Anzeige
Interview

Dieser Typ ist aus einem Koma aufgewacht und konnte plötzlich fliessend Chinesisch

Nach einem Autounfall und künstlichen Koma sprach Ben McMahon auf einmal perfektes Mandarin. Was genau steckt hinter diesem neurologischen Sonderfall?

von Julian Morgans
03 Juli 2019, 10:28am

Das ist Ben | Foto: privat

Im Jahr 2012 sollte sich für Ben McMahon alles ändern. Ein Truck krachte in die Seite seines Autos, der junge Australier wurde im Krankenhaus in ein künstliches Koma versetzt. Als er eine Woche später aufwachte, musste er feststellen, dass ihn niemand verstand, wenn er redete. Die einzige Ausnahme: eine chinesische Krankenpflegerin.

Langsam dämmerte McMahon, dass es Mandarin war, was da aus seinem Mund kam. Zwar hatte er die Grundlagen der Sprache schon in der Schule gelernt, fliessend beherrschte er sie aber nie. Jetzt kamen die Worte allerdings mühelos herausgesprudelt. Er artikulierte einfach seine Gedanken, die ihm seltsamerweise nicht mehr auf Englisch, sondern auf Mandarin durch den Kopf schossen.

Wir haben uns mit McMahon über die Veränderungen in seinem Gehirn und über seinen Glauben an das Schicksal unterhalten. Er ist fest davon überzeugt, dass der Unfall vorbestimmt war, damit er fliessend Mandarin sprechen lernen, nach China ziehen und in der beliebtesten Dating-Show der Welt auftreten würde.


Auch bei VICE: Rollen in Fernost – Chinas Skateboard-Szene im Fokus


VICE: Wie kam es zu dem Unfall?
Ben McMahon: An den Unfall selbst kann ich mich nicht mehr erinnern, da war ich komplett weg. Man hat mir gesagt, dass ein Sattelschlepper über Rot gefahren und in die Seite meines Autos gekracht sei. Bei dem Unfall brach ich mir mein Brustbein und mehrere Rippen, ausserdem hatte ich eine schwere Gehirnerschütterung und musste in ein künstliches Koma versetzt werden. Die zwei Wochen nach dem Aufwachen habe ich nur noch verschwommen im Kopf, weil ich immer wieder das Bewusstsein verlor. Ich soll nur fliessend Mandarin gesprochen und damit die chinesische Krankenpflegerin total überrascht haben.

Wie haben deine Eltern reagiert?
Die Krankenpflegerin sagte meinen Eltern, dass ich aus dem Koma aufgewacht sei, jetzt aber Chinesisch spreche. Die waren natürlich erst mal überglücklich, fragten sich aber gleichzeitig, was da los ist und ob sie jetzt Mandarin lernen müssen.

Dir selbst war gar nicht klar, dass du Mandarin sprichst?
Ich hatte keine Ahnung. Aber egal, mit wem ich redete, es war für mich einfach das Natürlichste.

Aber du konntest die Sprache schon vor dem Unfall ein bisschen?
Ich konnte ganz einfache Gespräche führen, mein Mandarin war bei Weitem nicht fliessend. Durch den Unfall hat meine innere Stimme irgendwie umgeschaltet. Ab da war es für mich natürlicher, Mandarin zu denken und zu sprechen. Es dauerte gut eine Woche, bis ich wieder zwischen Englisch und Mandarin unterscheiden konnte.

Haben Neurologen oder Psychologen Theorien darüber, wie sich ein Koma auf die Sprachfähigkeiten auswirkt?
Eine der Theorien besagt, dass bei Englisch-Muttersprachlern und -sprachlerinnen der Grossteil des sprachlichen Erinnerungsvermögens in der linken Hirnhälfte liegt. Aus irgendeinem Grund nutzen Menschen, die Mandarin sprechen, dagegen beiden Hirnhälften. Von dem Unfall war vor allem meine linke Hirnhälfte betroffen, sie musste sich also mehr regenerieren. Man vermutet, dass mein Gehirn da einfach sagte: "Alles klar, links braucht mehr Ruhe, Sprachaktivität also ab jetzt mehr auf Rechts." Vielleicht fiel Mandarin meinem Hirn deswegen so viel leichter.

Nach einem Monat durftest du wieder nach Hause. Dann hast du Sprachstunden genommen, wie ging es danach weiter?
Ich wurde zu der extrem erfolgreichen chinesischen Dating-Show If You Are The One eingeladen, da schalten bei jeder Folge 80 Millionen Menschen ein. Das Konzept sieht so aus, dass 24 Frauen auf die Bühne kommen und die männlichen Teilnehmer mit Fragen grillen – zum Beispiel welchen Familienhintergrund sie haben, ob sie ein Auto und ein Haus besitzen, welchen Hobbys sie nachgehen und so weiter.

Das Produktionsteam hat aber nicht wirklich gut recherchiert, meine Koma-Story wurde nicht erwähnt. Ich brachte den Damen dafür Schokokekse aus Australien mit und spielte ihnen ein Lied auf der Mandoline vor.

Nicht schlecht. Hast du so die grosse Liebe gefunden?
Eine der Frauen gab mir das Äquivalent eines Tinder-Super-Likes. Wir schrieben uns dann einen Monat lang, sie kam mich sogar in Melbourne besuchen. Bei unserem Date wurde uns aber recht schnell klar, dass wir doch nicht so gut zusammenpassten.

Glaubst du an Schicksal?
Auf jeden Fall. In China gibt es Mìngyùn, eine Art Schicksal, das zwei Menschen zusammenbringt. Eigentlich passiert das in einem romantischen Kontext, aber es kann auch so wie bei mir funktionieren: Das Schicksal hat mich und China zusammengeführt. Meine tiefe Leidenschaft für dieses Land hätte sich ohne den Unfall nie entwickelt, ich wäre dann wohl nicht noch mal dorthin gereist.

Bist du also irgendwie froh, dass der Unfall passiert ist?
Ich glaube, kein Mensch ist froh darüber, fast gestorben und eine Woche lang in einem Koma gewesen zu sein. Wofür ich aber tatsächlich dankbar bin: dass ich aus dem Koma wieder aufgewacht bin und dass sich die Dinge danach so entwickelt haben.

Folge VICE auf Facebook, Twitter und Instagram

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE AU.