Gesundheit

Forscher feiern Aspirin als Geheimwaffe gegen häufige Todesursachen

Es gibt natürlich keine Wundermittel. Aber wenn man neuen Studien glauben kann, kommt Aspirin der Sache schon ziemlich nah.

John Briley

Foto: GrumpyPuddin | Flickr | CC BY 2.0

Dieser Artikel ist zuerst bei auf Tonic erschienen.

Für ein paar Cent und ohne Rezept kannst du eine kleine Pille kriegen, die gegen Herzkrankheiten, Schlaganfall, Krebs, Demenz, Kater, Depressionen, Unfruchtbarkeit und vieles mehr hilft.

Klingt das absurd? In der Wissenschaft ist tatsächlich weniges so gewiss, und in der Medizin sowieso schon gar nicht. Doch wenn es ein Medikament gibt, das auch nur annähernd an ein solches Wundermittel rankommt, dann ist es vermutlich Aspirin, oder Acetylsalicylsäure. Zwar heilt es nicht unbedingt Krankheiten, aber es bietet ein gewisses Maß an Prävention und Linderung.

Die Tatsache, dass Aspirin in der aktuellen Pillenform bereits seit 1899 im Umlauf ist, ist auch paradoxerweise ein wichtiger Grund, warum wir nicht genau wissen, was das Mittel alles kann. Weil das Medikament so günstig überall erhältlich ist, versprechen sich die großen Pharmakonzerne keine Megaprofite davon, neue Anwendungen zu entdecken. Dadurch tun sich Forscher oft schwer, Mittel für kostspielige klinische Studien zu kriegen.

Doch was an Forschung da ist, deutet darauf hin, dass die kleine weiße Pille es in sich hat. In einer vor Kurzem in der Fachzeitschrift PLOS One erschienenen Analyse schätzen Forscher der University of Southern California Folgendes: Wenn alle gefährdeten US-Bürger über 50 täglich eine geringe Dosis Aspirin nähmen, würde das ihnen zwischen heute und 2036 erheblich mehr rüstige Jahre bescheren, die Bevölkerung um 900.000 Personen bereichern und Gesundheitsausgaben in Höhe von 692 Milliarden Dollar sparen. Aktuell ist außerdem eine riesige Studie in Australien im Gange, die ergründen soll, ob Acetylsalicylsäure das Leben im Alter verbessern kann, indem sie die Entzündungen hemmt, die Blindheit, Taubheit und Demenz zugrunde liegen.

Natürlich solltest du nicht einfach losziehen und jede Menge Aspirin nehmen. Alle Medikamente können den Körper auf unvorhergesehene Art beeinflussen. Eines der größeren Probleme bei Aspirin ist, dass es das Risiko für Magenblutungen erhöht. Aber in einer neuen Studienanalyse haben Forscher ausgerechnet, dass das Risiko statistisch bei einem Todesfall und einem Schlaganfall pro 1.000 Menschen liegt, die 10 Jahre lang Aspirin genommen haben. Diese Zahl liegt weit unter der Zahl der Tode und Schlaganfälle, die das Mittel in einem Jahrzehnt wahrscheinlich verhindert hat. Sprich mit deinem Arzt oder deiner Ärztin, bevor du anfängst, ein Medikament einzunehmen (vor allem, wenn du schwanger bist).

Was die möglichen Vorteile angeht, sagt uns die Forschung aber zum Beispiel Folgendes:

Es könnte dem Körper dabei helfen, Krebszellen zu zerstören

In den letzten Jahren haben zahlreiche Studien gezeigt, dass Aspirin die Lebenserwartung von Krebspatienten verlängern könnte, vor allem bei Patienten mit gastrointestinalen Krebsarten. Eine Studie mit 1.400 Teilnehmern, die vor der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie vorgestellt wurde, kam zu dem Ergebnis, dass das Mittel die Überlebensdauer von Menschen mit Magen-, Speiseröhren und Dickdarmkrebs fast verdoppelte. 

Laut Martine Frouws, Ärztin am Leiden University Medical Center und Koordinatorin der Studie, sind die Forscher nicht sicher, wie das Mittel Krebs bekämpft, doch sie glauben, dass es vielleicht dem Immunsystem hilft, gegen die Krankheit anzukommen. "Wir denken, dass Aspirin einen Mantel aus Blutplättchen von Tumorzellen hebt und sie so für das Immunsystem erkennbar macht, welches sie dann loswird", sagt sie.

