Heimat

Homecoming: Lagos – Warum meine nigerianische Heimat ein echtes Paradies ist

Die Menschen sind liebevoll laut, die Strasen immer verstopft und jeden Samstag kannst du auf drei Hochzeiten tanzen. VICE-Redakteur Dipo Faloyin nimmt uns mit nach Hause.

von Dipo Faloyin
18 Februar 2019, 9:30am

Der Autor in seiner Heimatstadt Lagos in Nigeria | Alle Fotos: Chris Okoigun

Meine Identität ist schwer zu erklären. Ein Sinnbild dafür wandert in diesem Moment aus einer geschäftigen Küche in Westafrika auf einen Esstisch: ein Topf voll Jollof-Reis. In diesen afrikanischen Eintopf passt mein ganzes Leben. Die Zutaten haben meine Familie und unser Heimatland Nigeria beigesteuert: einen Hang zu Ritualen und zum Chaos, die Liebe zum Essen, zur Hitze und zu grossen Familienfesten, auf denen wir über Kleinigkeiten streiten.

Um all das besser zu verstehen, brauchst du Folgendes: zwei Dosen passierte Tomaten, eine grosse Zwiebel, eine rote Paprika, eine ordentliche Prise starke Überzeugungen, ein paar Chilis, das wachsame Auge meiner Mutter, drei Tassen Reis, zu viel Thymian und noch irgendwas, das ich immer vergesse.

Meine zweite Heimatstadt ist Lagos.

Lagos ist voll.

Die inoffizielle Hauptstadt von Nigeria könnte jederzeit platzen. Ich stelle mir vor, dass nach dem grossen Knall noch eine kleinere, weniger chaotische Metropole übrig wäre. Der Einwohnerzahl nach ist die Stadt London, New York und Uruguay in einem, und selbst dann bietet sie noch genug Platz für unzählige andere, die das Lagos-Chaos in all seiner Würze probieren wollen. Wenn ich einen Witz über Lagos erfinden müsste, finge er so an: "21 Millionen Menschen, für die 'Selbstzweifel' ein Fremdwort ist, gehen in eine Bar... "

Es gibt einfach so viele Menschen dort, und niemand von ihnen ist schüchtern.

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Die Stadt ist laut, aus allen Nähten quillt Freude. Der Sound von Lagos ist Ungeduld und forsche Annäherungen. Lagos bewegt sich, als wären Glaube und Gewissheit ein und dasselbe. Die Viertel werden zusammengehalten von vagen Träumen – Fantasie ist dynamischer als jede echte Bewegung. Hier basiert Fortschritt auf Absichten, nicht auf der Realität. Du hörst das durchgehende Gegröle der Autohupen, das dich an die Lieblingsbeschäftigung aller Nigerianer erinnert: Sie verkünden gern, dass sie da sind.

In Lagos ist das nachvollziehbar, in vieler Hinsicht ist es eine Stadt der Extreme. Alle fahren entweder zu schnell, um sich um Kleinigkeiten wie Sicherheit zu scheren, oder sie sitzen in Metalllawinen, die zäh durch die beiden Stadtkerne fliessen: das Festland und Lagos Island. Die Autos schleichen an reichen, kultivierten Vierteln vorbei, und durch Gegenden, in denen Menschen buchstäblich im Sumpf leben.


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Hier ist es eine Sünde, klein zu denken. Auch Pünktlichkeit ist nicht gern gesehen. Nach einer Weile in der Stadt fängt es an, Sinn zu ergeben: Wenn alle zu spät kommen, sind alle im Grunde wieder früh dran. Lagos verändert ohnehin viele deiner Gewohnheiten. Irgendwann fängst du an, immer so laut zu reden, als fände deine Unterhaltung in einer Menschenmenge statt. Ob du etwas erklärst, ob du betest oder feilschst. Ob du jemandem alles Gute wünschst oder ihn verfluchst: Du rufst eher, als dass du es sagst. Wenn du den Dialekt von Lagos sprichst, heisst dass auch, dass du empört tust, wenn jemand dich übervorteilen will. So sind nun mal die Spielregeln.

Wenn du Zeit in Lagos verbringst, wirst du auch feststellen, wie sehr alle es lieben zu tanzen.

