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Vier Araberinnen erzählen, wie sie ihre arrangierten Ehen verhindert haben

"Er erzählte mir, dass er den Geruch von Zigaretten hasse. Also fing ich sofort an zu rauchen."

Wesam Ragab

Symbolfoto: Marcus Lewis | Unsplash

In einigen arabischen Familien haben die Eltern nicht nur das Recht, sondern gar die Pflicht, den Ehepartner der Tochter zu bestimmen. Wenn sich die Tochter jedoch absolut keine Zukunft mit dem vorgesehenen Ehemann vorstellen kann, ist es für sie oft schwer, die arrangierte Ehe noch abzuwenden – dafür ist der Stellenwert dieser Tradition zu gross. Unmöglich ist es aber nicht.

Vier arabische Frauen erzählen uns, wie sie es geschafft haben, nicht mit einem von ihren Eltern ausgesuchten Mann verheiratet zu werden. Teilweise mussten sie dafür zu drastischen Mitteln greifen – inklusive unechten Heiratsurkunden und einer plötzlichen Zigarettensucht.

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Nach der Scheidung meiner Eltern zog ich zu meiner Tante und ihrer Familie. Als ich 19 wurde, entschied sie plötzlich, dass ich heiraten müsse. Für diesen Anlass wählte sie ihren mittleren Sohn Amjad aus, der ein Jahr älter ist als ich und zur gleichen Uni ging. Natürlich war ich gegen diese Entscheidung, ich wollte ja nicht meinen gefühlten Bruder heiraten. Meine Tante zeigte aber keine Einsicht. Amjad wollte die Hochzeit übrigens auch nicht, weil er bereits eine Freundin hatte. Gleichzeitig fiel es ihm aber schwer, sich gegen seine Mutter zu stellen.


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Ich versuchte vergeblich, meine Eltern dazu zu bringen, etwas zu unternehmen. Anders gesagt: Ich war auf mich allein gestellt – und hatte meiner Meinung nach nur eine Option: Ich musste meiner Tante erzählen, dass Amjad heimlich seine Freundin geheiratet hatte. Besagte Freundin spielte bei dieser Täuschung gerne mit, weil sie meinen Cousin liebte und nicht wollte, dass er mich heiratete. Zusammen fälschten wir ziemlich schlecht einen Heiratsurkunde, aber es reichte, um meine Tante zu überzeugen. Amjad selbst hatte von der ganzen Aktion keine Ahnung, bis ihn seine Mutter damit konfrontierte. Zum Glück spielte er sofort mit und ich zog wenige Monate später zurück zu meiner Mutter. Amjad und seine Freundin sind – wohl auch dank mir – inzwischen wirklich verheiratet.

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Als ich herausfand, dass meine Eltern einen Ehemann für mich bestimmt hatten, nahm ich mir fest vor, alles dafür zu tun, dass mich dieser Typ hasst und nicht heiraten will. Er erzählte mir, dass er den Geruch von Zigaretten hasse. Also fing ich sofort an zu rauchen. Er erzählte mir, dass er langes Haar liebe. Also schnitt ich mir eine Kurzhaarfrisur. Er erzählte mir immer wieder, wie sehr er auf klassische Musik stehe. Also zwang ich ihn dazu, von mir zusammengestellte Pop-Playlisten anzuhören. Er erzählte mir, wie sehr er sich eine grosse Familie wünsche. Also sagte ich, dass ich Kinder hasste. Ausserdem zog ich absichtlich unangebrachte und aufreizende Outfits an, wenn wir zu Hochzeiten eingeladen waren oder Dates hatten.

Frustrierenderweise wollte er trotz alldem aber nicht mit mir Schluss machen. Nein, er versicherte mir sogar immer wieder, mich so zu lieben, wie ich sei. Ich musste einen Grund finden, die Sache so schnell wie möglich ein für alle Mal beenden zu können. Deswegen reaktivierte ich einen alten Facebook-Account mit einem anderen Namen und lud Fotos einer Freundin hoch, die in Rumänien als Model arbeitet. Mit diesem Account schickte ich ihm mehrere eindeutige Flirt-Nachrichten und es dauerte nicht lange, bis sich mein Verlobter über mich auskotzte und sagte, dass er nur darauf warte, seine wirkliche Traumfrau kennenzulernen.