Sie ist natürlich auch vorsichtig, wie es sich für eine Forscherin gehört: "Es ist noch nicht möglich, eine Schlussfolgerung zu ziehen. All das muss in randomisierten, kontrollierten Studien bewiesen werden."

Es kann die Gebärmutter einladender machen

Acetylsalicylsäure hat sich vielversprechend gezeigt, was die Risiken von Tot- und Frühgeburten angeht, und scheint die Fruchtbarkeit erhöhen zu können. Eine Studie der University of Utah an 1.228 Frauen, die im Jahr zuvor eine Fehlgeburt gehabt hatten, stellte fest, dass jene, die täglich eine geringe Dosis des Mittels (81 Milligramm) nahmen, mit 17 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit schwanger wurden und die Schwangerschaft mit 20 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit zu Ende führen konnten als die Frauen, die kein Aspirin nahmen. Experten vermuten, dass Aspirin eine Einnistung wahrscheinlicher macht und Embryonen beim Gedeihen hilft, indem es Entzündungen hemmt und die Blutversorgung anregt.

Die Autoren der Studie gingen nicht so weit, Aspirin als Fruchtbarkeitsmittel zu empfehlen, doch der Mitautor Robert Silver, Professor für Gynäkologie am University of Utah Health Sciences Center, betont noch eine weitere Fähigkeit der weißen Pille, die gefährdeten Patientinnen nützen kann: "Der beste nachgewiesene Anwendungsbereich für Aspirin [in der Schwangerschaft] ist die Verringerung des Risikos einer Präeklampsie." Bei dieser Schwangerschaftskomplikation treten unter anderem hoher Blutdruck und Organschäden auf.

Es kann dir vielleicht helfen, unbeschadet durch die Grippe-Saison zu kommen

Aufbauend auf älteren Beweisen für die antiviralen Eigenschaften Aspirins hat ein Laborversuch von 2016, der in der Fachzeitschrift Influenza and Other Respiratory Viruses veröffentlicht wurde, festgestellt, dass unser Held auch "hocheffektiv" gegen den Influenza-A-Virus H1N1 ("Schweinegrippe") ist. Außerdem kann es noch gegen einige andere wichtige Viren helfen, die Erkältungen hervorrufen. Die schlechten Neuigkeiten: Die Forschung hat nicht in menschlichen Körpern, sondern in Petrischalen stattgefunden. Doch derartige Studien werden im nächsten Stadium oft an Ratten und schließlich an Menschen weitergeführt. Die Autoren der Studie sind optimistisch. Sie haben die Hypothese, dass das Medikament es Viren womöglich erschwert, sich in menschlichen Zellen zu vermehren.

Es kann Depressionen bekämpfen

Experten stellen inzwischen fest, dass Entzündungen womöglich die Ursache vieler psychischer Erkrankungen sind, darunter Depressionen. Es ergibt also Sinn, dass ein Entzündungshemmer wie Aspirin da vielleicht hilft. In einer neuen Studie erhielten Nagetiere, die genetisch anfällig für depressionsartige Symptome waren, drei Wochen lang niedrige Dosen Aspirin, woraufhin sie geradezu fröhlich wurden. Scans zeigten höhere Konzentrationen des stimmungsregulierenden Neurotransmitters Serotonin in ihren Gehirnen, und wenn man sie ins Wasser warf, fingen sie schneller an zu schwimmen. Das lässt sich wohl nur als größere Freude an ihrem beschissenen Laborratten-Leben deuten.

Laut Randall Stafford, einem Medizinprofessor an der Stanford School of Medicine, unterstützen diese Ergebnisse die Erkenntnis, dass entzündungshemmende Gewohnheiten, von Sport bis hin zur Einnahme von Aspirin, sich positiv auf eine große Bandbreite von Gesundheitsproblemen auswirken können. Stafford betont, dass Entzündungen und Depressionen eine "komplexe Beziehung" verbindet. "Entzündung macht Depressionen wahrscheinlicher, aber Depressionen können auch zu nachteiligen Änderungen des Lebensstils führen, die Entzündungen wahrscheinlicher machen." Aspirin kann laut den Forschern aus diesem Teufelskreis helfen. 

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