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Interview

Diese beiden Männer sind von Amsterdam nach Berlin gefahren – im Rollstuhl

Tijmen und Hector erzählen, wo sie umsonst kiffen konnten, warum sie eine Oma in ihrem Rollstuhl überholte und wieso die Polizei die beiden nach Waffen durchsuchte.

von Rebecca Baden
07 August 2017, 4:15pm

Fotos: Josefine Lippmann

"Meine Klamotten liegen gerade zum Waschen in der Badewanne", erklärt Tijmen lachend. Er sitzt in blau-karierten Boxershorts in seinem Rollstuhl vor seinem Hotel in Berlin-Charlottenburg, seine Oberarme sind sehnig, seine Brust- und Bauchmuskeln definiert. Hector, sein Freund, trägt ein T-Shirt des polnischen Woodstock-Festivals, zu dem er am nächsten Tag mit Freunden fährt. Eigentlich hätte Tijmen auch mitfahren sollen, aber er hat seine Karte verloren. Die grössten Organisations-Talente sind die beiden nicht: "Ohne feste Pläne entstehen die besseren Abenteuer", sagt Hector.

Ihr Abenteuer haben Tijmen, 24, und Hector, 25, gerade hinter sich gebracht: In fünf Wochen sind sie in ihren Rollstühlen von Amsterdam nach Berlin gefahren. Auf die Idee kam Tijmen vor zwei Jahren, als ein Freund mit dem Fahrrad nach Japan geradelt ist: "Wenn er das geschafft hat, schaffe ich eine ähnliche Reise mit meinem Rollstuhl", dachte er. Hector hat er vor 14 Jahren in der Grundschule kennengelernt hat, auch er sitzt im Rollstuhl: "Ich fand die Idee verrückt", sagt Hector, "aber bei dem Abenteuer wollte ich unbedingt dabei sein."

Die Rollstühle benötigen Tijmen und Hector, weil sie beide infantile Zerebralparese haben, eine Hirnschädigung, die das Nervensystem und die Muskulatur beeinträchtigt. Sie können aber auch wenige Schritte gehen und Treppen steigen. Eine Betreuung brauchen sie im Alltag nicht – und auch die 700 Kilometer lange Reise nach Berlin haben sie alleine angetreten.

Wie das war, haben Tijmen und Hector uns erzählt.

VICE: Wie habt ihr euch für die Reise vorbereitet?
Hector: So richtig vorbereitet haben wir fast nichts: Einen Tag, bevor wir losgefahren sind, haben wir Schlafsäcke, Beleuchtung für die Rollstühle, Taschenlampen und ein Erste-Hilfe-Set gekauft. Das hat ungefähr zwei Stunden gedauert. Das Zelt hatten wir schon, den Anhänger, der unser Gepäck getragen hat, hat Tijmens Cousin für uns gebaut. Das waren die einzigen Dinge, die vor der Reise fertig waren. Die Route haben wir spontan mit dem GPS gewählt, als wir schon unterwegs waren. Geschlafen haben wir in Hotels, bei Fremden, die wir in einer Reisecommunity kennengelernt haben, oder unter freiem Himmel.
Tijmen: Der Anhänger verbindet unsere Rollstühle miteinander, sodass wir ihn beide gleichzeitig ziehen können. Das ist auch wichtig, weil er etwa 40 Kilo wiegt. Mein Onkel hat ihn für uns gekauft, und mein Cousin hat mehrere Wochen lang an ihm gebastelt. Nach den ersten zehn Kilometern ist trotzdem die erste Sprungfeder kaputt gegangen, und wir mussten ihn schon kurz nach Amsterdam in einem Hotel reparieren lassen.

Wie durchquert man zwei Länder im Rollstuhl?
Hector: Über Radwege und Landstrassen.Wir haben uns Berlin als Ziel ausgesucht, weil Deutschland ziemlich flach ist – genau wie die Niederlande. Es gab hier und da einige Hügel, die mich zum Fluchen gebracht haben. Es fühlte sich teils an, als brauchten wir eine Stunde für 100 Meter. Runter ging es dann mit 20 Kilometern pro Stunde schon fast gefährlich schnell. Einmal hat uns das Navi durch einen Wald geschickt, über einen ein Kilometer langen Sandweg. Wir sind stecken geblieben, und es hat eineinhalb Stunden gedauert, bis wir den Kilometer hinter uns gebracht hatten.
Tijmen: Ich musste den Anhänger drücken und Hector hat gezogen. Das war unglaublich anstrengend, weil es an dem Tag sehr warm war. Am Ende haben wir gemerkt, dass wir auch einfach über die Strasse hätten fahren können.


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Ihr seid mit den Rollstühlen auf der Strasse gefahren?
Tijmen: Manchmal ist der Radweg zu Ende, dann musst du eben auf der Landstrasse weiterfahren. Wenn die Lastwagen mit 80 Kilometer pro Stunde an dir vorbeirasen, stellst du dir schon die Frage: Was, wenn sie uns nicht sehen? Vor allem nachts war das gefährlich, auch wenn wir Lichter am Rollstuhl hatten und reflektierende Westen trugen.

