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Gaming

Tausende Liter Schnaps pro Tag: 'Anno 1800' ist eine Quatsch-Simulation

Spieler vergiften ihre Bewohner und romantisieren den Sklavenhandel. Wir haben Wissenschaftler gefragt, was sie von Deutschlands beliebtester Aufbausimulation halten.

von Dominik Schott
10 Mai 2019, 11:50am

Szene aus 'Anno 1800' | Bild: Press Kit | Blue Byte | igdb.com

Auf eine einsame Insel segeln und dort ein Dorf bauen: Das scheint Millionen Gamer der Anno-Spielreihe seit 1998 zu reizen. Anno gehört zu den erfolgreichsten Spielereihen aus Deutschland. Nun wird auch der neuste Teil, Anno 1800, von Gamern und der Fachpresse gelobt.

Diesmal besiedeln Spieler ihre Inseln in der Epoche der industriellen Revolution. Sie machen die Bewohner mit Schokolade, Schnaps und Champagner glücklich, entwickeln ihr Dorf zur Grossstadt und werden zur Wirtschaftsmacht. Doch die gefeierte Simulation hat blinde Flecken.

VICE hat die Spielwelt von Anno 1800 mit einer Ernährungsexpertin und zwei Historikern untersucht. Die Gespräche mit den Forschenden zeigen: In einigen Punkten ist Anno 1800 eine Quatsch-Simulation, die historische Fakten verfälscht – mal amüsant, mal haarsträubend.

Warum die Bewohner von Anno nach kurzer Zeit sterben müssten

Ein detailverliebter Anno-Fan mit dem Spitznamen "Injustpotato" hat über den Konsum seiner Inselbewohner Buch geführt und für jede Bevölkerungsgruppe Ernährungspyramiden erstellt. Dann hat er berechnet, wie viel Liter Kaffee und Schnaps, wie viel Kilo Fisch und Schokolade ein einzelner Bewohner demnach pro Tag konsumiert. Das Ergebnis war eine riesige Infografik, die gerade von hunderten Gamern auf Reddit gefeiert wird. Wir haben das Entwicklerstudio per E-Mail angefragt, ob die Rechnungen akkurat sind und werden den Artikel aktualisieren, sobald wir eine Antwort erhalten.

Bauern bei Anno 1800
Die Ernährungspyramide der Bauern von 'Anno 1800' | Bild: Screenshot aus dem Reddit-Post von Injustpotato

VICE hat sich die von Injustpotato berechneten Essgewohnheiten in der Anno-Spielwelt mit einer Ernährungsexpertin angeschaut. Saskia Mahling studiert Osteopathie an der OSD Berlin und setzt sich in ihrem Studium auch intensiv mit gesunder Ernährung auseinander. Ihr Fazit: Der Speiseplan bei Anno 1800 ist nicht nur ungesund, sondern tödlich.

"Erst verlieren die Menschen Haare, Nägel und Wimpern, dann Zähne"

Bauern ernähren sich bei Anno 1800 zum Beispiel ausschliesslich von Schnaps und Fisch. Der Fisch dient dabei wohl eher als Beilage, denn Schnaps macht mehr als die Hälfte der täglichen Ernährung aus: In der Statistik von Injustpotato sind es sogar 3,3 Liter Schnaps pro Spielminute. Eindeutig ein grober Fehler in der Simulation, selbst wenn die Zeit hier im Vergleich zur Echtzeit stark komprimiert ist. Müssten die Bauern bei Anno nicht sowieso an einer Alkoholvergiftung sterben, dann würden sie an Mangelerscheinungen durch den vielen Fisch leiden, wie Ernährungsexpertin Mahling erklärt. "Aufgrund des hohen Jodgehalts kann ein so hoher Fischkonsum zu Dysfunktionen der Schilddrüse führen. Den Bauern fehlen neben Mineralien, Spurenelementen und Wasser auch Kohlenhydrate für die Muskeln."