Nachdem ich genug seiner Nachrichten gesammelt hatte, stellte ich ihn zur Rede und sagte, dass ich das Ganze auf seinem Handy gefunden hätte. Wir trennten uns und ich blieb mit dem Fake-Account sogar noch eine Weile mit ihm in Kontakt. Allerdings machte auch mein Alter Ego plötzlich die Biege, als er sich eine Webcam-Unterhaltung wünschte.

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Ich stamme aus einer grossen, sehr traditionsbewussten Familie. Als ich noch zu Hause wohnte, war die Beziehung zu meiner Mutter sehr schwierig: Sie war streng, hatte quasi immer schlechte Laune und hiess nichts gut, was ich machte.

Als ich endlich für das Studium von zu Hause auszog, kostete ich meine neue Freiheit richtig aus, indem ich viel feierte, politischen Gruppierungen beitrat und mir einen jüngeren Freund anlachte. Als meine Eltern das mit meiner Beziehung herausfanden, entschieden sie, mich zu verheiraten. Deswegen führten mich meine Mutter und meine Schwester zum Abendessen aus – um dabei eine Frau zu treffen, die nach einer Ehefrau für ihren Sohn suchte. Als ich das "Angebot" ablehnte, rastete meine Mutter richtig aus: Sie warf mir vor, keine Jungfrau mehr zu sein – anders könne sie sich meine Reaktion nicht erklären. Leider war mein Vater auf ihrer Seite und die beiden untersagten es mir, weiter zu studieren.

Zum Glück erklärte sich mein Bruder bereit, mir zu helfen. Vor unseren Eltern tat er so, als habe er meinen designierten Ehemann schon getroffen und dabei herausgefunden, dass der ein Säufer und Schläger ist. Meine Mutter glaubte diese Lüge und wollte fortan nicht mehr, dass ich den Mann heirate.

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Mein Vater hat sich nie wirklich für mein Liebesleben interessiert, aber meine Mutter hat immer versucht, mich mit irgendwelchen Typen zu verkuppeln. Zum Glück konnte ich mich jedes Mal rausreden, so nach dem Motto "Er hat eine Glatze, ist zu alt und trägt grüne Socken". In Wahrheit wollte ich aber einfach meinen Schulabschluss machen und meine Jugend geniessen. Dem entgegnete meine Mutter, dass Tradition wichtiger sei.

Ich ging davon aus, dass sich alles etwas beruhigt, wenn ich mein Studium beginne. Dann würden meine Eltern sicher merken, dass ich eine erwachsene Frau mit eigenem Kopf bin. Falsch gedacht: Eines Tages überraschte mich meine Mutter mit der Nachricht, dass sie einen Ehemann für mich gefunden hätte und dessen Familie mich noch am gleichen Abend kennenlernen wolle. Ich war unglaublich wütend und fühlte mich total gedemütigt, aber selbst nach einer einstündigen Diskussion gab meine Mutter nicht nach.

Also willigte ich ein, den Typen und seine Familie zu treffen. Insgeheim schmiedete ich jedoch einen Plan, es meiner Mutter so richtig zu zeigen. Kurz vor der Zusammenkunft durchsuchte ich meinen Kleiderschrank und zog die schlimmsten Klamotten an, die ich finden konnte: eine mehrfarbige Bluse, alte Jeans und Badeschlappen. Dazu trug ich mein Make-up so auf, als sei ich fünf Jahre alt. Ich sah wirklich lächerlich aus.

In diesem Aufzug betrat ich unser Wohnzimmer, in dem sich schon meine etwaigen Schwiegereltern befanden, und servierte Kaffee in den hässlichsten Tassen, die man sich nur vorstellen kann. Mein Vater lief ganz rot an, weil er sein Lachen unterdrücken musste. Meine Mutter rieb sich nur nervös die Hände und setzte ein falsches Lächeln auf. Und meine Schwester rannte mit einer Entschuldigung raus – aber noch in der Tür brach sie in schallendes Gelächter aus.

Nach mehreren Minuten Stille schaute ich meine Mutter an und sagte: "Ich gehe jetzt, ihr habt sicher viele Erwachsenendinge zu besprechen." Als mein ausgesuchter Ehemann und seine Familie dann wieder weg waren, suchte ich direkt meinen Vater auf. Er lachte und umarmte mich, als ich ihn bat, mich vor meiner Mutter zu beschützen. Die flippte derweil so richtig aus, aber mein Vater wies sie an, mich in Ruhe zu lassen, damit ich mich auf mein Studium konzentrieren könne. Ende gut, alles gut.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE AR.