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Lagos riecht nach frischem Obst und Diesel. An den Wochenenden bist du nie mehr als ein paar Hundert Meter von einem Strassenperformer entfernt, der die Menschen um Ruhe bittet, damit er sie übertönen kann. Seine grelle Kleidung scheint zu fragen: "Weisst du denn nicht, wer ich bin?" Antworte niemals auf diese Frage. Wenn du es gut planst, kannst du jeden Samstag auf drei Hochzeiten tanzen. Mit dem richtigen Timing hörst du dabei mindestens achtmal, wie der nigerianische Afropop-Star Davido singt, smooth und zugleich heiser: "If I tell you say I love, oh..."

In Lagos bedeutet ein Hoch 40 Grad Celsius. Ein Tief ist, wenn der Strom ausfällt. Wo man nur hinschaut stehen grosse Palmen, unter ihnen wandelt eine fast zu hundert Prozent Schwarze Bevölkerung. Jeden Tag sticht die Sonne durch den Grauschleier in der Luft, wird reflektiert von knallgelben Bussen und bleibt hängen an Menschen, die Studien zufolge zu den glücklichsten der Welt gehören.

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Schwer zu sagen, ob die Stadt ein Konzept ist oder ein Experiment. Aber eins ist sie sicher: Ehrfurcht gebietend. Kein Ego ist so gross, dass diese Metropole es nicht zurechtstutzen könnte. Irgendwas an Lagos zwingt dich, ein Teil der Stadt zu werden. Was auch immer du planst, was dir auch vorschwebt, Lagos stülpt sich darüber und formt es um.

Diese Eigenschaft lässt sich leicht romantisieren. Allerdings zermürbt sie dich auch. Die Gesetze der unbegreiflichen Physik, die hier alles am Laufen halten, sind nichts Poetisches. Sie haben sich so ergeben, weil niemand diese Gesetze bewusst erlassen hat. Aber weil mit Unbegreiflichem niemand arbeiten kann, regiert in Lagos vor allem Selbstbewusstsein. Eine angeborene, unerschütterliche Gewissheit, dass diese Stadt das Juwel Afrikas ist. Eine Überzeugung, die darauf beruht, dass es hier die grösste Pro-Kopf-Rate an guten Tänzerinnen und Tänzern gibt. Und nicht zuletzt auch auf dem Glauben, dass "God dey": Gott ist für mich da.

Unterm Strich kommt dabei trotzdem ein Gefühl des Ungleichgewichts heraus, ein Wanken. Die Stadt hat alles, was sie bräuchte, um die Hauptstadt der Welt zu sein. Aber Lagos hat keine Ahnung, was es werden will, wenn es erwachsen ist.

* * *

Als Erstes musst du den Mixer finden.

Bei diesem Schritt bietet mein Dad seine Hilfe an. Er ist ein ausgezeichneter Koch. Aber hat keine Ahnung, wo die Zutaten und Utensilien stehen. Unsere Familie bewahrt Dinge nach Gefühl auf, nicht nach Logik. Von Dad habe ich gelernt, nie etwas dorthin zurück zu stellen, wo ich es herhabe.

Er will also helfen, aber im Such-Stadium kann er noch nichts ausrichten. Trotzdem, lass ihn nicht aus der Küche, sonst ruht er sich aus, und das Ausruhen wird zum Nickerchen. Die beste Strategie, um ihn hier zu behalten: Frag die Eltern nach einem Vorfall, bei dem beide anwesend waren, aber an den sie sich unterschiedlich erinnern. In unserer Familie schreibt nicht der Sieger die Geschichte, sondern die Person, die zuerst den Mund aufmacht.

Mein Grossvater kam nach Lagos, um gegen die begrenzten Möglichkeiten in seinem Heimatstädtchen zu protestieren. Zu dem Zeitpunkt sollte es noch zehn Jahre dauern, bis die Briten – mit ihrem Empire und ihren vollgeschwitzten Anzügen – der Kolonie Nigeria erlaubten, sich selbst zu regieren. Doch als es so weit war, diente Lagos als Katalysator.