Ingenieure ernähren sich bei Anno 1800 immerhin von drei verschiedenen Dingen: Auf den Tisch kommen Gulasch, Kaffee und Rum. "Gulasch enthält wegen der langen Garzeit wenig Vitamine", erklärt Mahling. Auch essentielle Amino- und Fettsäuren würden durch die Hitze zerstört. Der Körper falle in einen Mangelzustand. "Erst verlieren die Menschen Haare, Nägel und Wimpern, dann Zähne." Natürlich würden auch die Ingenieure bei 2,8 Litern Rum pro Minute früh an einer Alkoholvergiftung sterben – und bei literweise Kaffee pro Minute hätten sie Nervosität, Angststörungen und Durchfall.

Auch die reichsten Bewohner der "Anno"-Welt könnten ihre Essgewohnheiten in der Realität nicht lange durchhalten: Ihre Ernährung besteht zu einem Viertel aus Schokolade. Runtergespült wird das mit Kaffee und Champagner, zwischendurch gibt es Zigarren. Immerhin trinken sie im Vergleich zu den anderen Zeitgenossen am wenigsten Alkohol.

Das Fazit von Mahling: "Alle Anno-Bewohner haben keine hohe Lebenserwartung." Am Spielspass ändert das natürlich wenig. Wer Anno 1800 mag, schaut nicht auf die Zahlen und stellt sich einfach vor, dass die Bewohner natürlich auch mal Brot, Obst und Gemüse zu sich nehmen. Trotzdem ist klar: Wenn es ums Essen geht, hat die Simulation eindeutig versagt.

Die Städte: Zu viel Feuerwehr, zu viel grüne Idylle

Bei Anno 1800 müssen Spieler immer wieder grübeln, wie die eigene Stadt aufgebaut sein soll: Die Bewohner wollen alle wichtigen Gebäude schnell erreichen, aber im Zentrum ist nur wenig Platz. Wer nicht genug Feuerwehrstationen baut, riskiert, dass Wohnhäuser abfackeln. Weil Stadtplanung bei Anno eine Kunst für sich ist, diskutieren Spieler ihre Strategien und entwerfen Pläne für die perfekte Stadt. Ist die Simulation bei diesem Thema realistischer als bei der Ernährung?

Wir haben uns mit Professor Ulrich Pfister vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Münster über Stadtpläne gebeugt, sich sich bei Anno 1800 als erfolgreich erwiesen haben. Dem Historiker fielen dabei vor allem Details ins Auge: "Interessant ist, wie oft da die Feuerwehr vertreten ist", sagt Pfister. In der Realität habe es oft nur ein Depot für das Feuerlöschgerät gegeben. Die Wachfunktion hätten die Turmwärter in den Kirchen übernommen. Auch Polizeigebäude gebe es bei Anno zu viele. Die seien Pfister zufolge in den Grossstädten des 19. Jahrhunderts eher selten gewesen.

Anno Stadtplan
Einer der idealen Stadtpläne, die 'Anno'-Spieler miteinander tauschen | Bild: Screenshot aus dem 'Anno1800 Wiki' | fandom.com

Den grössten Unterschied zur Realität sieht Pfister aber in der Beziehung zwischen Stadt und Umland. In der Welt von Anno 1800 leben die Menschen in der Stadt und fahren zum Arbeiten nach draussen – das gab es dem Historiker zufolge aber nur in den ersten Jahren der Industriellen Revolution. "In der Frühindustrialisierung gingen Arbeiter oft eine Stunde zu Fuss zu ihrem Arbeitsplatz, Fabriken standen meist in Kleinstädten oder auf dem Land, etwa an Wasserläufen." Später lief das anders: Wenn riesige Fabriken auf der grünen Wiese entstanden, mussten auch Werksiedlungen gebaut werden, um die Arbeitskräfte anzulocken, so Pfister.

