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Drogen

Wie Crystal Meth zu einem beliebten Geschenk in Nordkorea werden konnte

Egal, ob Geburtstage, Abschlussfeiern oder Feiertage: Illegale Drogen kommen in dem Land gut an.

von Gavin Butler
14 Februar 2019, 10:11am

Collage: VICE || Meth: imago | Christian Ohde || Kim Jong-un: imago | Kyodo News || Hände: imago | Panthermedia

Seollal ist der Name des koreanischen Neujahrsfests. Drei Feiertage gibt es im Norden für den Start ins neue Jahr, das wie das chinesische auf den ersten Neumond zwischen dem 21. Januar und 20 Februar. Für viele ist es eine tolle Gelegenheit, um Zeit mit der Familie zu verbringen, ausgelassene Feste zu feiern und gegenseitig Geschenke auszutauschen. Das können rote Briefumschläge mit Bargeld sein, Tee, Kleidung oder Konservenfleisch. Für manche Menschen in Nordkorea soll das Geschenk der Stunde aber Crystal Meth sein.

Wie die New York Times berichtet, hat sich "Pingdu", die "Eisdroge" wie Methamphetamin in Nordkorea auch genannt wird, in den vergangenen Jahren zu einem beliebten Geschenk entwickelt. Egal, ob Geburtstage, Abschlussfeiern oder Seollal, Crystal Meth ist immer gerne gesehen.

Die synthetische Droge ist in der Demokratischen Volksrepublik Korea offiziell zwar illegal, aber mehreren Experten zufolge handele es sich bei den Meth-Geschenken um ein mehr oder weniger offenes Geheimnis.


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"Crystal Meth ist bis vor Kurzem in Nordkorea vor allem als ein wirksames Aufputschmittel wahrgenommen worden – eine Art Turbo-Red-Bull", sagte Andrei Langkow, ein Nordkorea-Experte der südkoreanischen Kookmin University in Seoul gegenüber der New York Times.

Langkow zufolge seien Berichte von Menschen, die sich gegenseitig Crystal Meth schenken, aus Nordkorea keine Seltenheit. Die Droge werde in der Volksrepublik so beiläufig geschnupft oder gespritzt, wie in anderen Ländern Zigaretten geraucht werden. Nicht zuletzt auch wegen der schlechten Gesundheitsversorgung würden viele Menschen in dem bitterarmen Land auf Aufputschmittel und Opiate zurückgreifen.

Zum ersten Mal tauchte die Meldung von Meth als Neujahrsgeschenk vergangene Woche bei Radio Free Asia auf, einem von den USA finanzierten Radiosender. Eine anonyme Quelle aus Nordkorea erzählte dem südkoreanischen Ableger, dass "Crystal zu einem Geschenk-Bestseller für die Feiertage" geworden sei. Die meisten Käufer seien junge Menschen, manche von ihnen noch Teenager.

"In der Regel kaufen sie Crystal, um es gemeinsam über die Feiertage zu schnupfen", sagte die Quelle. "Sie wollen ihre harte Realität vergessen und Spass haben. Das soziale Stigma um die Droge ist verschwunden. Manche Menschen glauben inzwischen sogar, dass etwas Wichtiges fehle, wenn sie kein Crystal oder Opium als Feiertagsgeschenk vorbereitet haben."

Weder VICE noch die New York Times konnten mit unabhängigen Quellen den Bericht von Radio Free Asia bestätigen, aber die Schilderung deckt sich mit dem, was mehrere Expertinnen und Wissenschaftler sagen.

Justin Hastings, Politikwissenschaftler der University of Sydney, sagt, dass Crystal Meth in Nordkorea quasi legal geworden sei. "Beamte lassen sich bestechen und schauen weg. Der Staat verdient indirekt an der Bestechungskette mit, die bis ganz nach oben reicht", so Hastings.

Greg Scarlatoiu, Leiter des Komitees für Menschenrechte in Nordkorea, sagt, dass Konsum und Vertrieb von Methamphetamin nichts sei, was Kim Jong-uns Regime grosse Sorgen bereitet. Tatsächlich diene der gewohnheitsmässige Drogenkonsum möglicherweise sogar der Regierung, weil er die Bevölkerung beschwichtigt und ruhig hält.

"Solange der Drogenkonsum das Regime nicht herausfordert, sondern den Willen und die Gedanken der nordkoreanischen Bevölkerung abstumpft, lässt es die Regierung weiterlaufen", sagt Scarlatoiu. "Trotz der ungeheuren Gesundheitsprobleme, die die Substanz für Geist und Körper mit sich bringt."

Nordkoreas Regierung bestreitet offiziell, dass ihre Bevölkerung Crystal konsumiert oder überhaupt produziert. 2013 gab die staatliche Nachrichtenagentur laut New York Times bekannt, dass "der illegale Konsum, der Handel und die Produktion von Drogen, die menschliche Wesen zu geistigen Krüppeln reduzieren, in der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea nicht existieren".

2003 veröffentlichte das Nautilus Institute, ein öffentlicher Think Tank, einen Bericht über die Beteiligung des Staats am Drogengeschäft. "Nordkoreas Regime ist seit den 1970ern an der Produktion und dem Handel illegaler Drogen beteiligt", heisst es dort. Dieser Umstand habe sich in den 1990ern mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation weiter verstärkt. An die Stelle der Heroinproduktion sei schliesslich die von Methamphetamin getreten.

Auch ein Artikel des Sydney Morning Herald von 2014 stützt den Bericht von Radio Free Asia. Dort heisst es: "die nordkoreanische Regierung hat sich laut International Narcotics Control Strategy Report 2013 des US-Aussenministeriums grösstenteils aus dem Drogengeschäft zurückgezogen".

Mit dem Wegfall der staatlichen Methproduktion machten sich viele Drogenköche ihr Wissen zu nutzen und begannen, für den lokalen Markt zu produzieren. Bis dahin war das staatliche Meth vor allem für den Export gedacht. In dem Artikel steht weiter, dass Menschen in Nordkorea Crystal vor allem zur Behandlung von Erkältungen, als Energiebooster oder dafür verwendet haben, länger arbeiten zu können.

Die Funktion als Appetitzügler scheint sich in einem Land, das unter notorischer Mangelversorgung leidet, ebenfalls bewährt zu haben.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE AU.