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Von meinem Grossvater habe ich meinen Namen und meine Liebe zu dicht besiedelten Gegenden und Lärm. Ich geniesse es, in einer wummernden Jukebox aus Erfahrungen zu stecken. Wenn ich mehr als zwei Tage am Stück in einer Kleinstadt oder einem Dorf verbringe, kommt mir das einfach nur verkehrt vor.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Weite eigentlich nichts als verschwendeter Platz ist. Das kommt nicht nur von der Entscheidung meiner Grosseltern, von der Kleinstadt in die Mega-City zu ziehen. Es liegt auch an meiner Mutter: Sie liebt Gesellschaft, sie will gefallen. Lagos ist die perfekte Heimat für sie. Wie auch die Stadt gibt meine Mutter eine ungebremste Energie ab, die dich vor die Wahl stellt: Komm damit klar oder bleib zu Hause.

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Tag und Nacht betreibt Mum die Schule direkt neben unserem Haus in Ikeja, einer relativ ruhigen Wohngegend auf dem Festland. Natürlich ist "Ruhe" in Lagos relativ. Jahrelang rissen mich jeden Morgen Dreijährige aus dem Schlaf, die niedlich-schief die Nationalhymne schrien. Wenn Mum ausnahmsweise nicht arbeitet, sucht sie die besten Angebote für Fleisch und Gemüse – ein Hobby, das ihrem neugierigen Sohn früher viele Gelegenheiten bot, einen der grossen Märkte von Lagos zu erkunden.

Während sie lächelte und in alle Richtungen "Wie geht's den Kindern?" fragte, spazierte ich davon und liess den ganzen Zirkus auf mich wirken. Wenn mir dabei Leute auffielen, die aussahen, als würden sie ein Geheimnis mit sich rumschleppen, dachte ich mir Hintergrundgeschichten für sie aus.

Meine Neugier hat ihre Nachteile: Meine schnellste Geschwindigkeit ist ein langsames Schlendern. Wenn ich dagegen langsam unterwegs bin, stehe ich schon kurz davor, rückwärts zu laufen, wie meine Schwester mal anmerkte. Dazu hasse ich es zu feilschen – ich bin also die perfekte Zielperson für jeden Marktschreier, jede Verkäuferin. "Sie hauen dich übers Ohr", sagt meine Mutter immer wieder und schaut dabei so, wie Eltern schauen, wenn sie sich Sorgen machen, dass ihr Kind es nie schnallen wird. "Ich weiss", sage ich und meide ihren Blick, während ich wie hypnotisiert den vierfachen Preis für eine Mango bezahle.

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Mein Dad fühlt sich extrem wohl in seiner Haut. Er hat einen grossen Lebensdurst. Dass er heutzutage eher auf Nickerchen als Bewegung steht, ist ein Ausgleich für ein Leben beim Militär. Am energiegeladensten ist er sonntagnachmittags nach dem Gottesdienst, wenn selbst die Sonne schon von der langen Woche erschöpft wirkt. Dann lädt Dad manchmal zu einer Spazierfahrt ein, einfach nur um die Stadt zu kosten, ohne von ihr verschlungen zu werden. Das kann in Lagos nämlich schnell passieren. Wenn nicht im Auto, spaziert er zu Fuss an den hohen Mauern vorbei, die Lagos in wirtschaftliche Schicksale einteilt.

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Früher, wenn ich am Freitagabend bei jemandem eingeladen war, ging ich – noch in meiner Schuluniform – los, um Suya zu kaufen, kleine Streifen Grillfleisch, die gleichzeitig turbulent würzig und herrlich süss schmecken. Die Streifen werden am Strassenrand geschnitten, mit Zwiebeln und einer dicken Portion des nordnigerianischen Hausa-Dialekts garniert und dann in Zeitungspapier serviert.

Suya küsst jeden Aspekt des Lebens in Lagos mit seiner Würze, weil es günstig und übertrieben lecker ist. Das Gericht hat schon Staus aufgelöst – und Hochzeitsgesellschaften aus Tausenden Menschen. Suya gibt es auf Kindergeburtstagen ebenso wie in schicken Hotels auf Lagos Island, die damit authentisch wirken wollen. Mich haben Heimweh und Suya schon spätnachts in entlegene Winkel Südlondons getrieben.

