

"Wer nicht darin verwickelt war, wird es nie verstehen können", sagte er. "Ganz egal, wo man als Polizist arbeitet ... es ist sehr selten, dass man in seiner beruflichen Laufbahn etwas so Schreckliches sieht."

Die vier Beamten, die als Erstes am Tatort eintrafen, sind laut Secondiak eng befreundet geblieben. Er sagt, einer der Beamten komme regelmäßig in Secondiaks Büro, um über die Morde zu sprechen.

"Wenigstens haben wir jemanden, mit dem wir reden können."

Weder J.R.s Verteidigerin Katherin Beyak noch die Staatsanwältin Ramona Robbins meldeten sich auf meine Bitte um einen Kommentar für diesen Artikel.

Im Hinblick auf J.R.s zehnjährige Strafe hat Secondiak schon fast jede erdenkliche Emotion empfunden.

"Es gab eine Zeit, da war ich wütend. Wütend, dass man sie nicht wie eine Erwachsene behandelt hatte, aber ich bin auch schon in die entgegengesetzte Richtung gegangen und habe Mitleid mit ihr gehabt", sagte er.

Doch inzwischen vertraue er dem System, wie er sagt.

"Irgendwann wünschte ich mir, sie würden sie für immer wegsperren. Ich glaube nicht, dass ich es heute noch so sehe. Ich hoffe, sie kann es hinter sich lassen und zu einem produktiven Mitglied der Gesellschaft werden", sagte er. "Und es will was heißen, wenn ich das sage. Wenn Sie mich vor fünf Jahren gefragt hätten, dann hätte ich ganz anders geantwortet."

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Wie auch Secondiak habe ich mit meinen Gefühlen bezüglich ihrer Strafe gekämpft. Meine Antwort scheint sich jeden Tag zu ändern.

Ich finde es schwierig, den Mord an ihrer Familie mit einer zehnjährigen Strafe zu vereinbaren. Dass sie größtenteils anonym bleiben wird, finde ich dabei oft am schwersten zu verkraften.

Ich kann nur hoffen, dass sie in Zukunft ein gutes, erfülltes Leben führen wird, in dem sie all die Dinge tut, zu denen ihr kleiner Bruder niemals Gelegenheit haben wird.

In den letzten Jahren wurden einige Aspekte von J.R.s Strafe gelockert. Sie hat keine Ausgangssperre mehr und studiert inzwischen an der Mount Royal University in Calgary.

"Solche Entscheidungen werden in der Regel nicht willkürlich getroffen", sagte McCuish und erklärte, das diese Änderungen ein Zeichen dafür sein könnten, dass das Wiedereingliederungsprogramm bei J.R. Früchte getragen hat. "Das Programm und die therapeutischen Strategien, die man ihr mitgegeben hat, haben ihr geholfen, sich in Richtung einer sozialen Wiedereingliederung zu entwickeln."

Laut einem ihrer Verteidiger ist sie ein "Vorzeigefall" für die Wiedereingliederung.

McCuishs Forschungsarbeit zeigt, dass die meisten Minderjährigen, die wegen Mordes verurteilt werden, später keine weiteren Morde begehen.

Und so schrecklich ihr Verbrechen war, Secondiak meint, dass für J.R. durchaus Hoffnung besteht.

"Ich halte sie nicht wirklich für bösartig. Ich habe schon Menschen kennengelernt, die böse bis auf die Knochen waren, und sie gehört nicht dazu."

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