Wir haben mit dem Jungen gesprochen, der sich einen Fusionsreaktor gebaut hat

"Ich habe erkannt, dass bestimmte Dinge, die ich in meinem Alter für unmöglich hielt, gar nicht unmöglich sind", sagt Jackson Oswalt, 14.

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05 März 2019, 9:11am

Jackson Oswalt vor seinem Kernfusionsreaktor | Bild: Chris Oswalt

Auf den ersten Blick ist Jackson Oswalt ein ganz normaler Achtklässler. Er mag Tennis, trifft sich gerne mit Freunden und spielt Fortnite. Nur bastelt der 14-jährige eben auch gerne an einem kleinen Fusionsreaktor in seinem Kinderzimmer. Den hat Oswalt gebaut, als er 12 Jahre alt war.

Sein ungewöhnliches Hobby begann vor ein paar Jahren, als Oswalt von Taylor Wilson hörte, der 2008 in der Garage seiner Eltern einen Fusionsreaktor gebaut hatte. Mit damals 14 Jahren war Wilson die jüngste Person, der je eine Kernfusion gelungen war. Kim Jong-un ist sicher vor Neid geschmolzen.

"Ich dachte mir, dass ich das auch mal versuchen könnte", erzählt Oswalt uns am Telefon. Mit Erfolg: Im Januar 2018, kurz vor seinem 13. Geburtstag, gelingt Oswalt ein ähnliches Experiment. Seine Ergebnisse wurden von Mitgliedern des Internetforums Fusor.net verifiziert, auf dem sich Physiker und Hobby-Bastler austauschen.

Oswalt gibt zu, dass der Wettbewerbsgedanke ihn motiviert hat. Er wollte Wilson schlagen. "Es ging mir um die Herausforderung", sagt er. "Ich hatte immer im Hinterkopf, dass ich gerne die jüngste Person wäre."

Bevor es so weit war, musste Oswalt jedoch einiges über Kernfusion lernen. Bei diesem Prozess verschmelzen zwei Atomkerne zu einem neuen Kern und geben so Energie frei. Diese Methode ist wesentlich sicherer als Kernspaltung, die in Atomkraftwerken verwendet wird. Bei der Kernfusion besteht kein Risiko einer Kernschmelze. Ausserdem wird viel weniger radioaktiver Müll produziert.

The inside of the fusor chamber in Oswalt’s reactor. Image: Jackson Oswalt
Ein Blick ins Innere von Oswalts Reaktor | Bild: Jackson Oswalt

Damit Atomkerne verschmelzen, muss allerdings eine Temperatur von 100 Millionen Grad Celsius erzeugt werden. Das ist problematisch, denn oft verbraucht der Prozess mehr Energie, als er erzeugt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchen bereits, dieses Problem zu lösen.

Trotzdem wollte Oswalt das Projekt angehen. Aber wie erzeugt man in einem Kinderzimmer 100 Millionen Grad? Oswalt recherchierte online: Welche Teile und Werkzeuge braucht er? Wie viel Zeit muss er einplanen? Als Kind hatte Oswalt ständig in der Schreinerei seines Opas gewerkelt – daher war er optimistisch, dass er auch einem kleinen Fusionsreaktor gewachsen sein würde.

Anfangs las sich Oswalt durch die Berichte anderer Leute, die bereits einen Reaktor gebaut hatten. Dann stellte er eine Liste mit Teilen zusammen, die er für sein Projekt brauchte. Ihr Preis belief sich auf umgerechnet etwa 8.800 Euro. Glücklicherweise unterstützen Oswalts Eltern das ungewöhnliche Vorhaben ihres Sohnes.

"Mein Gehirn funktioniert nicht so wie Jacksons Gehirn. Ich hatte von Kernfusion keine Ahnung", sagt uns sein Vater, Chris Oswalt. Er sei jedoch sehr beeindruckt, sagte er, dass sein eigenes Kind sich für etwas so sehr begeistere.

Inzwischen hatte Oswalt sein altes Spielzimmer in ein Labor umgebaut und bastelte den Grossteil seiner Freizeit am Reaktor. Er holte sich Unterstützung von Leuten, die bereits Erfahrung mit Kernfusion hatten, und probierte ansonsten viel rum, sagt er.

Dass er in seinem Kinderzimmer gerade mit über 50.000 Volt und radioaktiven Stoffen hantierte, machte Oswalt wenig Sorgen. Seine Eltern sahen das etwas anders. Darum bestanden sie darauf, Experten zu konsultieren.

Da sie keinen Atomphysiker an der Hand hatten, liessen sie sich von Oswalts Physiklehrer beraten. Ausserdem lernten sie von Forscherinnen des St. Jude Children's Research Hospitals in Memphis, wie man sich am besten vor radioaktiver Strahlung schützt. Auch ein Physikprofessor der Christian Brothers University unterstützte Oswalt bei seinem Projekt.

"Als Elternteil ging es mir in erster Linie um die Sicherheit", sagt sein Vater. "Jackson konnte zum Experten auf dem Gebiet werden, aber wir lernten dabei gemeinsam."


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Abgesehen von seinen Eltern und seinen Unterstützern, erzählte Oswalt fast niemandem von seinem Reaktor.

"Ich habe meinen Freunden meistens gar nichts davon erzählt", sagt Oswalt. "Meine besten Freunde hielten es für einen Scherz, als ich es ihnen erzählte. Auch einige meiner Lehrer glaubten mir nicht." Erst als sie sahen, wie ernst es ihm war, hätten sie ihn unterstützt.

Oswalt postete regelmässig Updates auf Fusor.net und bat das Forum um Tipps. Nach einem Jahr, kurz vor seinem 13. Geburtstag, gelang Oswalt schliesslich die Kernfusion. Seine Ergebnisse postete er im Forum, damit sie verifiziert werden konnten.

"Hallo mal wieder", schreibt er dort, "das sind meine Ergebnisse vom 19., 30., und 31. Januar. Ich war 12, als ich es das erste Mal probiert habe. Jetzt bin ich 13."

Nachdem er Oswalts Arbeit eingehend geprüft hatte, erklärte Richard Hull, ein Administrator von Fusor.net und pensionierter Elektronikingenieur, sein Projekt für erfolgreich.

Obwohl ihm die Kernfusion bereits Anfang 2018 gelang, redet Oswalt erst jetzt öffentlich darüber. Momentan bastelt er an seinem nächsten Reaktor, der mit der sogenannten Tokamak-Methode funktionieren soll. Nach der Schule möchte Oswalt im Bereich der Kernphysik arbeiten. Er glaubt, dass er derjenige sein könnte, der endlich einen effizienten Fusionsreaktor entwickelt.

"Er hat definitiv einen Vorsprung", sagt sein Vater.

Ausserdem würde Oswalt gerne eine Organisation gründen, die Kindern wie ihm hilft, ihre Projekte zu verwirklichen. "Ich habe gelernt, dass bestimmte Dinge, die ich in meinem Alter für unmöglich hielt, gar nicht unmöglich sind", sagt er. "Kinder machen einen grossen Teil der Bevölkerung aus. Einige von ihnen haben tolle Ideen, und wenn sie diese nicht umsetzen können, ist das wirklich Verschwendung."

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE US.