Mallorca: Deutscher ist zehnter Tourist, der 2018 vom Balkon fiel und starb

Mallorca hatte schon vor Jahren gehofft, den tödlichen Trend des Balconing gestoppt zu haben – nun starb ein 23-jähriger Deutscher, der aus dem 12. Stock fiel.

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21 August 2018, 2:59pm

Symbolfoto: imago | Westend61

Auf Mallorca wollen sie den Arbeitsalltag vergessen, den Schulstress hinter sich lassen, vor dem Studium nochmal richtig ausrasten, saufen, exzessiv Party machen im Megapark oder schon vorher, im Hotelzimmer. Manche Partytouristen werden dann leichtsinnig. Zu leichtsinnig. Einige steigen auf das Geländer ihres Balkons. Ein paar davon schlagen auf dem betonierten Boden neben dem Hotelpool auf – und sterben.

Am Montag hat es einen Deutschen erwischt. Der 23-Jährige stürzte aus dem zwölften Stock seines Hotels, unweit der berühmten Schinkenstrasse an der Playa de Palma – und starb sofort. Die Rettungskräfte fanden seine Leiche auf dem Dach des ersten Stocks eines Vier-Sterne-All-Inclusive-Hotels am Ballermann 6. Er war auf der Klimaanlage des Gebäudes gelandet. Davon berichtete zuerst die mallorquinische Tageszeitung Ultima Hora . Wie genau der Mann stürzte, sei den Behörden bislang unklar. Doch der Fall füge sich in eine ganze Reihe tragischer Ereignisse, sagt Bernd Jogalla, Chefredakteur des deutschsprachigen Mallorca Magazins gegenüber VICE:

Neun junge Urlauber starben diesen Sommer bereits, drei allein im Juli. Mit dem Deutschen wären es zehn. Sie stürzten von Balkonen, wollten eigentlich im türkisblauen Chlorwasser landen oder am Geländer des Nachbarn. Doch sie verfehlten ihr Ziel um Zentimeter. Eine 19-jährige Britin stirbt im April im Badeort Magaluf, im Juni ein 20-jähriger Ire, am 2. Juli stürzte sich ein 19-jähriger Franzose vom Balkon seines Zimmers im fünften Stock, nur zwei Tage später springt ein 19-jähriger Brite. Er überlebt mit schweren Verletzungen, wird aber sein Leben lang Schäden behalten.

Hinter dem Phänomen stecke ein Trend, den man 2015 bereits für beendet hielt, sagt Jogalla: das Balconing. Zwischen 2010 und 2015 gab es jedes Jahr im Schnitt 15 Todesopfer auf Mallorca. Anfang Juli 2018 wurde eine Krisensitzung mit der Regionalregierung der Balearen einberufen. Unternehmen, Hoteliers, Politikern scheint klar: Der "Sauftourismus" artet erneut aus.


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Am Dienstag soll die Autopsie des jüngsten Opfers stattfinden. "Das ist ein Phänomen, mit dem man hier nicht klarkommt", sagt Jogalla: "So schlimm es klingt, das ist hier mittlerweile normal." Nur einen Tag vor dem Todesfall stürzte sich eine 18-Jährige aus dem dritten Stock ihres Hotelzimmers und überlebte schwerverletzt im Krankenhaus. Die Politik könne wenig ausrichten, auch die Lokaljournalisten würden nicht mehr losziehen, wenn sie von einem der tödlichen Sprünge hören, sagt der Chef der mallorquinischen Zeitung: "Für uns ist das kein herausragendes Ereignis mehr." Meist sei viel Alkohol im Spiel, manchmal Drogen, selten Suizidgedanken. Alle Opfer trügen Schädel-, Hirn- oder Wirbelsäulenverletzungen und Traumata davon.