Gab es nie Probleme mit der Polizei?
Hector: In Brandenburg haben wir nachts neben der Landstrasse geschlafen und nicht einmal das Zelt aufgebaut, weil wir keine Lust dazu hatten und uns gerne die Sterne anschauen. Als ich anfing, am nächsten Morgen unsere Sachen zusammenzupacken, kam die Polizei. Ich dachte, es geht darum, dass wir am Strassenrand geschlafen haben. Tatsächlich hatte ihnen ein irgendein Typ erzählt, dass wir seinen Wagen vom Wegesrand mit einer Waffe beschossen hätten! Die Beamten haben uns dann nach Waffen durchsucht. Nachdem sie auch im Anhänger keine gefunden haben, sind sie wieder weggefahren. Wir wissen bis heute nicht, wie der Typ auf diese verrückte Geschichte kam.
Tijmen: Vor Potsdam wurden wir wegen einer Personenkontrolle angehalten. Die Polizisten wollten unsere Pässe sehen und wissen, ob wir Drogen konsumiert hatten. "Noch nicht", antwortete ich. Das war dumm. Denn natürlich wollten sie daraufhin wissen, ob wir Drogen dabei haben, und mein Gras sehen. Zum Glück hatte ich getrocknete Kratomblätter in der Tasche. Wir brühen damit Tee und die sehen ein bisschen aus wie Marihuana, also habe ich sie den Beamten hingehalten. Weil die Blätter einen anderen Geruch haben, habe ich sie glauben lassen, dass das "Gras" verdorben sei. "Das rauchst du besser nicht mehr", sagte einer der Polizisten, und wir konnten weiterfahren. Im Anhänger hatten wir richtiges Marihuana – und etwas Acid.

Ihren Anhänger haben Hector und Tijmen in der Tiefgarage des Hotels geparkt

Ihr wart fünf Wochen unterwegs. Wie haben die Leute reagiert, die ihr getroffen habt?
Tijmen: Wir mussten jedes Mal lachen, wenn Menschen mit offenen Mündern an uns vorbeigefahren sind! Wenn wir Leuten von unserem Plan erzählt haben, ist ihnen erst einmal die Kinnlade runtergeklappt, manche waren schockiert. Als wir auf dem Weg nach Magdeburg waren, hat uns ein Typ gefragt, ob wir Gras rauchen. Er fand das Projekt cool. Wir haben Ja gesagt, und er meinte, dass er zurückkommt und uns welches mitbringt. Wir sind weitergefahren, und etwas später hielt er wieder neben uns am Strassenrand: mit seinen Freunden, einem Joint und Gras für uns.

Habt ihr auch schlechte Erfahrungen gemacht?
Tijmen: Es gab diese eine Frau in der Nähe von Osnabrück, die sehr bevormundend war – ihre Tochter hatte auch eine Behinderung. Sie erklärte uns, wie unsere Rollstühle funktionieren und wie wir schneller fahren können. Als wir ihr sagten, dass wir unterwegs nach Berlin seien, hat sie einfach Nein gesagt. Sie hat darauf bestanden, einen Freund anzurufen, damit er uns in seinem Auto mitnimmt. Damit hätte sie unser Abenteuer ruiniert, wir hätten von vorne anfangen müssen. Ich musste ihr sagen, dass wir nach Berlin fahren, und dass sie uns bitte in Ruhe lassen soll. Das war das erste Mal, dass ich so deutlich werden musste.

Wie haben eure Rollstühle die vielen Kilometer überstanden?
Hector: Wir mussten sie drei oder vier Mal reparieren lassen. Unsere Gastgeber, bei denen wir übernachtet haben, haben uns geholfen. Manche von ihnen waren technisch sehr begabt und wussten am Ende richtig viel über unsere Rollstühle. Je weiter wir kamen, desto besser wurden wir selbst darin, kleinere Reparaturen vorzunehmen.
Tijmen: Als wir Richtung Osnabrück gefahren sind, waren wir sehr langsam unterwegs – viel langsamer als sonst. Mit dem Anhänger ist es immer anstrengend, aber so hart war es noch nie. Irgendwann hat uns eine Oma in ihrem Rollstuhl überholt, sie war bestimmt doppelt so schnell wie wir. Da wussten wir: "Irgendetwas stimmt hier nicht." Nach zehn Kilometern ist uns aufgefallen, dass wir die ganze Zeit die Bremsen eingestellt hatten.

Plant ihr noch mehr solcher Abenteuer?
Tijmen: In zwei Jahren wollen wir den Jakobsweg fahren bis nach nach Santiago de Compostela. Das wird hart, weil die Landschaft da viel hügeliger ist. Ich habe mir ausserdem vorgenommen, nächstes Jahr von Amsterdam nach Paris zu laufen. Sobald ich nach Hause komme, fange ich mit dem Lauftraining an und stelle den Rollstuhl so oft wie möglich in die Ecke.
Hector: Ich will unbedingt nach Australien. Und wenn wir das nächste Mal zusammen verreisen, müssen wir wahrscheinlich etwas besser planen.

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