Gegenangriff

Die Hacker-Gruppe Daeshgram hat Pornos auf IS-Webseiten gepostet

Wie ihre Reaktionen zeigen, hat der Angriff auf ihr Schamgefühl die Terroristen extrem verwirrt.

von Mahmood Fazal
30 November 2017, 3:19pm

Ich weiss noch, wie mich meine muslimischen Eltern bei der berühmten Titanic-Szene mit der Hand an der beschlagenen Scheibe hektisch anwiesen, schnell woanders hinzuschauen. Meine Fantasie musste die Lücken füllen. So traf mich mein erster Porno auch wie ein Schlag ins Gesicht: Das Ganze war ja gar nicht so romantisch und unschuldig, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Ich war sauer auf meine Eltern, weil sie nie mit mir über dieses Thema geredet hatten. Sexualität und Erotik sind aber nun mal Dinge, die in der muslimischen Welt oft ignoriert oder gar verboten werden.

Genau das hat sich die irakische Hacker-Gruppe Daeshgram zu Nutze gemacht, um den IS blosszustellen: Sie postete Pornos auf den offiziellen Kommunikationsplattformen der Terrororganisation. Statt der Ankündigung, ein Medienzentrum solle in einem vom IS kontrollierten Teil Syriens eröffnen, erschien plötzlich das Bild einer Porno-Darstellerin. Und ein Video, in dem IS-Unterstützer besagte Ankündigung anschauen, wurde so bearbeitet, dass es aussieht, als würden sich die Extremisten nackte Haut reinziehen.

Die Aktion hatte Erfolg – das Chaos in einschlägigen Online-Foren war perfekt. Die Pornos haben dem Vertrauen in Amaq, die "Nachrichtenagentur" des Islamischen Staats, immens geschadet. Die Scham und der Schock, den die expliziten Bilder verursachten, waren gross. Viele IS-Anhänger zweifelten plötzlich an den Websites, auf denen die Ankündigung gepostet wurde. Jemand schrieb schliesslich: "Die Medien der Kreuzritter sagen, Amaq sei gehackt worden."

Daeshgram lud daraufhin ein Video hoch, in dem die Hacker behaupten, die IS-Propagandaseite gehackt zu haben und zu kontrollieren. So verloren sich einige IS-Mitglieder in Online-Streitereien und begannen damit, Leute aus geheimen Online-Communitys zu entfernen, in denen Pläne diskutiert werden. Das behauptet ein anonymes Daeshgram-Mitglied gegenüber der Website Newsweek. Den Höhepunkt erreichte das Chaos dann, als der IS seinen Anhängern befahl, Amaq nicht mehr zu vertrauen. Und das ist schon ein starkes Stück, wenn man bedenkt, dass es sich dabei um die Website handelt, auf der sich die Terroristen im Normalfall zu Anschlägen bekennen.

Daeshgram selbst besteht übrigens aus sechs irakischen Muslimen, die mithilfe technologischer Mittel etwas gegen das "virtuelle Kalifat" und seine steigende Beliebtheit im Nahen Osten unternehmen wollen. Selbst die Familien der Hacker wissen aber nicht, wer hinter den Aktionen steckt.


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Anfang des Monats berichtete die Tech-Website Fossbytes davon, dass Amaq behauptet hatte, "unhackbar" zu sein. Diese Herausforderung nahm die muslimische Hacker-Gruppe Di5s3nSi0N mit Freude an – und sie schaffte es tatsächlich, innerhalb von wenigen Stunden Amaq zu infiltrieren und E-Mails mit Informationen zu den Abonnenten zu veröffentlichen.

Der anonyme Hacker WachulaGhost schlug 2016 in eine ähnliche Kerbe und postete laut eigener Aussage Schwulen-Pornos und Gay-Pride-Botschaften auf über 250 Social-Media-Profilen, die mit dem IS in Verbindung standen. Gegenüber CNNMoney sagte WachulaGhost: "Wir haben eine Schwachstelle entdeckt und uns gedacht: Übernehmen wir doch mal ihre Accounts und stellen sie richtig bloss."

Wenn muslimische Hacker kulturelle Empfindlichkeit durch psychologische Kriegsführung ausnutzen, dann verursacht das tiefe Wunden. Stolz und Scham sind entscheidende Emotionen im gesellschaftlichen Leben der muslimischen Welt. Und auch ich hätte mich als Teenager lieber 100 Mal verprügeln lassen, als meinen Eltern und Freunden meinen Google-Suchverlauf präsentieren zu müssen.

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