Viele dieser Verletzungen hat der spanische Unfallchirurg Juan José Segura untersucht und in seiner Studie über den Trend des Balconing zusammengefasst. Die drei eindeutigen Balconing-Opfer, die nach dem Sprung in diesem Jahr starben, landeten in seiner Klinik. Offizielle Zahlen zu dem Phänomen gebe es nicht, sagt der Arzt. Oft steckten dahinter Wetten oder Mutproben unter Party-Urlaubern, die anscheinend die Kontrolle über ihren Körper verloren haben. Die meisten seien laut seiner Studie Briten, danach kommen die Deutschen. Fast alle sind junge Männer. Vor fünf Jahren startete der Verband der britischen Reisebüros eine Aufklärungskampagne, kurz zuvor trafen sich Ärzte, Hoteliers und das britischen Konsulat. Hoteliers verteilten fortan Flyer und warnten die Leute, manche Hotels quartierten Gäste, die ins Schema passen, absichtlich in niedriger gelegene Zimmer ein. Hinter der Kampagne steckte der Chirurg Segura; gemeinsam mit der britischen Botschaft wollte er die junge Briten bereits in deren Heimat sensibilisieren.

Zum aktuellen Fall und der Frage, ob ähnliche Massnahmen auch in Deutschland geplant seien, äussert sich das Auswärtige Amt öffentlich nicht, verweist jedoch auf die Hilfe für Angehörige der Todesopfer.

"Man kann die Mauern der Balkone nicht bis zur Decke hochziehen, auch Alkoholverbote werden die Fensterstürze nicht beseitigen", sagt der Mallorca-Kenner.

Und was sagen deutsche Reiseanbieter dazu? Einer der ersten Treffer bei der Google-Suche ist der Anbieter Mallorca-Partyreisen.de. Der Gründer organisiere nach eigenen Angaben seit 27 Jahren Partyreisen auf die Balearen-Insel. Zum aktuellen Fall will er keine Aussage machen, auch nicht dazu, wie die Gäste vor der Tour informiert werden. Ein Mitarbeiter des Anbieters Partyreisen24 sagt gegenüber VICE: "Wir verkaufen Reisen auf Qualitätsniveau und versprechen entspannte Feierstimmung. Bei uns sollen die Kunden mittendrin sein statt nur dabei." Ein Teamleiter begleite die Party-Touristen, doch der Grossteil der Verantwortung gehe an Kooperationspartner und Reiseveranstalter wie TUI-Deutschland oder Neckermann Young&Fun. "Bisher ist zum Glück nie so etwas bei einer unserer Reisen passiert", sagt der Mitarbeiter. Er hoffe, dass TUI und andere Reiseveranstalter den Gästen genug Informationen geben, doch eigentlich sei das "gesunder Menschenverstand". "Wir wollen nur entspannte Partyfreude bringen", ihre Gäste seien ohnehin älter und vernünftiger.

Bernd Jogalla glaubt nicht, dass sich die aktuelle Situation durch Flugblätter ändert. "Man kann die Mauern der Balkone nicht bis zur Decke hochziehen, auch Alkoholverbote werden die Fensterstürze nicht beseitigen", sagt der Mallorca-Kenner. Die gibt es nämlich bereits: In Magaluf sind organisierte Sauftouren mittlerweile verboten, der Verkauf von Alkohol eingeschränkt und Balconing kostet bis zu 750 Euro Bussgeld. Wer auf der Strasse Alkohol verkauft, muss mit bis zu 3.000 Euro Strafe rechnen.

Vertreter der Stadt Palma, Nachbarschaftsverbände und Unternehmer haben sich ausserdem mit dem linksgerichteten Bürgermeister Antoni Noguera getroffen und gemeinsam einige verschärfte Massnahmen beschlossen: Alkohol soll in All-Inclusive-Hotels beispielsweise bald nur noch zum Essen ausgeschenkt werden und tagsüber nicht mehr unkontrolliert zugänglich sein. Hotels dürfen vielleicht ab September keine Drinks mehr zu günstigen Preisen wie bei "Happy Hours" verkaufen – die Opposition muss diesen Regelungen jedoch noch zustimmen, schreibt die Zeitung Mallorca Diario . Wenn Balconing der Grund für seinen Tod sein sollte, kommen diese Regelungen für den jungen Deutschen in jedem Fall zu spät.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.