Ein Tanz aus Plötzlichkeit und Stille – so könnte man Suya beschreiben, aber auch unser Viertel, Ikeja. Manchmal ist es pikant und aufgewühlt, manchmal sanft und süss. Die Strassen, die sich durch Ikeja schlängeln, waren ruhig genug, dass ich dort Autofahren lernen konnte, aber ohne Leitplanke an ihnen entlanglaufen wäre ein Spiel, das du irgendwann verlierst.

Öffne die Fenster, damit die warme Luft die Musik von Fela Kuti aus der Stereoanlage des Nachbarn reintragen kann. Halbiere Gemüse und püriere es zusammen so lange im Mixer, bis eine geschmeidige Masse entsteht.

Mein Neffe kann mir bei diesem Schritt helfen. Er ist zehn Jahre alt und hat noch alle Finger an seinen Händen. Meine Nichten sind sechs und fünf, deswegen dürfen sie nur dann mit scharfen Gegenständen hantieren, wenn meine Schwestern in einem anderen Zimmer sind – oder gerade dann. Für mich eine gute Gelegenheit, meine Schwestern zum Schwitzen zu bringen. Aus Rache für irgendwelche Ungerechtigkeiten aus unserer Vergangenheit. In Nigeria wissen wir, wie schlimm es sein kann, deinen Groll zu unterdrücken. Die Masse gibst du anschliessend zusammen mit ordentlich Öl in eine tiefe Pfanne. Und bei den Gewürzen setzt du einfach darauf, was du magst. Kochen ist sowieso eine mehr kulturelle als kulinarische Angelegenheit.

* * *

Mein Grossonkel wirkte traurig, als er sachte durch die abgegriffenen Seiten des Fotoalbums blätterte, das bewies, dass er nicht mehr jung war. Für ihn war das Alter sein Todfeind, der Betrüger, der ihn dazu verleitet hatte, die 70er Jahre hinter sich zu lassen.

"Hab ich in dem Dreiteiler nicht richtig was hergemacht?", sagte er. Mehr eine Feststellung als eine Frage. Nur der dicke, weisse Schleier in seinen Augen hielt ihn davon ab, zu lange bei einem Bild zu verweilen. Seine dünnen Finger wanderten auf der Seite nach unten, während der weiträumige Flur im obersten Stockwerk seines Zuhauses in Yaba – dem wohl geschäftigsten Stadtteil von Lagos – vom Sonnenlicht durchflutet wurde. Draussen schienen sich das wütende Gebell des Wachhundes und das ewige Wummern der Stromgeneratoren einen Wettstreit darüber zu liefern, wer lauter ist.

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Das Haus meines Grossonkels, in dem meine Mutter aufwuchs
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Hätte ich gewusst, dass wir uns nicht mehr wiedersehen, hätte ich vielleicht etwas Tiefgründiges über Raum, Zeit und Ewigkeit gesagt. Und über all das, was er und meine Grosstante erreicht hatten. Möglicherweise hätte ich auch erwähnt, wie gerne ich sie als Kind besucht habe. Ich hätte ihm erzählt, wie aufregend der Besuch in Yaba auch heute noch ist; wie viel Spass es mir immer noch macht, durch die unglaublich engen Strassen mit den bunten Blockpartys zu fahren, vorbei am Kreisverkehr mit dem Kino, auf das die Erwachsenen immer gezeigt haben, bis hin zu seinem Zuhause.

Das Zuhause, in dem er schon seit 50 Jahren wohnte und in dem meine Mutter aufgewachsen war – nur ein paar Häuser entfernt von meinem Vater. Vielleicht hätten wir darüber geredet, wie sehr wir beide den Beginn von etwas Neuem lieben und wie gut das zu einer Stadt wie Lagos passt. Ich hoffe, er hätte mir etwas bestätigt, von dem ich bis heute überzeugt bin: dass in seinen besten Tagen jeder in Yaba den Weg zu Dr. Odeindes, also zu ihm, erklären konnte.

Ich bin mir sicher, dass sich der dürre Körper meines Grossonkels vor Lachen aufgebäumt hätte und er stolz dagesessen wäre, wenn ich ihn darum gebeten hätte, die Erzählungen meiner Mutter abzunicken: In der sozialen Hierarchie Yabas stand ihre Familie ganz oben. Und in einem Akt der Grosszügigkeit durfte mein Vater zu ihnen aufsteigen. Ich hätte meinen Grossonkel gefragt, ob sein Haus in ein Museum über sein Leben verwandelt werden soll. Und er hätte Ja gesagt.