In der Welt von Anno 1800 ist das undenkbar, hier reagieren Arbeiter verärgert, wenn Spieler ihnen eine hässliche Fabrik in die Nachbarschaft stellen. Das ist zwar historisch inkorrekt, soll das Spielerlebnis aber vermutlich angenehmer machen – schliesslich wollen Anno-Spieler eine möglichst hübsche Insel vor sich sehen, und nicht von Smog belastete Wohnviertel.

Sklavenhandel ist der grösste blinde Fleck bei Anno 1800

Die Zeit der Industriellen Revolution war von Gegensätzen geprägt. Auf der einen Seite entstanden bahnbrechende Technologien wie die Dampfmaschine; die Städte wuchsen; Menschen lebten länger; die Gesellschaft war so produktiv wie nie zuvor. Auf der anderen Seite gab es Armut in neuen Formen, Sklavenhandel, Kolonialismus und Imperialismus. Anno 1800 unterschlägt diese düsteren Themen weitgehend: Nur in der im Spiel nachlesbaren Biographie einer computergesteuerten Figur, die als Stadtgründer auftreten kann, kommt Sklaverei zur Sprache.

Auch in Sachen Kolonialismus zeichnet Anno 1800 ein romantisiertes Bild. Die Eroberung neuer Inseln und die Unterwerfung der einheimischen Bevölkerung verläuft verblüffend gewaltfrei: Nach einigen Spielstunden dürfen Spieler die "Neue Welt" erkunden, Inselgruppen irgendwo in Lateinamerika. Die einheimische Bevölkerung fügt sich aber widerstandslos und anscheinend hochmotiviert in das Arbeiterheer des Spielers ein. Eine kulturelle Identität haben die indigenen Anno-Bewohner nicht, stattdessen werden sie mit der spanischen Bezeichnung für Tagelöhner und Arbeiter angesprochen.

Historiker Zimmerer findet das problematisch. Um historisch korrekt zu sein, müsste es eigentlich bei Anno auch Sklaven und Zwangsarbeiter geben. "Das limitiert und konterkariert den Anspruch von Anno, eine historisch detailgetreue Simulation zu sein", sagt Zimmerer. "Hier kommt das Spielprinzip an seine Grenzen."

Andererseits sind Sklaverei und Zwangsarbeiter eine extreme Form der Ausbeutung, und Zimmerer zufolge ist es richtig, wenn Nutzer diese Ausbeutung in einem Game nicht spielerisch wiederholen: "Es ist nachvollziehbar, dass die Entwickler nicht Sklaven oder Zwangsarbeiter vorkommen lassen, moralisch wäre das nicht zu vertreten", so Zimmerer. Auf eine E-Mail-Nachfrage, welchen historischen Anspruch die Entwickler an ihr Spiel stellen, gab es bisher keine Antwort.

Stadt bei Anno 1800
Reiche Grossstädte wie diese hätte es im 19. Jahrhundert nicht ohne Sklavenhandel gegeben| Bild: Press Kit | Blue Byte | igdb.com

Manche blinde Flecken von Anno 1800 sind mehr als Details

Keine Simulation ist perfekt, und ein Spiel muss das sowieso nicht sein. Anno 1800 soll laut Entwicklerteam natürlich vor allem Spass machen und schöne Momente schaffen, und das gelingt dem Spiel allemal. Wenn die virtuellen Inselbewohner viel mehr Schnaps verschlingen als ein realer Mensch jemals vertragen würde, dann ist das wohl höchstens ein Problem für Mathe-Fanatiker.

Problematisch wird es allerdings, wenn das Spiel dunkle Kapitel der Geschichte ausblendet. Denn einen historischen Anspruch hat Anno durchaus, ob es will oder nicht – schliesslich orientiert sich das Spiel in vielen Details an der Realität. Ein durch und durch realistisches Bild der Industriellen Revolution zeichnet es für Spielerinnen und Spielern aber nicht. Smog-befreite Arbeiterviertel, eine industrielle Revolution ohne Sklaven und Zwangsarbeiter, prächtige Inseln ohne blutige Kolonialgeschichte – das sind blinde Flecken, für die Anno 1800 Kritik verdient.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.