Aber natürlich hatte ich keine Ahnung. Ich lächelte meinen Grossonkel nur an und sagte: "Du siehst immer noch super aus." Dann fragte ich ihn, ob ich den Reis mit Hühnchen auf einem Teller anrichten solle, den meine Mutter mir mitgegeben hat. "Ja, bitte", antwortete er.

Wenige Minuten später trat ich wieder raus in die trockene Hitze von Yaba, überquerte eine breite Strasse und fuhr an dem Àmàlà-Imbiss vorbei, der laut den Locals nicht mehr gut ist, seitdem man dort auch mit Karte zahlen kann. Gegenüber dem Kino am Kreisverkehr fragte ich mich, ob mir ein Dreiteiler auch so gut stehen würde.

* * *

Nach gut 15 Minuten gibst du den Reis dazu und deckst alles ab. Der Reis ist durch, wenn er durch ist. Du kannst ihn absenken und das hellrote Elixier aufsaugen lassen. Alles, was du jetzt noch zu tun hast, ist zurücklehnen und auf die grösste sozioökonomische Bevölkerungsgruppe von Lagos zu warten: Tanten. Sie leiten grosse Unternehmen, halten die gesellschaftliche Ordnung aufrecht und kümmern sich um deine Angelegenheiten. Sobald sie da sind, werden sie dich komplett vereinnahmen. Nicke einfach höflich und sei so umgänglich wie möglich, ohne dich direkt auf ein genaues Datum für deine Hochzeit festzulegen.

Nur wenige Menschen sind wirklich davon überzeugt, dass es Lagos guttun würde, einen auf supermodern zu machen. Oder Angst davor zu haben, in Vergessenheit zu geraten. Riesenstädten liegt ja häufig viel daran, das nächste grosse Ding zu sein und so in deine Insta-Storys einzufallen. In Lagos ist ein solcher Drang nicht zu spüren. Dort setzt man auf den gängigen Wirtschaftsmotor: Optimismus. Man hofft, dass keine andere afrikanische Stadt Lagos in Sachen Grösse und Individualität jemals übertreffen wird. Dennoch hat die städtische Hauptinsel Lagos Island schon immer durchblicken lassen, wie die Zukunft der Stadt im besten Falle aussehen könnte.

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Drei grosse Betonbrücken verbinden das Festland mit der Inselgruppe, die im Allgemeinen nur "The Island" genannt wird. Es reihen sich grossflächige Plätze an Wolkenkratzer und hochgebaute Villen mit unechtem Goldanstrich. Hier ist nämlich schon der Anschein von Reichtum und Status mehr wert als echtes Geld.

In den Stadtteilen Ikoyi, Victoria Island und Lekki haben sich florierende Kunst- und Partyszenen hervorgetan. Darin tummelt sich eine neue Welle kreativer Menschen. Menschen, die nicht mehr nur amerikanische Künstler und Künstlerinnen nachmachen wollen, sondern jetzt ganz stolz auch Dinge mit den typischen Eigenheiten und Akzenten von hier produzieren. Inzwischen findest du auf den Inseln eine ganze Reihe an Kunstgalerien, Clubs und überteuerten Smoothies mit lokalen Gewürzen, die garantiert nie für zermahlene Früchte gedacht waren. Jetzt kannst du dich mit handgemachten Donuts eindecken und zusammen mit deinen Freunden per Speed-Boot zu einem der vielen Partystrände entlang der Atlantikküste bringen lassen.

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Letztendlich kann Lagos aber erst von sich behaupten, es wirklich geschafft zu haben, wenn der Grossteil der Metropole ein Stück von diesem Erfolgskuchen abhaben kann. Wenn Tausende Menschen nicht mehr in Stelzenhäusern in einer Lagune leben müssen. Bis dahin wird die Identität von Lagos weiter ein spitzer, unförmiger Scherbenhaufen bleiben. Wenn man diese 21 Millionen individuellen Scherben jedoch zu einem stimmigen Ganzen zusammenlegt, dann zeigt sich Lagos vor allem als eins: aussergewöhnlich vollkommen.

* * *

Serviere den Jollof-Reis am besten mit Kochbananen.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE UK.